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Goethe Johann Wolfgang von
Aus meinem Leben.
Dichtung und Wahrheit.
Vierter Teil, Siebzehntes Buch
Wenn ich die Geschichte meines Verhältnisses zu Lili wieder aufnehme,
so hab' ich mich zu erinnern, daß ich die angenehmsten Stunden teils
in Gegenwart ihrer Mutter, teils allein mit ihr zubrachte. Man traute
mir aus meinen Schriften Kenntnis des menschlichen Herzens, wie man es
damals nannte, zu, und in diesem Sinne waren unsre Gespräche sittlich
interessant auf jede Weise.
Wie wollte man sich aber von dem Innern unterhalten, ohne sich gegenseitig
aufzuschließen? Es währte daher nicht lange, daß sie
mir in ruhiger Stunde die Geschichte ihrer Jugend erzählte. Sie war
im Genuß aller geselligen Vorteile und Weltvergnügungen aufgewachsen.
Sie schilderte mir ihre Brüder, ihre Verwandten, sowie die nächsten
Zustände; nur ihre Mutter blieb in einem ehrwürdigen Dunkel.
Auch kleiner Schwächen wurde gedacht, und so konnte sie nicht leugnen,
daß sie eine gewisse Gabe anzuziehen an sich habe bemerken müssen,
womit zugleich eine gewisse Eigenschaft fahren zu lassen verbunden sei.
Hiedurch gelangten wir im Hin- und Widerreden auf den bedenklichen Punkt,
daß sie diese Gabe auch an mir geübt habe, jedoch bestraft
worden sei, indem sie auch von mir angezogen worden.
Diese Geständnisse gingen aus einer so reinen kindhaften Natur hervor,
daß sie mich dadurch aufs allerstrengste sich zu eigen machte.
Ein wechselseitiges Bedürfnis, eine Gewohnheit sich zu sehen, trat
nun ein; wie hätt' ich aber manchen Tag, manchen Abend bis in die
Nacht hinein entbehren müssen, wenn ich mich nicht hätte entschließen
können, sie in ihren Zirkeln zu sehen!
Mein Verhältnis zu ihr war von Person zu Person, zu einer schönen,
liebenswürdigen, gebildeten Tochter; es glich meinen früheren
Verhältnissen, und war noch höherer Art. An die Äußerlichkeiten
jedoch, an das Mischen und Wiedermischen eines geselligen Zustandes hatte
ich nicht gedacht. Ein unbezwingliches Verlangen war eingetreten; ich
konnte nicht ohne sie, sie nicht ohne mich sein; aber in den Umgebungen
und bei den Einwirkungen einzelner Glieder ihres Kreises, was ergaben
sich da oft für Mißtage und Fehlstunden!
Die Geschichte von Lustpartien, die zur Unlust ausliefen; ein retardierender
Bruder, mit dem ich nachfahren sollte, welcher seine Geschäfte erst
mit der größten Gelassenheit, ich weiß nicht ob mit Schadenfreude,
langsamst vollendete und dadurch die ganze wohldurchdachte Verabredung
verdarb, auch sonstiges Antreffen und Verfehlen, Ungeduld und Entbehrung,
alle diese Peinen, die in irgend einem Roman, umständlicher mitgeteilt,
gewiß teilnehmende Leser finden würden, muß ich hier
beseitigen. Um aber doch diese betrachtende Darstellung einer lebendigen
Anschauung, einem jugendlichen Mitgefühl anzunähern, mögen
einige Lieder, zwar bekannt, aber vielleicht besonders hier eindrücklich,
eingeschaltet stehen.
Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr.
Weg ist alles, was du liebtest,
Weg warum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh -
Ach wie kamst du nur dazu?
Fesselt dich die Jugendblüte,
Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu und Güte
Mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch mich ihr entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen,
Führet mich im Augenblick
Ach mein Weg zu ihr zurück.
Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen läßt,
Hält das liebe lose Mädchen
Mich so wider Willen fest;
Muß in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise.
Die Verändrung ach wie groß!
Liebe! Liebe! laß mich los!
______
Warum ziehst du mich unwiderstehlich
Ach in jene Pracht?
War ich guter Junge nicht so selig
In der öden Nacht!
Heimlich in mein Zimmerchen verschlossen
Lag im Mondenschein,
Ganz von seinem Schauerlicht umflossen,
Und ich dämmert' ein.
Träumte da von vollen goldnen Stunden
Ungemischter Lust,
Hatte schon das liebe Kind empfunden
Tief in meiner Brust.
Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern
An dem Spieltisch hältst?
Oft so unerträglichen Gesichtern
Gegenüber stellst?
Reizender ist mir des Frühlings Blüte
Nun nicht auf der Flur;
Wo du, Engel, bist, ist Lieb und Güte,
Wo du bist, Natur.
Hat man sich diese Lieder aufmerksam vorgelesen, lieber noch mit Gefühl
vorgesungen, so wird ein Hauch jener Fülle glücklicher Stunden
gewiß vorüber wehen.
Doch wollen wir aus jener größeren, glänzenden Gesellschaft
nicht eilig abscheiden, ohne vorher noch einige Bemerkungen hinzuzufügen;
besonders den Schluß des zweiten Gedichtes zu erläutern.
Diejenige, die ich nur im einfachen, selten gewechselten Hauskleide zu
sehen gewohnt war, trat mir im eleganten Modeputz nun glänzend entgegen,
und doch war es ganz dieselbe. Ihre Anmut, ihre Freundlichkeit blieb sich
gleich, nur möcht' ich sagen, ihre Anziehungsgabe tat sich mehr hervor;
es sei nun, weil sie hier gegen viele Menschen stand, daß sie sich
lebhafter zu äußern, sich von mehreren Seiten, je nachdem ihr
dieser oder jener entgegen kam, zu vermannigfaltigen Ursache fand; genug,
ich konnte mir nicht leugnen, daß diese Fremden mir zwar einerseits
unbequem fielen, daß ich aber doch um vieles der Freude nicht entbehrt
hätte, ihre geselligen Tugenden kennen zu lernen und einzusehen,
sie sei auch weiteren und allgemeineren Zuständen gewachsen.
War es doch derselbige nun durch Putz verhüllte Busen, der sein Innres
mir geöffnet hatte und in den ich so klar wie in den meinigen hineinsah;
waren es doch dieselben Lippen, die mir so früh den Zustand schilderten,
in dem sie herangewachsen, in dem sie ihre Jahre verbracht hatte. Jeder
wechselseitige Blick, jedes begleitende Lächeln sprach ein verborgnes
edles Verständnis aus, und ich staunte selbst hier in der Menge über
die geheime unschuldige Verabredung, die sich auf das menschlichste, auf
das natürlichste gefunden hatte.
Doch sollte bei eintretendem Frühling eine anständige ländliche
Freiheit dergleichen Verhältnisse enger knüpfen. Offenbach am
Main zeigte schon damals bedeutende Anfänge einer Stadt, die sich
in der Folge zu bilden versprach. Schöne, für die damalige Zeit
prächtige Gebäude hatten sich schon hervorgetan; Onkel Bernard,
wie ich ihn gleich mit seinem Familientitel nennen will, bewohnte das
größte; weitläufige Fabrikgebäude schlossen sich
an; d'Orville, ein jüngerer lebhafter Mann von liebenswürdigen
Eigenheiten, wohnte gegenüber. Anstoßende Gärten, Terrassen,
bis an den Main reichend, überall freien Ausgang nach der holden
Umgegend erlaubend, setzten den Eintretenden und Verweilenden in ein stattliches
Behagen. Der Liebende konnte für seine Gefühle keinen erwünschtern
Raum finden.
Ich wohnte bei Johann André, und indem ich diesen Mann, der sich
nachher genugsam bekannt gemacht, hier zu nennen habe, muß ich mir
eine kleine Abschweifung erlauben, um von dem damaligen Opernwesen einigen
Begriff zu geben.
In Frankfurt dirigierte zu der Zeit Marchand das Theater und suchte durch
seine eigne Person das mögliche zu leisten. Es war ein schöner,
groß- und wohlgestalteter Mann in den besten Jahren; das Behagliche,
Weichliche erschien bei ihm vorwaltend; seine Gegenwart auf dem Theater
war daher angenehm genug. Er mochte so viel Stimme haben, als man damals
zu Ausführung musikalischer Werke wohl allenfalls bedurfte, deshalb
er denn die kleineren und größern französischen Opern
herüber zu bequemen bemüht war.
Der Vater in der Grétryschen Oper "Die Schöne bei dem
Ungeheuer" gelang ihm besonders wohl, wo er sich in der hinter dem
Flor veranstalteten Vision gar ausdrücklich zu gebärden wußte.
Diese in ihrer Art wohlgelungene Oper näherte sich jedoch dem edlen
Stil, und war geeignet, die zartesten Gefühle zu erregen. Dagegen
hatte sich ein realistischer Dämon des Operntheaters bemächtigt;
Zustands - und Handwerksopern taten sich hervor. "Die Jäger
", "Der Faßbinder", und ich weiß nicht was
alles, waren vorausgegangen, André wählte sich den "Töpfer".
Er hatte sich das Gedicht selbst geschrieben, und in den Text, der ihm
angehörte, sein ganzes musikalisches Talent verwendet.
Ich war bei ihm einquartiert, und will von diesem allzeit fertigen Dichter
und Komponisten nur so viel sagen, als hier gefordert wird.
Er war ein Mann von angeborenem lebhaften Talente, eigentlich als Techniker
und Fabrikant in Offenbach ansässig; er schwebte zwischen dem Kapellmeister
und Dilettanten; in Hoffnung, jenes Verdienst zu erreichen, bemühte
er sich ernstlich, in der Musik gründlichen Fuß zu fassen.
Als letzterer war er geneigt, seine Kompositionen ins Unendliche zu wiederholen.
Unter die Personen, welche damals den Kreis zu füllen und zu beleben
sich höchst tätig erwiesen, ist der Pfarrer Ewald zu nennen,
der, geistreich heiter in Gesellschaft, die Studien seiner Pflichten,
seines Standes im stillen für sich durchzuführen wußte,
wie er denn auch in der Folge innerhalb des theologischen Feldes sich
ehrenvoll bekannt gemacht; er muß in dem damaligen Kreise als unentbehrlich,
auffassend und erwidernd, mitgedacht werden.
Lilis Pianospiel fesselte unsern guten André vollkommen an unsre
Gesellschaft; als unterrichtend, meisternd, ausführend, waren wenige
Stunden des Tags und der Nacht, wo er nicht in das Familienwesen, in die
gesellige Tagesreihe mit eingriff.
Bürgers "Lenore", damals ganz frisch bekannt und mit Enthusiasmus
von den Deutschen aufgenommen, war von ihm komponiert; er trug sie gern
und wiederholt vor.
Auch ich, der viel und lebhaft rezitierend vortrug, war sie zu deklamieren
bereit; man langweilte sich damals noch nicht an wiederholtem Einerlei.
War der Gesellschaft die Wahl gelassen, welchen von uns beiden sie hören
wolle, so fiel die Entscheidung oft zu meinen Gunsten.
Dieses alles aber, wie es auch sei, diente den Liebenden nur zur Verlängerung
des Zusammenseins; sie wissen kein Ende zu finden, und der gute Johann
André war durch wechselsweise Verführung der beiden gar leicht
in ununterbrochene Bewegung zu setzen, um bis Nachmitternacht seine Musik
wiederholend zu verlängern. Die beiden Lieben den versicherten sich
dadurch einer werten unentbehrlichen Gegenwart.
Trat man am Morgen in aller Frühe aus dem Hause, so fand man sich
in der freisten Luft, aber nicht eigentlich auf dem Lande. Ansehnliche
Gebäude, die zu jener Zeit einer Stadt Ehre gemacht hätten,
Gärten, parterreartig übersehbar, mit flachen Blumenund sonstigen
Prunkbeeten, freie Übersicht über den Fluß bis ans jenseitige
Ufer, oft schon früh eine tätige Schiffahrt von Flößen
und gelenkten Marktschiffen und Kähnen, eine sanft hingleitende lebendige
Welt, mit liebevollen zarten Empfindungen im Einklang. Selbst das einsame
Vorüberwogen und Schilfgeflüster eines leise bewegten Stromes
ward höchst erquicklich und verfehlte nicht, einen entschieden-beruhigenden
Zauber über den Herantretenden zu verbreiten. Ein heiterer Himmel
der schönsten Jahrszeit überwölbte das Ganze, und wie angenehm
mußte sich eine traute Gesellschaft, von solchen Szenen umgeben,
morgendlich wiederfinden.
Sollte jedoch einem ernsten Leser eine solche Lebensweise gar zu lose,
zu leichtfertig erscheinen, so möge er bedenken, daß zwischen
dasjenige, was hier, des Vortrags halben, wie im Zusammenhange geschildert
ist, sich Tage und Wochen des Entbehrens, andere Bestimmungen und Tätigkeiten,
sogar unerträgliche Langeweile widerwärtig einstellten.
Männer und Frauen waren in ihrem Pflichtkreise eifrig beschäftigt.
Auch ich versäumte nicht, in Betracht der Gegenwart und Zukunft,
das mir Obliegende zu besorgen, und fand noch Zeit genug, dasjenige zu
vollbringen, wohin mich Talent und Leidenschaft unwiderstehlich hindrängten.
Die frühsten Morgenstunden war ich der Dichtkunst schuldig, der wachsende
Tag gehörte den weltlichen Geschäften, die auf eine ganz eigene
Art behandelt wurden. Mein Vater, ein gründlicher, ja eleganter Jurist,
führte seine Geschäfte selbst, die ihm sowohl die Verwaltung
seines Vermögens als die Verbindung mit wertgeschätzten Freunden
auferlegte, und ob ihm gleich sein Charakter als kaiserlicher Rat zu praktizieren
nicht erlaubte, so war er doch manchen Vertrauten als Rechtsfreund zur
Hand, indem die ausgefertigten Schriften von einem ordinierten Advokaten
unterzeichnet wurden, dem denn jede solche Signatur ein Billiges einbrachte.
Diese seine Tätigkeit war nur lebhafter geworden durch mein Herantreten,
und ich konnte gar wohl bemerken, daß er mein Talent höher
schätzte als meine Praxis und deswegen alles tat, um mir Zeit genug
zu meinen poetischen Studien und Arbeiten zu lassen. Gründlich und
tüchtig, aber von langsamer Konzeption und Ausführung, studierte
er die Akten als geheimer Referendar, und wenn wir zusammentraten, legte
er mir die Sache vor, und die Ausfertigung ward von mir mit solcher Leichtigkeit
vollbracht, daß es ihm zur höchsten Vaterfreude gedieh, und
er auch wohl einmal auszusprechen nicht unterließ: wenn ich ihm
fremd wäre, er würde mich beneiden.
Diese Angelegenheiten noch mehr zu erleichtern, hatte sich ein Schreiber
zu uns gesellt, dessen Charakter und Wesen, wohl durchgeführt, leicht
einen Roman fördern und schmücken könnte. Nach wohlgenutzten
Schuljahren, worin er des Lateins völlig mächtig geworden, auch
sonstige gute Kenntnisse erlangt hatte, unterbrach ein allzu leichtfertiges
akademisches Leben den übrigen Gang seiner Tage; er schleppte sich
eine Weile mit siechem Körper in Dürftigkeit hin, und kam erst
später in bessere Umstände durch Hülfe einer sehr schönen
Handschrift und Rechnungsfertigkeit. Von einigen Advokaten unterhalten,
ward er nach und nach mit den Förmlichkeiten des Rechtsganges genau
bekannt, und erwarb sich alle, denen er diente, durch Rechtlichkeit und
Pünktlichkeit zu Gönnern. Auch unserm Hause hatte er sich verpflichtet
und war in allen Rechts- und Rechnungssachen bei der Hand.
Dieser hielt nun von seiner Seite unser sich immer mehr ausdehnendes Geschäft,
das sich sowohl auf Rechtsangelegenheiten, als auf mancherlei Aufträge,
Bestellungen und Speditionen bezog, zusammen. Auf dem Rathause wußte
er alle Wege und Schliche, in den beiden burgemeisterlichen Audienzen
war er auf seine Weise gelitten, und da er manchen neuen Ratsherrn, worunter
einige gar bald zu Schöffen herangestiegen waren, von seinem ersten
Eintritt ins Amt her in seinem noch unsichern Benehmen gar wohl kannte,
so hatte er sich ein gewisses Vertrauen erworben, das man gar wohl eine
Art von Einfluß nennen konnte. Das alles wußte er zum Nutzen
seiner Gönner zu verwenden, und da ihn seine Gesundheit nötigte,
seine Tätigkeit mit Maß zu üben, so fand man ihn immer
bereit, jeden Auftrag, jede Bestellung sorgfältig auszurichten.
Seine Gegenwart war nicht unangenehm, von Körper schlank und regelmäßiger
Gesichtsbildung; sein Betragen nicht zudringlich, aber doch mit einem
Ausdruck von Sicherheit seiner Überzeugung, was zu tun sei, auch
wohl heiter und gewandt bei wegzuräumenden Hindernissen. Er mochte
stark in den Vierzigern sein, und es reut mich noch (ich darf das Obengesagte
wiederholen), daß ich ihn nicht als Triebrad in den Mechanismus
irgend einer Novelle mit eingefügt habe.
In Hoffnung, meine ernsten Leser durch das Vorgetragene einigermaßen
befriedigt zu haben, darf ich mich wohl wieder zu denen glänzenden
Tagespunkten hinwenden, wo Freundschaft und Liebe sich in ihrem schönsten
Lichte zeigten.
Daß Geburtstage sorgfältig, froh und mit mancher Abwechselung
gefeiert wurden, liegt in der Natur solcher Verbindungen; dem Geburtstage
des Pfarrers Ewald zu Gunsten ward das Lied gedichtet:
In allen guten Stunden,
Erhöht von Lieb und Wein,
Soll dieses Lied verbunden
Von uns gesungen sein!
Uns hält der Gott zusammen,
Der uns hierher gebracht,
Erneuert unsre Flammen,
Er hat sie angefacht.
Da dies Lied sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat und nicht leicht
eine muntere Gesellschaft beim Gastmahl sich versammelt, ohne daß
es freudig wieder aufgefrischt werde, so empfehlen wir es auch unsern
Nachkommen und wünschen allen, die es aussprechen und singen, gleiche
Lust und Behagen von innen heraus, wie wir damals ohne irgend einer weitern
Welt zu gedenken, uns im beschränkten Kreise zu einer Welt ausgedehnt
empfanden.
Nun aber wird man erwarten, daß Lilis Geburtstag, welcher den 23.
Juni 1775 sich zum siebenzehnten Mal wiederholte, besonders sollte gefeiert
werden. Sie hatte versprochen, am Mittag nach Offenbach zu kommen, und
ich muß gestehen, daß die Freunde mit glücklicher Übereinkunft
von diesem Feste alle herkömmlichen Verzierungsphrasen ablehnt und
sich nur allein mit Herzlichkeiten, die ihrer würdig wären,
zu Empfang und Unterhaltung vorbereitet hatten.
Mit solchen angenehmen Pflichten beschäftigt, sah ich die Sonne untergehen,
die einen folgenden heitern Tag verkündigte und unserm Fest ihre
frohe glänzende Gegenwart versprach, als Lilis Bruder George, der
sich nicht verstellen konnte, ziemlich ungebärdig ins Zimmer trat,
und ohne Schonung zu erkennen gab, daß unser morgendes Fest gestört
sei; er wisse selbst weder wie noch wodurch, aber die Schwester lasse
sagen, daß es ihr völlig unmöglich sei, morgen mittag
nach Offenbach zu kommen und an dem ihr zugedachten Feste teilzunehmen;
erst gegen Abend hoffe sie ihre Ankunft bewirken zu können. Nun fühle
und wisse sie recht gut, wie unangenehm es mir und unsern Freunden fallen
müsse, bitte mich aber so herzlich dringend als sie könne, etwas
zu erfinden, wodurch das Unangenehme dieser Nachricht, die sie mir überlasse
hinaus zu melden, gemildert ja versöhnt werde; sie wolle mir's zum
allerbesten danken.
Ich schwieg einen Augenblick, hatte mich auch sogleich gefaßt und
wie durch himmlische Eingebung gefunden, was zu tun war. "Eile",
rief ich, "George! sag ihr, sie solle sich ganz beruhigen, möglich
machen, daß sie gegen Abend komme, ich verspräche: gerade dieses
Unheil solle zum Fest werden." Der Knabe war neugierig und wünschte
zu wissen wie? dies wurde ihm standhaft verweigert, ob er gleich alle
Künste und Gewalt zu Hülfe rief, die ein Bruder unserer Geliebten
auszuüben sich anmaßt.
Kaum war er weg, so ging ich mit sonderbarer Selbstgefälligkeit in
meiner Stube auf und ab, und mit dem frohen, freien Gefühl, daß
hier Gelegenheit sei, mich als ihren Diener auf eine glänzende Weise
zu zeigen, heftete ich mehrere Bogen mit schöner Seide, wie es dem
Gelegenheitsgedicht ziemt, zusammen und eilte den Titel zu schreiben:
"Sie kommt nicht!
ein jammervolles Familienstück, welches, geklagt sei es Gott, den
23. Juni 1775 in Offenbach am Main auf das allernatürlichste wird
aufgeführt werden. Die Handlung dauert vom Morgen bis auf'n Abend."
Da von diesem Scherze weder Konzept noch Abschrift vorhanden, habe ich
mich oft darnach erkundigt, aber nie etwas davon wieder erfahren können;
ich muß daher es wieder aufs neue zusammendichten, welches im allgemeinen
nicht schwer fällt.
Der Schauplatz ist d'Orvilles Haus und Garten in Offenbach; die Handlung
eröffnet sich durch die Domestiken, wobei jedes genau seine Rolle
spielt und die Anstalten zum Fest vollkommen deutlich werden. Die Kinder
mischen sich drein, nach dem Leben gebildet, dann der Herr, die Frau mit
eigentümlichen Tätigkeiten und Einwirkungen; dann kommt, indem
alles sich in einer gewissen hastigen Geschäftigkeit durcheinander
treibt, der unermüdliche Nachbar Komponist Hans André; er
setzt sich an den Flügel und ruft alles zusammen, sein eben fertig
gewordenes Festlied anzuhören und durchzuprobieren. Das ganze Haus
zieht er heran, aber alles macht sich wieder fort, dringenden Geschäften
nachzugehen, eins wird vom andern abgerufen, eins bedarf des andern, und
die Dazwischenkunft des Gärtners macht aufmerksam auf die Garten-
und Wasserszenen; Kränze, Bandrollen mit Inschriften zierlichster
Art, nichts ist vergessen.
Als man sich nun eben um die erfreulichsten Gegenstände versammelt,
tritt ein Bote herein, der, als eine Art von lustigem Hin- und Widerträger,
berechtigt war, auch eine Charakterrolle mitzuspielen, und der durch manches
allzugute Trinkgeld wohl ungefähr merken konnte, was für Verhältnisse
obwalteten; er tut sich auf sein Paket etwas zugute, hofft ein Glas Wein
und Semmelbrot, und übergibt nun, nach einigem schalkhaftem Weigern,
die Depesche. Dem Hausherrn sinken die Arme, die Papiere fallen zu Boden,
er ruft: "Laßt mich zum Tisch! laßt mich zur Kommode,
damit ich nur streichen kann."
Das geistreiche Zusammensein lebelustiger Menschen zeichnet sich vor allem
aus durch eine Sprach- und Gebärdensymbolik. Es entsteht eine Art
Gauneridiom, welches, indem es die Eingeweihten höchst glücklich
macht, den Fremden unbemerkt bleibt, oder, bemerkt, verdrießlich
wird.
Es gehörte zu Lilis anmutigsten Eigenheiten eine, die hier durch
Wort und Gebärde als Streichen ausgedrückt ist, und welche stattfand,
wenn etwas Anstößiges gesagt oder gesprochen wurde, besonders
indem man bei Tische saß, oder in der Nähe von einer Fläche
sich befand.
Es hatte dieses seinen Ursprung von einer unendlich lieblichen Unart,
die sie einmal begangen, als ein Fremder, bei Tafel neben ihr sitzend,
etwas Unziemliches vorbrachte. Ohne das holde Gesicht zu verändern,
strich sie mit ihrer rechten Hand gar lieblich über das Tischtuch
weg, und schob alles, was sie mit dieser sanften Bewegung erreichte, gelassen
auf den Boden. Ich weiß nicht was alles, Messer, Gabel, Brot, Salzfaß,
auch etwas zum Gebrauch ihres Nachbars gehörig; es war jedermann
erschreckt, die Bedienten liefen zu, niemand wußte was das heißen
sollte, als die Umsichtigen, die sich erfreuten, daß sie eine Unschicklichkeit
auf eine so zierliche Weise erwidert und ausgelöscht.
Hier war nun also ein Symbol gefunden, für das Ablehnen eines Widerwärtigen,
was doch manchmal in tüchtiger, braver, schätzenswerter, wohlgesinnter,
aber nicht durch und durch gebildeter Gesellschaft vorzukommen pflegt.
Die Bewegung mit der rechten Hand als ablehnend erlaubten wir uns alle,
das wirkliche Streichen der Gegenstände hatte sie selbst in der Folge
sich nur mäßig und mit Geschmack erlaubt.
Wenn der Dichter nun also dem Hausherrn diese Begierde zu streichen, eine
uns zur Natur gewordene Gewohnheit, als Mimik aufgibt; so sieht man das
Bedeutende, das Effektvolle; denn indem er alles von allen Flächen
herunter zu streichen droht, so hält ihn alles ab, man sucht ihn
zu beruhigen, bis er sich endlich ganz ermattet in den Sessel wirft.
"Was ist begegnet!" ruft man aus "Ist sie krank? Ist jemand
gestorben?" "Lest! lest!" ruft d'Orville, "dort liegt's
auf der Erde." Die Depesche wird aufgehoben, man liest, man ruft:
"Sie kommt nicht!"
Der große Schreck hatte auf einen größern vorbereitet;
- aber sie war doch wohl! - war ihr nichts begegnet! - Niemand von der
Familie hatte Schaden genommen, Hoffnung blieb auf den Abend.
André, der indessen immerfort musiziert hatte, kam doch endlich
auch herbei gelaufen, tröstete und suchte sich zu trösten. Pfarrer
Ewald und seine Gattin traten gleichfalls charakteristisch ein, mit Verdruß
und Verstand, mit unwilligem Entbehren und gemäßigtem Zurechtlegen.
Alles ging aber noch bunt durcheinander, bis der musterhaft ruhige Onkel
Bernard endlich herankommt, ein gutes Frühstück, ein löblich
Mittagsfest erwartend, und der einzige ist, der die Sache aus dem rechten
Gesichtspunkte ansieht, beschwichtigende, vernünftige Reden äußert
und alles ins gleiche bringt, völlig wie in der griechischen Tragödie
ein Gott die Verworrenheiten der größten Helden mit wenigen
Worten aufzulösen weiß.
Dies alles ward während eines Teiles der Nacht mit laufender Feder
niedergeschrieben und einem Boten übergeben, der am nächsten
Morgen Punkt zehn Uhr mit der Depesche in Offenbach einzutreffen unterrichtet
war.
Den hellsten Morgen erblickend, wacht' ich auf, mit Vorsatz und Einrichtung,
genau mittags gleichfalls in Offenbach anzulangen.
Ich ward empfangen mit dem wunderliebsten Charivari von Entgegnungen;
das gestörte Fest verlautete kaum, sie schalten und schimpften, daß
ich sie so gut getroffen hätte; die Dienerschaft war zufrieden, mit
der Herrschaft auf gleichem Theater aufgetreten zu sein; nur die Kinder,
als die entschiedensten unbestechbarsten Realisten, versicherten hartnäckig:
so hätten sie nicht gesprochen und es sei überhaupt alles ganz
anders gewesen, als wie es hier geschrieben stünde. Ich beschwichtigte
sie mit einigen Vorgaben des Nachtisches, und sie hatten mich wie immer
lieb. Ein fröhliches Mittagsmahl, eine Mäßigung aller
Feierlichkeiten gab uns die Stimmung, Lili ohne Prunk, aber vielleicht
um desto lieblicher zu empfangen. Sie kam und ward von heitern, ja lustigen
Gesichtern bewillkommt, beinah betroffen, daß ihr Außenbleiben
so viel Heiterkeit erlaube. Man erzählte ihr alles, man trug ihr
alles vor und sie, nach ihrer lieben und süßen Art, dankte
mir, wie sie allein nur konnte.
Es bedurfte keines sonderlichen Scharfsinns, um zu bemerken, daß
ihr Ausbleiben von dem ihr gewidmeten Feste nicht zufällig, sondern
durch Hin- und Herreden über unser Verhältnis verursacht war.
Indessen hatte dies weder auf unsre Gesinnungen noch auf unser Betragen
den mindesten Einfluß.
Ein vielfacher geselliger Zudrang aus der Stadt konnte in dieser Jahrszeit
nicht fehlen. Oft kam ich nur spät des Abends zur Gesellschaft, und
fand sie dem Scheine nach teilnehmend, und da ich nur oft auf wenige Stunden
erschien, so mocht' ich ihr gern in irgend etwas nützlich sein, indem
ich ihr Größeres oder Kleineres besorgt hatte, oder irgend
einen Auftrag zu übernehmen kam. Und es ist wohl diese Dienstschaft
das Erfreulichste, was einem Menschen begegnen kann; wie uns die alten
Ritterromane dergleichen zwar auf eine dunkle aber kräftige Weise
zu überliefern verstehen. Daß sie mich beherrsche, war nicht
zu verbergen, und sie durfte sich diesen Stolz gar wohl erlauben; hier
triumphieren Überwinder und Überwundene, und beide behagen sich
in gleichem Stolze.
Dies mein wiederholtes, oft nur kurzes Einwirken war aber immer desto
kräftiger. Johann André hatte immer Musikvorrat; auch ich
brachte fremdes und eignes Neue; poetische und musikalische Blüten
regneten herab. Es war eine durchaus glänzende Zeit; eine gewisse
Exaltation waltete in der Gesellschaft, man traf niemals auf nüchterne
Momente. Ganz ohne Frage teilte sich dies den übrigen aus unserm
Verhältnisse mit. Denn wo Neigung und Leidenschaft in ihrer eignen
kühnen Natur hervortreten, geben sie verschüchterten Gemütern
Mut, die nunmehr nicht begreifen, warum sie ihre gleichen Rechte verheimlichen
sollten. Daher gewahrte man mehr oder weniger versteckte Verhältnisse,
die sich nun mehr ohne Scheu durchschlangen. Andere, die sich nicht gut
bekennen ließen, schlichen doch behaglich unter der Decke mit durch.
Konnt' ich denn auch wegen vermannigfaltigter Geschäfte die Tage
dort draußen bei ihr nicht zubringen, so gaben die heiteren Nächte
Gelegenheit zu verlängertem Zusammensein im Freien. Liebende Seelen
werden nachstehendes Ereignis mit Wohlgefallen aufnehmen.
Es war ein Zustand, von welchem geschrieben steht: "Ich schlafe,
aber mein Herz wacht"; die hellen wie die dunklen Stunden waren einander
gleich, das Licht des Tages konnte das Licht der Liebe nicht überscheinen,
und die Nacht wurde durch den Glanz der Neigung zum hellsten Tage.
Wir waren beim klarsten Sternhimmel bis spät in der freien Gegend
umher spaziert, und nachdem ich sie und die Gesellschaft von Türe
zu Türe nach Hause begleitet und von ihr zuletzt Abschied genommen
hatte, fühlte ich mir so wenig Schlaf, daß ich eine frische
Spazierwanderung anzutreten nicht säumte. Ich ging die Landstraße
nach Frankfurt zu, mich meinen Gedanken und Hoffnungen zu überlassen;
ich setzte mich auf eine Bank, in der reinsten Nachtstille, unter den
blendenden Sternhimmel, mir selbst und ihr anzugehören.
Bemerkenswert schien mir ein schwer zu erklärender Ton, ganz nahe
bei mir; es war kein Rascheln, kein Rauschen, und bei näherer Aufmerksamkeit
entdeckte ich, daß es unter der Erde und das Arbeiten von kleinem
Getier sei. Es mochten Igel oder Wieseln sein, oder was in solcher Stunde
dergleichen Geschäft vornimmt.
Ich war darauf weiter nach der Stadt zu gegangen und an den Röderberg
gelangt, wo ich die Stufen, welche nach den Weingärten hinaufführen,
an ihrem kalkweißen Scheine erkennen konnte. Ich stieg hinauf, setzte
mich nieder und schlief ein.
Als ich wieder aufwachte, hatte die Dämmerung sich schon verbreitet,
ich sah mich gegen dem hohen Wall über, welcher in früheren
Zeiten als Schutzwehr wider die hüben stehenden Berge aufgerichtet
war. Sachsenhausen lag vor mir, leichte Nebel deuteten den Weg des Flusses
an; es war frisch, mir willkommen.
Da verharrt' ich, bis die Sonne nach und nach hinter mir aufgehend das
Gegenüber erleuchtete. Es war die Gegend, wo ich die Geliebte wieder
sehen sollte, und ich kehrte langsam in das Paradies zurück, das
sie, die noch Schlafende, umgab. Je mehr aber, um des wachsenden Geschäftskreises
willen, den ich aus Liebe zu ihr zu erweitern und zu beherrschen trachtete,
meine Besuche in Offenbach sparsamer werden und dadurch eine gewisse peinliche
Verlegenheit hervorbringen mußten, so ließ sich gar wohl bemerken,
daß man eigentlich um der Zukunft willen das Gegenwärtige hintansetze
und verliere.
Wie nun meine Aussichten sich nach und nach verbesserten, hielt ich sie
für bedeutender, als sie wirklich waren, und dachte um so mehr auf
eine baldige Entscheidung, als ein so öffentliches Verhältnis
nicht länger ohne Mißbehagen fortzuführen war. Und wie
es in solchen Fällen zu gehen pflegt, sprachen wir es nicht ausdrücklich
gegen einander aus; aber das Gefühl eines wechselseitigen unbedingten
Behagens, die volle Überzeugung, eine Trennung sei unmöglich,
das ineinander gleichmäßig gesetzte Vertrauen, das alles brachte
einen solchen Ernst hervor, daß ich, der ich mir fest vorgenommen
hatte, kein schleppendes Verhältnis wieder anzuknüpfen, und
mich doch in dieses, ohne Sicherheit eines günstigen Erfolges, wieder
verwickelt fand, wirklich von einem Stumpfsinn befangen war, von dem ich
mich zu retten mich immer mehr in gleichgültige weltliche Geschäfte
verwickelte, aus denen ich doch auch nur wieder Vorteil und Zufriedenheit
an der Hand der Geliebten zu gewinnen hoffen durfte.
In diesem wunderlichen Zustande, dergleichen doch auch mancher peinlich
empfunden haben mag, kam uns eine Hausfreundin zu Hülfe, welche die
sämtlichen Bezüge der Personen und Zustände sehr wohl durchsah.
Man nannte sie Demoiselle Delph, sie stand mit ihrer ältern Schwester
einem kleinen Handelshaus in Heidelberg vor und war der größern
Frankfurter Wechselhandlung bei verschiedenen Vorfällen vielen Dank
schuldig geworden. Sie kannte und liebte Lili von Jugend auf; es war eine
eigne Person, ernsten männlichen Ansehns und gleichen derben, hastigen
Schrittes vor sich hin. Sie hatte sich in die Welt besonders zu fügen
Ursache gehabt und kannte sie daher wenigstens in gewissem Sinne. Man
konnte sie nicht intrigant nennen, sie konnte den Verhältnissen lange
zusehen und ihre Absichten stille mit sich forttragen; dann aber hatte
sie die Gabe, die Gelegenheit zu ersehen, und wenn sie die Gesinnungen
der Personen zwischen Zweifel und Entschluß schwanken sah, wenn
alles auf Entschiedenheit ankam, so wußte sie eine solche Kraft
der Charaktertüchtigkeit einzusetzen, daß es ihr nicht leicht
mißlang, ihr Vorhaben auszuführen. Eigentlich hatte sie keine
egoistischen Zwecke; etwas getan, etwas vollbracht, besonders eine Heirat
gestiftet zu haben, war ihr schon Belohnung. Unsern Zustand hatte sie
längst durchblickt, bei wiederholtem Hiersein durchforscht, so daß
sie sich endlich überzeugte, diese Neigung sei zu begünstigen,
diese Vorsätze, redlich aber nicht genugsam verfolgt und angegriffen,
müßten unterstützt und dieser kleine Roman fördersamst
abgeschlossen werden.
Seit vielen Jahren hatte sie das Vertrauen von Lilis Mutter; in meinem
Hause durch mich eingeführt, hatte sie sich den Eltern angenehm zu
machen gewußt; denn gerade dieses barsche Wesen ist in einer Reichsstadt
nicht widerwärtig und, mit Verstand im Hintergrunde, sogar willkommen.
Sie kannte sehr wohl unsre Wünsche, unsre Hoffnungen, ihre Lust zu
wirken sah darin einen Auftrag; kurz, sie unterhandelte mit den Eltern.
Wie sie es begonnen, wie sie die Schwierigkeiten, die sich ihr entgegen
stellen mochten, beseitigt, - genug, sie tritt eines Abends zu uns und
bringt die Einwilligung. "Gebt euch die Hände!" rief sie,
mit ihrem pathetisch gebieterischen Wesen. Ich stand gegen Lili über
und reichte meine Hand dar, sie legte die ihre, zwar nicht zaudernd, aber
doch langsam, hinein, nach einem tiefen Atemholen fielen wir einander
lebhaft in die Arme.
Es war ein seltsamer Beschluß des hohen über uns Waltenden,
daß ich in dem Verlaufe meines wundersamen Lebensganges doch auch
erfahren sollte, wie es einem Bräutigam zu Mute sei.
Ich darf wohl sagen, daß es für einen gesitteten Mann die angenehmste
aller Erinnerungen sei; es ist erfreulich, sich jene Gefühle zu wiederholen,
die sich schwer aussprechen und kaum erklären lassen. Der vorhergehende
Zustand ist durchaus verändert; die schroffsten Gegensätze sind
gehoben, der hartnäckigste Zwiespalt geschlichtet; die vordringliche
Natur, die ewig warnende Vernunft, die tyrannisierenden Triebe, das verständige
Gesetz, welche sonst in immerwährendem Zwist uns bestritten, alle
diese treten nunmehr in freundlicher Einigkeit heran, und bei allgemein
gefeiertem frommem Feste wird das Verbotene gefordert und das Verpönte
zur unerläßlichen Pflicht erhoben.
Mit sittlichem Beifall aber wird man vernehmen, daß von dem Augenblick
an eine gewisse Sinnesveränderung in mir vorging; war sie mir bisher
schön, anmutig, anziehend vorgekommen, so erschien sie mir nun als
würdig und bedeutend. Sie war eine doppelte Person, ihre Anmut und
Liebenswürdigkeit gehörten mein, das fühlt' ich wie sonst,
aber der Wert ihres Charakters, die Sicherheit in sich selbst, ihre Zuverlässigkeit
in allem, das blieb ihr eigen; ich schaute es, ich durchblickte es und
freute mich dessen als eines Kapitals, von dem ich zeitlebens die Zinsen
mitzugenießen hätte.
Es ist schon längst mit Grund und Bedeutung ausgesprochen: auf dem
Gipfel der Zustände hält man sich nicht lange. Die ganz eigentlich
durch Demoiselle Delph eroberte Zustimmung beiderseitiger Eltern ward
nunmehr als obwaltend anerkannt, stillschweigend und ohne weitere Förmlichkeit.
Denn sobald etwas Ideelles, wie man ein solches Verlöbnis wirklich
nennen kann, in die Wirklichkeit eintritt, so entsteht, wenn man völlig
abgeschlossen zu haben glaubt, eine Krise. Die Außenwelt ist durchaus
unbarmherzig, und sie hat recht, denn sie muß sich ein für
allemal selbst behaupten; die Zuversicht der Leidenschaft ist groß,
aber wir sehen sie doch gar oft an dem ihr entgegenstehenden Wirklichen
scheitern. Junge Gatten, die, besonders in der späteren Zeit, mit
nicht genügsamen Gütern versehen, in diese Zustände sich
einlassen, mögen ja sich keine Honigmonde versprechen; unmittelbar
droht ihnen eine Welt mit unverträglichen Forderungen, welche, nicht
befriedigt, ein junges Ehepaar absurd erscheinen lassen.
Die Unzulänglichkeit der Mittel, die ich zur Erreichung meines Zweckes
mit Ernst ergriffen hatte, konnte ich früher nicht gewahr werden,
weil sie bis auf einen gewissen Punkt zugereicht hätten; nun der
Zweck näher heranrückte, wollte es hüben und drüben
nicht vollkommen passen.
Der Trugschluß, den die Leidenschaft so bequem findet, trat nun
in seiner völligen Inkongruenz nach und nach hervor. Mit einiger
Nüchternheit mußte mein Haus, meine häusliche Lage in
ihrem ganz Besondern betrachtet werden. Das Bewußtsein, das Ganze
sei auf eine Schwiegertochter eingerichtet, lag freilich zu Grunde; aber
auf ein Frauenzimmer welcher Art war dabei gerechnet?
Wir haben die Mäßige, Liebe, Verständige, Schöne,
Tüchtige, sich immer Gleiche, Neigungsvolle und Leidenschaftlose
zu Ende des dritten Bandes kennen lernen; sie war der passende Schlußstein
zu einem schon aufgemauerten zugerundeten Gewölbe, aber hier hatte
man bei ruhiger unbefangener Betrachtung sich nicht leugnen können,
daß, um diese neue Geworbene in solche Funktion gleichfalls einzusetzen,
man ein neues Gewölbe hätte zurichten müssen.
Indessen war mir dies noch nicht deutlich geworden und ihr ebensowenig.
Betrachtete ich nun aber mich in meinem Hause, und gedacht' ich sie hereinzuführen,
so schien sie mir nicht zu passen, wie ich ja schon in ihren Zirkeln zu
erscheinen, um gegen die Tags- und Modemenschen nicht abzustechen, meine
Kleidung von Zeit zu Zeit verändern, ja wieder verändern mußte.
Das konnte aber doch mit einer häuslichen Einrichtung nicht geschehen,
wo in einem neugebauten stattlichen Bürgerhause ein nunmehr veralteter
Prunk gleichsam rückwärts die Einrichtung geleitet hatte.
So hatte sich auch, selbst nach dieser gewonnenen Einwilligung, kein Verhältnis
der Eltern untereinander bilden und einleiten können; kein Familienzusammenhang,
andere Religionsgebräuche, andere Sitten! und wollte die Liebenswürdige
einigermaßen ihre Lebensweise fortsetzen, so fand sie in dem anständig
geräumigen Hause keine Gelegenheit, keinen Raum.
Hatte ich bisher von allem diesen abgesehen, so waren mir zur Beruhigung
und Stärkung von außen her schöne Ansichten eröffnet,
zu irgend einer gedeihlichen Anstellung zu gelangen. Ein rühriger
Geist faßt überall Fuß; Fähigkeiten, Talente erregen
Vertrauen; jedermann denkt, es komme ja nur auf eine veränderte Richtung
an. Zudringliche Jugend findet Gunst, dem Genie traut man alles zu, da
es doch nur ein Gewisses vermag.
Das deutsche geistig-literarische Terrain war damals ganz eigentlich als
ein Neubruch anzusehen, es fanden sich unter den Geschäftsleuten
kluge Menschen, die für den neu aufzuwühlenden Boden tüchtige
Anbauer und kluge Haushälter wünschten. Selbst die angesehne
wohlgegründete Freimaurerloge, mit deren vornehmsten Gliedern ich
eben durch mein Verhältnis zu Lili bekannt geworden war, wußte
auf schickliche Weise meine Annäherung einzuleiten; ich aber, aus
einem Unabhängigkeitsgefühl, welches mir später als Verrücktheit
erschien, lehnte jede nähere Verknüpfung ab, nicht gewahrend,
daß diese Männer, wenn schon in höherem Sinne verbunden,
mir doch bei meinen den ihrigen so nah verwandten Zwecken hätten
förderlich sein müssen. Ich gehe zu dem Besondersten zurück.
In solchen Städten wie Frankfurt gibt es kollektive Stellen, Residentschaften,
Agentschaften, die sich durch Tätigkeit grenzenlos erweitern lassen.
Dergleichen bot sich auch mir dar, beim ersten Anblick vorteilhaft und
ehrenhaft zugleich. Man setzte voraus, daß ich für sie passe,
es wäre auch gegangen unter der Bedingung jener geschilderten Kanzleidreiheit.
Man verschweigt sich die Zweifel, man teilt sich das Günstige mit;
man überwindet jedes Schwanken durch gewaltsame Tätigkeit; es
kommt dadurch etwas Unwahres in den Zustand, ohne daß die Leidenschaft
deshalb gemildert werde.
In Friedenszeiten ist für die Menge wohl kein erfreulicheres Lesen
als die öffentlichen Blätter, welche uns von den neusten Weltereignissen
eilige Nachricht geben; der ruhige wohlbehaltene Bürger übt
daran auf eine unschuldige Weise den Parteigeist, den wir in unsrer Beschränktheit
weder los werden können noch sollen. Jeder behagliche Mensch erschafft
sich alsdann wie bei einer Wette, ein willkürliches Interesse, unwesentlichen
Gewinn und Verlust, und nimmt, wie im Theater, einen sehr lebhaften, jedoch
nur imaginären Teil an fremdem Glück und Unglück. Diese
Teilnahme erscheint oft willkürlich, jedoch beruht sie auf sittlichen
Gründen. Denn bald geben wir löblichen Absichten einen verdienten
Beifall, bald aber, von glänzendem Erfolg hingerissen, wenden wir
uns zu demjenigen, dessen Vorsätze wir würden getadelt haben.
Zu allen diesen verschaffte uns jene Zeit reichlichen Stoff.
Friedrich der Zweite, auf seiner Kraft ruhend, schien noch immer das Schicksal
Europens und der Welt abzuwiegen; Katharina, eine große Frau, die
sich selbst des Throns würdig gehalten, gab tüchtigen hochbegünstigten
Männern einen großen Spielraum, der Herrscherin Macht immer
weiter auszubreiten, und da dies über die Türken geschah, denen
wir die Verachtung, mit welcher sie auf uns herniederblicken, reichlich
zu vergelten gewohnt sind, so schien es, als wenn keine Menschen aufgeopfert
würden, indem diese Unchristen zu Tausenden fielen. Die brennende
Flotte in dem Hafen von Tschesme verursachte ein allgemeines Freudenfest
über die gebildete Welt, und jedermann nahm teil an dem siegerischen
Übermut, als man, um ein wahrhaftes Bild jener großen Begebenheit
übrig zu behalten, zum Behuf eines künstlerischen Studiums,
auf der Reede von Livorno sogar ein Kriegsschiff in die Luft sprengte.
Nicht lange darauf ergreift ein junger nordischer König, gleichfalls
aus eigner Gewalt, die Zügel des Regiments. Die Aristokraten, die
er unterdrückt, werden nicht bedauert, denn die Aristokratie überhaupt
hatte keine Gunst bei dem Publikum, weil sie ihrer Natur nach im stillen
wirkt und um desto sicherer ist, je weniger sie von sich reden macht,
und in diesem Falle dachte man von dem jungen König um desto besser,
weil er, um dem obersten Stande das Gleichgewicht zu halten, die Unteren
begünstigen und an sich knüpfen mußte.
Noch lebhafter aber war die Welt interessiert, als ein ganzes Volk sich
zu befreien Miene machte. Schon früher hatte man demselben Schauspiel
im kleinen gern zugesehn; Korsika war lange der Punkt gewesen, auf den
sich aller Augen richteten; Paoli, als er, sein patriotisches Vorhaben
nicht weiter durchzusetzen imstande, durch Deutschland nach England ging,
zog aller Herzen an sich; es war ein schöner, schlanker, blonder
Mann voll Anmut und Freundlichkeit; ich sah ihn in dem Bethmannischen
Hause, wo er kurze Zeit verweilte und den Neugierigen, die sich zu ihm
drängten, mit heiterer Gefälligkeit begegnete. Nun aber sollten
sich in dem entfernteren Weltteil ähnliche Auftritte wiederholen;
man wünschte den Amerikanern alles Glück, und die Namen Franklin
und Washington fingen an, am politischen und kriegerischen Himmel zu glänzen
und zu funkeln. Manches zu Erleichterung der Menschheit war geschehen,
und als nun gar ein neuer wohlwollender König von Frankreich die
besten Absichten zeigte, sich selbst zu Beseitigung so mancher Mißbräuche
und zu den edelsten Zwecken zu beschränken, eine regelmäßig
auslangende Staatswirtschaft einzuführen, sich aller willkürlichen
Gewalt zu begeben, und durch Ordnung wie durch Recht allein zu herrschen;
so verbreitete sich die heiterste Hoffnung über die ganze Welt, und
die zutrauliche Jugend glaubte sich und ihrem ganzen Zeitgeschlechte eine
schöne, ja herrliche Zukunft versprechen zu dürfen.
An allen diesen Ereignissen nahm ich jedoch nur insofern teil, als sie
die größere Gesellschaft interessierten, ich selbst und mein
engerer Kreis befaßten uns nicht mit Zeitungen und Neuigkeiten;
uns war darum zu tun, den Menschen kennen zu lernen, die Menschen überhaupt
ließen wir gern gewähren.
Der beruhigte Zustand des deutschen Vaterlandes, in welchem sich auch
meine Vaterstadt schon über hundert Jahre eingefügt sah, hatte
sich trotz manchen Kriegen und Erschütterungen in seiner Gestalt
vollkommen erhalten. Einem gewissen Behagen günstig war, daß
von dem Höchsten bis zu dem Tiefsten, von dem Kaiser bis zu dem Juden
herunter die mannigfaltigste Abstufung alle Persönlichkeiten, anstatt
sie zu trennen, zu verbinden schien. Wenn dem Kaiser sich Könige
subordinierten, so gab diesen ihr Wahlrecht und die dabei erworbenen und
behaupteten Gerechtsame ein entschiedenes Gleichgewicht. Nun aber war
der hohe Adel in die erste königliche Reihe verschränkt, so
daß er, seiner bedeutenden Vorrechte gedenkend, sich ebenbürtig
mit dem Höchsten achten konnte, ja im gewissen Sinne noch höher,
indem ja die geistlichen Kurfürsten allen andern vorangingen und
als Sprößlinge der Hierarchie einen unangefochtenen ehrwürdigen
Raum behaupteten.
Gedenke man nun der außerordentlichen Vorteile, welche diese altgegründeten
Familien zugleich und außerdem in Stiftern, Ritterorden, Ministerien,
Vereinigungen und Verbrüderungen genossen haben, so wird man leicht
denken können, daß diese große Masse von bedeutenden
Menschen, welche sich zugleich als subordiniert und als koordiniert fühlten,
in höchster Zufriedenheit und geregelter Welttätigkeit ihre
Tage zubrachten, und ein gleiches Behagen ihren Nachkommen ohne besondere
Mühe vorbereiteten und überließen. Auch fehlte es dieser
Klasse nicht an geistiger Kultur; denn schon seit hundert Jahren hatte
sich erst die hohe Militär- und Geschäftsbildung bedeutend hervorgetan
und sich des ganzen vornehmen sowie des diplomatischen Kreises bemächtigt,
zugleich aber auch durch Literatur und Philosophie die Geister zu gewinnen
und auf einen hohen der Gegenwart nicht allzu günstigen Standpunkt
zu versetzen gewußt.
In Deutschland war es noch kaum jemand eingefallen, jene ungeheure privilegierte
Masse zu beneiden oder ihr die glücklichen Weltvorzüge zu mißgönnen.
Der Mittelstand hatte sich ungestört dem Handel und den Wissenschaften
gewidmet und hatte freilich dadurch, sowie durch die nahverwandte Technik,
sich zu einem bedeutenden Gegengewicht erhoben; ganz oder halb freie Städte
begünstigten diese Tätigkeit, so wie die Menschen darin ein
gewisses ruhiges Behagen empfanden. Wer seinen Reichtum vermehrt, seine
geistige Tätigkeit besonders im juristischen und Staatsfache gesteigert
sah, der konnte sich überall eines bedeutenden Einflusses erfreuen.
Setzte man doch bei den höchsten Reichsgerichten, und auch wohl sonst,
der adligen Bank eine Gelehrtenbank gegenüber; die freiere Übersicht
der einen mochte sich mit der tieferen Einsicht der andern gerne befreunden,
und man hatte im Leben durchaus keine Spur von Rivalität; der Adel
war sicher in seinen unerreichbaren durch die Zeit geheiligten Vorrechten,
und der Bürger hielt es unter seiner Würde, durch eine seinem
Namen vorgesetzte Partikel nach dem Schein derselben zu streben. Der Handelsmann,
der Techniker hatte genug zu tun, um mit den schneller vorschreitenden
Nationen einigermaßen zu wetteifern. Wenn man die gewöhnlichen
Schwankungen des Tages nicht beachten will, so durfte man wohl sagen,
es war im ganzen eine Zeit eines reinen Bestrebens, wie sie früher
nicht erschienen, noch auch in der Folge wegen äußerer und
innerer Steigerungen sich lange erhalten konnte.
In dieser Zeit war meine Stellung gegen die oberen Stände sehr günstig.
Wenn auch im "Werther" die Unannehmlichkeiten an der Grenze
zweier bestimmter Verhältnisse mit Ungeduld ausgesprochen sind, so
ließ man das in Betracht der übrigen Leidenschaftlichkeiten
des Buches gelten, indem jedermann wohl fühlte, daß es hier
auf keine unmittelbare Wirkung abgesehen sei.
Durch "Götz von Berlichingen" aber war ich gegen die obern
Stände sehr gut gestellt; was auch an Schicklichkeiten bisheriger
Literatur mochte verletzt sein, so war doch auf eine kenntnisreiche und
tüchtige Weise das altdeutsche Verhältnis, den unverletzbaren
Kaiser an der Spitze, mit manchen andern Stufen und ein Ritter dargestellt,
der im allgemein gesetzlosen Zustande als einzelner Privatmann, wo nicht
gesetzlich, doch rechtlich zu handeln dachte und dadurch in sehr schlimme
Lagen gerät. Dieser Komplex aber war nicht aus der Luft gegriffen,
sondern durchaus heiter lebendig und deshalb auch wohl hie und da ein
wenig modern, aber doch immer in dem Sinne vorgeführt, wie der wackere
tüchtige Mann sich selbst, und also wohl zu leidlichen Gunsten, in
eigner Erzählung dargestellt hatte.
Die Familie blühte noch, ihr Verhältnis zu der fränkischen
Ritterschaft war in ihrer Integrität geblieben, wenngleich diese
Beziehungen, wie manches andere jener Zeit, bleicher und unwirksamer mochten
geworden sein.
Nun erhielt auf einmal das Flüßlein Jagst, die Burg Jagsthausen
eine poetische Bedeutung; sie wurden besucht, sowie das Rathaus zu Heilbronn.
Man wußte, daß ich noch andere Punkte jener Zeitgeschichte
mir in den Sinn genommen hatte, und manche Familie, die sich aus jener
Zeit noch tüchtig herschrieb, hatte die Aussicht, ihren Ältervater
gleichsam ans Tageslicht hervorgezogen zu sehen.
Es entsteht ein eigenes allgemeines Behagen, wenn man einer Nation ihre
Geschichte auf eine geistreiche Weise wieder zur Erinnerung bringt; sie
erfreut sich der Tugenden ihrer Vorfahren und belächelt die Mängel
derselben, welche sie längst überwunden zu haben glaubt. Teilnahme
und Beifall kann daher einer solchen Darstellung nicht fehlen, und ich
hatte mich in diesem Sinne einer vielfachen Wirkung zu erfreuen.
Merkwürdig möchte es jedoch sein, daß unter den zahlreichen
Annäherungen und in der Zahl der jungen Leute, die sich an mich anschlossen,
kein Edelmann war; aber dagegen waren manche, die, schon in die Dreißig
gelangt, mich aufsuchten, besuchten und in deren Wollen und Bestreben
eine freudige Hoffnung sich durchzog, sich in vaterländischem und
allgemein menschlicherem Sinne ernstlich auszubilden.
Zu dieser Zeit war denn überhaupt die Richtung nach der Epoche zwischen
dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert eröffnet und lebendig.
Die Werke Ulrichs von Hutten kamen mir in die Hände, und es schien
wundersam genug, daß in unsern neuern Tagen sich das Ähnliche,
was dort hervorgetreten, hier gleichfalls wieder zu manifestieren schien.
Folgender Brief Ulrichs von Hutten an Billibald Pirkheimer dürfte
hier eine schickliche Stelle finden.
"Was uns das Glück gegeben, nimmt es meist wieder weg und das
nicht allein, auch alles andere, was sich an den Menschen von außen
anschließt, sehen wir dem Zufall unterworfen. Nun aber streb' ich
nach Ehren, die ich ohne Mißgunst zu erlangen wünschte, ja
welcher Weise es auch sei; denn es besitzt mich ein heftiger Durst nach
dem Ruhm, daß ich so viel als möglich geadelt zu sein wünschte.
Es würde schlecht mit mir stehen, teurer Billibald, wenn ich mich,
schon jetzt für einen Edelmann hielte, ob ich gleich in diesem Rang,
dieser Familie, von solchen Eltern geboren worden, wenn ich mich nicht
durch eigenes Bestreben geadelt hätte. Ein so großes Werk hab
ich im Sinne! ich denke höher! nicht etwa daß mich in einen
vornehmeren, glänzendern Stand versetzt sehen möchte, sondern
anderwärts möcht ich eine Quelle suchen, aus der ich einen besondern
Adel schöpfte und nicht unter die wahnhaften Edelleute gezählt
würde, zufrieden mit dem, was ich von meinen Voreltern empfangen,
sondern daß ich zu jenen Gütern noch etwas selbst hinzugefügt
hätte, was von mir auf meine Nachkommen hinüberginge.
Daher ich denn mit meinen Studien und Bemühungen mich dahin wende
und bestrebe, entgegengesetzt in Meinung denenjenigen, die alles dasjenige,
was ist, für genug achten; denn mir ist nichts dergleichen genug,
wie ich dir denn meinen Ehrgeiz dieser Art bekannt habe. Und so gesteh
ich denn, daß ich diejenigen nicht beneide, die, von den untersten
Ständen ausgegangen, über meine Zustände hinausgeschritten
sind; und hier bin ich mit den Männern meines Standes keineswegs
übereindenkend, welche diejenigen, die, eines niedrigen Ursprungs,
sich durch Tüchtigkeit hervorgetan haben, zu schimpfen pflegen. Denn
mit vollkommenem Rechte werden diejenigen uns vorgezogen, welche den Stoff
des Ruhms, den wir selbst vernachlässigt, für sich ergriffen
und in Besitz genommen; sie mögen Söhne von Walkern oder Gerbern
sein, haben sie doch mit mehr Schwierigkeit, als wir gefunden hätten,
dergleichen zu erlangen gewußt.
Nicht allein ein Tor ist der Ungelehrte zu nennen, welcher denjenigen
beneidet, der durch Kenntnisse sich hervorgetan, sondern unter die Elenden,
ja unter die Elendesten zu zählen; und an diesem Fehler kranket unser
Adel ganz besonders, daß er solche Zieraten quer ansehe. Denn was,
bei Gott! heißt es, den beneiden, der das besitzt, was wir vernachlässigten?
warum haben wir uns der Gesetze nicht befleißigt? die schöne
Gelahrtheit, die besten Künste warum nicht selbst gelernt? Da sind
uns nun Schuster, Walker und Wagner vorgelaufen. Warum haben wir die Stellung
verlassen, warum die freisten Studien den Dienstleuten und, schändlich
für uns! ihrem Schmutz überlassen? Ganz rechtmäßig
hat das Erbteil des Adels, das wir verschmähten, ein jeder Gewandter,
Fleißiger in Besitz nehmen und durch Tätigkeit benutzen können.
Wir Elenden! die dasjenige vernachlässigen, was einen jeden Untersten
sich über uns zu erheben genügt; hören wir doch auf zu
beneiden und suchen dasjenige auch zu erlangen, was, zu unsrer schimpflichen
Beschämung, andere sich anmaßen.
Jedes Verlangen nach Ruhm ist ehrbar, aller Kampf um das Tüchtige
lobenswürdig; mag doch jedem Stand seine eigene Ehre bleiben, ihm
eine eigene Zierde gewährt sein! Jene Ahnenbilder will ich nicht
verachten, so wenig als die wohl ausgestatteten Stammbäume, aber
was auch deren Wert sei, ist nicht unser eigen, wenn wir es nicht durch
Verdienste erst eigen machen, auch kann es nicht bestehen, wenn der Adel
nicht Sitten, die ihm geziemen, annimmt. Vergebens wird ein fetter und
beleibter jener Hausväter die Standbilder seiner Vorfahren dir aufzeigen,
indes er selbst untätig eher einem Klotz ähnlich, als daß
er jenen, die ihm mit Tüchtigkeit voranleuchteten, zu vergleichen
wäre.
So viel hab ich dir von meinem Ehrgeiz und meiner Beschaffenheit so weitläufig
als aufrichtig vertrauen wollen." Wenn auch nicht in solchem Flusse
des Zusammenhangs, so hatte ich doch von meinen vornehmeren Freunden und
Bekannten dergleichen tüchtige und kräftige Gesinnungen zu vernehmen,
von welchen der Erfolg sich in einer redlichen Tätigkeit erwies.
Es war zum Credo geworden, man müsse sich einen persönlichen
Adel erwerben, und zeigte sich in jenen schönen Tagen irgend eine
Rivalität, so war es von oben herunter.
Wir andern dagegen hatten, was wir wollten: freien und gebilligten Gebrauch
unsrer von der Natur verliehenen Talente, wie er wohl allenfalls mit unsern
bürgerlichen Verhältnissen bestehen konnte.
Denn meine Vaterstadt hatte darin eine ganz eigene nicht genugsam beachtete
Lage. Wenn die nordischen freien Reichsstädte auf einen ausgebreiteten
Handel, und die südlichern, bei zurücktretenden Handelsverhältnissen,
auf Kunst und Technik gegründet standen, so war in Frankfurt am Main
ein gewisser Komplex zu bemerken, welcher aus Handel, Kapitalvermögen,
Haus- und Grundbesitz, aus Wissen- und Sammlerlust zusammengeflochten
schien. Die lutherische Konfession führte das Regiment, die alte
Gan-Erbschaft, vom Hause Limpurg den Namen führend, das Haus Frauenstein,
mit seinen Anfängen nur ein Klub, bei den Erschütterungen, durch
die untern Stände herbeigeführt, dem Verständigen getreu,
der Jurist, der sonstige Wohlhabende und Wohldenkende, niemand war von
der Magistratur ausgeschlossen; selbst diejenigen Handwerker, welche zu
bedenklicher Zeit an der Ordnung gehalten, waren ratsfähig, wenn
auch nur stationär auf ihrem Platze. Die andern verfassungsmäßigen
Gegengewichte, formelle Einrichtungen und was sich alles an eine solche
Verfassung anschließt, gaben vielen Menschen einen Spielraum zur
Tätigkeit, indem Handel und Technik bei einer glücklich örtlichen
Lage, sich auszubreiten, in keinem Sinne gehindert waren.
Der höhere Adel wirkte für sich unbeneidet und fast unbemerkt;
ein zweiter sich annähernder Stand mußte schon strebsamer sein,
und auf alten vermögenden Familienfundamenten beruhend, suchte er
sich durch rechtliche und Staatsgelehrsamkeit bemerklich zu machen.
Die sogenannten Reformierten bildeten, wie auch an andern Orten die Refugiés,
eine ausgezeichnete Klasse, und selbst wenn sie zu ihrem Gottesdienst
in Bockenheim sonntags in schönen Equipagen hinausfuhren, war es
immer eine Art von Triumph über die Bürgerabteilung, welche
berechtigt war, bei gutem wie bei schlechtem Wetter in die Kirche zu Fuße
zu gehen.
Die Katholiken bemerkte man kaum; aber auch sie waren die Vorteile gewahr
geworden, welche die beiden andern Konfessionen sich zugeeignet hatten.
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