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Goethe Johann Wolfgang von
Aus meinem Leben.
Dichtung und Wahrheit.
Zweiter Teil, Achtes Buch
Ein anderer Mann, obgleich in jedem Betracht von Behrisch unendlich
verschieden konnte doch in einem gewissen Sinne mit ihm verglichen werden;
ich meine Oesern, welcher auch unter diejenigen Menschen gehörte,
die ihr Leben in einer bequemen Geschäftigkeit hinträumen. Seine
Freunde selbst bekannten im stillen, daß er, bei einem sehr schönen
Naturell, seine jungen Jahre nicht in genügsamer Tätigkeit verwendet,
deswegen er auch nie dahin gelangt sei, die Kunst mit vollkommener Technik
auszuüben. Doch schien ein gewisser Fleiß seinem Alter vorbehalten
zu sein, und es fehlte ihm die vielen Jahre, die ich ihn kannte, niemals
an Erfindung noch Arbeitsamkeit. Er hatte mich gleich den ersten Augenblick
sehr an sich gezogen; schon seine Wohnung, wundersam und ahndungsvoll,
war für mich höchst reizend. In dem alten Schlosse Pleißenburg
ging man rechts in der Ecke eine erneute heitre Wendeltreppe hinauf. Die
Säle der Zeichenakademie, deren Direktor er war, fand man sodann
links, hell und geräumig; aber zu ihm selbst gelangte man nur durch
einen engen dunklen Gang, an dessen Ende man erst den Eintritt zu seinen
Zimmern suchte, zwischen deren Reihe und einem weitläuftigen Kornboden
man soeben hergegangen war. Das erste Gemach war mit Bildern geschmückt
aus der späteren italienischen Schule, von Meistern, deren Anmut
er höchlich zu preisen pflegte. Da ich Privatstunden mit einigen
Edelleuten bei ihm genommen hatte, so war uns erlaubt, hier zu zeichnen,
und wir gelangten auch manchmal in sein daranstoßendes inneres Kabinett,
welches zugleich seine wenigen Bücher, Kunst- und Naturaliensammlungen,
und was ihn sonst zunächst interessieren mochte, enthielt. Alles
war mit Geschmack, einfach und dergestalt geordnet, daß der kleine
Raum sehr vieles umfaßte. Die Möbeln, Schränke, Portefeuilles
elegant ohne Ziererei oder Überfluß. So war auch das erste,
was er uns empfahl und worauf er immer wieder zurückkam, die Einfalt
in allem, was Kunst und Handwerk vereint hervorzubringen berufen sind.
Als ein abgesagter Feind des Schnörkel- und Muschelwesens und des
ganzen barocken Geschmacks zeigte er uns dergleichen in Kupfer gestochne
und gezeichnete alte Muster im Gegensatz mit besseren Verzierungen und
einfacheren Formen der Möbel sowohl als anderer Zimmerumgebungen,
und weil alles um ihn her mit diesen Maximen übereinstimmte, so machten
die Worte und Lehren auf uns einen guten und dauernden Eindruck. Auch
außerdem hatte er Gelegenheit, uns seine Gesinnungen praktisch sehen
zu lassen, indem er sowohl bei Privatals Regimentspersonen in gutem Ansehen
stand und bei neuen Bauten und Veänderungen um Rat gefragt wurde.
Überhaupt schien er geneigter zu sein, etwas gelegentlich, zu einem
gewissen Zweck und Gebrauch zu verfertigen, als daß er für
sich bestehende Dinge, welche eine größere Vollendung verlangen,
unternommen und ausgearbeitet hätte: deshalb er auch immer bereit
und zur Hand war, wenn die Buchhändler größere und kleinere
Kupfer zu irgend einem Werk verlangten; wie denn die Vignetten zu Winckelmanns
ersten Schriften von ihm radiert sind. Oft aber machte er nur sehr skizzenhafte
Zeichnungen, in welche sich Geyser ganz gut zu schicken verstand. Seine
Figuren hatten durchaus etwas Allgemeines, um nicht zu sagen Ideelles.
Seine Frauen waren angenehm und gefällig, seine Kinder naiv genug;
nur mit den Männern wollte es nicht fort, die, bei seiner zwar geistreichen,
aber doch immer nebulistischen und zugleich abbrevierenden Manier, meistenteils
das Ansehn von Lazzaroni erhielten. Da er seine Kompositionen überhaupt
weniger auf Form als auf Licht, Schatten und Massen berechnete, so nahmen
sie sich im ganzen gut aus; wie denn alles, was er tat und hervorbrachte,
von einer eignen Grazie begleitet war. Weil er nun dabei eine eingewurzelte
Neigung zum Bedeutenden, Allegorischen, einen Nebengedanken Erregenden
nicht bezwingen konnte noch wollte; so gaben seine Werke immer etwas zu
sinnen und wurden vollständig durch einen Begriff, da sie es der
Kunst und der Ausführung nach nicht sein konnten. Diese Richtung,
welche immer gefährlich ist, führte ihn manchmal bis an die
Grenze des guten Geschmacks, wo nicht gar darüber hinaus. Seine Absichten
suchte er oft durch die wunderlichsten Einfälle und durch grillenhafte
Scherze zu erreichen; ja, seinen besten Arbeiten ist stets ein humoristischer
Anstrich verliehen. War das Publikum mit solchen Dingen nicht immer zufrieden,
so rächte er sich durch eine neue, noch wunderlichere Schnurre. So
stellte er später in dem Vorzimmer des großen Konzertsaales
eine ideale Frauenfigur seiner Art vor, die eine Lichtschere nach einer
Kerze hinbewegte, und er freute sich außerordentlich, wenn er veranlassen
konnte, daß man über die Frage stritt, ob diese seltsame Muse
das Licht zu putzen oder auszulöschen gedenke? wo er denn allerlei
neckische Beigedanken schelmisch hervorblicken ließ.
Doch machte die Erbauung des neuen Theaters zu meiner Zeit das größte
Aufsehen, in welchem sein Vorhang, da er noch ganz neu war, gewiß
eine außerordentlich liebliche Wirkung tat. Oeser hatte die Musen
aus den Wolken, auf denen sie bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich
schweben, auf die Erde versetzt. Einen Vorhof zum Tempel des Ruhms schmückten
die Statuen des Sophokles und Aristophanes, um welche sich alle neuere
Schauspieldichter versammelten. Hier nun waren die Göttinnen der
Künste gleichfalls gegenwärtig und alles würdig und schön.
Nun aber kommt das Wunderliche! Durch die freie Mitte sah man das Portal
des fernstehenden Tempels, und ein Mann in leichter Jacke ging zwischen
beiden obgedachten Gruppen, ohne sich um sie zu bekümmern, hindurch,
gerade auf den Tempel los; man sah ihn daher im Rücken, er war nicht
besonders ausgezeichnet. Dieser nun sollte Shakespearen bedeuten, der
ohne Vorgänger und Nachfolger, ohne sich um die Muster zu bekümmern,
auf seine eigne Hand der Unsterblichkeit entgegengehe. Auf dem großen
Boden über dem neuen Theater ward dieses Werk vollbracht. Wir versammelten
uns dort oft um ihn, und ich habe ihm daselbst die Aushängebogen
von »Musarion« vorgelesen.
Was mich betraf, so rückte ich in Ausübung der Kunst keineswegs
weiter. Seine Lehre wirkte auf unsern Geist und unsern Geschmack; aber
seine eigne Zeichnung war zu unbestimmt, als daß sie mich, der ich
an den Gegenständen der Kunst und Natur auch nur hindämmerte,
hätte zu einer strengen und entschiedenen Ausübung anleiten
sollen. Von den Gesichtern und Körpern selbst überlieferte er
uns mehr die Ansichten als die Formen, mehr die Gebärden als die
Proportionen. Er gab uns die Begriffe von den Gestalten, und verlangte,
wir sollten sie in uns lebendig werden lassen. Das wäre denn auch
schön und recht gewesen, wenn er nicht bloß Anfänger vor
sich gehabt hätte. Konnte man ihm daher ein vorzügliches Talent
zum Unterricht wohl absprechen; so mußte man dagegen bekennen, daß
er sehr gescheit und weltklug sei, und daß eine glückliche
Gewandtheit des Geistes ihn, in einem höhern Sinne, recht eigentlich
zum Lehrer qualifiziere. Die Mängel, an denen jeder litt, sah er
recht gut ein; er verschmähte jedoch, sie direkt zu rügen, und
deutete vielmehr Lob und Tadel indirekt sehr lakonisch an. Nun mußte
man über die Sache denken und kam in der Einsicht schnell um vieles
weiter. So hatte ich z.B. auf blaues Papier einen Blumenstrauß,
nach einer vorhandenen Vorschrift, mit schwarzer und weißer Kreide
sehr sorgfältig ausgeführt, und teils mit Wischen, teils mit
Schraffieren das kleine Bild hervorzuheben gesucht. Nachdem ich mich lange
dergestalt bemüht, trat er einstens hinter mich und sagte: »Mehr
Papier!« worauf er sich sogleich entfernte. Mein Nachbar und ich
zerbrachen uns den Kopf, was das heißen könne: denn mein Bouquet
hatte auf einem großen halben Bogen Raum genug um sich her.»Nachdem
wir lange nachgedacht, glaubten wir endlich seinen Sinn zu treffen, wenn
wir bemerkten, daß ich durch das Ineinanderarbeiten des Schwarzen
und Weißen den blauen Grund ganz zugedeckt, die Mitteltinte zerstört
und wirklich eine unangenehme Zeichnung mit großem Fleiß hervorgebracht
hatte. Übrigens ermangelte er nicht, uns von der Perspektive, von
Licht und Schatten zwar genugsam, doch immer nur so zu unterrichten, daß
wir uns anzustrengen und zu quälen hatten, um eine Anwendung der
überlieferten Grundsätze zu treffen. Wahrscheinlich war seine
Absicht, an uns, die wir doch nicht Künstler werden sollten, nur
die Einsicht und den Geschmack zu bilden, und uns mit den Erfordernissen
eines Kunstwerkes bekannt zu machen, ohne gerade zu verlangen, daß
wir es hervorbringen sollten. Da nun der Fleiß ohnehin meine Sache
nicht war: denn es machte mir nichts Vergnügen, als was mich anflog,
so wurde ich nach und nach, wo nicht lässig, doch mißmutig,
und weil die Kenntnis bequemer ist als das Tun, so ließ ich mir
gefallen, wohin er uns nach seiner Weise zu führen gedachte.
Zu jener Zeit war »Das Leben der Maler« von d'Argenville ins
Deutsche übersetzt. Ich erhielt es ganz frisch und studierte es emsig
genug. Dies schien Oeser zu gefallen, und er verschaffte uns Gelegenheit,
aus den großen Leipziger Sammlungen manches Portefeuille zu sehen
und leitete uns dadurch zur Geschichte der Kunst ein. Aber auch diese
Übungen brachten bei mir eine andere Wirkung hervor, als er im Sinn
haben mochte. Die mancherlei Gegenstände, welche ich von den Künstlern
behandelt sah, erweckten das poetische Talent in mir, und wie man ja wohl
ein Kupfer zu einem Gedicht macht, so machte ich nun Gedichte zu den Kupfern
und Zeichnungen, indem ich mir die darauf vorgestellten Personen in ihrem
vorhergehenden und nachfolgenden Zustande zu vergegenwärtigen, bald
auch ein kleines Lied, das ihnen wohl geziemt hätte, zu dichten wußte,
und so mich gewöhnte, die Künste in Verbindung mit einander
zu betrachten. Ja selbst die Fehlgriffe, die ich tat, daß meine
Gedichte manchmal beschreibend wurden, waren mir in der Folge, als ich
zu mehrerer Besinnung kam, nützlich, indem sie mich auf den Unterschied
der Künste aufmerksam machten. Von solchen kleinen Dingen standen
mehrere in der Sammlung, welche Behrisch veranstaltet hatte; es ist aber
nichts davon übrig geblieben.
Das Kunst- und Geschmackselement, worin Oeser lebte, und auf welchem man
selbst, insofern man ihn fleißig besuchte, getragen wurde, ward
auch dadurch immer würdiger und erfreulicher, daß er sich gern
abgeschiedener oder abwesender Männer erinnerte, mit denen er in
Verhältnis gestanden hatte, oder solches noch immer forterhielt;
wie er denn, wenn er jemanden einmal seine Achtung geschenkt, ja unveränderlich
in dem Betragen gegen denselben blieb, und sich immer gleich geneigt erwies.
Nachdem wir unter den Franzosen vorzüglich Caylus hatten rühmen
hören, machte er uns auch mit deutschen, in diesem Fache tätigen
Männern bekannt. So erfuhren wir, daß Professor Christ als
Liebhaber, Sammler, Kenner, Mitarbeiter der Kunst schöne Dienste
geleistet, und seine Gelehrsamkeit zu wahrer Förderung derselben
angewendet habe. Heinecken dagegen durfte nicht wohl genannt werden, teils
weil er sich mit den allzu kindlichen Anfängen der deutschen Kunst,
welche Oeser wenig schätzte, gar zu emsig abgab, teils weil er einmal
mit Winckelmann unsäuberlich verfahren war, welches ihm denn niemals
verziehen werden konnte. Auf Lipperts Bemühungen jedoch ward unsere
Aufmerksamkeit kräftig hingeleitet, indem unser Lehrer das Verdienst
derselben genugsam herauszusetzen wußte. Denn obgleich, sagte er,
die Statuen und größeren Bildwerke Grund und Gipfel aller Kunstkenntnis
blieben, so seien sie doch sowohl im Original als Abguß selten zu
sehen, dahingegen durch Lippert eine kleine Welt von Gemmen bekannt werde,
in welcher der Alten faßlicheres Verdienst glückliche Erfindung,
zweckmäßige Zusammenstellung, geschmackvolle Behandlung, auffallender
und begreiflicher werde, auch bei so großer Menge die Vergleichung
eher möglich sei. Indem wir uns nun damit, so viel als erlaubt war,
beschäftigten, so wurde auf das hohe Kunstleben Winckelmanns in Italien
hingedeutet, und wir nahmen dessen erste Schriften mit Andacht in die
Hände: denn Oeser hatte eine leidenschaftliche Verehrung für
ihn, die er uns gar leicht einzuflößen vermochte. Das Problematische
jener kleinen Aufsätze, die sich noch dazu durch Ironie selbst verwirren
und sich auf ganz spezielle Meinungen und Ereignisse beziehen, vermochten
wir zwar nicht zu entziffern; allein weil Oeser viel Einfluß darauf
gehabt, und er das Evangelium des Schönen, mehr noch des Geschmackvollen
und Angenehmen, auch uns unablässig überlieferte, so fanden
wir den Sinn im allgemeinen wieder und dünkten uns bei solchen Auslegungen
um desto sicherer zu gehen, als wir es für kein geringes Glück
achteten, aus derselben Quelle zu schöpfen, aus der Winckelmann seinen
ersten Durst gestillt hatte.
Einer Stadt kann kein größeres Glück begegnen, als wenn
mehrere im Guten und Rechten gleichgesinnte, schon gebildete Männer
daselbst neben einander wohnen. Diesen Vorzug hatte Leipzig und genoß
ihn um so friedlicher, als sich noch nicht so manche Entzweiungen des
Urteils hervorgetan hatten. Huber, Kupferstichsammler und wohlgeübter
Kenner, hatte noch außerdem das dankbar anerkannte Verdienst, daß
er den Wert der deutschen Literatur auch den Franzosen bekannt zu machen
gedachte; Kreuchauff, Liebhaber mit geübtem Blick, der, als Freund
der ganzen Kunstsozietät, alle Sammlungen für die seinigen ansehen
konnte; Winkler, der die einsichtsvolle Freude, die er an seinen Schätzen
hegte, sehr gern mit anderen teilte, mancher andere, der sich anschloß:
alle lebten und wirkten nur in einem Sinne, und ich wüßte mich
nicht zu erinnern, so oft ich auch, wenn sie Kunstwerke durchsahen, beiwohnen
durfte, daß jemals ein Zwiespalt entstanden wäre: immer kam,
billiger Weise, die Schule in Betracht, aus welcher der Künstler
hervorgegangen, die Zeit, in der er gelebt, das besondere Talent, das
ihm die Natur verliehen, und der Grad, auf welchen er es in der Ausführung
gebracht. Da war keine Vorliebe weder für geistliche noch für
weltliche Gegenstände, für ländliche oder für städtische,
lebendige oder leblose; die Frage war immer nach dem Kunstgemäßen.
Ob sich nun gleich diese Liebhaber und Sammler, nach ihrer Lage, Sinnesart,
Vermögen und Gelegenheit, mehr gegen die niederländische Schule
richteten, so ward doch, indem man sein Auge an den unendlichen Verdiensten
der nordwestlichen Künstler übte, ein sehnsuchtsvoll verehrender
Blick nach Südosten immer offen gehalten.
Und so mußte die Universität, wo ich die Zwecke meiner Familie,
ja meine eignen versäumte, mich in demjenigen begründen, worin
ich die größte Zufriedenheit meines Lebens finden sollte; auch
ist mir der Eindruck jener Lokalitäten, in welchen ich so bedeutende
Anregungen empfangen, immer höchst lieb und wert geblieben. Die alte
Pleißenburg, die Zimmer der Akademie, vor allen aber Oesers Wohnung,
nicht weniger die Winklersche und Richtersche Sammlungen habe ich noch
immer lebhaft gegenwärtig.
Ein junger Mann jedoch, der, indem sich ältere unter einander von
schon bekannten Dingen unterhalten, nur beiläufig unterrichtet wird,
und welchem das schwerste Geschäft, das alles zurecht zu legen, dabei
überlassen bleibt, muß sich in einer sehr peinlichen Lage befinden.
Ich sah mich daher mit anderen sehnsuchtsvoll nach einer neuen Erleuchtung
um, die uns denn auch durch einen Mann kommen sollte, dem wir schon so
viel schuldig waren.
Auf zweierlei Weise kann der Geist höchlich erfreut werden, durch
Anschauung und Begriff. Aber jenes erfordert einen würdigen Gegenstand,
der nicht immer bereit, und eine verhältnismäßige Bildung,
zu der man nicht gerade gelangt ist. Der Begriff hingegen will nur Empfänglichkeit,
er bringt den Inhalt mit, und ist selbst das Werkzeug der Bildung. Daher
war uns jener Lichtstrahl höchst willkommen, den der vortrefflichste
Denker durch düstre Wolken auf uns herableitete. Man muß Jüngling
sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung Lessings »Laokoon,
in dem dieses Werk uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens
in die freien Gefilde des Gedankens hinriß. Das so lange mißverstandene
ut pictura poesis war auf einmal beseitigt. Der Unterschied der bildenden
und Redekünste klar; die Gipfel beider erschienen nun getrennt, wie
nah ihre Basen auch zusammenstoßen mochten. Der bildende Künstler
sollte sich innerhalb der Grenze des Schönen halten, wenn dem redenden,
der die Bedeutung jeder Art nicht entbehren kann, auch darüber hinauszuschweifen
vergönnt wäre. Jener arbeitet für den äußeren
Sinn, der nur durch das Schöne befriedigt wird, dieser für die
Einbildungskraft, die sich wohl mit dem Häßlichen noch abfinden
mag. Wie vor einem Blitz erleuchteten sich uns alle Folgen dieses herrlichen
Gedankens, alle bisherige anleitende und urteilende Kritik ward, wie ein
abgetragener Rock, weggeworfen, wir hielten uns von allem Übel erlöst,
und glaubten mit einigem Mitleid auf das sonst so herrliche sechzehnte
Jahrhundert herabblicken zu dürfen, wo man in deutschen Bildwerken
und Gedichten das Leben nur unter der Form eines schellenbehangenen Narren,
den Tod unter der Unform eines klappernden Gerippes, sowie die notwendigen
und zufälligen Übel der Welt unter dem Bilde des fratzenhaften
Teufels zu vergegenwärtigen wußte.
Am meisten entzückte uns die Schönheit jenes Gedankens, daß
die Alten den Tod als den Bruder des Schlafs anerkannt und beide, wie
es Menächmen geziemt, zum Verwechseln gleich gebildet. Hier konnten
wir nun erst den Triumph des schönen höchlich feiern, und das
Häßliche jeder Art, da es doch einmal aus der Welt nicht zu
vertreiben ist, im Reiche der Kunst nur in den niedrigen Kreis des Lächerlichen
verweisen.
Die Herrlichkeit solcher Haupt- und Grundbegriffe erscheint nur dem Gemüt,
auf welches sie ihre unendliche Wirksamkeit ausüben, erscheint nur
der Zeit, in welcher sie ersehnt, im rechten Augenblick hervortreten.
Da beschäftigen sich die, welchen mit solcher Nahrung gedient ist,
liebevoll ganze Epochen ihres Lebens damit und erfreuen sich eines überschwenglichen
Wachstums, indessen es nicht an Menschen fehlt, die sich auf der Stelle
einer solchen Wirkung widersetzen, und nicht an andern, die in der Folge
an dem hohen Sinne markten und mäkeln.
Wie sich aber Begriff und Anschauung wechselsweise fordern, so konnte
ich diese neuen Gedanken nicht lange verarbeiten, ohne daß ein unendliches
Verlangen bei mir entstanden wäre, doch einmal bedeutende Kunstwerke
in größerer Masse zu erblicken. Ich entschied mich daher, Dresden
ohne Aufenthalt zu besuchen. An der nötigen Barschaft fehlte es mir
nicht; aber es waren andere Schwierigkeiten zu überwinden, die ich
durch mein grillenhaftes Wesen noch ohne Not vermehrte: denn ich hielt
meinen Vorsatz vor jedermann geheim, weil ich die dortigen Kunstschätze
ganz nach eigner Art zu betrachten wünschte und, wie ich meinte,
mich von niemand wollte irre machen lassen. Außer diesem ward durch
noch eine andre Wunderlichkeit eine so einfache Sache verwickelter.
Wir haben angeborne und anerzogene Schwächen, und es möchte
noch die Frage sein, welche von beiden uns am meisten zu schaffen geben.
So gern ich mich mit jeder Art von Zuständen bekannt machte und dazu
manchen Anlaß gehabt hatte, war mir doch von meinem Vater eine äußerste
Abneigung gegen alle Gasthöfe eingeflößt worden. Auf seinen
Reisen durch Italien, Frankreich und Deutschland hatte sich diese Gesinnung
fest bei ihm eingewurzelt. Ob er gleich selten in Bildern sprach, und
dieselben nur, wenn er sehr heiter war, zu Hülfe rief; so pflegte
er doch manchmal zu wiederholen: in dem Tore eines Gasthofs glaube er
immer ein großes Spinnengewebe ausgespannt zu sehen, so künstlich,
daß die Insekten zwar hineinwärts, aber selbst die privilegierten
Wespen nicht ungerupft heraus fliegen könnten. Es schien ihm etwas
Erschreckliches, dafür, daß man seinen Gewohnheiten und allem,
was einem lieb im Leben wäre, entsagte und nach der Weise des Wirts
und der Kellner lebte, noch übermäßig bezahlen zu müssen.
Er pries die Hospitalität alter Zeiten, und so ungern er sonst auch
etwas Ungewohntes im Hause duldete, so übte er doch Gastfreundschaft,
besonders an Künstlern und Virtuosen; wie denn Gevatter Seekatz immer
sein Quartier bei uns behielt, und Abel, der letzte Musiker, welcher die
Gambe mit Glück und Beifall behandelte, wohl aufgenommen und bewirtet
wurde. Wie hätte ich mich nun mit solchen Jugendeindrücken,
die bisher durch nichts ausgelöscht worden, entschließen können,
in einer fremden Stadt einen Gasthof zu betreten? Nichts wäre leichter
gewesen, als bei guten Freunden ein Quartier zu finden; Hofrat Krebel,
Assessor Hermann und andere hatten mir schon oft davon gesprochen: allein
auch diesen sollte meine Reise ein Geheimnis bleiben, und ich geriet auf
den wunderliebsten Einfall. Mein Stubennachbar, der fleißige Theolog,
dem seine Augen leider immer mehr ablegten, hatte einen Verwandten in
Dresden, einen Schuster, mit dem er von Zeit zu Zeit Briefe wechselte.
Dieser Mann war mir wegen seiner Äußerungen schon längst
höchst merkwürdig geworden, und die Ankunft eines seiner Briefe
ward von uns immer festlich gefeiert. Die Art, womit er die Klagen seines
die Blindheit befürchtenden Vetters erwiderte, war ganz eigen: denn
er bemühte sich nicht um Trostgründe, welche immer schwer zu
finden sind; aber die heitere Art, womit er sein eignes enges, armes,
mühseliges Leben betrachtete, der Scherz, den er selbst den Übeln
und Unbequemlichkeiten abgewann, die unverwüstliche Überzeugung,
daß das Leben an und für sich ein Gut sei, teilte sich demjenigen
mit, der den Brief las, und versetzte ihn, wenigstens für Augenblicke,
in eine gleiche Stimmung. Enthusiastisch wie ich war, hatte ich diesen
Mann öfters verbindlich grüßen lassen, seine glückliche
Naturgabe gerühmt und den Wunsch, ihn kennen zu lernen, geäußert.
Dieses alles vorausgesetzt, schien mir nichts natürlicher, als ihn
aufzusuchen, mich mit ihm zu unterhalten, ja bei ihm zu wohnen und ihn
recht genau kennen zu lernen. Mein guter Kandidat gab mir, nach einigem
Widerstreben, einen mühsam geschriebenen Brief mit, und ich fuhr,
meine Matrikel in der Tasche, mit der gelben Kutsche sehnsuchtsvoll nach
Dresden.
Ich suchte nach meinem Schuster und fand ihn bald in der Vorstadt. Auf
seinem Schemel sitzend empfing er mich freundlich und sagte lächelnd,
nachdem er den Brief gelesen: »Ich sehe hieraus, junger Herr, daß
Ihr ein wunderlicher Christ seid.« _»Wie das, Meister?«
versetzte ich. Wunderlich ist nicht übel gemeint« fuhr er fort,
»man nennt jemand so, der sich nicht gleich ist, und ich nenne Sie
einen wunderlichen Christen, weil Sie sich in einem Stück als den
Nachfolger des Herrn bekennen, in dem anderen aber nicht.Auf meine Bitte,
mich aufzuklären, sagte er weiter: »Es scheint, daß Ihre
Absicht ist, eine fröhliche Botschaft den Armen und Niedrigen zu
verkündigen; das ist schön, und diese Nachahmung des Herrn ist
löblich; Sie sollten aber dabei bedenken, daß er lieber bei
wohlhabenden und reichen Leuten zu Tische saß, wo es gut herging,
und daß er selbst den Wohlgeruch des Balsams nicht verschmähte,
wovon Sie wohl bei mir das Gegenteil finden könnten.«
Dieser lustige Anfang setzte mich gleich in guten Humor, und wir neckten
einander eine ziemliche Weile herum. Die Frau stand bedenklich, wie sie
einen solchen Gast unterbringen und bewirten solle? Auch hierüber
hatte er sehr artige Einfälle, die sich nicht allein auf die Bibel,
sondern auch auf Gottfrieds »Chronik« bezogen, und als wir
einig waren, daß ich bleiben solle, gab ich meinen Beutel, wie er
war, der Wirtin zum Aufheben und ersuchte sie, wenn etwas nötig sei,
sich daraus zu versehen. Da er es ablehnen wollte und mit einiger Schalkheit
zu verstehen gab, daß er nicht so abgebrannt sei, als es aussehen
möchte, so entwaffnete ich ihn dadurch, daß ich sagte: und
wenn es auch nur wäre, um das Wasser in Wein zu verwandeln, so würde
wohl, da heutzutage keine Wunder mehr geschehen, ein solches probates
Hausmittel nicht am unrechten Orte sein. Die Wirtin schien mein Reden
und Handeln immer weniger seltsam zu finden, wir hatten uns bald in einander
geschickt und brachten einen sehr heiteren Abend zu. Er blieb sich immer
gleich, weil alles aus einer Quelle floß. Sein Eigentum war ein
tüchtiger Menschenverstand, der auf einem heiteren Gemüt ruhte
und sich in der gleichmäßigen hergebrachten Tätigkeit
gefiel. Daß er unablässig arbeitete, war sein Erstes und Notwendigstes,
daß er alles übrige als zufällig ansah, dies bewahrte
sein Behagen; und ich mußte ihn vor vielen andern in die Klasse
derjenigen rechnen, welche praktische Philosophen, bewußtlose Weltweisen
genannt wurden.
Die Stunde, wo die Galerie eröffnet werden sollte, mit Ungeduld erwartet,
erschien. Ich trat in dieses Heiligtum, und meine Verwunderung überstieg
jeden Begriff, den ich mir gemacht hatte. Dieser in sich selbst wiederkehrende
Saal, in welchem Pracht und Reinlichkeit bei der größten Stille
herrschten, die blendenden Rahmen, alle der Zeit noch näher, in der
sie verguldet wurden, der gebohnte Fußboden, die mehr von Schauenden
betretenen als von Arbeitenden benutzten Räume gaben ein Gefühl
von Feierlichkeit, einzig in seiner Art, das um so mehr der Empfindung
ähnelte, womit man ein Gotteshaus betritt, als der Schmuck so manches
Tempels, der Gegenstand so mancher Anbetung hier abermals, nur zu heiligen
Kunstzwecken aufgestellt erschien. Ich ließ mir die kursorische
Demonstration meines Führers gar wohl gefallen, nur erbat ich mir,
in der äußeren Galerie bleiben zu dürfen. Hier fand ich
mich, zu meinem Behagen, wirklich zu Hause. Schon hatte ich Werke mehrerer
Künstler gesehn, andere kannte ich durch Kupferstiche, andere dem
Namen nach; ich verhehlte es nicht und flößte meinem Führer
dadurch einiges Vertrauen ein, ja ihn ergetzte das Entzücken, das
ich bei Stücken äußerte, wo der Pinsel über die Natur
den Sieg davontrug: denn solche Dinge waren es vorzüglich, die mich
an sich zogen, wo die Vergleichung mit der bekannten Natur den Wert der
Kunst notwendig erhöhen mußte.
Als ich bei meinem Schuster wieder eintrat, um das Mittagsmahl zu genießen,
trauete ich meinen Augen kaum: denn ich glaubte ein Bild von Ostade vor
mir zu sehen, so vollkommen, daß man es nur auf die Galerie hätte
hängen dürfen. Stellung der Gegenstände, Licht, Schatten,
bräunlicher Teint des Ganzen, magische Haltung, alles, was man in
jenen Bildern bewundert, sah ich hier in der Wirklichkeit. Es war das
erstemal, daß ich auf einen so hohen Grad die Gabe gewahr wurde,
die ich nachher mit mehrerem Bewußtsein übte, die Natur nämlich
mit den Augen dieses oder jenes Künstlers zu sehen, dessen Werken
ich soeben eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Diese Fähigkeit
hat mir viel Genuß gewährt, aber auch die Begierde vermehrt,
der Ausübung eines Talents, das mir die Natur versagt zu haben schien,
von Zeit zu Zeit eifrig nachzuhängen.
Ich besuchte die Galerie zu allen vergönnten Stunden, und fuhr fort,
mein Entzücken über manche köstliche Werke vorlaut auszusprechen.
Ich vereitelte dadurch meinen löblichen Vorsatz, unbekannt und unbemerkt
zu bleiben; und da sich bisher nur ein Unteraufseher mit mir abgegeben
hatte, nahm nun auch der Galerieinspektor, Rat Riedel, von mir Notiz und
machte mich auf gar manches aufmerksam, welches vorzüglich in meiner
Sphäre zu liegen schien. Ich fand diesen trefflichen Mann damals
ebenso tätig und gefällig, als ich ihn nachher mehrere Jahre
hindurch gesehen und wie er sich noch heute erweist. Sein Bild hat sich
mir mit jenen Kunstschätzen so in eins verwoben, daß ich beide
niemals gesondert erblicke, ja sein Andenken hat mich nach Italien begleitet,
wo mir seine Gegenwart in manchen großen und reichen Sammlungen
sehr wünschenswert gewesen wäre.
Da man auch mit Fremden und Unbekannten solche Werke nicht stumm und ohne
wechselseitige Teilnahme betrachten kann, ihr Anblick vielmehr am ersten
geeignet ist, die Gemüter gegen einander zu eröffnen; so kam
ich auch daselbst mit einem jungen Manne ins Gespräch, der sich in
Dresden aufzuhalten und einer Legation anzugehören schien. Er lud
mich ein, abends in einen Gasthof zu kommen, wo sich eine muntere Gesellschaft
versammle, und wo man, indem jeder eine mäßige Zeche bezahle,
einige ganz vergnügte Stunden zubringen könne.
Ich fand mich ein, ohne die Gesellschaft anzutreffen, und der Kellner
setzte mich einigermaßen in Verwunderung, als er mir von dem Herrn,
der mich bestellt, ein Kompliment ausrichtete, wodurch dieser eine Entschuldigung,
daß er etwas später kommen werde, an mich gelangen ließ,
mit dem Zusatze, ich sollte mich an nichts stoßen, was vorgehe,
auch werde ich nichts weiter als meine eigne Zeche zu bezahlen haben.
Ich wußte nicht, was ich aus diesen Worten machen sollte, aber die
Spinneweben meines Vaters fielen mir ein, und ich faßte mich, um
zu erwarten, was da kommen möchte. Die Gesellschaft versammelte sich,
mein Bekannter stellte mich vor, und ich durfte nicht lange aufmerken,
so fand ich, daß es auf Mystifikation eines jungen Menschen hinausgehe,
der als ein Neuling sich durch ein vorlautes, anmaßliches Wesen
auszeichnete: ich nahm mich daher gar sehr in acht, daß man nicht
etwa Lust finden möchte, mich zu seinem Gefährten auszuersehen.
Bei Tische ward jene Absicht jedermann deutlicher, nur nicht ihm. Man
zechte immer stärker, und als man zuletzt seiner Geliebten zu Ehren
gleichfalls ein Vivat angestimmt; so schwur jeder hoch und teuer, aus
diesen Gläsern dürfe nun weiter kein Trunk geschehen; man warf
sie hinter sich, und dies war das Signal zu weit größeren Torheiten.
Endlich entzog ich mich ganz sachte, und der Kellner, indem er mir eine
sehr billige Zeche abforderte, ersuchte mich wiederzukommen, da es nicht
alle Abende so bunt hergehe. Ich hatte weit in mein Quartier, und es war
nah an Mitternacht, als ich es erreichte. Die Türen fand ich unverschlossen,
alles war zu Bette, und eine Lampe erleuchtete den enghäuslichen
Zustand, wo denn mein immer mehr geübtes Auge sogleich das schönste
Bild von Schalcken erblickte, von dem ich mich nicht losmachen konnte,
so daß es mir allen Schlaf vertrieb.
Die wenigen Tage meines Aufenthalts in Dresden waren allein der Gemäldegalerie
gewidmet. Die Antiken standen noch in den Pavillons des Großen Gartens,
ich lehnte ab sie zu sehen, sowie alles übrige, was Dresden Köstliches
enthielt; nur zur voll von der Überzeugung, daß in und an der
Gemäldesammlung selbst mir noch vieles verborgen bleiben müsse.
So nahm ich den Wert der italienischen Meister mehr auf Treu und Glauben
an, als daß ich mir eine Einsicht in denselben hätte anmaßen
können. Was ich nicht als Natur ansehen, an die Stelle der Natur
setzen, mit einem bekannten Gegenstand vergleichen konnte, war auf mich
nicht wirksam. Der materielle Eindruck ist es, der den Anfang selbst zu
jeder höheren Liebhaberei macht.
Mit meinem Schuster vertrug ich mich ganz gut. Er war geistreich und mannigfaltig
genug, und wir überboten uns manchmal an neckischen Einfällen;
jedoch ein Mensch, der sich glücklich preist und von andern verlangt,
daß sie das gleiche tun sollen, versetzt uns in ein Mißbehagen,
ja die Wiederholung solcher Gesinnungen macht uns Langeweile. Ich fand
mich wohl beschäftigt, unterhalten, aufgeregt, aber keineswegs glücklich,
und die Schuhe nach seinem Leisten wollten mir nicht passen. Wir schieden
jedoch als die besten Freunde, und auch meine Wirtin war beim Abschiede
nicht unzufrieden mit mir.
So sollte mir denn auch, noch kurz vor meiner Abreise, etwas sehr Angenehmes
begegnen. Durch die Vermittlung jenes jungen Mannes, der sich wieder bei
mir in einigen Kredit zu setzen wünschte, ward ich dem Direktor von
Hagedorn vorgestellt, der mir seine Sammlung mit großer Güte
vorwies, und sich an dem Enthusiasmus des jungen Kunstfreundes höchlich
ergetzte. Er war, wie es einem Kenner geziemt, in die Bilder, die er besaß,
ganz eigentlich verliebt, und fand daher selten an anderen eine Teilnahme,
wie er sie wünschte. Besonders machte es ihm Freude, daß mir
ein Bild von Swanevelt ganz übermäßig gefiel, daß
ich dasselbe in jedem einzelnen Teile zu preisen und zu erheben nicht
müde ward: denn gerade Landschaften, die mich an den schönen
heiteren Himmel, unter welchem ich herangewachsen, wieder erinnerten,
die Pflanzenfülle jener Gegenden, und was sonst für Gunst ein
wärmeres Klima den Menschen gewährt, rührten mich in der
Nachbildung am meisten, indem sie eine sehnsüchtige Erinnerung in
mir aufregten.
Diese köstlichen, Geist und Sinn zur wahren Kunst vorbereitenden
Erfahrungen wurden jedoch durch einen der traurigsten Anblicke unterbrochen
und gedämpft, durch den zerstörten und verödeten Zustand
so mancher Straße Dresdens, durch die ich meinen Weg nahm. Die Mohrenstraße
im Schutt, sowie die Kreuzkirche mit ihrem geborstenen Turm drückten
sich mir tief ein und stehen noch wie ein dunkler Fleck in meiner Einbildungskraft.
Von der Kuppel der Frauenkirche sah ich diese leidigen Trümmer zwischen
die schöne städtische Ordnung hineingesät; da rühmte
mir der Küster die Kunst des Baumeisters, welcher Kirche und Kuppel
auf einen so unerwünschten Fall schon eingerichtet und bombenfest
erbaut hatte. Der gute Sakristan deutete mir alsdann auf Ruinen nach allen
Seiten und sagte bedenklich lakonisch: »Das hat der Feind getan!«
So kehrte ich nun zuletzt, obgleich ungern, nach Leipzig zurück,
und fand meine Freunde, die solche Abschweifungen von mir nicht gewohnt
waren, in großer Verwunderung, beschäftigt mit allerlei Konjekturen,
was meine geheimnisvolle Reise wohl habe bedeuten sollen. Wenn ich ihnen
darauf meine Geschichte ganz ordentlich erzählte, erklärten
sie mir solche für ein Märchen und suchten scharfsinnig hinter
das Rätsel zu kommen, das ich unter der Schusterherberge zu verhüllen
mutwillig genug sei.
Hätten sie mir aber ins Herz sehen können, so würden sie
keinen Mutwillen darin entdeckt haben: denn die Wahrheit jenes alten Worts,
Zuwachs an Kenntnis ist Zuwachs an Unruhe, hatte mich mit ganzer Gewalt
getroffen, und je mehr ich mich anstrengte, dasjenige, was ich gesehn,
zu ordnen und mir zuzueignen, je weniger gelang es mir; ich mußte
mir zuletzt ein stilles Nachwirken gefallen lassen. Das gewöhnliche
Leben ergriff mich wieder, und ich fühlte mich zuletzt ganz behaglich,
wenn ein freundschaftlicher Umgang, Zunahme an Kenntnissen, die mir gemäß
waren, und eine gewisse Übung der Hand mich auf eine weniger bedeutende,
aber meinen Kräften mehr proportionierte Weise beschäftigten.
Eine sehr angenehme und für mich heilsame Verbindung, zu der ich
gelangte, war die mit dem Breitkopfischen Hause. Bernhard Christoph Breitkopf,
der eigentliche Stifter der Familie, der als ein armer Buchdruckergesell
nach Leipzig gekommen war, lebte noch und bewohnte den »Goldenen
Bären« ein ansehnliches Gebäude auf dem Neuen Neumarkt,
mit Gottsched als Hausgenossen. Der Sohn, Johann Gottlob Immanuel, war
auch schon längst verheiratet und Vater mehrerer Kinder. Einen Teil
ihres ansehnlichen Vermögens glaubten sie nicht besser anwenden z»
können, als indem sie ein großes neues Haus, »Zum silbernen
Bären« dem ersten gegenüber errichteten, welches höher
und weitläuftiger als das Stammhaus selbst angelegt ward. Gerade
zu der Zeit des Baues ward ich mit der Familie bekannt. Der älteste
Sohn mochte einige Jahre mehr haben als ich, ein wohlgestalteter junger
»ann, der Musik ergeben und geübt, sowohl den Flügel als
die Violine fertig zu behandeln. Der zweite, eine treue gute Seele, gleichfalls
musikalisch, belebte nicht weniger als der älteste die Konzerte,
die öfters veranstaltet wurden. Sie waren mir beide, so wie auch
Eltern und Schwestern, gewogen; ich ging ihnen beim Auf- und Ausbau, beim
Möblieren und Einziehen zur Hand, und begriff dadurch manches, was
sich auf ein solches Geschäft bezieht; auch hatte ich Gelegenheit,
die Oeserischen Lehren angewendet zu sehn. In dem neuen Hause, das ich
also entstehen sah, war ich oft zum Besuch. Wir trieben manches gemeinschaftlich,
und der Älteste komponierte einige meiner Lieder, die, gedruckt,
seinen Namen, aber nicht den meinigen führten und wenig bekannt geworden
sind. Ich habe die besseren ausgezogen und zwischen meine übrigen
kleinen Poesien eingeschaltet. Der Vater hatte den Notendruck erfunden
oder vervollkommnet. Von einer schönen Bibliothek, die sich meistens
auf den Ursprung der Buchdruckerei und ihr Wachstum bezog, erlaubte er
mir den Gebrauch, wodurch ich mir in diesem Fache einige Kenntnis erwarb.
Ingleichen fand ich daselbst gute Kupferwerke, die das Altertum darstellten,
und setzte meine Studien auch von dieser Seite fort, welche dadurch noch
mehr gefördert wurden, daß eine ansehnliche Schwefelsammlung
beim Umziehen in Unordnung geraten war. Ich brachte sie, so gut ich konnte,
wieder zurechte und war genötigt, dabei mich im Lippert und anderen
umzusehen. Einen Arzt, Doktor Reichel, gleichfalls einen Hausgenossen,
konsultierte ich von Zeit zu Zeit, da ich mich, wo nicht krank, doch unmustern
fühlte, und so führten wir zusammen ein stilles anmutiges Leben.
Nun sollte ich in diesem Hause noch eine andere Art von Verbindung eingehen.
Es zog nämlich in die Mansarde der Kupferstecher Stock. Er war aus
Nürnberg gebürtig, ein sehr fleißiger und in seinen Arbeiten
genauer und ordentlicher Mann. Auch er stach, wie Geyser, nach Oeserischen
Zeichnungen größere und kleinere Platten, die zu Romanen und
Gedichten immer mehr in Schwung kamen. Er radierte sehr sauber, so daß
die Arbeit aus dem Ätzwasser beinahe vollendet herauskam, und mit
dem Grabstichel, den er sehr gut führte, nur weniges nachzuhelfen
blieb. Er machte einen genauen Überschlag, wie lange ihn eine Platte
beschäftigen würde, und nichts war vermögend, ihn von seiner
Arbeit abzurufen, wenn er nicht sein täglich vorgesetztes Pensum
vollbracht hatte. So saß er an einem breiten Arbeitstisch am großen
Giebelfenster, in einer sehr ordentlichen und reinlichen Stube, wo ihm
Frau und zwei Töchter häusliche Gesellschaft leisteten. Von
diesen letzten ist die eine glücklich verheiratet und die andere
eine vorzügliche Künstlerin; sie sind lebenslänglich meine
Freundinnen geblieben. Ich teilte nun meine Zeit zwischen den obern und
untern Stockwerken und attachierte mich sehr an den Mann, der bei seinem
anhaltenden Fleiße einen herrlichen Humor besaß und die Gutmütigkeit
selbst war.
Mich reizte die reinliche Technik dieser Kunstart, und so ich gesellte
mich zu ihm, um auch etwas dergleichen zu verfertigen. Meine Neigung hatte
sich wieder auf die Landschaft gelenkt, die mir bei einsamen Spaziergängen
unterhaltend, an sich erreichbar und in den Kunstwerken faßlicher
erschien als die menschliche Figur, die mich abschreckte. Ich radierte
daher unter seiner Anleitung verschiedene Landschaften nach Thiele und
andern, die, obgleich von einer ungeübten Hand verfertigt, doch einigen
Effekt machten und gut aufgenommen wurden. Das Grundieren der Platten,
das Weißanstreichen derselben, das Radieren selbst und zuletzt das
Ätzen gab mannigfaltige Beschäftigung, und ich war bald dahin
gelangt, daß ich meinem Meister in manchen Dingen beistehen konnte.
Mir fehlte nicht die beim Ätzen nötige Aufmerksamkeit, und selten
daß mir etwas mißlang; aber ich hatte nicht Vorsicht genug,
mich gegen die schädlichen Dünste zu verwahren, die sich bei
solcher Gelegenheit zu entwickeln pflegen, und sie mögen wohl zu
den Übeln beigetragen haben, die mich nachher eine Zeitlang quälten.
Zwischen solchen Arbeiten wurde auch manchmal, damit ja alles versucht
würde, in Holz geschnitten. Ich verfertigte verschiedene kleine Druckerstöcke,
nach französischen Mustern, und manches davon ward brauchbar gefunden.
Man lasse mich hier noch einiger Männer gedenken, welche sich in
Leipzig aufhielten, oder daselbst auf kurze Zeit verweilten. Kreissteuereinnehmer
Weiße, in seinen besten Jahren, heiter, freundlich und zuvorkommend,
ward von uns geliebt und geschätzt. Zwar wollten wir seine Theaterstücke
nicht durchaus für musterhaft gelten lassen, ließen uns aber
doch davon hinreißen, und seine Opern, durch Hillern auf eine leichte
Weise belebt, machten uns viel Vergnügen. Schiebeler, von Hamburg,
betrat dieselbe Bahn, und dessen »Lisuart und Dariolette«
ward von uns gleichfalls begünstigt. Eschenburg, ein schöner
junger Mann, nur um weniges älter als wir, zeichnete sich unter den
Studierenden vorteilhaft aus. Zachariä ließ sich's einige Wochen
bei uns gefallen und speiste, durch seinen Bruder eingeleitet, mit uns
an einem Tische. Wir schätzten es, wie billig, für eine Ehre,
wechselsweise durch ein paar außerordentliche Gerichte, reichlicheren
Nachtisch und ausgesuchteren Wein unserm Gast zu willfahren, der, als
ein großer, wohlgestalteter, behaglicher Mann, seine Neigung zu
einer guten Tafel nicht verhehlte. Lessing traf zu einer Zeit ein, wo
wir, ich weiß nicht was, im Kopf hatten: es beliebte uns, ihm nirgends
zu Gefallen zu gehen, ja die Orte, wo er hinkam, zu vermeiden, wahrscheinlich
weil wir uns zu gut dünkten, von ferne zu stehen, und keinen Anspruch
machen konnten, in ein näheres Verhältnis mit ihm zu gelangen.
Diese augenblickliche Albernheit, die aber bei einer anmaßlichen
und grillenhaften Jugend nichts Seltenes ist, bestrafte sich freilich
in der Folge, indem ich diesen so vorzüglichen und von mir aufs höchste
geschätzten Mann niemals mit Augen gesehen.
Bei allen Bemühungen jedoch, welche sich auf Kunst und Altertum bezogen,
hatte jeder stets Winckelmann vor Augen, dessen Tüchtigkeit im Vaterlande
mit Enthusiasmus anerkannt wurde. Wir lasen fleißig seine Schriften,
und suchten uns die Umstände bekannt zu machen, unter welchen er
die ersten geschrieben hatte. Wir fanden darin manche Ansichten, die sich
von Oesern herzuschreiben schienen, ja sogar Scherz und Grillen nach seiner
Art, und ließen nicht nach, bis wir uns einen ungefähren Begriff
von der Gelegenheit gemacht hatten, bei welcher diese merkwürdigen
und doch mitunter so rätselhaften Schriften entstanden waren; ob
wir es gleich dabei nicht sehr genau nahmen: denn die Jugend will lieber
angeregt als unterrichtet sein, und es war nicht das letztemal, daß
ich eine bedeutende Bildungsstufe sibyllinischen Blättern verdanken
sollte.
Es war damals in der Literatur eine schöne Zeit, wo vorzüglichen
Menschen noch mit Achtung begegnet wurde, obgleich die Klotzischen Händel
und Lessings Kontroversen schon darauf hindeuteten, daß diese Epoche
sich bald schließen werde. Winckelmann genoß einer solchen
allgemeinen, unangetasteten Verehrung, und man weiß, wie empfindlich
er war gegen irgend etwas Öffentliches, das seiner wohl gefühlten
Würde nicht gemäß schien. Alle Zeitschriften stimmten
zu seinem Ruhme überein, die besseren Reisenden kamen belehrt und
entzückt von ihm zurück, und die neuen Ansichten, die er gab,
verbreiteten sich über Wissenschaft und Leben. Der Fürst von
Dessau hatte sich zu einer gleichen Achtung emporgeschwungen. Jung, wohl-
und edeldenkend, hatte er sich auf seinen Reisen und sonst recht wünschenswert
erwiesen. Winckelmann war im höchsten Grade von ihm entzückt
und belegte ihn, wo er seiner gedachte, mit den schönsten Beinamen.
Die Anlage eines damals einzigen Parks, der Geschmack zur Baukunst, welchen
von Erdmannsdorff durch seine Tätigkeit unterstützte, alles
sprach zu Gunsten eines Fürsten, der, indem er durch sein Beispiel
den übrigen vorleuchtete, Dienern und Untertanen ein goldnes Zeitalter
versprach. Nun vernahmen wir jungen Leute mit Jubel, daß Winckelmann
aus Italien zurückkehren, seinen fürstlichen Freund besuchen,
unterwegs bei Oesern eintreten und also auch in unsern Gesichtskreis kommen
würde. Wir machten keinen Anspruch, mit ihm zu reden; aber wir hofften,
ihn zu sehen, und weil man in solchen Jahren einen jeden Anlaß gern
in eine Lustpartie verwandelt, so hatten wir schon Ritt und Fahrt nach
Dessau verabredet, wo wir in einer schönen, durch Kunst verherrlichten
Gegend, in einem wohl administrierten und zugleich äußerlich
geschmückten Lande bald da bald dort aufzupassen dachten, um die
über uns so weit erhabenen Männer mit eigenen Augen umherwandeln
zu sehen. Oeser war selbst ganz exaltiert, wenn er daran nur dachte, und
wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht von Winckelmanns
Tode zwischen uns nieder. Ich erinnere mich noch der Stelle, wo ich sie
zuerst vernahm; es war in dem Hofe der Pleißenburg, nicht weit von
der kleinen Pforte, durch die man zu Oeser hinaufzusteigen pflegte. Es
kam mir ein Mitschüler entgegen, sagte mir, daß Oeser nicht
zu sprechen sei, und die Ursache warum. Dieser ungeheuere Vorfall tat
eine ungeheuere Wirkung; es war ein allgemeines Jammern und Wehklagen,
und sein frühzeitiger Tod schärfte die Aufmerksamkeit auf den
Wert seines Lebens. Ja vielleicht wäre die Wirkung seiner Tätigkeit,
wenn er sie auch bis in ein höheres Alter fortgesetzt hätte,
nicht so groß gewesen, als sie jetzt werden mußte, da er,
wie mehrere außerordentliche Menschen, auch noch durch ein seltsames
und widerwärtiges Ende vom Schicksal ausgezeichnet worden.
Indem ich nun aber Winckelmanns Abscheiden grenzenlos beklagte, so dachte
ich nicht, daß ich mich bald in dem Falle befinden würde, für
mein eignes Leben besorgt zu sein: denn unter allem diesen hatten meine
körperlichen Zustände nicht die beste Wendung genommen. Schon
von Hause hatte ich einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht, der
sich in dem neuen sitzenden und schleichenden Leben eher verstärkte
als verschwächte. Der Schmerz auf der Brust, den ich seit dem Auerstädter
Unfall von Zeit zu Zeit empfand und der, nach einem Sturz mit dem Pferde,
merklich gewachsen war, machte mich mißmutig. Durch eine unglückliche
Diät verdarb ich mir die Kräfte der Verdauung; das schwere Merseburger
Bier verdüsterte mein Gehirn, der Kaffee, der mir eine ganz eigne
triste Stimmung gab, besonders mit Milch nach Tische genossen, paralysierte
meine Eingeweide und schien ihre Funktionen völlig aufzuheben, so
daß ich deshalb große Beängstigungen empfand, ohne jedoch
den Entschluß zu einer vernünftigeren Lebensart fassen zu können.
Meine Natur, von hinlänglichen Kräften der Jugend unterstützt,
schwankte zwischen den Extremen von ausgelassener Lustigkeit und melancholischem
Unbehagen. Ferner war damals die Epoche des Kaltbadens eingetreten, welches
unbedingt empfohlen ward. Man sollte auf hartem Lager schlafen, nur leicht
zugedeckt, wodurch denn alle gewohnte Ausdünstung unterdrückt
wurde. Diese und andere Torheiten, in Gefolg von mißverstandenen
Anregungen Rousseaus, würden uns, wie man versprach, der Natur näher
führen und uns aus dem Verderbnisse der Sitten retten. Alles Obige
nun, ohne Unterscheidung, mit unvernünftigem Wechsel angewendet,
empfanden mehrere als das Schädlichste, und ich verhetzte meinen
glücklichen Organismus dergestalt, daß die darin enthaltenen
besondern Systeme zuletzt in eine Verschwörung und Revolution ausbrechen
mußten, um das Ganze zu retten.
Eines Nachts wachte ich mit einem heftigen Blutsturz auf, und hatte noch
soviel Kraft und Besinnung, meinen Stubennachbar zu wecken. Doktor Reichel
wurde gerufen, der mir aufs freundlichste hülfreich ward, und so
schwankte ich mehrere Tage zwischen Leben und Tod, und selbst die Freude
an einer erfolgenden Besserung wurde dadurch vergällt, daß
sich, bei jener Eruption, zugleich ein Geschwulst an der linken Seite
des Halses gebildet hatte, den man jetzt erst, nach vorübergegangner
Gefahr, zu bemerken Zeit fand. Genesung ist jedoch immer angenehm und
erfreulich, wenn sie auch langsam und kümmerlich vonstatten geht,
und da bei mir sich die Natur geholfen, so schien ich auch nunmehr ein
anderer Mensch geworden zu sein: denn ich hatte eine größere
Heiterkeit des Geistes gewonnen, als ich mir lange nicht gekannt, ich
war froh, mein Inneres frei zu fühlen, wenn mich gleich äußerlich
ein langwieriges Leiden bedrohte.
Was mich aber in dieser Zeit besonders aufrichtete, war zu sehen, wieviel
vorzügliche Männer mir unverdient ihre Neigung zugewendet hatten.
Unverdient, sage ich: denn es war keiner darunter, dem ich nicht, durch
widerliche Launen, beschwerlich gewesen wäre, keiner, den ich nicht
durch krankhaften Widersinn mehr als einmal verletzt, ja den ich nicht,
im Gefühl meines eignen Unrechts, eine Zeitlang störrisch gemieden
hätte. Dies alles war vergessen, sie behandelten mich aufs liebreichste
und suchten mich teils auf meinem Zimmer, teils sobald ich es verlassen
konnte, zu unterhalten und zu zerstreuen. Sie fuhren mit mir aus, bewirteten
mich auf ihren Landhäusern, und ich schien mich bald zu erholen.
Unter diesen Freunden nenne ich wohl zuvörderst den damaligen Ratsherrn,
nachherigen Burgemeister von Leipzig, Doktor Hermann. Er war unter denen
Tischgenossen, die ich durch Schlosser kennen lernte, derjenige, zu dem
sich ein immer gleiches und dauerndes Verhältnis bewährte. Man
konnte ihn wohl zu den fleißigsten der akademischen Mitbürger
rechnen. Er besuchte seine Kollegien auf das regelmäßigste,
und sein Privatfleiß blieb sich immer gleich. Schritt vor Schritt,
ohne die mindeste Abweichung, sah ich ihn den Doktorgrad erreichen, dann
sich zur Assessur emporheben, ohne daß ihm hiebei etwas mühsam
geschienen, daß er im mindesten etwas übereilt oder verspätet
hätte. Die Sanftheit seines Charakters zog mich an, seine lehrreiche
Unterhaltung hielt mich fest; ja ich glaube wirklich, daß ich mich
an seinem geregelten Fleiß vorzüglich deswegen erfreute, weil
ich mir von einem Verdienste, dessen ich mich keineswegs rühmen konnte,
durch Anerkennung und Hochschätzung, wenigstens einen Teil zuzueignen
meinte.
Ebenso regelmäßig als in seinen Geschäften war er in Ausübung
seiner Talente und im Genuß seiner Vergnügungen. Er spielte
den Flügel mit großer Fertigkeit, zeichnete mit Gefühl
nach der Natur, und regte mich an, das gleiche zu tun; da ich denn in
seiner Art auf grau Papier mit schwarzer und weißer Kreide gar manches
Weidicht der Pleiße und manchen lieblichen Winkel dieser stillen
Wasser nachzubilden und dabei immer sehnsüchtig meinen Grillen nachzuhängen
pflegte. Er wußte mein mitunter komisches Wesen durch heitere Scherze
zu erwidern, und ich erinnere mich mancher vergnügten Stunde, die
wir zusammen zubrachten, wenn er mich mit scherzhafter Feierlichkeit zu
einem Abendessen unter vier Augen einlud, wo wir mit eignem. Anstand,
bei angezündeten Wachslichtern, einen sogenannten Ratshasen, der
ihm als Deputat seiner Stelle in die Küche gelaufen war, verzehrten,
und mit gar manchen Späßen, in Behrischens Manier, das Essen
zu würzen und den Geist des Weines zu erhöhen beliebten. Daß
dieser treffliche und noch jetzt in seinem ansehnlichen Amte immerfort
wirksame Mann mir bei meinem zwar geahndeten, aber in seiner ganzen Größe
nicht vorausgesehenen Übel den treuliebsten Beistand leistete, mir
jede freie Stunde schenkte, und durch Erinnerung an frühere Heiterkeiten
den trüben Augenblick zu erhellen wußte, erkenne ich noch immer
mit dem aufrichtigsten Dank, und freue mich, nach so langer Zeit ihn öffentlich
abstatten zu können.
Außer diesem werten Freunde nahm sich Gröning von Bremen besonders
meiner an. Ich hatte erst kurz vorher seine Bekanntschaft gemacht, und
sein Wohlwollen gegen mich ward ich erst bei dem Unfalle gewahr; ich fühlte
den Wert dieser Gunst um so lebhafter, als niemand leicht eine nähere
Verbindung mit Leidenden sucht. Er sparte nichts, um mich zu ergetzen,
mich aus dem Nachsinnen über meinen Zustand herauszuziehen und mir
Genesung und gesunde Tätigkeit in der nächsten Zeit vorzuzeigen
und zu versprechen. Wie oft habe ich mich gefreut, in dem Fortgange des
Lebens zu hören, wie sich dieser vorzügliche Mann, in den wichtigsten
Geschäften, seiner Vaterstadt nützlich und heilbringend erwiesen.
Hier war es auch, wo Freund Horn seine Liebe und Aufmerksamkeit ununterbrochen
wirken ließ. Das ganze Breitkopfische Haus, die Stockische Familie,
manche andere behandelten mich als einen nahen Verwandten; und so wurde
mir durch das Wohlwollen so vieler freundlicher Menschen das Gefühl
meines Zustandes auf das zarteste gelindert.
Umständlicher muß ich jedoch hier eines Mannes erwähnen,
den ich erst in dieser Zeit kennen lernte und dessen lehrreicher Umgang
mich über die traurige Lage, in der ich mich befand, dergestalt verblendete,
daß ich sie wirklich vergaß. Es war Langer, nachheriger Bibliothekar
in Wolfenbüttel. Vorzüglich gelehrt und unterrichtet, freute
er sich an meinem Heißhunger nach Kenntnissen, der sich nun bei
der krankhaften Reizbarkeit völlig fieberhaft äußerte.
Er suchte mich durch deutliche Übersichten zu beruhigen, und ich
bin seinem, obwohl kurzen Umgange sehr viel schuldig geworden, indem er
mich auf mancherlei Weise zu leiten verstand und mich aufmerksam machte,
wohin ich mich gerade gegenwärtig zu richten hätte. Ich fand
mich diesem bedeutenden Manne um so mehr verpflichtet, als mein Umgang
ihn einiger Gefahr aussetzte: denn als er nach Behrischen die Hofmeisterstelle
bei dem jungen Grafen Lindenau erhielt, machte der Vater dem neuen Mentor
ausdrücklich zur Bedingung, keinen Umgang mit mir zu pflegen. Neugierig,
ein so gefährliches Subjekt kennen zu lernen, wußte er mich
mehrmals am dritten Orte zu sehen. Ich gewann bald seine Neigung, und
er, klüger als Behrisch, holte mich bei Nachtszeit ab, wir gingen
zusammen spazieren, unterhielten uns von interessanten Dingen, und ich
begleitete ihn endlich bis an die Türe seiner Geliebten: denn auch
dieser äußerlich streng scheinende, ernste, wissenschaftliche
Mann war nicht frei von den Netzen eines sehr liebenswürdigen Frauenzimmers
geblieben.
Die deutsche Literatur und mit ihr meine eignen poetischen Unternehmungen
waren mir schon seit einiger Zeit fremd geworden, und ich wendete mich
wieder, wie es bei einem solchen autodidaktischen Kreisgange zu erfolgen
pflegt, gegen die geliebten Alten, die noch immer, wie ferne blaue Berge,
deutlich in ihren Umrissen und Massen, aber unkenntlich in ihren Teilen
und inneren Beziehungen, den Horizont meiner geistigen Wünsche begrenzten.
Ich machte einen Tausch mit Langer, wobei ich zugleich den Glaukus und
Diomedes spielte; ich überließ ihm ganze Körbe deutscher
Dichter und Kritiker und erhielt dagegen eine Anzahl griechischer Autoren,
deren Benutzung mich, selbst bei dem langsamsten Genesen, erquicken sollte.
Das Vertrauen, welches neue Freunde sich einander schenken, pflegt sich
stufenweise zu entwickeln. Gemeinsame Beschäftigungen und Liebhabereien
sind das erste, worin sich eine wechselseitige Übereinstimmung hervortut;
sodann pflegt die Mitteilung sich über vergangene und gegenwärtige
Leidenschaften, besonders über Liebesabenteuer zu erstrecken; es
ist aber noch ein Tieferes, das sich aufschließt, wenn das Verhältnis
sich vollenden will, es sind die religiosen Gesinnungen, die Angelegenheiten
des Herzens, die auf das Unvergängliche Bezug haben, und welche sowohl
den Grund einer Freundschaft befestigen als ihren Gipfel zieren.
Die christliche Religion schwankte zwischen ihrem eignen Historisch-Positiven
und einem reinen Deismus, der, auf Sittlichkeit gegründet, wiederum
die Moral begründen sollte. Die Verschiedenheit der Charaktere und
Denkweisen zeigte sich hier in unendlichen Abstufungen, besonders da noch
ein Hauptunterschied mit einwirkte, indem die Frage entstand, wieviel
Anteil die Vernunft, wieviel die Empfindung an solchen Überzeugungen
haben könne und dürfe. Die lebhaftesten und geistreichsten Männer
erwiesen sich in diesem Falle als Schmetterlinge, welche ganz uneingedenk
ihres Raupenstandes die Puppenhülle wegwerfen, in der sie zu ihrer
organischen Vollkommenheit gediehen sind. Andere, treuer und bescheidner
gesinnt, konnte man den Blumen vergleichen, die, ob sie sich gleich zur
schönsten Blüte entfalten, sich doch von der Wurzel, von dem
Mutterstamme nicht losreißen, ja vielmehr durch diesen Familienzusammenhang
die gewünschte Frucht erst zur Reife bringen. Von dieser letztern
Art war Langer; denn obgleich Gelehrter und vorzüglicher Bücherkenner,
so mochte er doch der Bibel vor anderen überlieferten Schriften einen
besondern Vorzug gönnen und sie als ein Dokument ansehen, woraus
wir allein unsern sittlichen und geistigen Stammbaum dartun könnten.
Er gehörte unter diejenigen, denen ein unmittelbares Verhältnis
zu dem großen Weltgotte nicht in den Sinn will; ihm war daher eine
Vermittelung notwendig, deren Analogon er überall in irdischen und
himmlischen Dingen zu finden glaubte. Sein Vortrag, angenehm und konsequent,
fand bei einem jungen Menschen leicht Gehör, der, durch eine verdrießliche
Krankheit von irdischen Dingen abgesondert, die Lebhaftigkeit seines Geistes
gegen die himmlischen zu wenden höchst erwünscht fand. Bibelfest
wie ich war, kam es bloß auf den Glauben an, das, was ich menschlicher
Weise zeither geschätzt, nunmehr für göttlich zu erklären,
welches mir um so leichter fiel, da ich die erste Bekanntschaft mit diesem
Buche als einem göttlichen gemacht hatte. Einem Duldenden, zart,
ja schwächlich Fühlenden war daher das Evangelium willkommen,
und wenn auch Langer bei seinem Glauben zugleich ein sehr verständiger
Mann war und fest darauf hielt, daß man die Empfindung nicht solle
vorherrschen, sich nicht zur Schwärmerei solle verleiten lassen;
so hätte ich doch nicht recht gewußt, mich ohne Gefühl
und Enthusiasmus mit dem Neuen Testament zu beschäftigen.
Mit solchen Unterhaltungen verbrachten wir manche Zeit, und er gewann
mich als einen getreuen und wohl vorbereiteten Proselyten dergestalt lieb,
daß er manche seiner Schönen zugedachte Stunde mir aufzuopfern
nicht anstand, ja sogar Gefahr lief, verraten und, wie Behrisch, von seinem
Patron übel angesehen zu werden. Ich erwiderte seine Neigung auf
das Dankbarste, und wenn dasjenige, was er für mich tat, zu jeder
Zeit wäre schätzenswert gewesen, so mußte es mir in meiner
gegenwärtigen Lage höchst verehrlich sein.
Da nun aber gewöhnlich, wenn unser Seelenkonzent am geistigsten gestimmt
ist, die rohen, kreischenden Töne des Weltwesens am gewaltigsten
und ungestümsten einfallen, und der in geheim immer fortwaltende
Kontrast, auf einmal hervortretend, nur desto empfindlicher wirkt, so
sollte ich auch nicht aus der peripatetischen Schule meines Langers entlassen
werden, ohne vorher noch ein, für Leipzig wenigstens, seltsames Ereignis
erlebt zu haben, einen Tumult nämlich, den die Studierenden erregten,
und zwar aus folgendem Anlasse. Mit den Stadtsoldaten hatten sich junge
Leute veruneinigt, es war nicht ohne Tätlichkeiten abgelaufen. Mehrere
Studierende verbanden sich, die zugefügten Beleidigungen zu rächen.
Die Soldaten widerstanden hartnäckig, und der Vorteil war nicht auf
der Seite der sehr unzufriedenen akademischen Bürger. Nun ward erzählt,
es hätten angesehene Personen wegen tapferen Widerstands die Obsiegenden
gelobt und belohnt, und hierdurch ward nun das jugendliche Ehr- und Rachgefühl
mächtig aufgefordert. Man erzählte sich öffentlich, daß
den nächsten Abend Fenster eingeworfen werden sollten, und einige
Freunde, welche mir die Nachricht brachten, daß es wirklich geschehe,
mußten mich hinführen, da Jugend und Menge wohl immer durch
Gefahr und Tumult angezogen wird. Es begann wirklich ein seltsames Schauspiel.
Die übrigens freie Straße war an der einen Seite von Menschen
besetzt, welche ganz ruhig, ohne Lärm und Bewegung, abwarteten, was
geschehen solle. Auf der leeren Bahn gingen etwa ein Dutzend junge Leute
einzeln hin und wider, in anscheinender größter Gelassenheit;
sobald sie aber gegen das bezeichnete Haus kamen, so warfen sie im Vorbeigehn
Steine nach den Fenstern, und dies zu wiederholten Malen hin und wider
kehrend, solange die Scheiben noch klirren wollten. Ebenso ruhig, wie
dieses vorging, verlief sich auch endlich alles, und die Sache hatte keine
weiteren Folgen.
Mit einem so geltenden Nachklange akademischer Großtaten fuhr ich
im September 1768 von Leipzig ab, in dem bequemen Wagen eines Hauderers
und in Gesellschaft einiger mir bekannten zuverlässigen Personen.
In der Gegend von Auerstädt gedachte ich jenes früheren Unfalls;
aber ich konnte nicht ahnden, was viele Jahre nachher mich von dorther
mit größerer Gefahr bedrohen würde, ebenso wenig, als
in Gotha, wo wir uns das Schloß zeigen ließen, ich, in dem
großen mit Stuckaturbildern verzierten Saale, denken durfte, daß
mir an eben der Stelle so viel Gnädiges und Liebes widerfahren sollte.
Je mehr ich mich nun meiner Vaterstadt näherte, desto mehr rief ich
mir, bedenklicher Weise, zurück, in welchen Zuständen, Aussichten,
Hoffnungen ich von Hause weg gegangen, und es war ein sehr niederschlagendes
Gefühl, daß ich nunmehr gleichsam als ein Schiffbrüchiger
zurückkehrte. Da ich mir jedoch nicht sonderlich viel vorzuwerfen
hatte, so wußte ich mich ziemlich zu beruhigen; indessen war der
Willkommen nicht ohne Bewegung. Die große Lebhaftigkeit meiner Natur,
durch Krankheit gereizt und erhöht, verursachte eine leidenschaftliche
Szene. Ich mochte übler aussehen, als ich selbst wußte: denn
ich hatte lange keinen Spiegel zu Rat gezogen; und wer wird sich denn
nicht selbst gewohnt! Genug, man kam stillschweigend überein, mancherlei
Mitteilungen erst nach und nach zu bewirken und vor allen Dingen sowohl
körperlich als geistig einige Beruhigung eintreten zu lassen.
Meine Schwester gesellte sich gleich zu mir, und wie vorläufig aus
ihren Briefen, so konnte ich nunmehr umständlicher und genauer die
Verhältnisse und die Lage der Familie vernehmen. Mein Vater hatte
nach meiner Abreise seine ganze didaktische Liebhaberei der Schwester
zugewendet, und ihr bei einem völlig geschlossenen, durch den Frieden
gesicherten und selbst von Mietleuten geräumten Hause fast alle Mittel
abgeschnitten, sich auswärts einigermaßen umzutun und zu erholen.
Das Französische, Italienische, Englische mußte sie abwechselnd
treiben und bearbeiten, wobei er sie einen großen Teil des Tags
sich an dem Klaviere zu üben nötigte. Das Schreiben durfte auch
nicht versäumt werden, und ich hatte wohl schon früher gemerkt,
daß er ihre Korrespondenz mit mir dirigiert und seine Lehren durch
ihre Feder mir hatte zukommen lassen. Meine Schwester war und blieb ein
indefinibels Wesen, das sonderbarste Gemisch von Strenge und Weichheit,
von Eigensinn und Nachgiebigkeit, welche Eigenschaften bald vereint, bald
durch Willen und Neigung vereinzelt wirkten. So hatte sie auf eine Weise,
die mir fürchterlich erschien, ihre Härte gegen den Vater gewendet,
dem sie nicht verzieh, daß er ihr diese drei Jahre lang so manche
unschuldige Freude verhindert oder vergällt, und von dessen guten
und trefflichen Eigenschaften sie auch ganz und gar keine anerkennen wollte.
Sie tat alles, was er befahl oder anordnete, aber auf die unlieblichste
Weise von der Welt. Sie tat es in hergebrachter Ordnung, aber auch nichts
drüber und nichts drunter. Aus Liebe oder Gefälligkeit bequemte
sie sich zu nichts, so daß dies eins der ersten Dinge war, über
die sich die Mutter in einem geheimen Gespräch mit mir beklagte.
Da nun aber meine Schwester so liebebedürftig war, als irgend ein
menschliches Wesen; so wendete sie nun ihre Neigung ganz auf mich. Ihre
Sorge für meine Pflege und Unterhaltung verschlang alle ihre Zeit;
ihre Gespielinnen, die von ihr beherrscht wurden, ohne daß sie daran
dachte, mußten gleichfalls allerlei aussinnen, um mir gefällig
und trostreich zu sein. Sie war erfinderisch, mich zu erheitern, und entwickelte
sogar einige Keime von possenhaftem Humor, den ich an ihr nie gekannt
hatte, und der ihr sehr gut ließ. Es entspann sich bald unter uns
eine Koteriesprache, wodurch wir vor allen Menschen reden konnten, ohne
daß sie uns verstanden, und sie bediente sich dieses Rotwelsches
öfters mit vieler Keckheit in Gegenwart der Eltern.
Persönlich war mein Vater in ziemlicher Behaglichkeit. Er befand
sich wohl, brachte einen großen Teil des Tags mit dem Unterrichte
meiner Schwester zu, schrieb an seiner Reisebeschreibung, und stimmte
seine Laute länger, als er darauf spielte. Er verhehlte dabei, so
gut er konnte, den Verdruß, anstatt eines rüstigen, tätigen
Sohns, der nun promovieren und jene vorgeschriebene Lebensbahn durchlaufen
sollte, einen Kränkling zu finden, der noch mehr an der Seele als
am Körper zu leiden schien. Er verbarg nicht seinen Wunsch, daß
man sich mit der Kur expedieren möge; besonders aber mußte
man sich mit hypochondrischen Äußerungen in seiner Gegenwart
in acht nehmen, weil er alsdann heftig und bitter werden konnte.
Meine Mutter, von Natur sehr lebhaft und heiter, brachte unter diesen
Umständen sehr langweilige Tage zu. Die kleine Haushaltung war bald
besorgt. Das Gemüt der guten, innerlich niemals unbeschäftigten
Frau wollte auch einiges Interesse finden, und das nächste begegnete
ihr in der Religion, das sie um so lieber ergriff, als ihre vorzüglichsten
Freundinnen gebildete und herzliche Gottesverehrerinnen waren. Unter diesen
stand Fräulein von Klettenberg obenan. Es ist dieselbe, aus deren
Unterhaltungen und Briefen die »Bekenntnisse der schönen Seele«
entstanden sind, die man in Wilhelm Meister eingeschaltet findet. Sie
war zart gebaut, von mittlerer Größe; ein herzliches, natürliches
Betragen, war durch Welt- und Hofart noch gefälliger geworden. Ihr
sehr netter Anzug erinnerte an die Kleidung Herrnhutscher Frauen. Heiterkeit
und Gemütsruhe verließen sie niemals. Sie betrachtete ihre
Krankheit als einen notwendigen Bestandteil ihres vorübergehenden
irdischen Seins; sie litt mit der größten Geduld, und in schmerzlosen
Intervallen war sie lebhaft und gesprächig. Ihre liebste, ja vielleicht
einzige Unterhaltung waren die sittlichen Erfahrungen, die der Mensch,
der sich beobachtet, an sich selbst machen kann; woran sich denn die religiösen
Gesinnungen anschlossen, die auf eine sehr anmutige, ja geniale Weise
bei ihr als natürlich und übernatürlich in Betracht kamen.
Mehr bedarf es kaum, um jene ausführliche, in ihre Seele verfaßte
Schilderung den Freunden solcher Darstellungen wieder ins Gedächtnis
zu rufen. Bei dem ganz eignen Gange, den sie von Jugend auf genommen hatte,
und bei dem vornehmeren Stande, in dem sie geboren und erzogen war, bei
der Lebhaftigkeit und Eigenheit ihres Geistes vertrug sie sich nicht zum
besten mit den übrigen Frauen, welche den gleichen Weg zum Heil eingeschlagen
hatten. Frau Griesbach, die vorzüglichste, schien zu streng, zu trocken,
zu gelehrt; sie wußte, dachte, umfaßte mehr als die andern,
die sich mit der Entwickelung ihres Gefühls begnügten, und war
ihnen daher lästig, weil nicht jede einen so großen Apparat
auf dem Wege zur Seligkeit mit sich führen konnte noch wollte. Dafür
aber wurden denn die meisten freilich etwas eintönig, indem sie sich
an eine gewisse Terminologie hielten, die man mit jener der späteren
Empfindsamen wohl verglichen hätte. Fräulein von Klettenberg
führte ihren Weg zwischen beiden Extremen durch, und schien sich
mit einiger Selbstgefälligkeit in dem Bilde des Grafen Zinzendorf
zu spiegeln, dessen Gesinnungen und Wirkungen Zeugnis einer höheren
Geburt und eines vornehmeren Standes ablegten. Nun fand sie an mir, was
sie bedurfte, ein junges, lebhaftes, auch nach einem unbekannten Heile
strebendes Wesen, das, ob es sich gleich nicht für außerordentlich
sündhaft halten konnte, sich doch in keinem behaglichen Zustand befand,
und weder an Leib noch Seele ganz gesund war. Sie freute sich an dem,
was mir die Natur gegeben, sowie an manchem, was ich mir erworben hatte.
Und wenn sie mir viele Vorzüge zugestand, so war es keineswegs demütigend
für sie: denn erstlich gedachte sie nicht mit einer Mannsperson zu
wetteifern, und zweitens glaubte sie, in Absicht auf religiose Bildung
sehr viel vor mir voraus zu haben. Meine Unruhe, meine Ungeduld, mein
Streben, mein Suchen, Forschen, Sinnen und Schwanken legte sie auf ihre
Weise aus, und verhehlte mir ihre Überzeugung nicht, sondern versicherte
mir unbewunden, das alles komme daher, weil ich keinen versöhnten
Gott habe. Nun hatte ich von Jugend auf geglaubt, mit meinem Gott ganz
gut zu stehen, ja, ich bildete mir, nach mancherlei Erfahrungen, wohl
ein, daß er gegen mich sogar im Rest stehen könne, und ich
war kühn genug zu glauben, daß ich ihm einiges zu verzeihen
hätte. Dieser Dünkel gründete sich auf meinen unendlich
guten Willen, dem er, wie mir schien, besser hätte zu Hülfe
kommen sollen. Es läßt sich denken, wie oft ich und meine Freundin
hierüber in Streit gerieten, der sich doch immer auf die freundlichste
Weise und manchmal, wie meine Unterhaltung mit dem alten Rektor, damit
endigte: daß ich ein närrischer Bursche sei, dem man manches
nachsehen müsse.
Da ich mit der Geschwulst am Halse sehr geplagt war, indem Arzt und Chirurgus
diese Exkreszenz erst vertreiben, hernach, wie sie sagten, zeitigen wollten,
und sie zuletzt aufzuschneiden für gut befanden; so hatte ich eine
geraume Zeit mehr an Unbequemlichkeit als an Schmerzen zu leiden, obgleich
gegen das Ende der Heilung das immer fortdauernde Betupfen mit Höllenstein
und andern ätzenden Dingen höchst verdrießliche Aussichten
auf jeden neuen Tag geben mußte. Arzt und Chirurgus gehörten
auch unter die abgesonderten Frommen, obgleich beide von höchst verschiedenem
Naturell waren. Der Chirurgus, ein schlanker wohlgebildeter Mann von leichter
und geschickter Hand, der, leider etwas hektisch, seinen Zustand mit wahrhaft
christlicher Geduld ertrug, und sich in seinem Berufe durch sein Übel
nicht irre machen ließ. Der Arzt, ein unerklärlicher, schlau
blickender, freundlich sprechender, übrigens abstruser Mann, der
sich in dem frommen Kreise ein ganz besonderes Zutrauen erworben hatte.
Tätig und aufmerksam war er den Kranken tröstlich; mehr aber
als durch alles erweiterte er seine Kundschaft durch die Gabe, einige
geheimnisvolle selbstbereitete Arzneien im Hintergrunde zu zeigen, von
denen niemand sprechen durfte, weil bei uns den Ärzten die eigene
Dispensation streng verboten war. Mit gewissen Pulvern, die irgend ein
Digestiv sein mochten, tat er nicht so geheim; aber von jenem wichtigen
Salze, das nur in den größten Gefahren angewendet werden durfte,
war nur unter den Gläubigen die Rede, ob es gleich noch niemand gesehen,
oder die Wirkung davon gespürt hatte. Um den Glauben an die Möglichkeit
eines solchen Universalmittels zu erregen und zu stärken, hatte der
Arzt seinen Patienten, wo er nur einige Empfänglichkeit fand, gewisse
mystische chemisch-alchemische Bücher empfohlen, und zu verstehen
gegeben, daß man durch eignes Studium derselben gar wohl dahin gelangen
könne, jenes Kleinod sich selbst zu erwerben; welches um so notwendiger
sei, als die Bereitung sich sowohl aus physischen als besonders aus moralischen
Gründen nicht wohl überliefern lasse, ja daß man, um jenes
große Werk einzusehen, hervorzubringen und zu benutzen, die Geheimnisse
der Natur im Zusammenhang kennen müsse, weil es nichts Einzelnes
sondern etwas Universelles sei, und auch wohl gar unter verschiedenen
Formen und Gestalten hervorgebracht werden könne. Meine Freundin
hatte auf diese lockenden Worte gehorcht. Das Heil des Körpers war
zu nahe mit dem Heil der Seele verwandt und könnte je eine größere
Wohltat, eine größere Barmherzigkeit auch an andern so ausgeübt
werden, als wenn man sich ein Mittel zu eigen machte, wodurch so manches
Leiden gestillt, so manche Gefahr abgelehnt werden könnte? Sie hatte
schon insgeheim Wellings »Opus mago-cabbalisticum« studiert,
wobei sie jedoch, weil der Autor das Licht, was er mitteilt, sogleich
wieder selbst verfinstert und aufhebt, sich nach einem Freunde umsah,
der ihr in diesem Wechsel von Licht und Finsernis Gesellschaft leistete.
Es bedurfte nur einer geringen Anregung, um auch mir diese Krankheit zu
inokulieren. Ich schaffte das Werk an, das, wie alle Schriften dieser
Art, seinen Stammbaum in gerader Linie bis zur neuplatonischen Schule
verfolgen konnte. Meine vorzüglichste Bemühung an diesem Buche
war, die dunklen Hinweisungen, wo der Verfasser von einer Stelle auf die
andere deutet und dadurch das, was er verbirgt, zu enthüllen verspricht,
aufs genauste zu bemerken und am Rande die Seitenzahlen solcher sich einander
aufklären sollenden Stellen zu bezeichnen. Aber auch so blieb das
Buch noch dunkel und unverständlich genug; außer daß
man sich zuletzt in eine gewisse Terminologie hineinstudierte, und, indem
man mit derselben nach eignem. Belieben gebarte, etwas, wo nicht zu verstehen,
doch wenigstens zu sagen glaubte. Gedachtes Werk erwähnt seiner Vorgänger
mit vielen Ehren, und wir wurden daher angeregt, jene Quellen selbst aufzusuchen.
Wir wendeten uns nun an die Werke des Theophrastus Paracelsus und Basilius
Valentinus; nicht weniger an Helmont, Starkey und andere, deren mehr oder
weniger auf Natur und Einbildung beruhende Lehren und Vorschriften wir
einzusehen und zu befolgen suchten. Mir wollte besonders die »Aurea
Catena Homeri« gefallen, wodurch die Natur, wenn auch vielleicht
auf phantastische Weise, in einer schönen Verknüpfung dargestellt
wird; und so verwendeten wir, teils einzeln, teils zusammen, viele Zeit
an diese Seltsamkeiten und brachten die Abende eines langen Winters, während
dessen ich die Stube hüten mußte, sehr vergnügt zu, indem
wir zu dreien, meine Mutter mit eingeschlossen, uns an diesen Geheimnissen
mehr ergetzten, als die Offenbarung derselben hätte tun können.
Mir war indes noch eine sehr harte Prüfung vorbereitet: denn eine
gestörte und, man dürfte wohl sagen, für gewisse Momente
vernichtete Verdauung brachte solche Symptome hervor, daß ich unter
großen Beängstigungen das Leben zu verlieren glaubte und keine
angewandten Mittel weiter etwas fruchten wollten. In diesen letzten Nöten
zwang meine bedrängte Mutter mit dem größten Ungestüm
den verlegnen Arzt, mit seiner Universalmedizin hervorzurücken; nach
langem Widerstande eilte er tief in der Nacht nach Hause und kam mit einem
Gläschen kristallisierten trocknen Salzes zurück, welches in
Wasser aufgelöst von dem Patienten verschluckt wurde und einen entschieden
alkalischen Geschmack hatte. Das Salz war kaum genommen, so zeigte sich
eine Erleichterung des Zustandes, und von dem Augenblick an nahm die Krankheit
eine Wendung, die stufenweise zur Besserung führte. Ich darf nicht
sagen, wie sehr dieses den Glauben an unsern Arzt und den Fleiß,
uns eines solchen Schatzes teilhaftig zu machen, stärkte und erhöhte.
Meine Freundin, welche eltern- und geschwisterlos in einem großen
wohlgelegnen Hause wohnte, hatte schon früher angefangen, sich einen
kleinen Windofen, Kolben und Retorten von mäßiger Größe
anzuschaffen, und operierte nach Wellingischen Fingerzeigen und nach bedeutenden
Winken des Arztes und Meisters, besonders auf Eisen, in welchem die heilsamsten
Kräfte verborgen sein sollten, wenn man es aufzuschließen wisse,
und weil in allen uns bekannten Schriften das Luftsalz, welches herbeigezogen
werden mußte, eine große Rolle spielte, so wurden zu diesen
Operationen Alkalien erfordert, welche, indem sie an der Luft zerfließen,
sich mit jenen überirdischen Dingen verbinden und zuletzt ein geheimnisvolles
treffliches Mittelsalz per se hervorbringen sollten.
Kaum war ich einigermaßen wiederhergestellt und konnte mich, durch
eine bessere Jahrszeit begünstigt, wieder in meinem alten Giebelzimmer
aufhalten; so fing auch ich an, mir einen kleinen Apparat zuzulegen; ein
Windöfchen mit einem Sandbade war zubereitet, ich lernte sehr geschwind
mit einer brennenden Lunte die Glaskolben in Schalen verwandeln, in welchen
die verschiedenen Mischungen abgeraucht werden sollten. Nun wurden sonderbare
Ingredienzien des Makrokosmus und Mikrokosmus auf eine geheimnisvolle
wunderliche Weise behandelt, und vor allem suchte man Mittelsalze auf
eine unerhörte Art hervorzubringen. Was mich aber eine ganze Weile
am meisten beschäftigte, war der sogenannte Liquor silicum (Kieselsaft),
welcher entsteht, wenn man reine Quarzkiesel mit einem gehörigen
Anteil Alkali schmilzt, woraus ein durchsichtiges Glas entspringt, welches
an der Luft zerschmilzt und eine schöne klare Flüssigkeit darstellt.
Wer dieses einmal selbst verfertigt und mit Augen gesehen hat, der wird
diejenigen nicht tadeln, welche an eine jungfräuliche Erde und an
die Möglichkeit glauben, auf und durch dieselbe weiter zu wirken.
Diesen Kieselsaft zu bereiten hatte ich eine besondere Fertigkeit erlangt;
die schönen weißen Kiesel, welche sich im Main finden, gaben
dazu ein vollkommenes Material; und an dem übrigen sowie an Fleiß
ließ ich es nicht fehlen: nur ermüdete ich doch zuletzt, indem
ich bemerken mußte, daß das Kieselhafte keineswegs mit dem
Salze so innig vereint sei, wie ich philosophischerweise geglaubt hatte:
denn es schied sich gar leicht wieder aus, und die schönste mineralische
Flüssigkeit, die mir einigemal zu meiner größten Verwunderung
in Form einer animalischen Gallert erschienen war, ließ doch immer
ein Pulver fallen, das ich für den feinsten Kieselstaub ansprechen
mußte, der aber keineswegs irgend etwas Produktives in seiner Natur
spüren ließ, woran man hätte hoffen können, diese
jungfräuliche Erde in den Mutterstand übergehen zu sehen.
So wunderlich und unzusammenhängend auch diese Operationen waren,
so lernte ich doch dabei mancherlei. Ich gab genau auf alle Kristallisationen
acht, welche sich zeigen mochten, und ward mit den äußern Formen
mancher natürlichen Dinge bekannt, und indem mir wohl bewußt
war, daß man in der neueren Zeit die chemischen Gegenstände
methodischer aufgeführt: so wollte ich mir im allgemeinen davon einen
Begriff machen, ob ich gleich als Halb-Adept vor den Apothekern und allen
denjenigen, die mit dem gemeinen Feuer operierten, sehr wenig Respekt
hatte. Indessen zog mich doch das chemische Kompendium des Boerhaave gewaltig
an, und verleitete mich, mehrere Schriften dieses Mannes zu lesen, wodurch
ich denn, da ohnehin meine langwierige Krankheit mich dem Ärztlichen
näher gebracht hatte, eine Anleitung fand, auch die »Aphorismen«
dieses trefflichen Mannes zu studieren, die ich mir gern in den Sinn und
ins Gedächtnis einprägen mochte.
Eine andere, etwas menschlichere und bei weitem für die augenblickliche
Bildung nützlichere Beschäftigung war, daß ich die Briefe
durchsah, welche ich von Leipzig aus nach Hause geschrieben hatte. Nichts
gibt uns mehr Aufschluß über uns selbst, als wenn wir das,
was vor einigen Jahren von uns ausgegangen ist, wieder vor uns sehen,
so daß wir uns selbst nunmehr als Gegenstand betrachten können.
Allein freilich war ich damals noch zu jung und die Epoche noch zu nahe,
welche durch diese Papiere dargestellt ward. Überhaupt, da man in
jungen Jahren einen gewissen selbstgefälligen Dünkel nicht leicht
ablegt; so äußert sich dieser besonders darin, daß man
sich im kurz Vorhergegangenen verachtet: denn indem man freilich von Stufe
zu Stufe gewahr wird, daß dasjenige, was man an sich sowie an andern
für gut und vortrefflich achtet, nicht Stich hält; so glaubt
man über diese Verlegenheit am besten hinauszukommen, wenn man das
selbst wegwirft, was man nicht retten kann. So ging es auch mir. Denn
wie ich in Leipzig nach und nach meine kindlichen Bemühungen geringschätzen
lernte, so kam mir nun meine akademische Laufbahn gleichfalls geringschätzig
vor, und ich sah nicht ein, daß sie eben darum vielen Wert für
mich haben müßte, weil sie mich auf eine höhere Stufe
der Betrachtung und Einsicht gehoben. Der Vater hatte meine Briefe sowohl
an ihn als an meine Schwester sorgfältig gesammelt und geheftet;
ja er hatte sie sogar mit Aufmerksamkeit korrigiert und sowohl Schreib-
als Sprachfehler verbessert.
Was mir zuerst an diesen Briefen auffiel, war das Äußere; ich
erschrak vor einer unglaublichen Vernachlässigung der Handschrift,
die sich vom Oktober 1765 bis in die Hälfte des folgenden Januars
erstreckte. Dann erschien aber auf einmal in der Hälfte des Märzes
eine ganz gefaßte, geordnete Hand, wie ich sie sonst bei Preisbewerbungen
anzuwenden pflegte. Meine Verwunderung darüber löste sich in
Dank gegen den guten Gellert auf, welcher, wie ich mich nun wohl erinnerte,
uns bei den Aufsätzen, die wir ihm einreichten, mit seinem herzlichen
Tone zur heiligen Pflicht machte, unsere Hand so sehr, ja mehr als unsern
Stil zu üben. Dieses wiederholte er so oft, als ihm eine kritzliche,
nachlässige Schrift zu Gesicht kam; wobei er mehrmals äußerte,
daß er sehr gern die schöne Handschrift seiner Schüler
zum Hauptzweck seines Unterrichts machen möchte, um so mehr, weil
er oft genug bemerkt habe, daß eine gute Hand einen guten Stil nach
sich ziehe.
Sonst konnte ich auch bemerken, daß die französischen und englischen
Stellen meiner Briefe, obgleich nicht fehlerlos, doch mit Leichtigkeit
und Freiheit geschrieben waren. Diese Sprachen hatte ich auch in meiner
Korrespondenz mit Georg Schlosser, der sich noch immer in Treptow befand,
zu üben fortgefahren, und war mit ihm in beständigem Zusammenhang
geblieben, wodurch ich denn von manchen weltlichen Zuständen (denn
immer ging es ihm nicht ganz so, wie er gehofft hatte) unterrichtet wurde
und zu seiner ernsten, edlen Denkweise immer mehr Zutrauen faßte.
Eine andre Betrachtung, die mir beim Durchsehen jener Briefe nicht entgehen
konnte, war, daß der gute Vater mit der besten Absicht mir einen
besondern Schaden zugefügt und mich zu der wunderlichen Lebensart
veranlaßt hatte, in die ich zuletzt geraten war. Er hatte mich nämlich
wiederholt vom Kartenspiel abgemahnt; allein Frau Hofrat Böhme, solange
sie lebte, wußte mich nach ihrer Weise zu bestimmen, indem sie die
Abmahnung meines Vaters nur von dem Mißbrauch erklärte. Da
ich nun auch die Vorteile davon in der Sozietät einsah, so ließ
ich mich gern durch sie regieren. Ich hatte wohl den Spielsinn, aber nicht
den Spielgeist; ich lernte alle Spiele leicht und geschwind, aber niemals
konnte ich die gehörige Aufmerksamkeit einen ganzen Abend zusammenhalten.
Wenn ich also recht gut anfing, so verfehlte ich's doch immer am Ende
und machte mich und andre verlieren; wodurch ich denn jederzeit verdrießlich
entweder zur Abendtafel oder aus der Gesellschaft ging. Kaum war Madame
Böhme verschieden, die mich ohnedem während ihrer langwierigen
Krankheit nicht mehr zum Spiel angehalten hatte; so gewann die Lehre meines
Vaters Kraft; ich entschuldigte mich erst von den Partien, und weil man
nun nichts mehr mit mir anzufangen wußte, so ward ich mir noch mehr
als andern lästig, schlug die Einladungen aus, die denn sparsamer
erfolgten und zuletzt ganz aufhörten. Das Spiel, das jungen Leuten,
besonders denen, die einen praktischen Sinn haben und sich in der Welt
umtun wollen, sehr zu empfehlen ist, konnte freilich bei mir niemals zur
Liebhaberei werden, weil ich nicht weiter kam, ich mochte spielen, so
lange ich wollte. Hätte mir jemand einen allgemeinen Blick darüber
gegeben und mich bemerken lassen, wie hier gewisse Zeichen und mehr oder
weniger Zufall eine Art von Stoff bilden, woran sich Urteilskraft und
Tätigkeit üben können; hätte man mich mehrere Spiele
auf einmal einsehen lassen, so hätte ich mich wohl eher damit befreunden
können. Bei alledem war ich durch jene Betrachtungen in der Epoche,
von welcher ich hier spreche, zu der Überzeugung gekommen, daß
man die gesellschaftlichen Spiele nicht meiden, sondern sich eher nach
einer Gewandtheit in denselben bestreben müsse. Die Zeit ist unendlich
lang und ein jeder Tag ein Gefäß, in das sich sehr viel eingießen
läßt, wenn man es wirklich ausfüllen will.
So vielfach war ich in meiner Einsamkeit beschäftigt, um so mehr,
als die verschiedenen Geister der mancherlei Liebhabereien, denen ich
mich nach und nach gewidmet, Gelegenheit hatten, wieder hervorzutreten.
So kam es auch wieder ans Zeichnen, und da ich immer unmittelbar an der
Natur oder vielmehr am Wirklichen arbeiten wollte; so bildete ich mein
Zimmer nach, mit seinen Möbeln, die Personen, die sich darin befanden,
und wenn mich das nicht mehr unterhielt, stellte ich allerlei Stadtgeschichten
dar, die man sich eben erzählte, und woran man Interesse fand. Das
alles war nicht ohne Charakter und nicht ohne einen gewissen Geschmack,
aber leider fehlte den Figuren die Proportion und das eigentliche Mark,
so wie denn auch die Ausführung höchst nebulistisch war. Mein
Vater, dem diese Dinge Vergnügen zu machen fortfuhren, wollte sie
deutlicher haben; auch sollte alles fertig und abgeschlossen sein. Er
ließ sie daher aufziehen und mit Linien einfassen; ja der Maler
Morgenstern, sein Hauskünstler- es ist derselbe, der sich später
durch Kirchenprospekte bekannt, ja berühmt gemacht -, mußte
die perspektivischen Linien der Zimmer und Räume hineinziehen, die
sich denn freilich ziemlich grell gegen die nebulistisch angedeuteten
Figuren verhielten. Er glaubte mich dadurch immer mehr zur Bestimmtheit
zu nötigen, und um ihm gefällig zu sein, zeichnete ich mancherlei
Stilleben, wo ich, indem das Wirkliche als Muster vor mir stand, deutlicher
und entschiedener arbeiten konnte. Endlich fiel mir auch wieder einmal
das Radieren ein. Ich hatte mir eine ziemlich interessante Landschaft
komponiert, und fühlte mich sehr glücklich, als ich meine alten
von Stock überlieferten Rezepte Vorzügen, und mich jener vergnüglichen
Zeiten bei der Arbeit erinnern konnte. Ich ätzte die Platte bald
und ließ mir Probeabdrücke machen. Unglücklicherweise
war die Komposition ohne Licht und Schatten, und ich quälte mich
nun, beides hineinzubringen; weil es mir aber nicht ganz deutlich war,
worauf es ankam, so konnte ich nicht fertig werden. Ich befand mich zu
der Zeit nach meiner Art ganz wohl; allein in diesen Tagen befiel mich
ein Übel, das mich noch nie gequält hatte. Die Kehle nämlich
war mir ganz wund geworden, und besonders das, was man den Zapfen nennt,
sehr entzündet; ich konnte nur mit großen Schmerzen etwas schlingen,
und die Ärzte wußten nicht, was sie daraus machen sollten.
Man quälte mich mit Gurgeln und Pinseln, und konnte mich von dieser
Not nicht befreien. Endlich ward ich wie durch eine Eingebung gewahr,
daß ich bei dem Ätzen nicht vorsichtig genug gewesen, und daß
ich, indem ich es öfters und leidenschaftlich wiederholt, mir dieses
Übel zugezogen und solches immer wieder erneuert und vermehrt. Den
Ärzten war die Sache plausibel und gar bald gewiß, indem ich
das Radieren und Ätzen um so mehr unterließ, als der Versuch
keineswegs gut ausgefallen war, und ich eher Ursache hatte, meine Arbeit
zu verbergen als vorzuzeigen, worüber ich mich um so leichter tröstete,
als ich mich von dem beschwerlichen Übel sehr bald befreit sah. Dabei
konnte ich mich doch der Betrachtung nicht enthalten, daß wohl die
ähnlichen Beschäftigungen in Leipzig manches möchten zu
jenen Übeln beigetragen haben, an denen ich so viel gelitten hatte.
Freilich ist es eine langweilige und mitunter traurige Sache, zu sehr
auf uns selbst und was uns schadet und nutzt, achtzuhaben; allein es ist
keine Frage, daß bei der wunderlichen Idiosynkrasie der menschlichen
Natur von der einen, und bei der unendlichen Verschiedenheit der Lebensart
und Genüsse von der andern Seite es noch ein Wunder ist, daß
das menschliche Geschlecht sich nicht schon lange aufgerieben hat. Es
scheint die menschliche Natur eine eigne Art von Zähigkeit und Vielseitigkeit
zu besitzen, da sie alles, was an sie herankommt oder was sie in sich
aufnimmt, überwindet, und, wenn sie sich es nicht assimilieren kann,
wenigstens gleichgültig macht. Freilich muß sie bei einem großen
Exzeß trotz alles Widerstandes den Elementen nachgeben, wie uns
so viele endemische Krankheiten und die Wirkungen des Branntweins überzeugen.
Könnten wir, ohne ängstlich zu werden, auf uns achtgeben, was
in unserem komplizierten bürgerlichen und geselligen Leben auf uns
günstig oder ungünstig wirkt, und möchten wir das, was
uns als Genuß freilich behaglich ist, um der üblen Folgen willen
unterlassen; so würden wir gar manche Unbequemlichkeit, die uns bei
sonst gesunden Konstitutionen oft mehr als eine Krankheit selbst quält,
leicht zu entfernen wissen. Leider ist es im Diätetischen wie im
Moralischen: wir können einen Fehler nicht eher einsehen, als bis
wir ihn los sind; wobei denn nichts gewonnen wird, weil der nächste
Fehler dem vorhergehenden nicht ähnlich sieht und also unter derselben
Form nicht erkannt werden kann.
Beim Durchlesen jener Briefe, die von Leipzig aus an meine Schwester geschrieben
waren, konnte mir unter andern auch diese Bemerkung nicht entgehen, daß
ich mich sogleich bei dem ersten akademischen Unterricht für sehr
klug und weise gehalten, indem ich mich, sobald ich etwas gelernt, dem
Professor substituierte und daher auch auf der Stelle didaktisch ward.
Mir war es lustig genug zu sehen, wie ich dasjenige, was Gellert uns im
Kollegium überliefert oder geraten, sogleich wieder gegen meine Schwester
gewendet, ohne einzusehen, daß sowohl im Leben als im Lesen etwas
dem Jüngling gemäß sein könne, ohne sich für
ein Frauenzimmer zu schicken; und wir scherzten gemeinschaftlich über
diese Nachäfferei. Auch waren mir die Gedichte, die ich in Leipzig
verfaßt hatte, schon zu gering, und sie schienen mir kalt, trocken
und in Absicht dessen, was die Zustände des menschlichen Herzens
oder Geistes ausdrücken sollte, allzu oberflächlich. Dieses
bewog mich, als ich nun abermals das väterliche Haus verlassen und
auf eine zweite Akademie ziehen sollte, wieder ein großes Haupt-Autodafé
über meine Arbeiten zu verhängen. Mehrere angefangene Stücke,
deren einige bis zum dritten oder vierten Akt, andere aber nur bis zu
vollendeter Exposition gelangt waren, nebst vielen andern Gedichten, Briefen
und Papieren wurden dem Feuer übergeben, und kaum blieb etwas verschont
außer dem Manuskript von Behrisch, »Die Laune des Verliebten«
und die Mitschuldigen, an welchem letzteren ich immerfort mit besonderer
Liebe besserte, und, da das Stück schon fertig war, die Exposition
nochmals durcharbeitete, um sie zugleich bewegter und klarer zu machen.
Lessing hatte in den zwei ersten Akten der »Minna« ein unerreichbares
Muster aufgestellt, wie ein Drama zu exponieren sei, und es war mir nichts
angelegener als in seinen Sinn und seine Absichten einzudringen.
Umständlich genug ist zwar schon die Erzählung von dem, was
mich in diesen Tagen berührt, aufgeregt und beschäftigt; allein
ich muß demohngeachtet wieder zu jenem Interesse zurückkehren,
das mir die übersinnlichen Dinge eingeflößt hatten, von
denen ich ein für allemal, insofern es möglich wäre, mir
einen Begriff zu bilden unternahm.
Einen großen Einfluß erfuhr ich dabei von einem wichtigen
Buche, das mir in die Hände geriet, es war Arnolds »Kirchen-
und Ketzergeschichte« Dieser Mann ist nicht ein bloß reflektierender
Historiker, sondern zugleich fromm und fühlend. Seine Gesinnungen
stimmten sehr zu den meinigen, und was mich an seinem Werk besonders ergetzte,
war, daß ich von manchen Ketzern, die man mir bisher als toll»oder
gottlos vorgestellt hatte, einen vorteilhaftem Begriff erhielt. Der Geist
des Widerspruchs und die Lust zum Paradoxen steckt in uns allen. Ich studierte
fleißig die verschiedenen Meinungen, und da ich oft genug hatte
sagen hören, jeder Mensch habe am Ende doch seine eigene Religion,
so kam mir nichts natürlicher vor, als daß ich mir auch meine
eigene bilden könne, und dieses tat ich mit vieler Behaglichkeit.
Der neue Platonismus lag zum Grunde; das Hermetische, Mystische, Kabbalistische
gab auch seinen Beitrag her, und so erbaute ich mir eine Welt, die seltsam
genug aussah.
Ich mochte mir wohl eine Gottheit vorstellen, die sich von Ewigkeit her
selbst produziert; da sich aber Produktion nicht ohne Mannigfaltigkeit
denken läßt, so mußte sie sich notwendig sogleich als
ein Zweites erscheinen, welches wir unter dem Namen des Sohns anerkennen;
diese beiden mußten nun den Akt des Hervorbringens fortsetzen, und
erschienen sich selbst wieder im Dritten, welches nun ebenso bestehend
lebendig und ewig als das Ganze war. Hiermit war jedoch der Kreis der
Gottheit geschlossen, und es wäre ihnen selbst nicht möglich
gewesen, abermals ein ihnen völlig Gleiches hervorzubringen. Da jedoch
der Produktionstrieb immer fortging, so erschufen sie ein Viertes, das
aber schon in sich einen Widerspruch hegte, indem es, wie sie, unbedingt
und doch zugleich in ihnen enthalten und durch sie begrenzt sein sollte.
Dieses war nun Luzifer, welchem von nun an die ganze Schöpfungskraft
übertragen war, und von dem alles übrige Sein ausgehen sollte.
Er bewies sogleich seine unendliche Tätigkeit, indem er die sämtlichen
Engel erschuf, alle wieder nach seinem Gleichnis, unbedingt, aber in ihm
enthalten und durch ihn begrenzt. Umgeben von einer solchen Glorie vergaß
er seines höhern Ursprungs und glaubte ihn in sich selbst zu finden,
und aus diesem ersten Undank entsprang alles, was uns nicht mit dem Sinne
und den Absichten der Gottheit übereinzustimmen scheint. Je mehr
er sich nun in sich selbst konzentrierte, je unwohler mußte es ihm
werden, sowie allen den Geistern, denen er die süße Erhebung
zu ihrem Ursprung verkümmerte. Und so ereignete sich das, was uns
unter der Form des Abfalls der Engel bezeichnet wird. Ein Teil derselben
konzentrierte sich mit Luzifer, der andere wendete sich wieder gegen seinen
Ursprung. Aus dieser Konzentration der ganzen Schöpfung, denn sie
war von Luzifer ausgegangen und mußte ihm folgen, entsprang nun
alles das, was wir unter der Gestalt der Materie gewahr werden, was wir
uns als schwer, fest und finster vorstellen, welches aber, indem es, wenn
auch nicht unmittelbar, doch durch Filiation vom göttlichen Wesen
herstammt, ebenso unbedingt mächtig und ewig ist als der Vater und
die Großeltern. Da nun das ganze Unheil, wenn wir es so nennen dürfen,
bloß durch die einseitige Richtung Luzifers entstand; so fehlte
freilich dieser Schöpfung die bessere Hälfte: denn alles, was
durch Konzentration gewonnen wird, besaß sie, aber es fehlte ihr
alles, was durch Expansion allein bewirkt werden kann; und so hätte
die sämtliche Schöpfung durch immerwährende Konzentration
sich selbst aufreiben, sich mit ihrem Vater Luzifer vernichten und alle
ihre Ansprüche an eine gleiche Ewigkeit mit der Gottheit verlieren
können. Diesem Zustand sahen die Elohim eine Weile zu, und sie hatten
die Wahl, jene Äonen abzuwarten, in welchen das Feld wieder rein
geworden und ihnen Raum zu einer neuen Schöpfung geblieben wäre,
oder ob sie in das Gegenwärtige eingreifen und dem Mangel nach ihrer
Unendlichkeit zu Hülfe kommen wollten. Sie erwählten nun das
letztere, und supplierten durch ihren bloßen Willen in einem Augenblick
den ganzen Mangel, den der Erfolg von Luzifers Beginnen an sich trug.
Sie gaben dem unendlichen Sein die Fähigkeit, sich auszudehnen, sich
gegen sie zu bewegen; der eigentliche Puls des Lebens war wieder hergestellt,
und Luzifer selbst konnte sich dieser Einwirkung nicht entziehen. Dieses
ist die Epoche, wo dasjenige hervortrat, was wir als Licht kennen, und
wo dasjenige begann, was wir mit dem Worte Schöpfung zu bezeichnen
pflegen. So sehr sich auch nun diese durch die immer fortwirkende Lebenskraft
der Elohim stufenweise vermannigfaltigte; so fehlte es doch noch an einem
Wesen, welches die ursprüngliche Verbindung mit der Gottheit wieder
herzustellen geschickt wäre, und so wurde der Mensch hervorgebracht,
der in allem der Gottheit ähnlich, ja gleich sein sollte, sich aber
freilich dadurch abermals in dem Falle Luzifers befand, zugleich unbedingt
und beschränkt zu sein, und da dieser Widerspruch durch alle Kategorien
des Daseins sich an ihm manifestieren und ein vollkommenes Bewußtsein
sowie ein entschiedener Wille seine Zustände begleiten sollte; so
war vorauszusehen, daß er zugleich das Vollkommenste und Unvollkommenste,
das glücklichste und unglücklichste Geschöpf werden müsse.
Es währte nicht lange, so spielte er auch völlig die Rolle des
Luzifer. Die Absonderung vom Wohltäter ist der eigentliche Undank,
und so ward jener Abfall zum zweitenmal eminent, obgleich die ganze Schöpfung
nichts ist und nichts war, als ein Abfallen und Zurückkehren zum
Ursprünglichen.
Man sieht leicht, wie hier die Erlösung nicht allein von Ewigkeit
her beschlossen, sondern als ewig notwendig gedacht wird, ja daß
sie durch die ganze Zeit des Werdens und Seins sich immer wieder erneuern
muß. Nichts ist in diesem Sinne natürlicher, als daß
die Gottheit selbst die Gestalt des Menschen annimmt, die sie sich zu
einer Hülle schon vorbereitet hatte, und daß sie die Schicksale
desselben auf kurze Zeit teilt, um durch diese Verähnlichung das
Erfreuliche zu erhöhen und das Schmerzliche zu mildern. Die Geschichte
aller Religionen und Philosophien lehrt uns, daß diese große,
den Menschen unentbehrliche Wahrheit von verschiedenen Nationen in verschiedenen
Zeiten auf mancherlei Weise, ja in seltsamen Fabeln und Bildern der Beschränktheit
gemäß überliefert worden; genug, wenn nur anerkannt wird,
daß wir uns in einem Zustande beenden, der, wenn er uns auch niederzuziehen
und zu drücken scheint, dennoch Gelegenheit gibt, ja zur Pflicht
macht, uns zu erheben und die Absichten der Gottheit dadurch zu erfüllen,
daß wir, indem wir von einer Seite uns zu verselbsten genötiget
sind, von der andern in regelmäßigen Pulsen uns zu entselbstigen
nicht versäumen.
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