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Goethe Johann Wolfgang von
Aus meinem Leben.
Dichtung und Wahrheit.
Erster Teil, Viertes Buch
So viel Unbequemlichkeit uns auch die französische Einquartierung
mochte verursacht haben, so waren wir sie doch zu gewohnt geworden, als
daß wir sie nicht hätten vermissen, daß uns Kindern das
Haus nicht hätte tot scheinen sollen. Auch war es uns nicht bestimmt,
wieder zur völligen Familieneinheit zu gelangen. Neue Mietleute waren
schon besprochen, und nach einigem Kehren und Scheuern, Hobeln und Bohren,
Malen und Anstreichen war das Haus völlig wieder hergestellt. Der
Kanzleidirektor Moritz mit den Seinigen, sehr werte Freunde meiner Eltern,
zogen ein. Dieser, kein geborner Frankfurter, aber ein tüchtiger
Jurist und Geschäftsmann, besorgte die Rechtsangelegenheiten mehrerer
kleinen Fürsten, Grafen und Herren. Ich habe ihn niemals anders als
heiter und gefällig und über seinen Akten emsig gesehen. Frau
und Kinder, sanft, still und wohlwollend, vermehrten zwar nicht die Geselligkeit
in unserm Hause: denn sie blieben für sich; aber es war eine Stille,
ein Friede zurückgekehrt, den wir lange Zeit nicht genossen hatten.
Ich bewohnte nun wieder mein Mansardzimmer, in welchem die Gespenster
der vielen Gemälde mir zuweilen vorschwebten, die ich denn durch
Arbeiten und Studien zu verscheuchen suchte. Der Legationsrat Moritz,
ein Bruder des Kanzleidirektors, kam von jetzt an auch öfters in
unser Haus. Er war schon mehr Weltmann, von einer ansehnlichen Gestalt
und dabei von bequem gefälligem Betragen. Auch er besorgte die Angelegenheiten
verschiedener Standespersonen, und kam mit meinem Vater, bei Anlaß
von Konkursen und kaiserlichen Kommissionen, mehrmals in Berührung.
Beide hielten viel auf einander, und standen gemeiniglich auf der Seite
der Kreditoren, mußten aber zu ihrem Verdruß gewöhnlich
erfahren, daß die Mehrheit der bei solcher Gelegenheit Abgeordneten
für die Seite der Debitoren gewonnen zu werden pflegt. Der Legationsrat
teilte seine Kenntnisse gern mit, war ein Freund der Mathematik, und weil
diese in seinem gegenwärtigen Lebensgange gar nicht vorkam, so machte
er sich ein Vergnügen daraus, mir in diesen Kenntnissen weiter zu
helfen. Dadurch ward ich in den Stand gesetzt, meine architektonischen
Risse genauer als bisher auszuarbeiten, und den Unterricht eines Zeichenmeisters,
der uns jetzt auch täglich eine Stunde beschäftigte, besser
zu nutzen.
Dieser gute alte Mann war freilich nur ein Halbkünstler. Wir mußten
Striche machen und sie zusammensetzen, woraus denn Augen und Nasen, Lippen
und Ohren, ja zuletzt ganze Gesichter und Köpfe entstehen sollten;
allein es war dabei weder an natürliche noch künstliche Form
gedacht. Wir wurden eine Zeitlang mit diesem Qui pro Quo der menschlichen
Gestalt gequält, und man glaubte uns zuletzt sehr weit gebracht zu
haben, als wir die sogenannten Affekten von Lebrun zur Nachzeichnung erhielten.
Aber auch diese Zerrbilder förderten uns nicht. Nun schwankten wir
zu den Landschaften, zum Baumschlag und zu allen den Dingen, die im gewöhnlichen
Unterricht ohne Folge und ohne Methode geübt werden. Zuletzt fielen
wir auf die genaue Nachahmung und auf die Sauberkeit der Striche, ohne
uns weiter um den Wert des Originals oder dessen Geschmack zu bekümmern.
In diesem Bestreben ging uns der Vater auf eine musterhafte Weise vor.
Er hatte nie gezeichnet, wollte nun aber, da seine Kinder diese Kunst
trieben, nicht zurückbleiben, sondern ihnen, selbst in seinem Alter,
ein Beispiel geben, wie sie in ihrer Jugend verfahren sollten. Er kopierte
also einige Köpfe des Piazzetta, nach dessen bekannten Blättern
in klein Oktav, mit englischem Bleistift auf das feinste holländische
Papier. Er beobachtete dabei nicht allein die größte Reinlichkeit
im Umriß, sondern ahmte auch die Schraffierung des Kupferstichs
aufs genauste nach, mit einer leichten Hand, nur allzu leise, da er denn,
weil er die Härte vermeiden wollte, keine Haltung in seine Blätter
brachte. Doch waren sie durchaus zart und gleichförmig. Sein anhaltender
unermüdlicher Fleiß ging so weit, daß er die ganze ansehnliche
Sammlung nach allen ihren Nummern durchzeichnete, indessen wir Kinder
von einem Kopf zum andern sprangen und uns nur die auswählten, die
uns gefielen.
Um diese Zeit ward auch der schon längst in Beratung gezogne Vorsatz,
uns in der Musik unterrichten zu lassen, ausgeführt; und zwar verdient
der letzte Anstoß dazu wohl einige Erwähnung. Daß wir
das Klavier lernen sollten, war ausgemacht; allein über die Wahl
des Meisters war man immer streitig gewesen. Endlich komme ich einmal
zufälligerweise in das Zimmer eines meiner Gesellen, der eben Klavierstunde
nimmt, und finde den Lehrer als einen ganz allerliebsten Mann. Für
jeden Finger der rechten und linken Hand hat er einen Spitznamen, womit
er ihn aufs lustigste bezeichnet, wenn er gebraucht werden soll. Die schwarzen
und weißen Tasten werden gleichfalls bildlich benannt, ja die Töne
selbst erscheinen unter figürlichen Namen. Eine solche bunte Gesellschaft
arbeitet nun ganz vergnüglich durcheinander. Applikatur und Takt
scheinen ganz leicht und anschaulich zu werden, und indem der Schüler
zu dem besten Humor aufgeregt wird, geht auch alles zum schönsten
vonstatten.
Kaum war ich nach Hause gekommen, als ich den Eltern anlag, nunmehr Ernst
zu machen und uns diesen unvergleichlichen Mann zum Klaviermeister zu
geben. Man nahm noch einigen Anstand, man erkundigte sich; man hörte
zwar nichts Übles von dem Lehrer, aber auch nichts sonderlich Gutes.
Ich hatte indessen meiner Schwester alle die lustigen Benennungen erzählt,
wir konnten den Unterricht kaum erwarten, und setzten es durch, daß
der Mann angenommen wurde.
Das Notenlesen ging zuerst an, und als dabei kein Spaß vorkommen
wollte, trösteten wir uns mit der Hoffnung, daß, wenn es erst
ans Klavier gehen würde, wenn es an die Finger käme, das scherzhafte
Wesen seinen Anfang nehmen würde. Allein weder Tastatur noch Fingersetzung
schien zu einigem Gleichnis Gelegenheit zu geben. So trocken wie die Noten,
mit ihren Strichen auf und zwischen den fünf Linien, blieben auch
die schwarzen und weißen Claves, und weder von einem Däumerling
noch Deuterling noch Goldfinger war mehr eine Silbe zu hören; und
das Gesicht verzog der Mann so wenig beim trocknen Unterricht, als er
es vorher beim trocknen Spaß verzogen hatte. Meine Schwester machte
mir die bittersten Vorwürfe, daß ich sie getäuscht habe,
und glaubte wirklich, es sei nur Erfindung von mir gewesen. Ich war aber
selbst betäubt und lernte wenig, ob der Mann gleich ordentlich genug
zu Werke ging: denn ich wartete immer noch, die frühern Späße
sollten zum Vorschein kommen, und vertröstete meine Schwester von
einem Tage zum andern. Aber sie blieben aus, und ich hätte mir dieses
Rätsel niemals erklären können, wenn es mir nicht gleichfalls
ein Zufall aufgelöst hätte.
Einer meiner Gespielen trat herein, mitten in der Stunde, und auf einmal
eröffneten sich die sämtlichen Röhren des humoristischen
Springbrunnens; die Däumerlinge und Deuterlinge, die Krabler und
Zabler, wie er die Finger zu bezeichnen pflegte, die Fakchen und Gakchen,
wie er z.B. die Noten f und g, die Fiekchen und Giekchen, wie er fis und
gis benannte, waren auf einmal wieder vorhanden und machten die wundersamsten
Männerchen. Mein junger Freund kam nicht aus dem Lachen, und freute
sich, daß man auf eine so lustige Weise so viel lernen könne.
Er schwur, daß er seinen Eltern keine Ruhe lassen würde, bis
sie ihm einen solchen vortrefflichen Mann zum Lehrer gegeben.
Und so war mir, nach den Grundsätzen einer neuern Erziehungslehre,
der Weg zu zwei Künsten früh genug eröffnet, bloß
auf gut Glück, ohne Überzeugung, daß ein angebornes Talent
mich darin weiter fördern könne. Zeichnen müsse jedermann
lernen, behauptete mein Vater, und verehrte deshalb besonders Kaiser Maximilian,
welcher dieses ausdrücklich solle befohlen haben. Auch hielt er mich
ernstlicher dazu an als zur Musik, welche er dagegen meiner Schwester
vorzüglich empfahl, ja dieselbe außer ihren Lehrstunden eine
ziemliche Zeit des Tages am Klaviere festhielt.
Je mehr ich aber auf diese Weise zu treiben veranlaßt wurde, desto
mehr wollte ich treiben, und selbst die Freistunden wurden zu allerlei
wunderlichen Beschäftigungen verwendet. Schon seit meinen frühsten
Zeiten fühlte ich einen Untersuchungstrieb gegen natürliche
Dinge. Man legt es manchmal als eine Anlage zur Grausamkeit aus, daß
Kinder solche Gegenstände, mit denen sie eine Zeitlang gespielt,
die sie bald so, bald so gehandhabt, endlich zerstücken, zerreißen
und zerfetzen. Doch pflegt sich auch die Neugierde, das Verlangen, zu
erfahren wie solche Dinge zusammenhängen, wie sie inwendig aussehen,
auf diese Weise an den Tag zu legen. Ich erinnere mich, daß ich
als Kind Blumen zerpflückt, um zu sehen, wie die Blätter in
den Kelch, oder auch Vögel berupft, um zu beobachten, wie die Federn
in die Flügel eingefügt waren. Ist doch Kindern dieses nicht
zu verdenken, da ja selbst Naturforscher öfter durch Trennen und
Sondern als durch Vereinigen und Verknüpfen, mehr durch Töten
als durch Beleben sich zu unterrichten glauben.
Ein bewaffneter Magnetstein, sehr zierlich in Scharlachtuch eingenäht,
mußte auch eines Tages die Wirkung einer solchen Forschungslust
erfahren. Denn diese geheime Anziehungskraft, die er nicht allein gegen
das ihm angepaßte Eisenstäbchen ausübte, sondern die noch
überdies von der Art war, daß sie sich verstärken und
täglich ein größres Gewicht tragen konnte, diese geheimnisvolle
Tugend hatte mich dergestalt zur Bewunderung hingerissen, daß ich
mir lange Zeit bloß im Anstaunen ihrer Wirkung gefiel. Zuletzt aber
glaubte ich doch einige nähere Aufschlüsse zu erlangen, wenn
ich die äußere Hülle wegtrennte. Dies geschah, ohne daß
ich dadurch klüger geworden wäre: denn die nackte Armatur belehrte
mich nicht weiter. Auch diese nahm ich herab und behielt nun den bloßen
Stein in Händen, mit dem ich durch Feilspäne und Nähnadeln
mancherlei Versuche zu machen nicht ermüdete, aus denen jedoch mein
jugendlicher Geist, außer einer mannigfaltigen Erfahrung, keinen
weiteren Vorteil zog. Ich wußte die ganze Vorrichtung nicht wieder
zusammenzubringen, die Teile zerstreuten sich, und ich verlor das eminente
Phänomen zugleich mit dem Apparat.
Nicht glücklicher ging es mir mit der Zusammensetzung einer Elektrisiermaschine.
Ein Hausfreund, dessen Jugend in die Zeit gefallen war, in welcher die
Elektrizität alle Geister beschäftigte, erzählte uns öfter,
wie er als Knabe eine solche Maschine zu besitzen gewünscht, wie
er sich die Hauptbedingungen abgesehen, und mit Hülfe eines alten
Spinnrades und einiger Arzneigläser ziemliche Wirkungen hervorgebracht.
Da er dieses gern und oft wiederholte, und uns dabei von der Elektrizität
überhaupt unterrichtete, so fanden wir Kinder die Sache sehr plausibel,
und quälten uns mit einem alten Spinnrade und einigen Arzneigläsern
lange Zeit herum, ohne auch nur die mindeste Wirkung hervorbringen zu
können. Wir hielten demungeachtet am Glauben fest, und waren sehr
vergnügt, als zur Meßzeit, unter andern Raritäten, Zauber-
und Taschenspielerkünsten, auch eine Elektrisiermaschine ihre Kunststücke
machte, welche, so wie die magnetischen, für jene Zeit schon sehr
vervielfältigt waren.
Das Mißtrauen gegen den öffentlichen Unterricht vermehrte sich
von Tage zu Tage. Man sah sich nach Hauslehrern um, und weil einzelne
Familien den Aufwand nicht bestreiten konnten, so traten mehrere zusammen,
um eine solche Absicht zu erreichen. Allein die Kinder vertrugen sich
selten; der junge Mann hatte nicht Autorität genug, und nach oft
wiederholtem Verdruß gab es nur gehässige Trennungen. Kein
Wunder daher, daß man auf andere Anstalten dachte, welche sowohl
beständiger als vorteilhafter sein sollten.
Auf den Gedanken, Pensionen zu errichten, war man durch die Notwendigkeit
gekommen, welche jedermann empfand, daß die französische Sprache
lebendig gelehrt und überliefert werden müsse. Mein Vater hatte
einen jungen Menschen erzogen, der bei ihm Bedienter, Kammerdiener, Sekretär,
genug, nach und nach alles in allem gewesen war. Dieser, namens Pfeil,
sprach gut Französisch und verstand es gründlich. Nachdem er
sich verheiratet hatte und seine Gönner für ihn auf einen Zustand
denken mußten, so fielen sie auf den Gedanken, ihn eine Pension
errichten zu lassen, die sich nach und nach zu einer kleinen Schulanstalt
erweiterte, in der man alles Notwendige, ja zuletzt sogar Lateinisch und
Griechisch lehrte. Die weitverbreiteten Konnexionen von Frankfurt gaben
Gelegenheit, daß junge Franzosen und Engländer, um Deutsch
zu lernen und sonst sich auszubilden, dieser Anstalt anvertraut wurden.
Pfeil, der ein Mann in seinen besten Jahren, von der wundersamsten Energie
und Tätigkeit war, stand dem Ganzen sehr lobenswürdig vor, und
weil er nie genug beschäftigt sein konnte, so warf er sich bei Gelegenheit,
da er seinen Schülern Musikmeister halten mußte, selbst in
die Musik, und betrieb das Klavierspielen mit solchem Eifer, daß
er, der niemals vorher eine Taste angerührt hatte, sehr bald recht
fertig und brav spielte. Er schien die Maxime meines Vaters angenommen
zu haben, daß junge Leute nichts mehr aufmuntern und anregen könne,
als wenn man selbst schon in gewissen Jahren sich wieder zum Schüler
erklärte, und in einem Alter, worin man sehr schwer neue Fertigkeiten
erlangt, dennoch durch Eifer und Anhaltsamkeit Jüngern, von der Natur
mehr Begünstigten, den Rang abzulaufen suche.
Durch diese Neigung zum Klavierspielen ward Pfeil auf die Instrumente
selbst geführt, und indem er sich die besten zu verschaffen hoffte,
kam er in Verhältnisse mit Friederici in Gera, dessen Instrumente
weit und breit berühmt waren. Er nahm eine Anzahl davon in Kommission,
und hatte nun die Freude, nicht nur etwa einen Flügel, sondern mehrere
in seiner Wohnung aufgestellt zu sehen, sich darauf zu üben und hören
zu lassen.
Auch in unser Haus brachte die Lebendigkeit dieses Mannes einen größern
Musikbetrieb. Mein Vater blieb mit ihm, bis auf die strittigen Punkte,
in einem dauernden guten Verhältnisse. Auch für uns ward ein
großer Friedericischer Flügel angeschafft, den ich, bei meinem
Klavier verweilend, wenig berührte, der aber meiner Schwester zu
desto größerer Qual gedieh, weil sie, um das neue Instrument
gehörig zu ehren, täglich noch einige Zeit mehr auf ihre Übungen
zu wenden hatte; wobei mein Vater als Aufseher, Pfeil aber als Musterbild
und antreibender Hausfreund abwechselnd zur Seite standen.
Eine besondere Liebhaberei meines Vaters machte uns Kindern viel Unbequemlichkeit.
Es war nämlich die Seidenzucht, von deren Vorteil, wenn sie allgemeiner
verbreitet würde, er einen großen Begriff hatte. Einige Bekanntschaften
in Hanau, wo man die Zucht der Würmer sehr sorgfältig betrieb,
gaben ihm die nächste Veranlassung. Von dorther wurden ihm zu rechter
Zeit die Eier gesendet; und sobald die Maulbeerbäume genügsames
Laub zeigten, ließ man sie ausschlüpfen, und wartete der kaum
sichtbaren Geschöpfe mit großer Sorgfalt. In einem Mansardzimmer
waren Tische und Gestelle mit Brettern aufgeschlagen, um ihnen mehr Raum
und Unterhalt zu bereiten: denn sie wuchsen schnell, und waren nach der
letzten Häutung so heißhungrig, daß man kaum Blätter
genug herbeischaffen konnte, sie zu nähren; ja sie mußten Tag
und Nacht gefüttert werden, weil eben alles darauf ankommt, daß
sie der Nahrung ja nicht zu einer Zeit ermangeln, wo die große und
wundersame Veränderung in ihnen vorgehen soll. War die Witterung
günstig, so konnte man freilich dieses Geschäft als eine lustige
Unterhaltung ansehen; trat aber Kälte ein, daß die Maulbeerbäume
litten, so machte es große Not. Noch unangenehmer aber war es, wenn
in der letzten Epoche Regen einfiel: denn diese Geschöpfe können
die Feuchtigkeit gar nicht vertragen; und so mußten die benetzten
Blätter sorgfältig abgewischt und getrocknet werden, welches
denn doch nicht immer so genau geschehen konnte, und aus dieser oder vielleicht
auch einer andern Ursache kamen mancherlei Krankheiten unter die Herde,
wodurch die armen Kreaturen zu Tausenden hingerafft wurden. Die daraus
entstehende Fäulnis erregte einen wirklich pestartigen Geruch, und
da man die toten und kranken wegschaffen und von den gesunden absondern
mußte, um nur einige zu retten, so war es in der Tat ein äußerst
beschwerliches und widerliches Geschäft, das uns Kindern manche böse
Stunde verursachte.
Nachdem wir nun eines Jahrs die schönsten Frühlings und Sommerwochen
mit Wartung der Seidenwürmer hingebracht, mußten wir dem Vater
in einem andern Geschäft beistehen, das, obgleich einfacher, uns
dennoch nicht weniger beschwerlich ward. Die römischen Prospekte
nämlich, welche in dem alten Hause, in schwarze Stäbe oben und
so unten eingefaßt, an den Wänden mehrere Jahre gehangen hatten,
waren durch Licht, Staub und Rauch sehr vergilbt, und durch die Fliegen
nicht wenig unscheinbar geworden. War nun eine solche Unreinlichkeit in
dem neuen Hause nicht zulässig, so hatten diese Bilder für meinen
Vater auch durch seine längere Entferntheit von den vorgestellten
Gegenden an Wert gewonnen. Denn im Anfange dienen uns dergleichen Abbildungen,
die erst kurz vorher empfangenen Eindrücke aufzufrischen und zu beleben.
Sie scheinen uns gering gegen diese und meistens nur ein trauriges Surrogat.
Verlischt hingegen das Andenken der Urgestalten immer mehr und mehr, so
treten die Nachbildungen unvermerkt an ihre Stelle, sie werden uns so
teuer, als es jene waren, und was wir anfangs mißgeachtet, erwirbt
sich nunmehr unsre Schätzung und Neigung. So geht es mit allen Abbildungen,
besonders auch mit Porträten. Nicht leicht ist jemand mit dem Konterfei
eines Gegenwärtigen zufrieden, und wie erwünscht ist uns jeder
Schattenriß eines Abwesenden oder gar Abgeschiedenen.
Genug, in diesem Gefühl seiner bisherigen Verschwendung wollte mein
Vater jene Kupferstiche so viel wie möglich wieder hergestellt wissen.
Daß dieses durch Bleichen möglich sei, war bekannt; und diese
bei großen Blättern immer bedenkliche Operation wurde unter
ziemlich ungünstigen Lokalumständen vorgenommen. Denn die großen
Bretter, worauf die angerauchten Kupfer befeuchtet und der Sonne ausgestellt
wurden, standen vor Mansardfenstern in den Dachrinnen an das Dach gelehnt,
und waren daher manchen Unfällen ausgesetzt. Dabei war die Hauptsache,
daß das Papier niemals austrocknen durfte, sondern immer feucht
gehalten werden mußte. Diese Obliegenheit hatte ich und meine Schwester,
wobei uns denn wegen der Langenweile und Ungeduld, wegen der Aufmerksamkeit,
die uns keine Zerstreuung zuließ, ein sonst so sehr erwünschter
Müßiggang zur höchsten Qual gereichte. Die Sache ward
gleichwohl durchgesetzt, und der Buchbinder, der jedes Blatt auf starkes
Papier aufzog, tat sein Bestes, die hier und da durch unsre Fahrlässigkeit
zerrissenen Ränder auszugleichen und herzustellen. Die sämtlichen
Blätter wurden in einen Band zusammengefaßt und waren für
diesmal gerettet.
Damit es uns Kindern aber ja nicht an dem Allerlei des Lebens und Lernens
fehlen möchte, so mußte sich gerade um diese Zeit ein englischer
Sprachmeister melden, welcher sich anheischig machte, innerhalb vier Wochen
einen jeden, der nicht ganz roh in Sprachen sei, die englische zu lehren
und ihn so weit zu bringen, daß er sich mit einigem Fleiß
weiter helfen könne. Er nahm ein mäßiges Honorar; die
Anzahl der Schüler in einer Stunde war ihm gleichgültig. Mein
Vater entschloß sich auf der Stelle, den Versuch zu machen, und
nahm mit mir und meiner Schwester bei dem expediten Meister Lektion. Die
Stunden wurden treulich gehalten, am Repetieren fehlte es auch nicht;
man ließ die vier Wochen über eher einige andere Übungen
liegen; der Lehrer schied von uns und wir von ihm mit Zufriedenheit. Da
er sich länger in der Stadt aufhielt und viele Kunden fand, so kam
er von Zeit zu Zeit nachzusehen und nachzuhelfen, dankbar, daß wir
unter die ersten gehörten, welche Zutrauen ihm gehabt, und stolz,
uns den übrigen als Muster anführen zu können.
In Gefolg von diesem hegte mein Vater eine neue Sorgfalt, daß auch
das Englische hübsch in der Reihe der übrigen Sprachbeschäftigungen
bliebe. Nun bekenne ich, daß es mir immer lästiger wurde, bald
aus dieser bald aus jener Grammatik oder Beispielsammlung, bald aus diesem
oder jenem Autor den Anlaß zu meinen Arbeiten zu nehmen, und so
meinen Anteil an den Gegenständen zugleich mit den Stunden zu verzetteln.
Ich kam daher auf den Gedanken, alles mit einmal abzutun, und erfand einen
Roman von sechs bis sieben Geschwistern, die, von einander entfernt und
in der Welt zerstreut, sich wechselseitig Nachricht von ihren Zuständen
und Empfindungen mitteilen. Der älteste Bruder gibt in gutem Deutsch
Bericht von allerlei Gegenständen und Ereignissen seiner Reise. Die
Schwester, in einem frauenzimmerlichen Stil, mit lauter Punkten und in
kurzen Sätzen, ungefähr wie nachher "Siegwart" geschrieben
wurde, erwidert bald ihm, bald den andern Geschwistern, was sie teils
von häuslichen Verhältnissen, teils von Herzensangelegenheiten
zu erzählen hat. Ein Bruder studiert Theologie und schreibt ein sehr
förmliches Latein, dem er manchmal ein griechisches Postskript hinzufügt.
Einem folgenden, in Hamburg als Handlungsdiener angestellt, ward natürlich
die englische Korrespondenz zuteil, so wie einem jüngern, der sich
in Marseille aufhielt, die französische. Zum Italienischen fand sich
ein Musikus auf seinem ersten Ausflug in die Welt, und der jüngste,
eine Art von naseweisem Nestquackelchen, hatte, da ihm die übrigen
Sprachen abgeschnitten waren, sich aufs Judendeutsch gelegt, und brachte
durch seine schrecklichen Chiffern die übrigen in Verzweiflung und
die Eltern über den guten Einfall zum Lachen.
Für diese wunderliche Form suchte ich mir einigen Gehalt, indem ich
die Geographie der Gegenden, wo meine Geschöpfe sich aufhielten,
studierte, und zu jenen trockenen Lokalitäten allerlei Menschlichkeiten
hinzu erfand, die mit dem Charakter der Personen und ihrer Beschäftigung
einige Verwandtschaft hatten. Auf diese Weise wurden meine Exerzitienbücher
viel voluminöser; der Vater war zufriedener, und ich ward eher gewahr,
was mir an eigenem Vorrat und an Fertigkeiten abging.
Wie nun dergleichen Dinge, wenn sie einmal im Gange sind, kein Ende und
keine Grenzen haben, so ging es auch hier: denn indem ich mir das barocke
Judendeutsch zuzueignen und es ebenso gut zu schreiben suchte, als ich
es lesen konnte, fand ich bald, daß mir die Kenntnis des Hebräischen
fehlte, wovon sich das moderne verdorbene und verzerrte allein ableiten
und mit einiger Sicherheit behandeln ließ. Ich eröffnete daher
meinem Vater die Notwendigkeit, Hebräisch zu lernen, und betrieb
sehr lebhaft seine Einwilligung: denn ich hatte noch einen höhern
Zweck. Überall hörte ich sagen, daß zum Verständnis
des Alten Testaments so wie des Neuen die Grundsprachen nötig wären.
Das letzte las ich ganz bequem, weil die sogenannten Evangelien und Episteln,
damit es ja auch Sonntags nicht an Übung fehle, nach der Kirche rezitiert,
übersetzt und einigermaßen erklärt werden mußten.
Ebenso dachte ich es nun auch mit dem Alten Testamente zu halten, das
mir wegen seiner Eigentümlichkeit ganz besonders von jeher zugesagt
hatte.
Mein Vater, der nicht gern etwas halb tat, beschloß, den Rektor
unseres Gymnasiums, Doktor Albrecht, um Privatstunden zu ersuchen, die
er mir wöchentlich so lange geben sollte, bis ich von einer so einfachen
Sprache das Nötigste gefaßt hätte; denn er hoffte, sie
werde, wo nicht so schnell, doch wenigstens in doppelter Zeit als die
englische sich abtun lassen.
Der Rektor Albrecht war eine der originalsten Figuren von der Welt, klein,
nicht dick aber breit, unförmlich ohne verwachsen zu sein, kurz ein
Äsop mit Chorrock und Perücke. Sein über-siebzigjähriges
Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln verzogen, wobei
seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch immer leuchtend
und geistreich waren. Er wohnte in dem alten Kloster zu den Barfüßern,
dem Sitz des Gymnasiums. Ich hatte schon als Kind, meine Eltern begleitend,
ihn manchmal besucht, und die langen dunklen Gänge, die in Visitenzimmer
verwandelten Kapellen, das unterbrochne treppen- und winkelhafte Lokal
mit schaurigem Behagen durchstrichen. Ohne mir unbequem zu sein, examinierte
er mich, so oft er mich sah, und lobte und ermunterte mich. Eines Tages,
bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als einen
auswärtigen Zuschauer, während er die silbernen praemia virtutis
et diligentize austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich mochte
gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die Schaumünzen
hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und reichte mir einen
solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich andre wo diese
einem Nicht Schulknaben gewährte Gabe außer aller Ordnung fanden.
Allein daran war dem guten Alten wenig gelegen, der überhaupt den
Sonderling und zwar in einer auffallenden Weise spielte. Er hatte als
Schulmann einen sehr guten Ruf und verstand sein Handwerk, ob ihm gleich
das Alter solches auszuüben nicht mehr ganz gestattete. Aber beinahe
noch mehr als durch eigene Gebrechlichkeit fühlte er sich durch äußere
Umstände gehindert, und wie ich schon früher wußte, war
er weder mit dem Konsistorium, noch den Scholarchen, noch den Geistlichen,
noch auch den Lehrern zufrieden. Seinem Naturell, das sich zum Aufpassen
auf Fehler und Mängel und zur Satire hinneigte, ließ er sowohl
in Programmen als in öffentlichen Reden freien Lauf, und wie Lucian
fast der einzige Schriftsteller war, den er las und schätzte, so
würzte er alles, was er sagte und schrieb, mit beizenden Ingredienzien.
Glücklicherweise für diejenigen, mit welchen er unzufrieden
war, ging er niemals direkt zu Werke, sondern schraubte nur mit Bezügen,
Anspielungen, klassischen Stellen und biblischen Sprüchen auf die
Mängel hin, die er zu rügen gedachte. Dabei war sein mündlicher
Vortrag (er las seine Reden jederzeit ab) unangenehm, unverständlich,
und über alles dieses manchmal durch einen Husten, öfters aber
durch ein hohles bauchschütterndes Lachen unterbrochen, womit er
die beißenden Stellen anzukündigen und zu begleiten pflegte.
Diesen seltsamen Mann fand ich mild und willig, als ich anfing, meine
Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends um 6 Uhr zu
ihm, und fühlte immer ein heimliches Behagen wenn sich die Klingeltüre
hinter mir schloß, und ich nun den langen düsteren Klostergang
durchzuwandeln hatte. Wir saßen in seiner Bibliothek an einem mit
Wachstuch beschlagenen Tische; ein sehr durchlesener Lucian kam nie von
seiner Seite. Ohngeachtet alles Wohlwollens gelangte ich doch nicht ohne
Einstand zur Sache: denn mein Lehrer konnte gewisse spöttische Anmerkungen,
und was es denn mit dem Hebräischen eigentlich solle, nicht unterdrücken.
Ich verschwieg ihm die Absicht auf das Judendeutsch, und sprach von besserem
Verständnis des Grundtextes. Darauf lächelte er und meinte,
ich solle schon zufrieden sein, wenn ich nur lesen lernte. Dies verdroß
mich im stillen, und ich nahm alle meine Aufmerksamkeit zusammen, als
es an die Buchstaben kam. Ich fand ein Alphabet, das ungefähr dem
griechischen zur Seite ging, dessen Gestalten faßlich, dessen Benennungen
mir zum größten Teil nicht fremd waren. Ich hatte dies alles
sehr bald begriffen und behalten, und dachte, es sollte nun ans Lesen
gehen. Daß dieses von der rechten zur linken Seite geschehe, war
mir wohl bewußt. Nun aber trat auf einmal ein neues Heer von kleinen
Buchstäbchen und Zeichen hervor, von Punkten und Strichelchen aller
Art welche eigentlich die Vokale vorstellen sollten, worüber ich
mich um so mehr verwunderte, als sich in dem größern Alphabete
offenbar Vokale befanden, und die übrigen nur unter fremden Benennungen
verborgen zu sein schienen. Auch ward gelehrt, daß die jüdische
Nation, solange sie geblüht, wirklich sich mit jenen ersten Zeichen
begnügt und keine andere Art zu schreiben und zu lesen gekannt habe.
Ich wäre nun gar zu gern auf diesem altertümlichen, wie mir
schien bequemeren Wege gegangen; allein mein Alter erklärte etwas
streng: man müsse nach der Grammatik verfahren, wie sie einmal beliebt
und verfaßt worden. Das Lesen ohne diese Punkte und Striche sei
eine sehr schwere Aufgabe, und könne nur von Gelehrten und den Geübtesten
geleistet werden. Ich mußte mich also bequemen, auch diese kleinen
Merkzeichen kennen zu lernen; aber die Sache ward mir immer verworrner.
Nun sollten einige der ersten größern Urzeichen an ihrer Stelle
gar nichts gelten, damit ihre kleinen Nachgebornen doch ja nicht umsonst
dastehen möchten. Dann sollten sie einmal wieder einen leisen Hauch,
dann einen mehr oder weniger harten Kehllaut andeuten, bald gar nur als
Stütze und Widerlage dienen. Zuletzt aber, wenn man sich alles wohl
gemerkt zu haben glaubte, wurden einige der großen sowohl als der
kleinen Personnagen in den Ruhestand versetzt, so daß das Auge immer
sehr viel und die Lippe sehr wenig zu tun hatte.
Indem ich nun dasjenige, was mir dem Inhalt nach schon bekannt war, in
einem fremden kauderwelschen Idiom herstottern sollte, wobei mir denn
ein gewisses Näseln und Gurgeln als ein Unerreichbares nicht wenig
empfohlen wurde, so kam ich gewissermaßen von der Sache ganz ab,
und amüsierte mich auf eine kindische Weise an den seltsamen Namen
dieser gehäuften Zeichen. Da waren Kaiser, Könige und Herzoge,
die, als Akzente hie und da dominierend, mich nicht wenig unterhielten.
Aber auch diese schalen Späße verloren bald ihren Reiz. Doch
wurde ich dadurch schadlos gehalten, daß mir beim Lesen, Übersetzen,
Wiederholen, Auswendiglernen der Inhalt des Buchs um so lebhafter entgegentrat,
und dieser war es eigentlich, über welchen ich von meinem alten Herrn
Aufklärung verlangte. Denn schon vorher waren mir die Widersprüche
der Überlieferung mit dem Wirklichen und Möglichen sehr auffallend
gewesen, und ich hatte meine Hauslehrer durch die Sonne, es die zu Gibeon,
und den Mond, der im Tal Ajalon still stand, in manche Not versetzt; gewisser
anderer Unwahrscheinlichkeiten und Inkongruenzen nicht zu gedenken. Alles
dergleichen ward nun aufgeregt, indem ich mich, um von dem Hebräischen
Meister zu werden, mit dem Alten Testament ausschließlich beschäftigte,
und solches nicht mehr in Luthers Übersetzung, sondern in der wörtlichen
beigedruckten Version des Sebastian Schmid, den mir mein Vater sogleich
angeschafft hatte, durchstudierte. Hier fingen unsere Stunden leider an,
was die Sprachübungen betrifft, lückenhaft zu werden. Lesen,
Exponieren, Grammatik, Aufschreiben und Hersagen von Wörtern dauerte
selten eine völlige halbe Stunde: denn ich fing sogleich an, auf
den Sinn der Sache loszugehen, und, ob wir gleich noch in dem ersten Buche
Mosis befangen waren, mancherlei Dinge zur Sprache zu bringen, welche
mir aus den spätern Büchern im Sinne lagen. Anfangs suchte der
gute Alte mich von solchen Abschweifungen zurückzuführen, zuletzt
aber schien es ihn selbst zu unterhalten. Er kam nach seiner Art nicht
aus dem Husten und Lachen, und wiewohl er sich sehr hütete, mir eine
Auskunft zu geben, die ihn hätte kompromittieren können, so
ließ meine Zudringlichkeit doch nicht nach; ja da mir mehr daran
gelegen war, meine Zweifel vorzubringen als die Auflösung derselben
zu erfahren, so wurde ich immer lebhafter und kühner, wozu er mich
durch sein Betragen zu berechtigen schien. Übrigens konnte ich nichts
aus ihm bringen, als daß er ein über das andre Mal mit seinem
bauchschütternden Lachen ausrief: "Er närrischer Kerl!
Er närrischer Junge!"
Indessen mochte ihm meine die Bibel nach allen Seiten durchkreuzende,
kindische Lebhaftigkeit doch ziemlich ernsthaft und einiger Nachhülfe
wert geschienen haben. Er verwies mich daher nach einiger Zeit auf das
große engIische Bibelwerk, welches in seiner Bibliothek bereitstand,
und in welchem die Auslegung schwerer und bedenklicher Stellen auf eine
verständige und kluge Weise unternommen war. Die Übersetzung
hatte durch die großen Bemühungen deutscher Gottesgelehrten
Vorzüge vor dem Original erhalten. Die verschiedenen Meinungen waren
angeführt, und zuletzt eine Art von Vermittelung versucht, wobei
die Würde des Buchs, der Grund der Religion und der Menschenverstand
einigermaßen neben einander bestehen konnten. So oft ich nun gegen
Ende der Stunde mit hergebrachten Fragen und Zweifeln auftrat, so oft
deutete er auf das Repositorium; ich holte mir den Band, er ließ
mich lesen, blätterte in seinem Lucian, und wenn ich über das
Buch meine Anmerkungen machte, war sein gewöhnliches Lachen alles,
wodurch er meinen Scharfsinn erwiderte. In den langen Sommertagen ließ
er mich sitzen, solange ich lesen konnte, manchmal allein; nur dauerte
es eine Weile, bis er mir erlaubte, einen Band nach dem andern mit nach
Hause zu nehmen.
Der Mensch mag sich wenden wohin er will, er mag unternehmen was es auch
sei, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die
Natur einmal vorgezeichnet hat. So erging es auch mir im gegenwärtigen
Falle. Die Bemühungen um die Sprache, um den Inhalt der Heiligen
Schriften selbst endigten zuletzt damit, daß von jenem schönen
und viel gepriesenen Lande, seiner Umgebung und Nachbarschaft, sowie von
den Völkern und Ereignissen, welche jenen Fleck der Erde durch Jahrtausende
hindurch verherrlichten, eine lebhaftere Vorstellung in meiner Einbildungskraft
hervorging. Dieser kleine Raum sollte den Ursprung und das Wachstum des
Menschengeschlechts sehen; von dorther sollten die ersten und einzigsten
Nachrichten der Urgeschichte zu uns gelangen, und ein solches Lokal sollte
zugleich so einfach und faßlich, als mannigfaltig und zu den wundersamsten
Wanderungen und Ansiedelungen geeignet vor unserer Einbildungskraft liegen.
Hier zwischen vier benannten Flüssen war aus der ganzen zu bewohnenden
Erde ein kleiner, höchst anmutiger Raum dem jugendlichen Menschen
ausgesondert. Hier sollte er seine ersten Fähigkeiten entwickeln,
und hier sollte ihn zugleich das Los treffen, das seiner ganzen Nachkommenschaft
beschieden war, seine Ruhe zu verlieren, indem er nach Erkenntnis strebte.
Das Paradies war verscherzt; die Menschen mehrten und verschlimmerten
sich; die an die Unarten dieses Geschlechte noch nicht gewohnten Elohim
wurden ungeduldig und vernichteten es von Grund aus. Nur wenige wurden
aus der allgemeinen Überschwemmung gerettet; und kaum hatte sich
diese greuliche Flut verlaufen, als der bekannte vaterländische Boden
schon wieder vor den Blicken der dankbaren Geretteten lag. Zwei Flüsse
von vieren, Euphrat und Tigris, flossen noch in ihren Betten. Der Name
des ersten blieb; den andern schien sein Lauf zu bezeichnen. Genauere
Spuren des Paradieses wären nach einer so großen Umwälzung
nicht zu fordern gewesen. Das erneute Menschengeschlecht ging von hier
zum zweitenmal aus; es fand Gelegenheit, sich auf alle Arten zu nähren
und zu beschäftigen, am meisten aber große Herden zahmer Geschöpfe
um sich zu versammeln und mit ihnen nach allen Seiten hinzuziehen.
Diese Lebensweise sowie die Vermehrung der Stämme nötigte die
Völker bald, sich von einander zu entfernen. Sie konnten sich sogleich
nicht entschließen, ihre Verwandten und Freunde für immer fahren
zu lassen; sie kamen auf den Gedanken, einen hohen Turm zu bauen, der
ihnen aus weiter Ferne den Weg wieder zurück weisen sollte. Aber
dieser Versuch mißlang wie jenes erste Bestreben. Sie sollten nicht
zugleich glücklich und klug, zahlreich und einig sein. Die Elohim
verwirrten sie, der Bau unterblieb, die Menschen zerstreuten sich; die
Welt war bevölkert, aber entzweit.
Unser Blick, unser Anteil bleibt aber noch immer an diese Gegenden geheftet.
Endlich geht abermals ein Stammvater von hier aus, der so glücklich
ist, seinen Nachkommen einen entschiedenen Charakter aufzuprägen,
und sie dadurch für ewige Zeiten zu einer großen, und bei allem
Glücks- und Ortswechsel zusammenhaltenden Nation zu vereinigen.
Vom Euphrat aus, nicht ohne göttlichen Fingerzeig, wandert Abraham
gegen Westen. Die Wüste setzt seinem Zug kein entschiedenes Hindernis
entgegen; er gelangt an den Jordan, zieht über den Fluß und
verbreitet sich in den schönen mittägigen Gegenden von Palästina.
Dieses Land war schon früher in Besitz genommen und ziemlich bewohnt.
Berge, nicht allzu hoch aber steinig und unfruchtbar, waren von vielen
bewässerten, dem Anbau günstigen Tälern durchschnitten.
Städte, Flecken, einzelne Ansiedelungen lagen zerstreut auf der Fläche,
auf Abhängen des großen Tals, dessen Wasser sich im Jordan
sammeln, so bewohnt, so bebaut war das Land, aber die Welt noch groß
genug, und die Menschen nicht auf den Grad sorgfältig, bedürfnisvoll
und tätig, um sich gleich aller ihrer Umgebungen zu bemächtigen.
Zwischen jenen Besitzungen erstreckten sich große Räume, in
welchen weidende Züge sich bequem hin und her bewegen konnten. In
solchen Räumen hält sich Abraham auf, sein Bruder Lot ist bei
ihm; aber sie können nicht lange an solchen Orten verbleiben. Eben
jene Verfassung des Landes, dessen Bevölkerung bald zubald abnimmt,
und dessen Erzeugnisse sich niemals mit dem Bedürfnis im Gleichgewicht
erhalten, bringt unversehens eine Hungersnot hervor, und der Eingewanderte
leidet mit dem Einheimischen, dem er durch seine zufällige Gegenwart
die eigne Nahrung verkümmert hat. Die beiden chaldäischen Brüder
ziehen nach Ägypten, und so ist uns der Schauplatz vorgezeichnet,
auf dem einige tausend Jahre die bedeutendsten Begebenheiten der Welt
vorgehen sollten. Vom Tigris zum Euphrat, vom Euphrat zum Nil sehen wir
die Erde bevölkert, und in diesem Raume einen bekannten, den Göttern
geliebten, uns schon wert gewordnen Mann mit Herden und Gütern hin
und wider ziehen und sie in kurzer Zeit aufs reichlichste vermehren. Die
Brüder kommen zurück; allein gewitzigt durch die ausgestandene
Not, fassen sie den Entschluß, sich von einander zu trennen. Beide
verweilen zwar im mittägigen Kanaan; aber indem Abraham zu Hebron
gegen den Hain Mamre bleibt, zieht sich Lot nach dem Tale Siddim, das,
wenn unsere Einbildungskraft kühn genug ist, dem Jordan einen unterirdischen
Ausfluß zu geben, um an der Stelle des gegenwärtigen Asphaltsees
einen trocknen Boden zu gewinnen, uns als ein zweites Paradies erscheinen
kann und muß; um so mehr, weil die Bewohner und Umwohner desselben,
als Weichlinge und Frevler berüchtigt, uns dadurch auf ein bequemes
und üppiges Leben schließen lassen. Lot wohnt unter ihnen,
jedoch abgesondert.
Aber Hebron und der Hain Mamre erscheinen uns als die wichtige Stätte,
wo der Herr mit Abraham spricht und ihm alles Land verheißt, so
weit sein Blick nur in vier Weltgegenden reichen mag. Aus diesen stillen
Bezirken, von diesen Hirtenvölkern, die mit den Himmlischen umgehen
dürfen, sie als Gäste bewirten und manche Zwiesprache mit ihnen
halten, werden wir genötigt den Blick abermals gegen Osten zu wenden,
und an die Verfassung der Nebenwelt zu denken, die im ganzen wohl der
einzelnen Verfassung von Kanaan gleichen mochte.
Familien halten zusammen; sie vereinigen sich, und die Lebensart der Stämme
wird durch das Lokal bestimmt, das sie sich zugeeignet haben oder zueignen.
Auf den Gebirgen, die ihr Wasser nach dem Tigris hinuntersenden, finden
wir kriegerische Völker, die schon sehr frühe auf jene Welteroberer
und Weltbeherrscher hindeuten, und in einem für jene Zeiten ungeheuren
Feldzug uns ein Vorspiel künftiger Großtaten geben. Kedor Laomor,
König von Elam, wirkt schon mächtig auf Verbündete. Er
herrscht lange Zeit: denn schon zwölf Jahre vor Abrahams Ankunft
in Kanaan hatte er bis an den Jordan die Völker zinsbar gemacht.
Sie waren endlich abgefallen, und die Verbündeten rüsten sich
zum Kriege. Wir finden sie unvermutet auf einem Wege, auf dem wahrscheinlich
auch Abraham nach Kanaan gelangte. Die Völker an der linken und untern
Seite des Jordan werden bezwungen. Kedor Laomor richtet seinen Zug südwärts
nach den Völkern der Wüste, sodann sich nordwärts wendend
schlägt er die Amalekiter, und als er auch die Amoriter überwunden,
gelangt er nach Kanaan, überfällt die Könige des Tals Siddim,
schlägt und zerstreut sie, und zieht mit großer Beute den Jordan
aufwärts, um seinen Siegerzug bis gegen den Libanon auszudehnen.
Unter den Gefangenen, Beraubten, mit ihrer Habe Fortgeschleppten befindet
sich auch Lot, der das Schicksal des Landes teilt, worin er als Gast sich
befindet. Abraham vernimmt es, und hier sehen wir sogleich den Erzvater
als Krieger und Helden. Er rafft seine Knechte zusammen, teilt sie in
Haufen, fällt auf den beschwerlichen Beutetroß, verwirrt die
Sieghaften, die im Rücken keinen Feind mehr vermuten konnten, und
bringt seinen Bruder und dessen Habe nebst manchem von der Habe der überwundenen
Könige zurück. Durch diesen kurzen Kriegszug nimmt Abraham gleichsam
von dem Lande Besitz. Den Einwohnern erscheint er als Beschützer,
als Retter, und durch Uneigennützigkeit als König. Dankbar empfangen
ihn die Könige des Tals, segnend Melchisedek der König und Priester.
Nun werden die Weissagungen einer unendlichen Nachkommenschaft erneut,
ja sie gehen immer mehr ins Weite. Vom Wasser des Euphrat bis zum Fluß
Ägyptens werden ihm die sämtlichen Landstrecken versprochen;
aber noch sieht es mit seinen unmittelbaren Leibeserben mißlich
aus. Er ist achtzig Jahr alt und hat keinen Sohn. Sara, weniger den Göttern
vertrauend als er, wird ungeduldig: sie will nach orientalischer Sitte
durch ihre Magd einen Nachkommen haben. Aber kaum ist Hagar dem Hausherrn
vertraut, kaum ist Hoffnung zu einem Sohne, so zeigt sich der Zwiespalt
im Hause. Die Frau begegnet ihrer eignen Beschützten übel genug,
und Hagar flieht, um bei andern Horden einen bessern Zustand zu finden.
Nicht ohne höheren Wink kehrt sie zurück, und Ismael wird geboren.
Abraham ist nun neunundneunzig Jahr alt, und die Verheißungen einer
zahlreichen Nachkommenschaft werden noch immer wiederholt, so daß
am Ende beide Gatten sie lächerlich finden. Und doch wird Sara zuletzt
guter Hoffnung und bringt einen Sohn, dem der Name Isaak zuteil wird.
Auf gesetzmäßiger Fortpflanzung des Menschengeschlechts ruht
größtenteils die Geschichte. Die bedeutendsten Weltbegebenheiten
ist man bis in die Geheimnisse der Familien zu verfolgen genötigt;
und so geben uns auch die Ehen der Erzväter zu eignen Betrachtungen
Anlaß. Es ist, als ob die Gottheiten, welche das Schicksal der Menschen
zu leiten beliebten, die ehelichen Ereignisse jeder Art hier gleichsam
im Vorbilde hätten darstellen wollen. Abraham, so lange Jahre mit
einer schönen, von vielen umworbenen Frau in kinderloser Ehe, findet
sich in seinem hundertsten als Gatte zweier Frauen, als Vater zweier Söhne,
und in diesem Augenblick ist sein Hausfriede gestört. Zwei Frauen
neben einander sowie zwei Söhne von zwei Müttern gegen einander
über vertragen sich unmöglich. Derjenige Teil, der durch Gesetze,
Herkommen und Meinung weniger begünstigt ist, muß weichen.
Abraham muß die Neigung zu Hagar, zu Ismael aufopfern; beide werden
entlassen und Hagar genötigt, den Weg, den sie auf einer freiwilligen
Flucht eingeschlagen, nunmehr wider Willen anzutreten, anfangs, wie es
scheint, zu des Kindes und ihrem Untergang; aber der Engel des Herrn,
der sie früher zurückgewiesen, rettet sie auch diesmal, damit
Ismael auch zu einem großen Volk werde, und die unwahrscheinlichste
aller Verheißungen selbst über ihre Grenzen hinaus in Erfüllung
gehe.
Zwei Eltern in Jahren und ein einziger spätgeborner Sohn: hier sollte
man doch endlich eine häusliche Ruhe, ein irdisches Glück erwarten!
Keineswegs. Die Himmlischen bereiten dem Erzvater noch die schwerste Prüfung.
Doch von dieser können wir nicht reden, ohne vorher noch mancherlei
Betrachtungen anzustellen.
Sollte eine natürliche allgemeine Religion entspringen, und sich
eine besondere geoffenbarte daraus entwickeln, so waren die Länder,
in denen bisher unsere Einbildungskraft verweilt, die Lebensweise, die
Menschenart wohl am geschicktesten dazu; wenigstens finden wir nicht,
daß in der ganzen Welt sich etwas ähnlich Günstiges und
Heitres hervorgetan hätte. Schon zur natürlichen Religion, wenn
wir annehmen, daß sie früher in dem menschlichen Gemüte
entsprungen, gehört viel Zartheit der Gesinnung: denn sie ruht auf
der Überzeugung einer allgemeinen Vorsehung, welche die Weltordnung
im ganzen leite. Eine besondre Religion, eine von den Göttern diesem
oder jenem Volk geoffenbarte, führt den Glauben an eine besondre
Vorsehung mit sich, die das göttliche Wesen gewissen begünstigten
Menschen, Familien, Stämmen und Völkern zusagt. Diese scheint
sich schwer aus dem Innern des Menschen zu entwickeln, sie verlangt Überlieferung,
Herkommen, Bürgschaft aus uralter Zeit.
Schön ist es daher, daß die israelitische Überlieferung
gleich die ersten Männer, welche dieser besondern Vorsehung vertrauen,
als Glaubenshelden darstellt, welche von jenem hohen Wesen, dem sie sich
abhängig erkennen, alle und jede Gebote ebenso blindlings befolgen,
als sie, ohne zu zweifeln, die späten Erfüllungen seiner Verheißungen
abzuwarten nicht ermüden.
So wie eine besondere geoffenbarte Religion den Begriff zum Grunde legt,
daß einer mehr von den Göttern begünstigt sein könne
als der andre, so entspringt sie auch vorzüglich aus der Absonderung
der Zustände. Nahe verwandt schienen sich die ersten Menschen, aber
ihre Beschäftigungen trennten sie bald. Der Jäger war der freieste
von allen; aus ihm entwickelte sich der Krieger und der Herrscher. Der
Teil, der den Acker baute, sich der Erde verschrieb, Wohnungen und Scheuern
aufführte, um das Erworbene zu erhalten, konnte sich schon etwas
dünken, weil sein Zustand Dauer und Sicherheit versprach. Dem Hirten
an seiner Stelle schien der ungemessenste Zustand sowie ein grenzenloser
Besitz zuteil geworden. Die Vermehrung der Herden ging ins Unendliche,
und der Raum, der sie ernähren sollte, erweiterte sich nach allen
Seiten. Diese drei Stände scheinen sich gleich anfangs mit Verdruß
und Verachtung angesehn zu haben und wie der Hirte dem Städter ein
Greuel war, so sonderte er auch sich wieder von diesem ab. Die Jäger
verlieren sich aus unsern Augen in die Gebirge, und kommen nur als Eroberer
wieder zum Vorschein.
Zum Hirtenstande gehörten die Erzväter. Ihre Lebensweise auf
dem Meere der Wüsten und Weiden gab ihren Gesinnungen Breite und
Freiheit, das Gewölbe des Himmels, unter dem sie wohnten, mit allen
seinen nächtlichen Sternen ihren Gefühlen Erhabenheit, und sie
bedurften mehr als der tätige gewandte Jäger, mehr als der sichte
sorgfältige hausbewohnende Ackersmann des unerschütterlichen
Glaubens, daß ein Gott ihnen zur Seite ziehe, daß er sie besuche,
an ihnen Anteil nehme, sie führe und rette.
Zu noch einer andern Betrachtung werden wir genötigt, indem wir zur
Geschichtsfolge übergehen. So menschlich, schön und heiter auch
die Religion der Erzväter erscheint, so gehen doch Züge von
Wildheit und Grausamkeit hindurch, aus welcher der Mensch herankommen,
oder worein er wieder versinken kann.
Daß der Haß sich durch das Blut, durch den Tod des überwundenen
Feindes versöhne, ist natürlich; daß man auf dem Schlachtfelde
zwischen den Reihen der Getöteten einen Frieden schloß, läßt
sich wohl denken, daß man ebenso durch geschlachtete Tiere ein Bündnis
zu befestigen glaubte, fließt aus dem Vorhergehenden; auch daß
man die Götter, die man doch immer als Partei, als Widersacher oder
als Beistand, ansah, durch Getötetes herbeiziehen, sie versöhnen,
sie gewinnen könne, über diese Vorstellung hat man sich gleichfalls
nicht zu verwundern. Bleiben wir aber bei den Opfern stehen, und betrachten
die Art, wie sie in jener Urzeit dargebracht wurden, so finden wir einen
seltsamen, für uns ganz widerlichen Gebrauch, der wahrscheinlich
auch aus dem Kriege hergenommen, diesen nämlich: die geopferten Tiere
jeder Art, und wenn ihrer noch so viel gewidmet wurden, mußten in
zwei Hälften zerhauen, an zwei Seiten gelegt werden, und in der Straße
dazwischen befanden sich diejenigen, die mit der Gottheit einen Bund schließen
wollten.
Wunderbar und ahndungsvoll geht durch jene schöne Welt noch ein anderer
schrecklicher Zug, daß alles, was geweiht, was verlobt war, sterben
mußte: wahrscheinlich auch ein auf den Frieden übertragener
Kriegsgebrauch. Den Bewohnern einer Stadt, die sich gewaltsam wehrt, wird
mit einem solchen Gelübde gedroht; sie geht über, durch Sturm
oder sonst; man läßt nichts am Leben, Männer keineswegs,
und manchmal teilen auch Frauen, Kinder, ja das Vieh ein gleiches Schicksal.
Übereilter und abergläubischer Weise werden, bestimmter oder
unbestimmter, dergleichen Opfer den Göttern versprochen; und so kommen
die, welche man schonen möchte, ja sogar die Nächsten, die eigenen
Kinder, in den Fall, als Sühnopfer eines solchen Wahnsinns zu bluten.
In dem sanften, wahrhaft urväterlichen Charakter Abrahams konnte
eine so barbarische Anbetungsweise nicht entspringen; aber die Götter,
welche manchmal, um uns zu versuchen, jene Eigenschaften hervorzukehren
scheinen, die der Mensch ihnen anzudichten geneigt ist, befehlen ihm das
Ungeheure. Er soll seinen Sohn opfern, als Pfand des neuen Bundes, und,
wenn es nach dem Hergebrachten geht, ihn nicht etwa nur schlachten und
verbrennen, sondern ihn in zwei Stücke teilen, und zwischen seinen
rauchenden Eingeweiden sich von den gütigen Göttern eine neue
Verheißung erwarten. Ohne Zaudern und blindlings schickt Abraham
sich an, den Befehl zu vollziehen: den Göttern ist der Wille hinreichend.
Nun sind Abrahams Prüfungen vorüber: denn weiter konnten sie
nicht gesteigert werden. Aber Sara stirbt, und dies gibt Gelegenheit,
daß Abraham von dem Lande Kanaan vorbildlich Besitz nimmt. Er bedarf
eines Grabes, und dies ist das erstemal, daß er sich nach einem
Eigentum auf dieser Erde umsieht. Eine zweifache Höhle gegen den
Hain Mamre mag er sich schon früher ausgesucht haben. Diese kauft
er mit dem daran stoßenden Acker, und die Form Rechtens, die er
dabei beobachtet, zeigt, wie wichtig ihm dieser Besitz ist. Er war es
auch, mehr als er sich vielleicht selbst denken konnte: denn er, seine
Söhne und Enkel sollten daselbst ruhen, und der nächste Anspruch
auf das ganze Land, sowie die immerwährende Neigung seiner Nachkommenschaft,
sich hier zu versammeln, dadurch am eigentlichsten begründet werden.
Von nun an gehen die mannigfaltigen Familienszenen abwechselnd vor sich.
Noch immer hält sich Abraham streng abgesondert von den Einwohnern,
und wenn Ismael, der Sohn einer Ägypterin, auch eine Tochter dieses
Landes geheiratet hat, so soll nun Isaak sich mit einer Blutsfreundin,
einer Ebenbürtigen, vermählen. Abraham sendet seinen Knecht
nach Mesopotamien zu den Verwandten, die er dort zurückgelassen.
Der kluge Eleasar kommt unerkannt an, und um die rechte Braut nach Hause
zu bringen, prüft er die Dienstfertigkeit der Mädchen am Brunnen.
Er verlangt zu trinken für sich, und ungebeten tränkt Rebekka
auch seine Kamele. Er beschenkt sie, er freiet um sie, die ihm nicht versagt
wird. So führt er sie in das Haus seines Herrn, und sie wird Isaak
angetraut. Auch hier muß die Nachkommenschaft lange Zeit erwartet
werden. Erst nach einigen Prüfungsjahren wird Rebekka gesegnet, und
derselbe Zwiespalt, der in Abrahams Doppelehe von zwei Müttern entstand,
entspringt hier von einer. Zwei Knaben von entgegengesetztem Sinne balgen
sich schon unter dem Herzen der Mutter. Sie treten ans Licht: der ältere
lebhaft und mächtig, der jüngere zart und klug; jener wird des
Vaters, dieser der Mutter Liebling. Der Streit um den Vorrang, der schon
bei der Geburt beginnt, setzt sich immer fort. Esau ist ruhig und gleichgültig
über die Erstgeburt, die ihm das Schicksal zugeteilt; Jakob vergißt
nicht, daß ihn sein Bruder zurückgedrängt. Aufmerksam
auf jede Gelegenheit, den erwünschten Vorteil zu gewinnen, handelt
er seinem Bruder das Recht der Erstgeburt ab, und bevorteilt ihn um des
Vaters Segen. Esau ergrimmt und schwört dem Bruder den Tod, Jakob
entflieht um in dem Lande seiner Vorfahren sein Glück zu versuchen.
Nun, zum erstenmal in einer so edlen Familie, erscheint ein Glied, das
kein Bedenken trägt, durch Klugheit und List die Vorteile zu erlangen,
welche Natur und Zustände ihm versagten. Es ist oft genug bemerkt
und ausgesprochen worden, daß die Heiligen Schriften uns jene Erzväter
und andere von Gott begünstigte Männer keineswegs als Tugendbilder
aufstellen wollen. Auch sie sind Menschen von den verschiedensten Charaktern,
mit mancherlei Mängeln und Gebrechen; aber eine Haupteigenschaft
darf solchen Männern nach dem Herzen Gottes nicht fehlen: es ist
der unerschütterliche Glaube, daß Gott sich ihrer und der Ihrigen
besonders annehme.
Die allgemeine, die natürliche Religion bedarf eigentlich keines
Glaubens: denn die Überzeugung, daß ein großes, hervorbringendes,
ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge,
um sich uns faßlich zu machen, eine solche Überzeugung dringt
sich einem jeden auf; ja wenn er auch den Faden derselben, der ihn durchs
Leben führt, manchmal fahren ließe, so wird er ihn doch gleich
und überall wieder aufnehmen können. Ganz anders verhält
sich's mit der besondern Religion, die uns verkündigt, daß
jenes große Wesen sich eines Einzelnen, eines Stammes, eines Volkes,
einer Landschaft entschieden und vorzüglich annehme. Diese Religion
ist auf den Glauben gegründet, der unerschütterlich sein muß,
wenn er nicht sogleich von Grund aus zerstört werden soll. Jeder
Zweifel gegen eine solche Religion ist ihr tödlich. Zur Überzeugung
kann man zurückkehren, aber nicht zum Glauben. Daher die unendlichen
Prüfungen, das Zaudern der Erfüllung so wiederholter Verheißungen,
wodurch die Glaubensfähigkeit jener Ahnherren ins hellste Licht gesetzt
wird.
Auch in diesem Glauben tritt Jakob seinen Zug an, und wenn er durch List
und Betrug unsere Neigung nicht erworben hat, so gewinnt er sie durch
die dauernde und unverbrüchliche Liebe zu Rahel, um die er selbst
aus dem Stegreife wirbt, wie Eleasar für seinen Vater um Rebekka
geworben hatte. In ihm sollte sich die Verheißung eines unermeßlichen
Volkes zuerst vollkommen entfalten; er sollte viele Söhne um sich
sehen, aber auch durch sie und ihre Mütter manches Herzeleid erleben.
Sieben Jahre dient er um die Geliebte, ohne Ungeduld und ohne Wanken.
Sein Schwiegervater, ihm gleich an List, gesinnt wie er, um jedes Mittel
zum Zweck für rechtmäßig zu halten, betriegt ihn, vergilt
ihm, was er an seinem Bruder getan: Jakob findet eine Gattin, die er nicht
liebt, in seinen Armen. Zwar, um ihn zu besänftigen, gibt Laban nach
kurzer Zeit ihm die geliebte dazu, aber unter der Bedingung sieben neuer
Dienstjahre; und so entspringt nun Verdruß aus Verdruß. Die
nicht geliebte Gattin ist fruchtbar, die geliebte bringt keine Kinder;
diese will wie Sara durch eine Magd Mutter werden, jene mißgönnt
ihr auch diesen Vorteil. Auch sie führt ihrem Gatten eine Magd zu,
und nun ist der gute Erzvater der geplagteste Mann von der Welt: vier
Frauen, Kinder von dreien, und keins von der geliebten! Endlich wird auch
diese beglückt, und Joseph kommt zur Welt, ein Spätling der
leidenschaftlichsten Liebe. Jakobs vierzehn Dienstjahre sind um; aber
Laban will in ihm den ersten, treusten Knecht nicht entbehren. Sie schließen
neue Bedingungen und teilen sich in die Herden. Laban behält die
von weißer Farbe, als die der Mehrzahl; die scheckigen, gleichsam
nur den Ausschuß, läßt sich Jakob gefallen. Dieser weiß
aber auch hier seinen Vorteil zu wahren, und wie er durch ein schlechtes
Gericht die Erstgeburt und durch eine Vermummung den väterlichen
Segen gewonnen, so versteht er nun durch Kunst und Sympathie den besten
und größten Teil der Herde sich zuzueignen, und wird auch von
dieser Seite der wahrhaft würdige Stammvater des Volks Israel und
ein Musterbild für seine Nachkommen. Laban und die Seinigen bemerken,
wo nicht das Kunststück, doch den Erfolg. Es gibt Verdruß;
Jakob flieht mit allen den Seinigen mit aller Habe, und entkommt dem nachsetzenden
Laban teils durch Glück, teils durch List. Nun soll ihm Rahel noch
einen Sohn schenken; sie stirbt aber in der Geburt: der Schmerzensohn
Benjamin überlebt sie, aber noch größern Schmerz soll
der Altvater bei dem anscheinenden Verlust seines Sohnes Joseph empfinden.
Vielleicht möchte jemand fragen, warum ich diese allgemein bekannten,
so oft wiederholten und ausgelegten Geschichten hier abermals umständlich
vortrage. Diesem dürfte zur Antwort dienen, daß ich auf keine
andere Weise darzustellen wüßte, wie ich bei meinem zerstreuten
Leben, bei meinem zerstückelten Lernen dennoch meinen Geist, meine
Gefühle auf einen Punkt zu einer stillen Wirkung versammelte; weil
ich auf keine andere Weise den Frieden zu schildern vermöchte, der
mich umgab, wenn es auch draußen noch so wild und wunderlich herging.
Wenn eine stets geschäftige Einbildungskraft, wovon jenes Märchen
ein Zeugnis ablegen mag, mich bald da- bald dorthin führte, wenn
das Gemisch von Fabel und Geschichte, Mythologie und Religion mich zu
verwirren drohte, so flüchtete ich gern nach jenen morgenländischen
Gegenden, ich versenkte mich in die ersten Bücher Mosis und fand
mich dort unter den ausgebreiteten Hirtenstämmen zugleich in der
größten Einsamkeit und in der größten Gesellschaft.
Diese Familienauftritte, ehe sie sich in eine Geschichte des israelitischen
Volks verlieren sollten, lassen uns nun zum Schluß noch eine Gestalt
sehen, an der sich besonders die Jugend mit Hoffnungen und Einbildungen
gar artig schmeicheln kann: Joseph, das Kind der leidenschaftlichsten
ehelichen Liebe. Ruhig erscheint er uns und klar, und prophezeit sich
selbst die Vorzüge, die ihn über seine Familie erheben sollten.
Durch seine Geschwister ins Unglück gestoßen, bleibt er standhaft
und rechtlich in der Sklaverei, widersteht den gefährlichsten Versuchungen,
rettet sich durch Weissagung, und wird zu hohen Ehren nach Verdienst erhoben.
Erst zeigt er sich einem großen Königreiche, sodann den seinigen
hülfreich und nützlich. Er gleicht seinem Urvater Abraham an
Ruhe und Großheit, seinem Großvater Isaak an Stille und Ergebenheit.
Den von seinem Vater ihm angestammten Gewerbsinn übt er im großen:
es sind nicht mehr Herden, die man einem Schwiegervater, die man für
sich selbst gewinnt, es sind Völker mit allen ihren Besitzungen,
die man für einen König einzuhandeln versteht. Höchst anmutig
ist diese natürliche Erzählung, nur erscheint sie zu kurz, und
man fühlt sich berufen, sie ins einzelne auszumalen. Ein solches
Ausmalen biblischer, nur im Umriß angegebener Charaktere und Begebenheiten
war den Deutschen nicht mehr fremd. Die Personen des Alten und Neuen Testaments
hatten durch Klopstock ein zartes und gefühlvolles Wesen gewonnen,
das dem Knaben sowie vielen seiner Zeitgenossen höchlich zusagte.
Von den Bodmerischen Arbeiten dieser Art kam wenig oder nichts zu ihm;
aber "Daniel in der Löwengrube", von Moser, machte große
Wirkung auf das junge Gemüt. Hier gelangt ein wohldenkender Geschäfts-
und Hofmann durch mancherlei Trübsale zu hohen Ehren, und seine Frömmigkeit,
durch die man ihn zu verderben drohte, ward früher und später
sein Schild und seine Waffe. Die Geschichte Josephs zu bearbeiten war
mir lange schon wünschenswert gewesen; allein ich konnte mit der
Form nicht zurecht kommen, besonders da mir keine Versart geläufig
war, die zu einer solchen Arbeit gepaßt hätte. Aber nun fand
ich eine prosaische Behandlung sehr bequem und legte mich mit aller Gewalt
auf die Bearbeitung. Nun suchte ich die Charaktere zu sondern und auszumalen,
und durch Einschaltung von Inzidenzien und Episoden die alte einfache
Geschichte zu einem neuen und selbstständigen Werke zu machen. Ich
bedachte nicht, was freilich die Jugend nicht bedenken kann, daß
hiezu ein Gehalt nötig sei, und daß dieser uns nur durch das
Gewahrwerden der Erfahrung selbst entspringen könne. Genug, ich vergegenwärtigte
mir alle Begebenheiten bis ins kleinste Detail, und erzählte sie
mir der Reihe nach auf das genauste.
Was mir diese Arbeit sehr erleichterte, war ein Umstand, der dieses Werk
und überhaupt meine Autorschaft höchst voluminos zu machen drohte.
Ein junger Mann von vielen Fähigkeiten, der aber durch Anstrengung
und Dünkel blödsinnig geworden war, wohnte als Mündel in
meines Vaters Hause, lebte ruhig mit der Familie und war sehr still und
in sich gekehrt, und, wenn man ihn auf seine gewohnte Weise verfahren
ließ, zufrieden und gefällig. Dieser hatte seine akademischen
Hefte mit großer Sorgfalt geschrieben, und sich eine flüchtige
leserliche Hand erworben. Er beschäftigte sich am liebsten mit Schreiben,
und sah es gern, wenn man ihm etwas zu kopieren gab; noch lieber aber,
wenn man ihm diktierte, weil er sich alsdann in seine glücklichen
akademischen Jahre versetzt fühlte. Meinem Vater, der keine expedite
Hand schrieb, und dessen deutsche Schrift klein und zittrig war, konnte
nichts erwünschter sein, und er pflegte daher, bei Besorgung eigner
sowohl als fremder Geschäfte, diesem jungen Manne gewöhnlich
einige Stunden des Tags zu diktieren. Ich fand es nicht minder bequem,
in der Zwischenzeit alles, was mir flüchtig durch den Kopf ging,
von einer fremden Hand auf dem Papier fixiert zu sehen, und meine Erfindungs-
und Nachahmungsgabe wuchs mit der Leichtigkeit des Auffassens und Aufbewahrens.
Ein so großes Werk als jenes biblische prosaischepische Gedicht
hatte ich noch nicht unternommen. Es war eben eine ziemlich ruhige Zeit,
und nichts rief meine Einbildungskraft aus Palästina und Ägypten
zurück. So quoll mein Manuskript täglich um so mehr auf, als
das Gedicht streckenweise, wie ich es mir selbst gleichsam in die Luft
erzählte, auf dem Papier stand, und nur wenige Blätter von Zeit
zu Zeit umgeschrieben zu werden brauchten.
Als das Werk fertig war, denn es kam zu meiner eignen Verwunderung wirklich
zustande, bedachte ich, daß von den vorigen Jahren mancherlei Gedichte
vorhanden seien, die mir auch jetzt nicht verwerflich schienen, welche,
in ein Format mit "Joseph" zusammengeschrieben, einen ganz artigen
Quartband ausmachen würden, dem man den Titel "Vermischte Gedichte"
geben könnte; welches mir sehr wohl gefiel, weil ich dadurch im stillen
bekannte und berühmte Autoren nachzuahmen Gelegenheit fand. Ich hatte
eine gute Anzahl sogenannter anakreontischer Gedichte verfertigt, die
mir wegen der Bequemlichkeit des Silbenmaßes und der Leichtigkeit
des Inhalts sehr wohl von der Hand gingen. Allein diese durfte ich nicht
wohl aufnehmen, weil sie keine Reime hatten, und ich doch vor allem meinem
Vater etwas Angenehmes zu erzeigen wünschte. Desto mehr schienen
mir geistliche Oden hier am Platz, dergleichen ich zur Nachahmung des
"Jüngsten Gerichts" von Elias Schlegel sehr eifrig versucht
hatte. Eine zur Feier der Höllenfahrt Christi geschriebene erhielt
von meinen Eltern und Freunden viel Beifall, und sie hatte das Glück,
mir selbst noch einige Jahre zu gefallen. Die sogenannten Texte der sonntägigen
Kirchenmusiken, welche jedesmal gedruckt zu haben waren, studierte ich
fleißig. Sie waren freilich sehr schwach und ich durfte wohl glauben,
daß die meinigen, deren ich mehrere nach der vorgeschriebenen Art
verfertigt hatte, ebensogut verdienten komponiert und zur Erbauung der
Gemeinde vorgetragen zu werden. Diese und mehrere dergleichen hatte ich
seit länger als einem Jahre mit eigener Hand abgeschrieben, weil
ich durch diese Privatübung von den Vorschriften des Schreibemeisters
entbunden wurde. Nunmehr aber ward alles redigiert und in gute Ordnung
gestellt, und es bedurfte keines großen Zuredens, um solche von
jenem schreibelustigen jungen Manne reinlich abgeschrieben zu sehen. Ich
eilte damit zum Buchbinder, als ich gar bald den saubern Band meinem Vater
überreichte, munterte er mich mit besonderm Wohlgefallen auf, alle
Jahre einen solchen Quartanten zu liefern; welches er mit desto größerer
Überzeugung tat, als ich das alles nur in sogenannten Nebenstunden
geleistet hatte.
Noch ein anderer Umstand vermehrte den Hang zu diesen theologischen oder
vielmehr biblischen Studien. Der Senior des Ministeriums, Johann Philipp
Fresenius, ein sanfter Mann, von schönem gefälligen Ansehen,
welcher von seiner Gemeinde, ja von der ganzen Stadt als ein exemplarischer
Geistlicher und guter Kanzelredner verehrt ward, der aber, weil er gegen
die Herrnhuter aufgetreten, bei den abgesonderten Frommen nicht im besten
Ruf stand, vor der Menge hingegen sich durch die Bekehrung eines bis zum
Tode blessierten freigeistischen Generals berühmt und gleichsam heilig
gemacht hatte, dieser starb, und sein Nachfolger Plitt, ein großer,
schöner, würdiger Mann, der jedoch vom Katheder (er war Professor
in Marburg gewesen) mehr die Gabe zu lehren als zu erbauen mitgebracht
hatte, kündigte sogleich eine Art von Religionskursus an, dem er
seine Predigten in einem gewissen methodischen Zusammenhang widmen wolle.
Schon früher, da ich doch einmal in die Kirche gehen mußte,
hatte ich mir die Einteilung gemerkt, und konnte dann und wann mit ziemlich
vollständiger Rezitation einer Predigt großtun. Da nun über
den neuen Senior manches für und wider in der Gemeine gesprochen
wurde, und viele kein sonderliches Zutrauen in seine angekündigten
didaktischen Predigten setzen wollten, so nahm ich mir vor, sorgfältiger
nachzuschreiben, welches mir um so eher gelang, als ich auf einem zum
Hören sehr bequemen, übrigens aber verborgenen Sitz schon geringere
Versuche gemacht hatte. Ich war höchst aufmerksam und behend; in
dem Augenblick, daß er Amen sagte, eilte ich aus der Kirche und
wendete ein paar Stunden daran, das, was ich auf dem Papier und im Gedächtnis
fixiert hatte, eilig zu diktieren, so daß ich die geschriebene Predigt
noch vor Tische überreichen konnte. Mein Vater war sehr glorios über
dieses Gelingen, und der gute Hausfreund, der eben zu Tische kam, mußte
die Freude teilen. Dieser war mir ohnehin höchst günstig, weil
ich mir seinen "Messias" so zu eigen gemacht hatte, daß
ich ihm, bei meinen öftern Besuchen, um Siegelabdrücke für
meine Wappensammlung zu holen, große Stellen davon vortragen konnte,
so daß ihm die Tränen in den Augen standen.
Den nächsten Sonntag setzte ich die Arbeit mit gleichem Eifer fort,
und weil mich der Mechanismus derselben sogar unterhielt, so dachte ich
nicht nach über das, was ich schrieb und aufbewahrte. Das erste Vierteljahr
mochten sich diese Bemühungen ziemlich gleich bleiben; als ich aber
zuletzt, nach meinem Dünkel, weder besondere Aufklärung über
die Bibel selbst, noch eine freiere Ansicht des Dogmas zu finden glaubte,
so schien mir die kleine Eitelkeit, die dabei befriedigt wurde, zu teuer
erkauft, als daß ich mit gleichem Eifer das Geschäft hätte
fortsetzen sollen. Die erst so blätterreichen Kanzelreden wurden
immer magerer, und ich hätte zuletzt diese Bemühung ganz abgebrochen,
wenn nicht mein Vater, der ein Freund der Vollständigkeit war, mich
durch gute Worte und Versprechungen dahin gebracht, daß ich bis
auf den letzten Sonntag Trinitatis aushielt, obgleich am Schlusse kaum
etwas mehr als der Text, die Proposition und die Einteilung auf kleine
Blätter verzeichnet wurden.
Was das Vollbringen betrifft, darin hatte mein Vater eine besondere Hartnäckigkeit.
Was einmal unternommen ward, sollte ausgeführt werden, und wenn auch
inzwischen das Unbequeme, Langweilige, Verdrießliche, ja Unnütze
des Begonnenen sich deutlich offenbarte. Es schien, als wenn ihm das Vollbringen
der einzige Zweck, das Beharren die einzige Tugend deuchte. Hatten wir
in langen Winterabenden im Familienkreise ein Buch angefangen vorzulesen,
so mußten wir es auch durchbringen, wenn wir gleich sämtlich
dabei verzweifelten und er mitunter selbst der erste war, der zu gähnen
anfing. Ich erinnere mich noch eines solchen Winters, wo wir Bowers "Geschichte
der Päpste" so durchzuarbeiten hatten. Es war ein fürchterlicher
Zustand, indem wenig oder nichts, was in jenen kirchlichen. Verhältnissen
vorkommt, Kinder und junge Leute ansprechen kann. Indessen ist mir bei
aller Unachtsamkeit und allem Widerwillen doch von jener Vorlesung so
viel geblieben, daß ich in späteren Zeiten manches daran zu
knüpfen imstande war.
Bei allen diesen fremdartigen Beschäftigungen und Arbeiten, die so
schnell auf einander folgten, daß man sich kaum besinnen konnte,
ob sie zulässig und nützlich wären, verlor mein Vater seinen
Hauptzweck nicht aus den Augen. Er suchte mein Gedächtnis, meine
Gabe etwas zu fassen und zu kombinieren, auf juristische Gegenstände
zu lenken, und gab mir daher ein kleines Buch, in Gestalt eines Katechismus,
von Hoppe, nach Form und Inhalt der "Institutionen" gearbeitet,
in die Hände. Ich lernte Fragen und Antworten bald auswendig, und
konnte so gut den Katecheten als den Katechumenen vorstellen; und wie
bei dem damaligen Religionsunterricht eine der Hauptübungen war,
daß man auf das behendeste in der Bibel aufschlagen lernte, so wurde
auch hier eine gleiche Bekanntschaft mit dem "Corpus Juris"
für nötig befunden, worin ich auch bald auf das vollkommenste
bewandert war. Mein Vater wollte weiter gehen, und der "Kleine Struve"
ward vorgenommen; aber hier ging es nicht so rasch. Die Form des Buches
war für den Anfänger nicht so günstig, daß er sich
selbst hätte aushelfen können, und meines Vaters Art zu dozieren
nicht so liberal, daß sie mich angesprochen hätte.
Nicht allein durch die kriegerischen Zustände, in denen wir uns seit
einigen Jahren befanden, sondern auch durch das bürgerliche Leben
selbst, durch Lesen von Geschichten und Romanen war es uns nur allzu deutlich,
daß es sehr viele Fälle gebe, in welchen die Gesetze schweigen
und dem einzelnen nicht zu Hülfe kommen, der dann sehen mag, wie
er sich aus der Sache zieht. Wir waren nun herangewachsen, und dem Schlendriane
nach sollten wir auch neben andern Dingen fechten und reiten lernen, um
uns gelegentlich unserer Haut zu wehren, und zu Pferde kein schülerhaftes
Ansehn zu haben. Was den ersten Punkt betrifft, so war uns eine solche
Übung sehr angenehm: denn wir hatten uns schon längst Haurapiere
von Haselstöcken, mit Körben von Weiden sauber geflochten, um
die Hand zu schützen, zu verschaffen gewußt. Nun durften wir
uns wirklich stählerne Klingen zulegen, und das Gerassel, was wir
damit machten, war sehr lebhaft.
Zwei Fechtmeister befanden sich in der Stadt: ein älterer ernster
Deutscher, der auf die strenge und tüchtige Weise zu Werke ging,
und ein Franzose, der seinen Vorteil durch Avancieren und Retirieren,
durch leichte flüchtige Stöße, welche stets mit einigen
Ausrufungen begleitet waren, zu erreichen suchte. Die Meinungen, welche
Art die beste sei, waren geteilt. Der kleinen Gesellschaft, mit welcher
ich Stunde nehmen sollte, gab man den Franzosen, und wir gewöhnten
uns bald, vorwärts und rückwärts zu gehen, auszufallen
und uns zurückzuziehen, und dabei immer in die herkömmlichen
Schreilaute auszubrechen. Mehrere von unsern Bekannten aber hatten sich
zu dem deutschen Fechtmeister gewendet, und übten gerade das Gegenteil.
Diese verschiedenen Arten, eine so wichtige Übung zu behandeln, die
Überzeugung eines jeden, daß sein Meister der bessere sei,
brachte wirklich eine Spaltung unter die jungen Leute, die ungefähr
von einem Alter waren, und es fehlte wenig, so hätten die Fechtschulen
ganz ernstliche Gefechte veranlaßt. Denn fast ward ebensosehr mit
Worten gestritten als mit der Klinge gefochten, und um zuletzt der Sache
ein Ende zu machen, ward ein Wettkampf zwischen beiden Meistern veranstaltet,
dessen Erfolg ich nicht umständlich zu beschreiben brauche. Der Deutsche
stand in seiner Positur wie eine Mauer, paßte auf seinen Vorteil,
und wußte mit Battieren und Ligieren seinen Gegner ein über
das andre Mal zu entwaffnen. Dieser behauptete, das sei nicht Raison,
und fuhr mit seiner Beweglichkeit fort, den andern in Atem zu setzen.
Auch brachte er dem Deutschen wohl einige Stöße bei, die ihn
aber selbst, wenn es Ernst gewesen wäre, in die andre Welt geschickt
hätten.
Im ganzen ward nichts entschieden noch gebessert, nur wendeten sich einige
zu dem Landsmann, worunter ich auch gehörte. Allein ich hatte schon
zu viel von dem ersten Meister angenommen, daher eine ziemliche Zeit darüber
hinging, bis der neue mir es wieder abgewöhnen konnte, der überhaupt
mit uns Renegaten weniger als mit seinen Urschülern zufrieden war.
Mit dem Reiten ging es mir noch schlimmer. Zufälligerweise schickte
man mich im Herbst auf die Bahn, so daß ich in der kühlen und
feuchten Jahreszeit meinen Anfang machte. Die pedantische Behandlung dieser
schönen Kunst war mir höchlich zuwider. Zum ersten und letzten
war immer vom Schließen die Rede, und es konnte einem doch niemand
sagen, worin denn eigentlich der Schluß bestehe, worauf doch alles
ankommen solle: denn man fuhr ohne Steigbügel auf dem Pferde hin
und her. Übrigens schien der Unterricht nur auf Prellerei und Beschämung
der Scholaren angelegt. Vergaß man die Kinnkette ein- oder auszuhängen,
ließ man die Gerte fallen oder wohl gar den Hut, jedes Versäumnis,
jedes Unglück mußte mit Geld gebüßt werden, und
man ward noch obenein ausgelacht. Dies gab mir den allerschlimmsten Humor,
besonders da ich den Übungsort selbst ganz unerträglich fand.
Der garstige, große, entweder feuchte oder staubige Raum, die Kälte,
der Modergeruch, alles zusammen war mir im höchsten Grade zuwider;
und da der Stallmeister den andern, weil sie ihn vielleicht durch Frühstücke
und sonstige Gaben, vielleicht auch durch ihre Geschicklichkeit bestachen,
immer die besten Pferde, mir aber die schlechtesten zu reiten gab, mich
auch wohl warten ließ, und mich, wie es schien, hintansetzte, so
brachte ich die allerverdrießlichsten Stunden über einem Geschäft
hin, das eigentlich das lustigste von der Welt sein sollte. Ja der Eindruck
von jener Zeit, von jenen Zuständen ist mir so lebhaft geblieben,
daß, ob ich gleich nachher leidenschaftlich und verwegen zu reiten
gewohnt war, auch Tage und Wochen lang kaum vom Pferde kam, daß
ich bedeckte Reitbahnen sorgfältig vermied, und höchstens nur
wenig Augenblicke darin verweilte. Es kommt übrigens der Fall oft
genug vor, daß, wenn die Anfänge einer abgeschlossenen Kunst
uns überliefert werden sollen, dieses auf eine peinliche und abschreckende
Art geschieht. Die Überzeugung, wie lästig und schädlich
dieses sei, hat in spätern Zeiten die Erziehungsmaxime aufgestellt,
daß alles der Jugend auf eine leichte, lustige und bequeme Art beigebracht
werden müsse; woraus denn aber auch wieder andere Übel und Nachteile
entsprungen sind.
Mit der Annäherung des Frühlings ward es bei uns auch wieder
ruhiger, und wenn ich mir früher das Anschauen der Stadt, ihrer geistlichen
und weltlichen, öffentlichen und Privatgebäude zu verschaffen
suchte, und besonders an dem damals noch vorherrschenden Altertümlichen
das größte Vergnügen fand, so war ich nachher bemüht,
durch die Lersnersche "Chronik" und durch andre unter meines
Vaters Frankofurtensien befindliche Bücher und Hefte, die Personen
vergangner Zeiten mir zu vergegenwärtigen; welches mir denn auch
durch große Aufmerksamkeit auf das Besondere der Zeiten und Sitten
und bedeutender Individualitäten ganz gut zu gelingen schien.
Unter den altertümlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf
dem Brückenturm aufgesteckte Schädel eines Staatsverbrechers
merkwürdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen
Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung
erhalten hatte. So oft man von Sachsenhausen nach Frankfurt zurückkehrte,
hatte man den Turm vor sich, und der Schädel fiel ins Auge. Ich ließ
mir als Knabe schon gern die Geschichte dieser Aufrührer, des Fettmilch
und seiner Genossen, erzählen, wie sie mit dem Stadtregiment unzufrieden
gewesen, sich gegen dasselbe empört, Meuterei angesponnen, die Judenstadt
geplündert und gräßliche Händel erregt, zuletzt aber
gefangen und von kaiserlichen Abgeordneten zum Tode verurteilt worden.
Späterhin lag mir daran, die nähern Umstände zu erfahren
und, was es denn für Leute gewesen, zu vernehmen. Als ich nun aus
einem alten, gleichzeitigen, mit Holzschnitten versehenen Buche erfuhr,
daß zwar diese Menschen zum Tode verurteilt, aber zugleich auch
viele Ratsherrn abgesetzt worden, weil mancherlei Unordnung und sehr viel
Unverantwortliches im Schwange gewesen; da ich nun die nähern Umstände
vernahm, wie alles hergegangen: so bedauerte ich die unglücklichen
Menschen, welche man wohl als Opfer, die einer künftigen bessern
Verfassung gebracht worden, ansehen dürfe; denn von jener Zeit schrieb
sich die Einrichtung her, nach welcher sowohl das altadlige Haus Limpurg,
das aus einem Klub entsprungene Haus Frauenstein, ferner Juristen, Kaufleute
und Handwerker an einem Regimente teilnehmen sollten, das, durch eine
auf venezianische Weise verwickelte Ballotage ergänzt, von bürgerlichen
Kollegien eingeschränkt, das Rechte zu tun berufen war, ohne zu dem
Unrechten sonderliche Freiheit zu behalten.
Zu den ahnungsvollen Dingen, die den Knaben und auch wohl den Jüngling
bedrängten, gehörte besonders der Zustand der Judenstadt, eigentlich
die Judengasse genannt, weil sie kaum aus etwas mehr als einer einzigen
Straße besteht, welche in frühen Zeiten zwischen Stadtmauer
und Graben wie in einen Zwinger mochte eingeklemmt worden sein. Die Enge,
der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles
zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore
vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte,
und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn ich einmal
den Zudringlichkeiten so vieler, etwas zu schachern unermüdet fordernder
oder anbietender Menschen entgangen war. Dabei schwebten die alten Märchen
von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder, die wir in Gottfrieds
"Chronik" gräßlich abgebildet gesehen, düster
vor dem jungen Gemüt. Und ob man gleich in der neuern Zeit besser
von ihnen dachte, so zeugte doch das große Spott- und Schundgemälde,
welches unter dem Brückenturm an einer Bogenwand, zu ihrem Unglimpf,
noch ziemlich zu sehen war, außerordentlich gegen sie: denn es war
nicht etwa durch einen Privatmutwillen, sondern aus öffentlicher
Anstalt verfertigt worden.
Indessen blieben sie doch das auserwählte Volk Gottes, und gingen,
wie es nun mochte gekommen sein, zum Andenken der ältesten Zeiten
umher. Außerdem waren sie ja auch Menschen, tätig, gefällig,
und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte
man seine Achtung nicht versagen. Überdies waren die Mädchen
hübsch, und mochten es wohl leiden, wenn ein Christenknabe, ihnen
am Sabbat auf dem Fischerfelde begegnend, sich freundlich und aufmerksam
bewies. Äußerst neugierig war ich daher, ihre Zeremonien kennen
zu lernen. Ich ließ nicht ab, bis ich ihre Schule öfters besucht,
einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und von dem Lauberhüttenfest
mir ein Bild gemacht hatte. Überall war ich wohl aufgenommen, gut
bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen: denn es waren Personen von Einfluß,
die mich entweder hinführten oder empfahlen.
So wurde ich denn als ein junger Bewohner einer großen Stadt von
einem Gegenstand zum andern hin und wider geworfen, und es fehlte mitten
in der bürgerlichen Ruhe und Sicherheit nicht an gräßlichen
Auftritten. Bald weckte ein näherer oder entfernter Brand uns aus
unserm häuslichen Frieden, bald setzte ein entdecktes großes
Verbrechen, dessen Untersuchung und Bestrafung die Stadt auf viele Wochen
in Unruhe. Wir mußten Zeugen von verschiedenen Exekutionen sein,
und es ist wohl wert zu gedenken, daß ich auch bei Verbrennung eines
Buchs gegenwärtig gewesen bin. Es war der Verlag eines französischen
komischen Romans, der zwar den Staat, aber nicht Religion und Sitten schonte.
Es hatte wirklich etwas Fürchterliches, eine Strafe an einem leblosen
Wesen ausgeübt zu sehen. Die Ballen platzten im Feuer, und wurden
durch Ofengabeln aus einander geschürt und mit den Flammen mehr in
Berührung gebracht. Es dauerte nicht lange, so flogen die angebrannten
Blätter in der Luft herum, und die Menge haschte begierig darnach.
Auch ruhten wir nicht, bis wir ein Exemplar auftrieben, und es waren nicht
wenige, die sich das verbotne Vergnügen gleichfalls zu verschaffen
wußten. Ja, wenn es dem Autor um Publizität zu tun war, so
hätte er selbst nicht besser dafür sorgen können.
Jedoch auch friedlichere Anlässe führten mich in der Stadt hin
und wider. Mein Vater hatte mich früh gewöhnt, kleine Geschäfte
für ihn zu besorgen. Besonders trug er mir auf, die Handwerker, die
er in Arbeit setzte, zu mahnen, da sie ihn gewöhnlich länger
als billig aufhielten, weil er alles genau wollte gearbeitet haben und
zuletzt bei prompter Bezahlung die Preise zu mäßigen pflegte.
Ich gelangte dadurch fast in alle Werkstätten, und da es mir angeboren
war, mich in die Zustände anderer zu finden, eine jede besondere
Art des menschlichen Daseins zu fühlen und mit Gefallen daran teilzunehmen,
so brachte ich manche vergnügliche Stunde durch Anlaß solcher
Aufträge zu, lernte eines jeden Verfahrungsart kennen, und was die
unerläßlichen Bedingungen dieser und jener Lebensweise für
Freude, für Leid, Beschwerliches und Günstiges mit sich führen.
Ich näherte mich dadurch dieser tätigen, das Untere und Obere
verbindenden Klasse. Denn wenn an der einen Seite diejenigen stehen, die
sich mit den einfachen und rohen Erzeugnissen beschäftigen, an der
andern solche, die schon etwas Verarbeitetes genießen wollen, so
vermittelt der Gewerker durch Sinn und Hand, daß jene beide etwas
von einander empfangen und jeder nach seiner Art seiner Wünsche teilhaft
werden kann. Das Familienwesen eines jeden Handwerks, das Gestalt und
Farbe von der Beschäftigung erhielt, war gleichfalls der Gegenstand
meiner stillen Aufmerksamkeit, und so entwickelte, so bestärkte sich
in mir das Gefühl der Gleichheit, wo nicht aller Menschen, doch aller
menschlichen Zustände, indem mir das nackte Dasein als die Hauptbedingung,
das übrige alles aber als gleichgültig und zufällig erschien.
Da mein Vater sich nicht leicht eine Ausgabe erlaubte, die durch einen
augenblicklichen Genuß sogleich wäre aufgezehrt worden, wie
ich mich denn kaum erinnre, daß wir zusammen spazieren gefahren
und auf einem Lustorte etwas verzehrt hätten: so war er dagegen nicht
karg mit Anschaffung solcher Dinge, die bei innerm Wert auch einen guten
äußern Schein haben. Niemand konnte den Frieden mehr wünschen
als er, ob er gleich in der letzten Zeit vom Kriege nicht die mindeste
Beschwerlichkeit empfand. In diesen Gesinnungen hatte er meiner Mutter
eine goldne mit Diamanten besetzte Dose versprochen, welche sie erhalten
sollte, sobald der Friede publiziert würde. In Hoffnung dieses glücklichen
Ereignisses arbeitete man schon einige Jahre an diesem Geschenk. Die Dose
selbst, von ziemlicher Größe, ward in Hanau verfertigt: denn
mit den dortigen Goldarbeitern sowie mit den Vorstehern der Seidenanstalt
stand mein Vater in gutem Vernehmen. Mehrere Zeichnungen wurden dazu verfertigt;
den Deckel zierte ein Blumenkorb, über welchem eine Taube mit dem
Ölzweig schwebte. Der Raum für die Juwelen war gelassen, die
teils an der Taube, teils an den Blumen, teils auch an der Stelle, wo
man die Dose zu öffnen pflegt, angebracht werden sollten. Der Juwelier,
dem die völlige Ausführung nebst den dazu nötigen Steinen
übergeben ward, hieß Laufensack und war ein geschickter muntrer
Mann, der, wie mehrere geistreiche Künstler, selten das Notwendige,
gewöhnlich aber das Willkürliche tat, was ihm Vergnügen
machte. Die Juwelen, in der Figur, wie sie auf dem Dosendeckel angebracht
werden sollten, waren zwar bald auf schwarzes Wachs gesetzt und nahmen
sich ganz gut aus, allein sie wollten sich von da gar nicht ablösen,
um aufs Gold zu gelangen. Im Anfange ließ mein Vater die Sache noch
so anstehen; als aber die Hoffnung zum Frieden immer lebhafter wurde,
als man zuletzt schon die Bedingungen, besonders die Erhebung des Erzherzogs
Joseph zum Römischen König, genauer wissen wollte, so ward mein
Vater immer ungeduldiger, und ich mußte wöchentlich ein paarmal,
ja zuletzt fast täglich den saumseligen Künstler besuchen. Durch
mein unablässiges Quälen und Zureden rückte die Arbeit,
wiewohl langsam genug, vorwärts: denn weil sie von der Art war, daß
man sie bald vornehmen, bald wieder aus den Händen legen konnte,
so fand sich immer etwas, wodurch sie verdrängt und bei Seite geschoben
wurde.
Die Hauptursache dieses Benehmens indes war eine Arbeit, die der Künstler
für eigene Rechnung unternommen hatte. Jedermann wußte, daß
Kaiser Franz eine große Neigung zu Juwelen, besonders auch zu farbigen
Steinen hege. Lautensack hatte eine ansehnliche Summe, und, wie sich später
fand, größer als sein Vermögen, auf dergleichen Edelsteine
verwandt, und daraus einen Blumenstrauß zu bilden angefangen, in
welchem jeder Stein nach seiner Form und Farbe günstig hervortreten
und das Ganze ein Kunststück geben sollte, wert, in dem Schatzgewölbe
eines Kaisers aufbewahrt zu stehen. Er hatte nach seiner zerstreuten Art
mehrere Jahre daran gearbeitet, und eilte nun, weil man nach dem bald
zu hoffenden Frieden die Ankunft des Kaisers zur Krönung seines Sohns
in Frankfurt erwartete, es vollständig zu machen und endlich zusammenzubringen.
Meine Lust, dergleichen Gegenstände kennen zu lernen, benutzte er
sehr gewandt, um mich als einen Mahnboten zu zerstreuen und von meinem
Vorsatz abzulenken. Er suchte mir die Kenntnis dieser Steine beizubringen,
machte mich auf ihre Eigenschaften, ihren Wert aufmerksam, so daß
ich sein ganzes Bouquet zuletzt auswendig wußte, und es ebenso gut
wie er einem Kunden hätte anpreisend vordemonstrieren können.
Es ist mir noch jetzt gegenwärtig, und ich habe wohl kostbarere,
aber nicht anmutigere Schau- und Prachtstücke dieser Art gesehen.
Außerdem besaß er noch eine hübsche Kupfersammlung und
andere Kunstwerke, über die er sich gern unterhielt, und ich brachte
viele Stunden nicht ohne Nutzen bei ihm zu. Endlich, als wirklich der
Kongreß zu Hubertsburg schon festgesetzt war, tat er aus Liebe zu
mir ein übriges, und die Taube zusamt den Blumen gelangte am Friedensfeste
wirklich in die Hände meiner Mutter.
Manchen ähnlichen Auftrag erhielt ich denn auch, um bei den Malern
bestellte Bilder zu betreiben. Mein Vater hatte bei sich den Begriff festgesetzt,
und wenig Menschen waren davon frei, daß ein Bild auf Holz gemalt
einen großen Vorzug vor einem andern habe, das nur auf Leinwand
aufgetragen sei. Gute eichene Bretter von jeder Form zu besitzen, war
deswegen meines Vaters große Sorgfalt, indem er wohl wußte,
daß die leichtsinnigem Künstler sich gerade in dieser wichtigen
Sache auf den Tischer verließen. Die ältesten Bohlen wurden
aufgesucht, der Tischer mußte mit Leimen, Hobeln und Zurichten derselben
aufs genauste zu Werke gehen, und dann blieben sie Jahre lang in einem
obern Zimmer verwahrt, wo sie genugsam austrocknen konnten. Ein solches
köstliches Brett ward dem Maler Juncker anvertraut, der einen verzierten
Blumentopf mit den bedeutendsten Blumen nach der Natur in seiner künstlichen
und zierlichen Weise darauf darstellen sollte. Es war gerade im Frühling,
und ich versäumte nicht, ihm wöchentlich einigemal die schönsten
Blumen zu bringen, die mir unter die Hand kamen; welche er denn auch sogleich
einschaltete, und das Ganze nach und nach aus diesen Elementen auf das
treulichste und fleißigste zusammenbildete. Gelegentlich hatte ich
auch wohl einmal eine Maus gefangen, die ich ihm brachte, und die er als
ein gar so zierliches Tier nachzubilden Lust hatte, auch sie wirklich
aufs genauste vorstellte, wie sie am Fuße des Blumentopfes eine
Kornähre benascht. Mehr dergleichen unschuldige Naturgegenstände,
als Schmetterlinge und Käfer, wurden herbeigeschafft und dargestellt,
so daß zuletzt, was Nachahmung und Ausführung betraf, ein höchst
schätzbares Bild beisammen war.
Ich wunderte mich daher nicht wenig, als der gute Mann mir eines Tages,
da die Arbeit bald abgeliefert werden sollte, umständlich eröffnete,
wie ihm das Bild nicht mehr gefalle, indem es wohl im einzelnen ganz gut
geraten, im ganzen aber nicht gut komponiert sei, weil es so nach und
nach entstanden, und er im Anfange das Versehen begangen, sich nicht wenigstens
einen allgemeinen Plan für Licht und Schatten sowie für Farben
zu entwerfen, nach welchem man die einzelnen Blumen hätte einordnen
können. Er ging mit mir das während eines halben Jahrs vor meinen
Augen entstandene und mir teilweise gefällige Bild umständlich
durch, und wußte mich zu meiner Betrübnis vollkommen zu überzeugen.
Auch hielt er die nachgebildete Maus für einen Mißgriff: "denn",
sagte er, "solche Tiere haben für viele Menschen etwas Schauderhaftes,
und man sollte sie da nicht anbringen, wo man Gefallen erregen will."
Ich hatte nun, wie es demjenigen zu gehen pflegt, der sich von einem Vorurteile
geheilt sieht und sich viel klüger dünkt als er vorher gewesen,
eine wahre Verachtung gegen dies Kunstwerk, und stimmte dem Künstler
völlig bei, als er eine andere Tafel von gleicher Größe
verfertigen ließ, worauf er, nach dem Geschmack, den er besaß,
ein besser geformtes Gefäß und einen kunstreicher geordneten
Blumenstrauß anbrachte, auch die lebendigen kleinen Beiwesen zierlich
und erfreulich sowohl zu wählen als zu verteilen wußte. Auch
diese Tafel malte er mit der größten Sorgfalt, doch freilich
nur nach jener schon abgebildeten oder aus dem Gedächtnis, das ihm
aber bei einer sehr langen und emsigen Praxis gar wohl zu Hülfe kam.
Beide Gemälde waren nun fertig, und wir hatten eine entschiedene
Freude an dem letzten, das wirklich kunstreicher und mehr in die Augen
fiel. Der Vater ward anstatt mit einem mit zwei Stücken überrascht
und ihm die Wahl gelassen. Er billigte unsere Meinung und die Gründe
derselben, besonders auch den guten Willen und die Tätigkeit; entschied
sich aber, nachdem er beide Bilder einige Tage betrachtet, für das
erste, ohne über diese Wahl weiter viele Worte zu machen. Der Künstler,
ärgerlich, nahm sein zweites, wohlgemeintes Bild zurück, und
konnte sich gegen mich der Bemerkung nicht enthalten, daß die gute
eichne Tafel, worauf das erste gemalt stehe, zum Entschluß des Vaters
gewiß das Ihrige beigetragen habe.
Da ich hier wieder der Malerei gedenke, so tritt in meiner Erinnerung
eine große Anstalt hervor, in der ich viele Zeit zubrachte, weil
sie und deren Vorsteher mich besonders an sich zog. Es war die große
Wachstuchfabrik, welche der Maler Nothnagel errichtet hatte: ein geschickter
Künstler, der aber sowohl durch sein Talent als durch seine Denkweise
mehr zum Fabrikwesen als zur Kunst hinneigte. In einem sehr großen
Raume von Höfen und Gärten wurden alle Arten von Wachstuch gefertigt,
von dem rohsten an, das mit der Spatel aufgetragen wird und das man zu
Rüstwagen und ähnlichem Gebrauch benutzte, durch die Tapeten
hindurch, welche mit Formen abgedruckt wurden, bis zu den feineren und
feinsten, auf welchen bald chinesische und phantastische, bald natürliche
Blumen abgebildet, bald Figuren, bald Landschaften durch den Pinsel geschickter
Arbeiter dargestellt wurden. Diese Mannigfaltigkeit, die ins Unendliche
ging, ergetzte mich sehr. Die Beschäftigung so vieler Menschen von
der gemeinsten Arbeit bis zu solchen, denen man einen gewissen Kunstwert
kaum versagen konnte, war für mich höchst anziehend. Ich machte
Bekanntschaft mit dieser Menge in vielen Zimmern hinter einander arbeitenden
jüngern und älteren Männern, und legte auch wohl selbst
mitunter Hand an. Der Vertrieb dieser Ware ging außerordentlich
stark. Wer damals baute oder ein Gebäude möblierte, wollte für
seine Lebenszeit versorgt sein, und diese Wachstuchtapeten waren allerdings
unverwüstlich. Nothnagel selbst hatte genug mit Leitung des Ganzen
zu tun, und saß in seinem Comptoir, umgeben von Faktoren und Handlungsdienern.
Die Zeit, die ihm übrig blieb, beschäftigte er sich mit seiner
Kunstsammlung, die vorzüglich aus Kupferstichen bestand, mit denen
er, sowie mit Gemälden, die er besaß, auch wohl gelegentlich
Handel trieb. Zugleich hatte er das Radieren lieb gewonnen; er ätzte
verschiedene Blätter und setzte diesen Kunstzweig bis in seine spätesten
Jahre fort.
Da seine Wohnung nahe am Eschenheimer Tore lag, so führte mich, wenn
ich ihn besucht hatte, mein Weg gewöhnlich zur Stadt hinaus und zu
den Grundstücken, welche mein Vater vor den Toren besaß. Das
eine war ein großer Baumgarten, dessen Boden als Wiese benutzt wurde,
und worin mein Vater das Nachpflanzen der Bäume, und was sonst zur
Erhaltung diente, sorgfältig beobachtete, obgleich das Grundstück
verpachtet war. Noch mehr Beschäftigung gab ihm ein sehr gut unterhaltener
Weinberg vor dem Friedberger Tore, woselbst zwischen den Reihen der Weinstöcke
Spargelreihen mit großer Sorgfalt gepflanzt und gewartet wurden.
Es verging in der guten Jahrszeit fast kein Tag, daß nicht mein
Vater sich hinausbegab, da wir ihn denn meist begleiten durften, und so
von den ersten Erzeugnissen des Frühlings bis zu den letzten des
Herbstes Genuß und Freude hatten. Wir lernten nun auch mit den Gartengeschäften
umgehen, die, weil sie sich jährlich wiederholten, uns endlich ganz
bekannt und geläufig wurden. Nach mancherlei Früchten des Sommers
und Herbstes war aber doch zuletzt die Weinlese das Lustigste und am meisten
Erwünschte; ja es ist keine Frage, daß, wie der Wein selbst
den Orten und Gegenden, wo er wächst und getrunken wird, einen freiem
Charakter gibt, so auch diese Tage der Weinlese, indem sie den Sommer
schließen und zugleich den Winter eröffnen, eine unglaubliche
Heiterkeit verbreiten. Lust und Jubel erstreckt sich über eine ganze
Gegend. Des Tages hört man von allen Ecken und Enden Jauchzen und
schießen, und des Nachts verkünden bald da bald dort Raketen
und Leuchtkugeln, daß man noch überall wach und munter diese
Feier gern so lange als möglich ausdehnen möchte. Die nachherigen
Bemühungen beim Keltern und während der Gärung im Keller
gaben uns auch zu Hause eine heitere Beschäftigung, und so kamen
wir gewöhnlich in den Winter hinein, ohne es recht gewahr zu werden.
Dieser ländlichen Besitzungen erfreuten wir uns im Frühling
1763 um so mehr, als uns der 15. Februar dieses Jahrs, durch den Abschluß
des Hubertsburger Friedens, zum festlichen Tage geworden, unter dessen
glücklichen Folgen der größte Teil meines Lebens verfließen
sollte. Ehe ich jedoch weiter schreite, halte ich es für meine Schuldigkeit,
einiger Männer zu gedenken, welche einen bedeutenden Einfluß
auf meine Jugend ausgeübt.
Von Olenschlager, Mitglied des Hauses Frauenstein, Schöff und Schwiegersohn
des oben erwähnten Doktor Orth, ein schöner, behaglicher, sanguinischer
Mann. Er hätte in seiner bürgemeisterlichen Festtracht gar wohl
den angesehensten französischen Prälaten vorstellen können.
Nach seinen akademischen Studien hatte er sich in Hof- und Staatsgeschäften
umgetan, und seine Reisen auch zu diesen Zwecken eingeleitet. Er hielt
mich besonders wert und sprach oft mit mir von den Dingen, die ihn vorzüglich
interessierten. Ich war um ihn, als er eben seine "Erläuterung
der Güldnen Bulle" schrieb; da er mir denn den Wert und die
Würde dieses Dokuments sehr deutlich herauszusetzen wußte.
Auch dadurch wurde meine Einbildungskraft in jene wilden und unruhigen
Zeiten zurückgeführt, daß ich nicht unterlassen konnte,
dasjenige, was er mir geschichtlich erzählte, gleichsam als gegenwärtig,
mit Ausmalung der Charakter und Umstände und manchmal sogar mimisch
darzustellen; woran er denn große Freude hatte, und durch seinen
Beifall mich zur Wiederholung aufregte.
Ich hatte von Kindheit auf die wunderliche Gewohnheit, immer die Anfänge
der Bücher und Abteilungen eines Werks auswendig zu lernen, zuerst
der fünf Bücher Mosis, sodann der "Äneide" und
der "Metamorphosen". So machte ich es nun auch mit der Goldenen
Bulle, und reizte meinen Gönner oft zum Lächeln, wenn ich ganz
ernsthaft unversehens ausrief: "Omne regnum in se divisum desolabitur:
nam principes ejus facti sunt socii furum." Der kluge Mann schüttelte
lächelnd den Kopf und sagte bedenklich: "Was müssen das
für Zeiten gewesen sein, in welchen der Kaiser auf einer großen
Reichsversammlung seinen Fürsten dergleichen Worte ins Gesicht publizieren
ließ."
Von Olenschlager hatte viel Anmut im Umgang. Man sah wenig Gesellschaft
bei ihm, aber zu einer geistreichen Unterhaltung war er sehr geneigt,
und er veranlaßte uns junge Leute, von Zeit zu Zeit ein Schauspiel
aufzuführen: denn man hielt dafür, daß eine solche Übung
der Jugend besonders nützlich sei. Wir gaben den "Kanut"
von Schlegel, worin mir die Rolle des Königs, meiner Schwester die
Estriche, und Ulfo dem jüngern Sohn des Hauses zugeteilt wurde. Sodann
wagten wir uns an den "Britannicus", denn wir sollten nebst
dem Schauspielertalent auch die Sprache zur Übung bringen. Ich erhielt
den Nero, meine Schwester die Agrippine, und der jüngere Sohn den
Britannicus. Wir wurden mehr gelobt, als wir verdienten, und glaubten
es noch besser gemacht zu haben, als wie wir gelobt wurden. So stand ich
mit dieser Familie in dem besten Verhältnis, und bin ihr manches
Vergnügen und eine schnellere Entwicklung schuldig geworden.
Von Reineck, aus einem altadligen Hause, tüchtig, rechtschaffen,
aber starrsinnig, ein hagrer schwarzbrauner Mann, den ich niemals lächeln
gesehen. Ihm begegnete das Unglück, daß seine einzige Tochter
durch einen Hausfreund entführt wurde. Er verfolgte seinen Schwiegersohn
mit dem heftigsten Prozeß, und weil die Gerichte, in ihrer Förmlichkeit,
seiner Rachsucht weder schnell noch stark genug willfahren wollten, überwarf
er sich mit diesen, und es entstanden Händel aus Händeln, Prozesse
aus Prozessen. Er zog sich ganz in sein Haus und einen daranstoßenden
Garten zurück, lebte in einer weitläufigen aber traurigen Unterstube,
in die seit vielen Jahren kein Pinsel eines Tünchers, vielleicht
kaum der Kehrbesen einer Magd gekommen war. Mich konnte er gar gern leiden,
und hatte mir seinen jüngern Sohn besonders empfohlen. Seine ältesten
Freunde, die sich nach ihm zu richten wußten, seine Geschäftsleute,
seine Sachwalter sah er manchmal bei Tische, und unterließ dann
niemals, auch mich einzuladen. Man aß sehr gut bei ihm und trank
noch besser. Den Gästen erregte jedoch ein großer, aus vielen
Ritzen rauchender Ofen die ärgste Pein. Einer der Vertrautesten wagte
einmal, dies zu bemerken, indem er den Hausherrn fragte: ob er denn so
eine Unbequemlichkeit den ganzen Winter aushalten könne. Er antwortete
darauf, als ein zweiter Timon und Heautontimorumenos: "Wollte Gott,
dies wäre das größte Übel von es denen, die mich
plagen!" Nur spät ließ er sich bereden, Tochter und Enkel
wiederzusehen. Der Schwiegersohn durfte ihm nicht wieder vor Augen.
Auf diesen so braven als unglücklichen Mann wirkte meine Gegenwart
sehr günstig: denn indem er sich gern mit mir unterhielt, und mich
besonders von Welt- und Staatsverhältnissen belehrte, schien er selbst
sich erleichtert und erheitert zu fühlen. Die wenigen alten Freunde,
die sich noch um ihn versammelten, gebrauchten mich daher oft, wenn sie
seinen verdrießlichen Sinn zu mildern und ihn zu irgend einer Zerstreuung
zu bereden wünschten. Wirklich fuhr er nunmehr manchmal mit uns aus,
und besah sich die Gegend wieder, auf die er so viele Jahre keinen Blick
geworfen hatte. Er gedachte der alten Besitzer, erzählte von ihren
Charaktern und Begebenheiten, wo er sich denn immer streng, aber doch
öfters heiter und geistreich erwies. Wir suchten ihn nun auch wieder
unter andere Menschen zu bringen, welches uns aber beinah übel geraten
wäre.
Von gleichem, wenn nicht noch von höherem Alter als er war ein Herr
von Malapart, ein reicher Mann, der ein sehr schönes Haus am Roßmarkt
besaß und gute Einkünfte von Salinen zog. Auch er lebte sehr
abgesondert; doch war er Sommers viel in seinem Garten vor dem Bockenheimer
Tore, wo er einen sehr schönen Nelkenflor wartete und pflegte.
Von Reineck war auch ein Nelkenfreund; die Zeit des Flors war da, und
es geschahen einige Anregungen, ob man sich nicht wechselseitig besuchen
wollte. Wir leiteten die Sache ein und trieben es so lange, bis endlich
von Reineck sich entschloß, mit uns einen Sonntagnachmittag hinauszufahren.
Die Begrüßung der beiden alten Herren war sehr lakonisch, ja
bloß pantomimisch, und man ging mit wahrhaft diplomatischem Schritt
an den langen Nelkengerüsten hin und her. Der Flor war wirklich außerordentlich
schön, und die besondern Formen und Farben der verschiedenen Blumen,
die Vorzüge der einen vor der andern und ihre Seltenheit machten
denn doch zuletzt eine Art von Gespräch aus, welches ganz freundlich
zu werden schien; worüber wir andern uns um so mehr freuten, als
wir in einer benachbarten Laube den kostbarsten alten Rheinwein in geschliffenen
Flaschen, schönes Obst und andre gute Dinge aufgetischt sahen. Leider
aber sollten wir sie nicht genießen. Denn unglücklicherweise
sah von Reineck eine sehr schöne Nelke vor sich, die aber den Kopf
etwas niedersenkte; er griff daher sehr zierlich mit dem Zeige- und Mittelfinger
vom Stengel herauf gegen den Kelch und hob die Blume von hinten in die
Höhe, so daß er sie wohl betrachten konnte. Aber auch diese
zarte Berührung verdroß den Besitzer. Von Malapart erinnerte,
zwar höflich aber doch steif genug und eher etwas selbstgefällig,
an das oculis non manibus. Von Reineck hatte die Blume schon losgelassen,
fing aber auf jenes Wort gleich Feuer und sagte, mit seiner gewöhnlichen
Trockenheit und Ernst: es sei einem Kenner und Liebhaber wohl gemäß,
eine Blume auf die Weise zu berühren und zu betrachten; worauf er
denn jenen Gest wiederholte und sie noch einmal zwischen die Finger nahm.
Die beiderseitigen Hausfreunde - denn auch von Malapart hatte einen bei
sich - waren nun in der größten Verlegenheit. Sie ließen
einen Hasen nach dem andern laufen (dies war unsre sprüchwörtliche
Redensart, wenn ein Gespräch sollte unterbrochen und auf einen andern
Gegenstand gelenkt werden); allein es wollte nichts verfangen: die alten
Herren waren ganz stumm geworden, und wir fürchteten jeden Augenblick,
von Reineck möchte jenen Akt wiederholen; da wäre es denn um
uns alle geschehn gewesen. Die beiden Hausfreunde hielten ihre Herren
auseinander, indem sie selbige bald da bald dort beschäftigten, und
das klügste war, daß wir endlich aufzubrechen Anstalt machten,
und so mußten wir leider den reizenden Kredenztisch ungenossen mit
dem Rücken ansehen.
Hofrat Hüsgen, nicht von Frankfurt gebürtig, reformierter Religion
und deswegen keiner öffentlichen Stelle noch auch der Advokatur fähig,
die er jedoch, weil man ihm als vortrefflichem Juristen viel Vertrauen
schenkte, unter fremder Signatur ganz gelassen sowohl in Frankfurt als
bei den Reichsgerichten zu führen wußte, war wohl schon sechzig
Jahr alt, als ich mit seinem Sohne Schreibstunde hatte und dadurch ins
Haus kam. Seine Gestalt war groß, lang ohne hager, breit ohne beleibt
zu sein. Sein Gesicht, nicht allein von den Blattern entstellt, sondern
auch des einen Auges beraubt, sah man die erste Zeit nur mit Apprehension.
Er trug auf einem kahlen Haupte immer eine ganz weiße Glockenmütze,
oben mit einem Bande gebunden. Seine Schlafröcke von Kalmank oder
Damast waren durchaus sehr sauber. Er bewohnte eine gar heitre Zimmerflucht
auf gleicher Erde an der Allee, und die Reinlichkeit seiner Umgebung entsprach
dieser Heiterkeit. Die größte Ordnung seiner Papiere, Bücher,
Landkarten machte einen angenehmen Eindruck. Sein Sohn, Heinrich Sebastian,
der sich durch verschiedene Schriften im Kunstfach bekannt gemacht, versprach
in seiner Jugend wenig. Gutmütig aber läppisch, nicht roh aber
doch geradezu und ohne besondre Neigung sich zu unterrichten, suchte er
lieber die Gegenwart der Vaters zu vermeiden, indem er von der Mutter
alles, was es wünschte, erhalten konnte. Ich hingegen näherte
mich dem Alten immer mehr, je mehr ich ihn kennen lernte. Da er sich nur
bedeutender Rechtsfälle annahm, so hatte er Zeit genug, sich auf
andre Weise zu beschäftigen und zu unterhalten. Ich hatte nicht lange
um ihn gelebt und seine Lehren vernommen, als ich wohl merken konnte,
daß er mit Gott und der Welt in Opposition stehe. Eins seiner Lieblingsbücher
war Agrippa "De vanitate scientiarum", das er mir besonders
empfahl, und mein junges Gehirn dadurch eine Zeitlang in ziemliche Verwirrung
setzte. Ich war im Behagen der Jugend zu einer Art von Optimismus geneigt,
und hatte mich mit Gott oder den Göttern ziemlich wieder ausgesöhnt:
denn durch eine Reihe von Jahren war ich zu der Erfahrung gekommen, daß
es gegen das Böse manches Gleichgewicht gebe, daß man sich
von den Übeln wohl wieder herstelle, und daß man sich aus Gefahren
rette und nicht immer den Hals breche. Auch was die Menschen taten und
trieben, sah ich läßlich an, und fand manches Lobenswürdige,
womit mein alter Herr keineswegs zufrieden sein wollte. Ja, als er einmal
mir die Welt ziemlich von ihrer fratzenhaften Seite geschildert hatte,
merkte ich ihm an, daß er noch mit einem bedeutenden Trumpfe zu
schließen gedenke. Er drückte, wie in solchen Fällen seine
Art war, das blinde linke Auge stark zu, blickte mit dem andern scharf
hervor und sagte mit einer näselnden Stimme: "Auch in Gott entdeck
ich Fehler."
Mein timonischer Mentor war auch Mathematiker; aber seine praktische Natur
trieb ihn zur Mechanik, ob er gleich nicht selbst arbeitete. Eine, für
damalige Zeiten wenigstens, wu |