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Freiligrath Ferdinand

Die weiße Frau
1844

Man sagt, es läßt die weiße Frau
Sich hier und dorten wieder sehen;
Durch mehr als einen Fürstenbau
Mit fahlem Antlitz soll sie gehen.
In weißer Robe, weiß verbrämt,
Tritt sie aus Wänden und aus Bildern;
Dastehn die Wachen wie gelähmt,
Die in den Korridoren schildern.

Wem gilt ihr abermalig Nahn
Rings in den Reichen und Provinzen?
Sagt sie, wie sonst, ein Sterben an?
Tod eines Fürsten oder Prinzen?
Es könnte sein - ich weiß es nicht!
Die Rede geht: ein tiefrer Jammer
Treibt sie hervor ans Tageslicht
Aus ihrer dunst'gen Totenkammer!

Sie schwebt durch Schlafgemach und Saal,
Sie beugt sich über goldne Wiegen,
Sie sieht den Herrn und sein Gemahl
Auf seidnen Pfühlen schlummernd liegen.
Sie haucht ihn an: "Was schlummerst du
O, daß du sähest meinen Kummer!
Die Ohren taub, die Augen zu -
Ach, ewig find ich dich im Schlummer!

Auf, mein Geschlecht! - Hör', wie weithin
Ein Schrei gellt, den du selbst beschworen!
Durch meiner Särge doppelt Zinn
Fühlt' ich ihn spitz mein Herz durchbohren!
Es ist der Schrei, den um sein Recht
Das Volk erhebt - annoch in Treuen!
Du schläfst sehr fest, O mein Geschlecht,
Zu überhören solch ein Schreien!

Die Todten weckt es in der Gruft -
Herr Gott, und die Lebend'gen schlafen!
Abschüttl ich Staub und Moderduft:
Ich möchte wecken, warnen, strafen!
Ich hab nicht Rast, ich hab nicht Ruh -
Eil, o mein Stamm, dich zu erheben!
Der Mann des Todes ruft dir zu:
Erfasse frisch und kühn das Leben!

Du thätest besser, in der That,
Frei das Panier ihm zu entfalten,
Als am verwitterten Brokat
Von meiner Bahre dich zu halten!
O, laß ihn fahren, eh dich's reut!
Blick' aus nach Stützen, jüngern, festern!
Mehr wärmt ein Bauernwams von heut
Als Hermelin und Samt von gestern!

O, schrecklich war, was ich beging,
Auf meinem Schloß zu Orlamünde!
Daß ich als Schatten geh und ging,
Es ist ja nur für jene Sünde!
Die eignen Kinder, lieb und lind,
Bracht ich ums Leben dort, o Grauen!
Doch du auch würgst ein lächelnd Kind -
Du mordest deines Volks Vertrauen!

Laß ab, laß ab - o sieh nicht fort!
Laß ab - es fleht, es hebt die Hände!
Laß ab - daß neuer Kindermord
Des Hauses alten Ruhm nicht schände!
O glaub: entsetzlich ist ein Fluch!
Er lastet auf der Brust wie Berge!
Er sengt wie Wetterstrahl! - Genug!
Ich kehr' zurück in meine Särge!

Da seh ich lustig über mir
Die Welt mit Blumen und mit Gräsern!
Sarg und Gewölbe, Schloß und Tür -
Ich starr' hindurch, als wär' es gläsern!
O, daß die Blumen je und je
Als Kranz um deine Schläfe lachten!
Daß ich sie nimmer blutig säh' -
Blutig durch dich und dein Mißachten!"

Sie senkt das Haupt, sie ringt die Hand,
Als ob ein Ahnen dumpf sie quäle.
Durch zwiefach Schloß und Teppichwand
Huscht sie davon, die arme Seele.
In weißer Robe, weiß verbrämt,
Schwebt sie vorbei den Ahnenbildern;
dastehn die Wachen wie gelähmt,
Die in den Korridoren schildern!

Vom süßen Brei

Sie ist verschwunden wie ein Traum -
Wer mag den Grabweg ihr versperren?
Schwer unterdeß auf seinem Flaum,
Schwer ist der Morgenschlaf des Herren.
Er lallt halbwach: "Das Volk? das Recht?
Was sie nur will? Ich möcht es wissen!
Ich schlafe diesen Morgen schlecht." -
Und sinkt zurück in seine Kissen.

Da naht von neuem das Gesicht,
Die letzte Frührast ihm zu stören.
Sie tritt zu Häupten ihm und spricht:
"Was du gefragt hast, sollst du hören! -
Ich baute weiland mir ein Schloß,
Stolz und in Herrlichkeit zu wohnen!
Aufbaut ich's mit Vasallentroß -
Mein ganzes Dienstvolk mußte frohnen!

Schlank in die Lüfte stieg der Bau,
Schlank mit Gewölben, Bogen, Gurten!
Aufstieg er, eine prächt'ge Schau,
Ob auch die Fröhner trotzig murrten.
Da sprach ich: Wohl, ich geb' euch Lohn!
So haltet aus denn in der Treue!
Und endet mit dem Bau die Fron,
So letz' ich euch mit süßem Breie!

Nun merk': Ich hielt, was ich versprach!
Wer wird sein Wort dem Volke brechen?
Nein, heilig sei uns ein Vertrag,
Und unumstößlich ein Versprechen!
Nein, hat die Schlösser, die wir baun,
Mit Schweiß und Blut das Volk gekittet,
So mög' es auch die Löhnung schaun,
Die nach dem Pakt es sich erbittet!

O, prächtig war die Gasterei,
Als nun die Burg dastand vollendet!
Nie ward zuvor ein süßem Brei
Mit vollen Löffeln so verschwendet!
Und alle Jahr bei Wein und Brot
Ließ ich den Festtag sich erneuern;
Es mußt ihn selbst nach meinem Tod
Die ganze Herrschaft jubelnd feiern

So ward der süße Brei zum Recht!
Verstehst du jetzt mein Reden besser?
O Sohn, du und dein Vorgeschlecht,
Ihr habt erhoben viele Schlösser!
Und viele Worte sind gesagt,
Die süßen Brei dem Volk verhießen -
Kannst du dich wundern, wenn es klagt
Und endlich Lust hat, zu genießen?

Es gab dir Blut, es gab dir Schweiß,
Und wird dir, was es gab, nicht schenken!
O, wolle doch des süßen Breis,
Den du versprochen, bald gedenken!
O, gib den Brei, den süßen Brei!
Wer weiß, was wird! Rasch fliehn die Stunden!" -
Aufwacht der Herr mit jähem Schrei,
Und wiederum ist sie verschwunden!