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Ebner-Eschenbach Marie Freifrau von
Aphorismen
Der Weise ist selten klug.
Man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei.
Die meisten Nachahmer lockt das Unnachahmliche.
Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun.
Ein Mann mit großen Ideen ist ein unbequemer Nachbar.
Tue deine Pflicht so lange, bis sie deine Freude wird.
Es gibt Fälle, in denen vernünftig sein, feig sein heißt.
Der Arme rechnet dem Reichen die Großmut niemals als Tugend an.
Gebrannte Kinder fürchten das Feuer oder vernarren sich darein.
Gegenseitiges Vertrauen ist wichtiger als gegenseitiges Verstehen.
Man kann nicht allen helfen, sagt der Engherzige und hilft keinem.
Es gibt wenig aufrichtige Freunde - die Nachfrage ist auch gering.
Im Grunde ist jedes Unglück gerade nur so schwer, als man es nimmt.
Nur der Denkende erlebt sein Leben, am Gedankenlosen zieht es vorbei.
Es schreibt keiner wie ein Gott, der nicht gelitten hat wie ein Hund.
Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns Halt im Leben.
Die verstehen sehr wenig, die nur das verstehen, was sich erklären
lässt.
Die guten Freunde sind da, um uns zu sagen, was unsere Feinde von uns
denken.
Wer sich keine Annehmlichkeiten versagen kann, wird sich nie ein Glück
erobern.
Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum erstenmal und du bist unsterblich.
Es gehört weniger Mut dazu, der allein Tadelnde, als der allein Lobende
zu sein.
Was Menschen und Dinge wert sind, kann man erst beurteilen, wenn sie alt
geworden.
Liebhabereien bewahren vor Leidenschaften; eine Liebhaberei wird zur Leidenschaft.
Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft. - Es kommt auf das
Material an.
Sich mit wenigem zu begnügen, ist schwer, sich mit viel zu begnügen,
noch schwerer.
Wenn die Neugier sich auf ernsthafte Dinge richtet, dann nennt man sie
Wissensdrang.
Über das Kommen mancher Leute tröstet uns oft nichts als die
Hoffnung auf ihr Gehen.
Wer in die Öffentlichkeit tritt, hat keine Nachsicht zu erwarten
und keine zu fordern.
Wenn man das Dasein als eine Aufgabe betrachtet, dann vermag man es immer
zu ertragen.
Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten in ihren unübersetzbaren
Worten.
Ein wahrer Freund trägt mehr zu unserem Glück bei als tausend
Feinde zu unserem Unglück.
Daß soviel Ungezogenheit gut durch die Welt kommt, daran ist die
Wohlerzogenheit schuld.
Wir sind leicht bereit, uns selbst zu tadeln, unter der Bedingung - daß
niemand einstimmt.
Wer sich seiner eigenen Kindheit nicht mehr deutlich erinnert, ist ein
schlechter Erzieher.
Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht
unser Schicksal aus.
Eltern verzeihen ihren Kindern die Fehler am schwersten, die sie selbst
ihnen anerzogen haben.
Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschen. Unter seinem Hauche
entfalten sich die Seelen.
Ein stolzer Mensch verlangt von sich das Außerordentliche, ein hochmütiger
schreibt es sich zu.
Den Menschen, die große Eigenschaften besitzen, verzeiht man ihre
kleinen Fehler am schwersten.
Der Gescheitere gibt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründete
die Weltherrschaft der Dummheit.
Die Welt gehört denen, die sie haben wollen, und wird von jenen verschmäht,
denen sie gehören sollte.
Im Unglück finden wir meistens die Ruhe wieder, die uns durch die
Furcht vor dem Unglück geraubt wurde.
Wir sind so eitel, daß uns sogar an der Meinung der Leute, an denen
uns nichts liegt, etwas gelegen ist.
Man bleibt jung, solange man noch lernen, neue Gewohnheiten annehmen und
einen Widerspruch ertragen kann.
Viele Leute glauben, wenn sie einen Fehler erst eingestanden haben, brauchen
sie ihn nicht mehr abzulegen.
Mehr noch als nach dem Glück unserer Jugend sehnen wir uns im Alter
nach den Wünschen unserer Jugend zurück.
Ausnahmen sind nicht immer Bestätigung der alten Regel; sie können
auch die Vorboten einer neuen Regel sein.
Es würde sehr wenig Böses auf Erden getan werden, wenn das Böse
niemals im Namen des Guten getan werden könnte.
Du wüßtest gern, was deine Bekannten von dir sagen? Höre,
wie sie von Leuten sprechen, die mehr wert sind als du.
Um ein öffentliches Amt glänzend zu verwalten, braucht man eine
gewisse Anzahl guter und - schlechter Eigenschaften.
Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zutage kommt, wenn sein
Schicksal anfängt, ihm über den Köpf zu wachsen.
Das Urteil auch des weisesten Elefanten gilt einem Eselchen lange nicht
so viel wie das Urteil eines andern Eselchen.
Wenn eine Frau sagt jeder, meint sie: jedermann.
Wenn ein Mann sagt jeder, meint er: jeder Mann.
Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein
Quell unendlichen Leids - und ein Quell unendlichen Trostes.
Der Umgang mit einem Egoisten ist darum so verderblich, weil die Notwehr
uns zwingt, allmählich in seine Fehler zu verfallen.
Beim Wiedersehen nach einer Trennung fragen die Bekannten nach dem, was
mit uns, die Freunde nach dem, was in uns vorgegangen.
Es darf so macher Talentlose von dem Werk so manches Talentvollen sagen:
Wenn ich das machen könnte, würde ich es besser machen.
Und ich habe mich so gefreut! sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung
zerstört wurde. Du hast dich gefreut - ist das nichts?
Es gibt Menschen mit leuchtendem und Menschen mit glänzendem Verstande.
Die ersten erhellen ihre Umgebung, die zweiten verdunkeln sie.
Beim Tode eines geliebten Menschen schöpfen wir eine Art Trost aus
dem Glauben, dass der Schmerz über unseren Verlust sich nie vermindern
wird.
Es stände besser um die Welt, wenn die Mühe, die man sich gibt,
die subtilsten Moralgesetze auszuklüglen, zur Ausübung der einfachsten
angewendet würde.
Wenn wir auch der Schmeichelei keinen Glauben schenken, der Schmeichler
gewinnt uns doch. Einige Dankbarkeit empfinden wir immer für den,
der sich die Mühe macht, uns angenehm zu belügen.
Einen Gedanken verfolgen - wie bezeichnend dies Wort! Wir eilen ihm nach,
erhaschen ihn, er entwindet sich uns, und die Jagd beginnt von neuem.
Der Sieg bleibt zuletzt dem Stärkeren. Ist es der Gedanke, dann läßt
er uns nicht ruhen, immer wieder taucht er auf - neckend, quälend,
unserer Ohnmacht, ihn zu fassen, spottend. Gelingt es aber der Kraft unseres
Geistes, ihn zu bewältigen, dann folgt dem heißen Ringkampf
ein beseeligendes, unwiderstehliches Bündnis auf Leben und Tod, und
die Kinder, die ihm entspringen, erobern die Welt.
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