Brockes Barthold Heinrich
Die uns im Frühlinge / zur Andacht
reizende
Vergnügung des Gehörs, in einem Sing-Gedichte
Ps. CIV. 12.
An den Bergen sitzen die Vögel des Himmels,
und singen unter den Zweigen.
Recitirende.
1. Die Aufmunterung.
2. Die Betrachtung
ARIA à 2.
Alles redet itzt und singet /
Alles tönet und erklinget /
GOTT / von Deiner Wunder-Macht!
Wem ist itzt Dein Heyl verborgen?
Jeder Tag erzählt's der Nacht
/
Und die Nacht dem andern Morgen.
Aufm.
So bald das güld'ne Morgen-Licht
Durch die begrau'te Dämmrung bricht;
So bricht der Vögel muntres Heer,
Da Erd' und Luft fast aller Töne leer,
Der dunkeln Nächte tiefe Stille.
Sie öffnen gleich, nach Nacht und Nebel,
Entzücket ob der Sonnen Stral,
Die Tön- und Lieder-reichen Schnäbel,
Und füllen Wälder, Berg' und Thal;
Es gurgeln ihre kleine Kählen,
Des Schöpfers Wunder zu erzählen.
ARIA.
Geflügelte Bürger beblätterter
Zweige /
Befiederte Sänger / ihr
preiset / ihr rühmt /
Da alles belaubet / da
alles beblühmt /
Die Güte des Schöpfers / und ich schweige?
Nein:
Dieß / durch die Geschöpfe / gerührte Gemühte
Lobsinget des Schöpfers allmächtiger Güte /
Und wünschet / Ihm ewiglich
dankbar zu seyn.
Betr.
Hier flötet, lockt und singet,
Dort zwitschert, schläget, ruft und pfeift
Der Vögel schnelle Schar, wenn sie bald fliegt, bald läuft,
Durch Laub und Blätter schlupft, von Zweig' auf Zweige
springet,
Die Hälse dreht, die Köpfgen rührt,
Von Sehen nimmer satt, sich wundert, sich ergetzet,
Und, durch des Frühlings Pracht, fast aus sich selbst gesetzet,
Dem grossen Schöpfer dankt, und jauchzend jubilirt.
Dort steigt die gurgelnde, gehaubte muntre Lerche
Lobsingend in die Luft; hier rühmt mit starker Schar,
Den warmen Sonnen-Stral der Stieglitz, Spatz und Star,
Der Dross- und Amseln Heer, die Specht' und Klapper-
Störche:
So Dol als Häher schreyt, die schnellen Schwalben schwirren,
Das kleine Zeisgen pfeift, die Wachtel lockt und schläg't,
Die Grasemücke singt, die Turtel-Tauben girren.
Kurz: Alles jauchzt, was sich in Lüften reg't.
ARIA à 2.
Auf zum Loben / zum Danken / zum
Singen /
Preiset und rühmet den herrlichen
GOTT!
Nichts müss' auf der Welt erklingen /
Als Dein Ruhm / HErr Zebaoth!
Aufm.
Wie aber, schweigen wir vom Wunder-Schall
Der Wälder Königinn, der Nachtigall?
Sie lässet Tag und Nacht, zu ihres Schöpfers Ehren,
Viel tausend süsse Lieder hören,
Womit sie Feld und Wald, Luft, Herz und Ohren füllt.
Ihr kleiner Hals, woraus ein flötend Glucken quillt,
Lockt, schmeichelt, girret, lacht, singt feurig, schlägt und
pfeift;
Erst zieht sie lange, dehnt und schleift,
Dann wirbelt sie den Ton, zertheilet, füg't ihn wieder,
Und ändert Wunder-schnell die mannigfalt'gen Lieder.
Fast aller Singe-Vögel Klang,
Manieren, Melodey, Gesang
Hat der Natur-Geist, wie es scheint,
In einer Nachtigall vereint.
ARIA.
Unbetrügliche Wald-Sirene /
Deiner unerschöpflichen Töne
Süsses Locken lockt mein Herz.
Durch dein künstlich und liebliches Singen
Flieg't / auf feurigen Andachts-Schwingen /
Mein Gemühte Himmel-wärts.
Betr.
Indessen wächst der Laut, da Mensch und Vieh erwacht;
Die Stille scheidet samt der Nacht;
Man höret ein verwirretes Getön
Allmälig in der Luft entstehn.
Da stellen sich in dem beblühmten Grünen,
Das, durch den Thau, geschmückt mit Demant-gleichem
Schein,
Die ämsigen, die unverdross'nen Bienen,
Mit sumsendem Gemurmel, ein;
Worunter bald hernach der Flügel tönend Zischen
Die scherzenden geschwinden Fliegen mischen:
Man wundert sich, wie stark ihr schwebend Gaukeln lermt,
Die Brems' und Hummel summt, der Käfer brummt und
schwärmt;
Hier brüllt ein satter Ochs; dort wiehern muntre Pferde;
Im Grase rauscht und knirscht der Biß der fetten Herde;
Es schnattert Ent' und Gans; es kräh't der frühe Han;
Dort bläk't ein zartes Lamm; hier meckern kleine Ziegen;
Der muntre Tauber theilt der dünnen Lüfte Bahn
Mit klatschendem Geräusch', und girret vor Vergnügen.
ARIA.
Da Welt und Himmel jubiliret
/
Da die Natur selbst musiciret /
Da alles / was nur lebet /
singt;
Auf! auf! mein Herz / mit Stimm' und Saiten /
Des Schöpfers Wunder auszubreiten /
Von Dem allein die Harmonie
entspringt.
Aufm.
Der Guckguck schreyt und ruf't:
Guck! guck! des Frühlings Pracht!
Guck, in der schönen Welt des großen Schöpfers Macht
Mit froher Andacht an! Wenn er sie dann beschaut,
Und, daß die Welt so wunderschön,
Nun eine Zeitlang angesehn,
Lacht er vor Anmuht überlaut.
Betr.
Die Schneppe schnarrt und ächzet
Im feuchten Schilf, vor Lust; Ein junger Rabe krechzet;
Es quackt der feuchte Frosch; es rauscht der rege Bach;
Es saus't der laue West; es lispeln Zweig' und Blätter,
Und, in verdünnter Luft und heiterm Wetter,
Vermehrt der Wiederhall den Schall, und ahmt ihm nach.
ARIA à 2.
Willt du / Mensch / da GOtt
zu Ehren /
Alles tönet / schallt und spricht;
Tauben Ottern gleich / nicht hören?
Höre / rühme / schweige nicht!
Laß / da selbst von harten Klippen
Schöne Töne rückwärts prallen
/
Die durchs Ohr gereizte Lippen
GOTT ein Dank-Lied wieder schallen!
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