literatur pinselpark    


  Home
Zum Autor
Sitemap/Inhalt
Vorherige Seite
   
  Suche /Wörterbuch
Forum
Mail
Seite weiterempfehlen

Drucken
Disclaimer
Wichtige Downloads

 

Auerbach Berthold

Die Frau Professorin - Die Flügel ausgebreitet!

Eine tiefe, entsagungsvolle Schwermut lag wie ein Bann auf Lorle. Sie sang einmal vor sich hin, und plötzlich schaute sie auf, als hörte sie die Stimme eines andern; sie erinnerte sich jetzt, daß sie seit Wochen und Monden kein Lied gesungen hatte, weder lustig noch traurig.

Die Tage des Lebens, sie vergehen, ob wir sie einsam oder in Gemeinschaft mit den Zugehörigen, ob wir sie in Trauer oder Lust verleben; sie ziehen dahin wie flüchtige Schatten und kehren nimmer wieder.

Lorle war überzeugt, daß die Schuld des getrennten Daseins nicht bloß in dem Mangel an Kindersegen beruhe; dieser hätte wohl den Zerfall verhüllt oder ausgeglichen, aber die unzerstörbare Kraft der Liebe kann sich oft gerade da am mächtigsten bewähren, wo zwei Menschen sich allein alles sein müssen. Die Eltern zu Hause hatten auch lange in kinderloser Ehe gelebt, und die Bärbel erzählte oft, daß sie selber miteinander gewesen wie zwei Kinder, so selig vergnügt.

Oft siecht ein Leben seine ganze Dauer hin, und oft rafft es sich empor zu neuer, selbstbestimmter Wiedergeburt; es ist ein höherer Wille, der dazu erkräftigt, und zugleich die in sich gehaltene Charakterkraft. Sonne und Regen nähren und erschließen leise und allmählich die Knospe, die der Entfaltung entgegenreift; Sturm und Gewitter können sie urplötzlich sprengen.

Da sind drei Menschen, sie gehen ruhig ihren Lebensweg, und doch verdoppeln sich oft die Pulsschläge ihres Herzens, als müßte jetzt unversehens eine Wendung des Geschicks eintreten.

Lorle lebte still dahin, sie war den Kindern der Verstorbenen eine sorgsame Mutter und freute sich in diesem erweiterten Kreise ihrer Pflichten. Da Reinhard fast nie mehr mit ihr spazieren ging, war sie auch froh, nun eines der Kinder zur Begleitung zu haben.

Reinhard war vielfach betrübt: er redete sich ein, daß ihm kein Bild mehr gelinge, auch hatte er viel Unruhe bei der ihm obliegenden Ordnung einer im Unverstand zusammengetrödelten Kupferstichsammlung. Dazu wurde trotz seines Widerspruches manches geschmacklose Bild angekauft, ja man nahm seinen Rat oft erst in Anspruch, wenn der Kauf bereits abgeschlossen war; seine Mahnung, einheimische Künstler zu beschäftigen, verhallte spurlos, denn man wollte fremde und glänzende Namen im Katalog haben.

Der Kollaborator hatte seit geraumer Zeit etwas Geheimnisvolles und Verschlossenes. Niemand ahnte, daß er nun in der Tat endlich in der Ausführung eines Werkes war, das wissenschaftlich und praktisch zugleich sein sollte, denn es nahm auf Gesetzesvorlagen in einem großen Staate Bezug, den man, nachdem die allgemeine Mißliebigkeit der Maßregel ihm zugefallen war, um so unbehinderter nachzuahmen strebte. Dort sollte nämlich unter der Herrschaft des Ritters von der Phrase der englisierte Sabbat und ein straffes Kirchenregiment eingeführt werden.

Der Kollaborator verriet niemand sein Vorhaben, er hatte schon so oft gesagt, daß er dieses und jenes vollführen wolle, was doch unterblieben war; nun wollte er plötzlich auftreten. Er wußte, daß stark erscheinen oft wesentlich darin besteht: die Vorsätze und Schwankungen zu verbergen und dann mit fertigen Taten zu überraschen. Der Weg nach der Hölle der Selbstanklage und der Verdammung durch andere ist mit guten Vorsätzen gepflastert. – Mit einem Gluteifer, den er bisher noch gar nicht an sich gekannt hatte, arbeitete der Kollaborator an seinem Werke und fand darin eine Erhebung, die kein noch so tiefes Denken und Fühlen in sich zu gewähren vermag. In der Hingebung, daß er die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen wollte, erquickte ihn auch noch oft der Gedanke an die öffentliche Wirksamkeit, und so empfing er im stillen den Segen der Geistestat, der unbelauschten Ausbreitung des eigensten Seins und Erkennens für alle, ein Segen, dem nichts auf Erden gleichkommt; das ganze Einzelleben will sich aufzehren, ein Opfer in den Flammen des Gedankens, und schwebt wiederum unversehrt, geläutert daraus empor.

Oft ward dem einsamen Forscher auch bange, er hatte so viel auf dem Herzen, das er doch nicht auf einmal offenbaren konnte.

In Gesellschaft der Freunde war er schweigsamer als je, weil er ein Geheimnis mit sich trug. Es war ihm, als ob er sich auch über andere Dinge nicht vollkommen unumwunden aussprechen könne. Bei manchen Gesprächsgegenständen hatte er bisweilen Lust auszurufen: »Wartet nur, bis mein Buch kommt, dort habe ich alles dies erörtert und ans Licht gesetzt.« Weil er dies nicht sagen durfte und mochte, schwieg er. Dagegen konnte er nicht umhin, unter dem unmittelbaren Einfluß der Gespräche in seine bereits niedergeschriebenen Darstellungen manchen Zwischensatz einzuschalten, manches »Epitheton« einzukeilen, um diesen oder jenen Mißverständnissen und schiefen Ansichten zu begegnen. –

Eines Mittags ging Lorle mit dem jüngsten Knaben des Registrators nach dem Schloßplatz zur Parade; sie wollte Reinhard dort erwarten, von dessen Werkstatt man gerade nach der Schloßwache sehen konnte. Als sie hier vorüberging, trat ein Tambour auf sie zu mit den Worten:

»Grüß Gott! Ei kennst mich nimmer? Sieh mich einmal recht an.«

»Herrje! der Wendelin, du bist ja mehr als um einen Kopf gewachsen.«

»Und dir geht auch nichts ab, du bist recht stark worden, Lorle, oder Frau Professorin; nicht wahr, so heißt man dich doch?«

Sie reichten sich die Hände, und nach mancherlei Fragen erzählte Wendelin: »Wie du halt fortgewesen bist, bin ich das Frühjahr drauf auch fort und hab mich zum Grafen Felseneck als Schäfer verdingt, und da hat einmal unser Fräulein, die Gräfin Mathilde, gehört, daß ich von Weißenbach sei, und da hab ich zu ihr nauf müssen, und da hat sie mich alles ausgefragt von dir und vom Herrn Reinhard. Es ist ein brav Mädle unser gnädig Fräulein, und da hat sie mir ein Guldenstückle geschenkt, und von dem Tag an hab ich's immer besser gehabt auf dem Hof, und wenn sie so durch's Feld geritten ist, sie reitet prächtig, da ist sie auf mich zukommen und hat mit mir geschwätzt. Und wie der Herr Graf die Schäferei aufgegeben hat, da hat mich der Vetter, der ist Oberleutnant in unserm Regiment, mit hierher genommen, und jetzt bin ich Tambour; ich bleib's aber nicht, ich lern das Horn blasen, und übers Jahr komm ich zur Regimentsmusik, und da hab ich für mein Lebtag ausgesorgt. Ich bin schon vierzehn Wochen hier, ich hab dich aber noch nicht gesehen.«

»Warum bist du nicht zu mir kommen?«

»Ja, wenn ich's gewußt hätt, daß ich so dürft und daß du noch allfort so gut bist, ich hätt dich schon ausgefunden. Ich hab aber auch sündlich viel zu lernen gehabt, meine Arme sind mir oft wie abgebrochen gewesen, und heut bin ich zum ersten Mal auf der Wacht; es ist mir ein gut Zeichen, daß ich dich grad seh!«

Während die beiden so miteinander plauderten, war der Adjutant des Prinzen bei Reinhard, um mit ihm die Transparente zu besprechen, die zur bevorstehenden Vermählung des Prinzen anzufertigen waren; er trat jetzt ans Fenster und rief: »Da unten steht Ihre Frau Gemahlin bei einem Soldaten.«

Reinhard eilte hinab, Lorle sah ihn nicht kommen, bis er ganz nahe war und in heftigem Tone rief: »Was stehst du da? Komm mit fort.«

In den bittersten Äußerungen ergoß sich Reinhard über diese schmachvolle Unschicklichkeit; Lorle konnte nicht zu Wort kommen. Die Parade zog auf und spielte einen lustigen Marsch, Lorle war's, als müßte sie in den Boden versinken, da sie hier vor aller Welt ihre Tränen nicht zurückhalten konnte; glücklicherweise aber bemerkte niemand ihr zur Erde gewendetes Antlitz. Endlich konnte sie die Worte hervorbringen:

»'s ist ja der Wendelin, du kennst ihn doch auch.«

Reinhard sah wohl ein, daß es zu hart und heftig gewesen war, aber die Unschicklichkeit war doch zu groß, als daß er Abbitte tat.

Bei den unerquicklichen Arbeiten, die Reinhard nun auszuführen hatte, ward er zu Hause immer düsterer und gereizter. Als er sich einst wieder zu einer Heftigkeit gegen Lorle hinreißen ließ, sagte sie: »Schmeiß nur alles zusammen wie die Teller, die du auch zerbrochen hast.«

Reinhard ward still, seine Frau kam ihm unendlich kleinlich vor, da sie jenen vor Jahren vollführten Übermut nicht vergessen konnte. Lorle aber konnte nicht mehr ausführlich mit ihm reden, sie wollte ihm sagen, daß er auch sie zerbreche, weil sie sein eigen geworden sei; aber sie konnte jetzt ihm gegenüber nur halbe Worte finden, ein Bann lag auf ihrer Seele, den sie nicht zu lösen vermochte.

Sie ging mit Reinhard durch die Straße, da begegnete ihnen ein Wagen mit frischem Heu; Lorle riß eine Handvoll aus und sagte: »Jetzt heuet man«, und Reinhard entgegnete: »Das ist etwas ganz Neues, eine merkwürdige Entdeckung!«

Lorle schwieg, sie konnte wiederum nicht sagen, wie schmerzlich es sie errege, erst zufällig durch einen Heuwagen zu merken, was an der Zeit sei, da sie sich so weit vom Feldleben entfernt hatte.

Ein überraschender Besuch verscheuchte auf einige Tage das stille Einerlei der einsamen Häuslichkeit. Der Wadeleswirt hatte schon oft seine Tochter heimsuchen wollen, aber wie das so geht, er kam schwer vom Fleck; bald sollte dieses, bald jenes Feldgeschäft noch getan sein, bevor er reiste, und dann redete er sich wieder ein, er wollte die Gevatterschaft abwarten, und so verstrich die Zeit. In den Briefen, die Lorle nach Hause geschrieben hatte, sprach sich oft in einzelnen Worten ein sehnsuchtsvolles Heimweh aus. Es hätte sich wohl daraus entnehmen lassen, daß ihr jetziges Leben ihr noch ein fremdes war; die Eltern ahnten wohl dergleichen, aber sie wollten sich's nicht glauben, sie rechneten alles der übermäßigen Kindesliebe zu. Seit geraumer Zeit entschuldigte Lorle in ihren Briefen jedesmal ihren Mann, daß er nicht selber schreibe, weil er gar viel zu tun habe.

Sei es nun durch eine Mitteilung Wendelins oder durch andere Berichte, im Dorfe ging die Sage, Lorle sei unglücklich und werde in der Stadt wie eine Gefangene gehalten. Nun hatte alles Zaudern und Zögern ein Ende, der Wadeleswirt lief herum, schnaubte und ballte die Fäuste; es tat ihm nur leid, daß er den Reinhard nicht gleich packen und tüchtig durchwalken konnte. Den ganzen Tag und die Nacht hindurch fuhr er und kam am frühen Morgen in der Stadt an; er besann sich jetzt aber eines Bessern, er wollte Lorle zuerst allein sprechen und wartete daher, bis Reinhard in der Werkstatt war. Als er die drei Treppen hinanstieg, stand er mehrmals still und verschnaufte, sein Blut war in mächtiger Wallung, und er meinte, die Knie müßten ihm brechen; das war ein harter Gang.

Erschütternd war das Wiedersehen von Vater und Kind, Lorle wollte sogleich nach Reinhard schicken, aber der Vater sagte: »Nur stet, ich hab zuerst ein Wörtle mit dir allein zu reden.«

Lorle mußte nun ihre Lebensweise berichten. Der Vater runzelte die Stirn und preßte die Lippen aufeinander, als er merkte, daß Reinhard nur zum Mittagessen und Schlafen heim käme; er gestand offen, daß das anders werden müsse und daß er dem »Professor was aufzuraten« geben wolle. Lorle bat und beschwor, ja keine Heftigkeit anzufachen, da das doch zu nichts führe; Eheleute müßten sich selber verständigen, da könne selbst der Vater nichts tun, sie sei nicht unglücklich, und ihre ganze Anschauung des Mißverhältnisses drängte sich in den Worten zusammen: »Gucket, das ist halt in der Stadt anders, das Elend ist eben, daß die Frau dem Mann in seinem Geschäft gar nichts helfen und beispringen kann, und da muß ein jedes allein sein; daheim, da geht die Frau mit dem Mann aufs Feld und hilft überall.« –

Dann erklärte sie, wie sehr Reinhard zu bedauern sei, er werde so viel vom Hof in Anspruch genommen und habe doch keine Freude daran.

Eine gemischte Empfindung beruhigte die Aufregung des Wadeleswirts, er bewunderte die Klugheit seiner Tochter und betrachtete sie mit erneutem Stolz; dann freute er sich, daß der Reinhard nichts vom Hofe wolle.

Lorle hatte Reinhard nun doch rufen lassen, und dieser kam in Gemeinschaft mit dem Kollaborator. Das Wiedersehen von Schwiegervater und Sohn hatte hierdurch eine vielleicht erwünschte fremde Haltung, denn noch war der Zorn des ersteren nicht ganz verraucht. Reinhard war ganz der alte, auch äußerlich; denn er hatte sich seinen Bart wieder wachsen lassen, da die Engländer in allen möglichen Bartformen bei Hofe erschienen: man kann fast sagen, daß damit wiederum sein unbändiges Wesen aufwuchs. Reinhard schlug die alte übermütig lustige Weise gegen seinen Schwiegervater an. Lorle freute sich darüber. Sie wußte nicht, daß er sich innerlich Vorwürfe machte, daß er jetzt mit Absicht und Willen eine Form annahm, die ehedem unwillkürlich zu seinem Wesen gehörte; aber ihm stand keine andere Vermittlungsart mit seinem Schwiegervater zu Gebote. Der Kollaborator war überaus zuvorkommend und freundlich gegen den Wadeleswirt; Lorle neckte ihn, weil er sich sonst so wenig sehen ließ; sie konnte nicht ahnen, daß er sich von ihr zurückzog aus Furcht, sein Mitleid und seine Verehrung für sie könne ihm einen bösen Streich spielen.

So hatte die erste Stunde des Zusammenseins einen überaus heitern Anstrich und hätte man später auch Lust oder Veranlassung gehabt, eine andere Farbe zum Vorschein kommen zu lassen, so wäre dies nicht mehr möglich gewesen, wenigstens nicht in der ganzen Schärfe und Bestimmtheit; denn die erste Stunde des Wiedersehens ist der Akkord, der die Tonart für den ganzen Verlauf des Beisammenseins angibt. Außerdem war Reinhard mit Arbeiten überhäuft, wie er mindestens behauptete, er überließ daher seinen Schwiegervater ganz der Leitung und Fürsorge des Kollaborators.

Sei es zufällig oder absichtlich, Reinhard ging nie mit dem Wirt, der natürlich in seiner Bauerntracht erschienen war, bei Tage über die Straße. Lorle glaubte, er ahne und fürchte eine unangenehme Auseinandersetzung und wolle dieselbe vermeiden, sie hatte nichts dagegen einzuwenden; daß er sich des Bauern schämen könnte, kam ihr nicht entfernt in den Sinn.

Der Kollaborator war ganz glückselig, den Wadeleswirt überall geleiten zu können, er erfreute sich nicht nur an dem körnigen naturkräftigen Sinne des Mannes, sondern er wollte auch vor sich und vor andern beweisen, wie sehr er sich dem Volke nahe fühle; er versuchte sogar Arm in Arm mit dem Wirt zu gehen, was dieser aber als unbequem ablehnte. Der Wirt fand den Gelehrten in der Stadt auch viel schlichter und natürlicher als damals im Dorfe, er war daher auch ganz harmlos gegen ihn und sagte einmal: »Es ist mir doch allemal, wenn ich nach der Stadt da komm, wie wenn ich umfallen müßt; es ist alles so eben (flach), es sind keine Berg da, wo ich mich dran halten kann.« –

Der Kollaborator erfreute sich an dieser eigentümlichen Empfindungsweise des Bergbewohners, aber er hatte gelernt, nicht alsbald auf alles eine Gegenbemerkung zu machen, wodurch der lautere Erguß gehemmt oder in eine andere Richtung gelenkt wurde.

Der Landtag ward gerade wiederum versammelt, der Kollaborator brachte seinen Schützling in die Gesellschaft der freisinnigen Abgeordneten. In der ganzen Stadt und zumal »höheren Orts« wurde es übel vermerkt, daß der Kollaborator als Staatsdiener, der noch dazu jeden Tag seine endliche Ernennung zum Bibliothekar mit Gehaltserhöhung erwarten durfte, sich offen der ständischen Opposition anschloß; er kümmerte sich aber wenig um die ihm hierüber zugehenden Andeutungen. War nur irgendein Bedenken berechtigt über den Anschluß an Männer, die auf dem Boden der Verfassung stehend gegen Regierungsmaßregeln kämpften und Normen für die Zukunft feststellten? War er ein Diener der Minister oder des Staates? – Der Wadeleswirt, aus dessen Bezirk ein Regierungsmann gewählt war, wurde dennoch von dem angesehenen Haupt der Opposition mit besonderer Auszeichnung behandelt, weil er nicht nur als freisinniger Wahlmann bekannt war, sondern in ihm auch eine Bürgschaft für die zukünftige Besserung des verlorenen Wahlbezirks liegen konnte. In dem rührigen, ernsten und heitern Leben, das in dieser Gesellschaft den Wadeleswirt umgab und wo er andächtig zuhörte, vergaß er fast ganz, warum er eigentlich nach der Stadt gekommen war; überdies sah er jetzt wohl ein, daß hier nichts von seiner Seite geändert werden könne, und so war er froh, doch in der Beteiligung an den allgemeinen Landesangelegenheiten eine Erhebung zu finden. Der Kollaborator sprach mit seinem Schützling viel über Staatsverhältnisse, aber voll von dem Gegenstande, den er eben jetzt in seiner Schrift behandelte, konnte es auch nicht fehlen, daß er oft darauf zurückkam, man müsse zunächst und vor allem die wahre Religion wieder herstellen und »dem Pfaffentum den Treff geben.«

»Ich hätt's nicht glaubt«, entgegnete der Wadeleswirt, »daß Ihr so fromm seid; aber lasset doch in Gottes Namen die Pfaffen in Ruh, da ist nicht gut anrühren, und die gelten eigentlich doch nur bei den Weibsleuten. Jetzt müssen wir weniger Steuern, müssen Schwurgerichte und Landwehr haben, das ist jetzt die Hauptsach.«

Trotz aller Bitten Lorles hatte sich der Vater nicht bewegen lassen, bei ihr zu wohnen, er blieb bei einem alten Bekannten, einem Bäcker, der ihn bisweilen beim Fruchteinkaufe besuchte und der zugleich eine Wirtschaft hielt; Lorle mußte oft mit ihm dahin gehen, und sie saßen dann nicht in der Wirtsstube, sondern im Backstüble bei der Familie. Lorle war voll Freude, hier Menschen zu finden, einfach und offen wie daheim, voll rüstiger Tätigkeit im Haus und im Feld. Der Wadeleswirt empfahl noch seinem Gastfreund, er solle Lorle beistehen und ihr geben, was sie verlange, und sie versprach, öfters zum Besuche bei der Bäckerfamilie zu kommen.

Die Stunde der Abreise nahte. Lorle konnte den Gedanken nicht loswerden, daß sie auf lange Abschied nehme und ihren Vater vielleicht nimmer wiedersehe; sie sagte daher bei der letzten Handreichung: »Pfleget Euch nur auch recht gut, daß Ihr gesund bleibet, und machet Euch wegen meiner keinen Kummer.«

»Närrle«, erwiderte der Vater; »ich sterb noch nicht, und wenn ich sterb, du kannst ruhig sein, du hast mir mit Willen dein Lebtag keinen traurigen Augenblick gemacht.«

Lorle weinte.

»B'hüt dich Gott!« sagte der Vater in einem gewaltsam starken Ton, »und komm auch bald auf Besuch.«

Er stieg auf das Wägelchen des Bäckers, mit dem er halbwegs fuhr, wo ihn dann der Martin abholte.

Lorle lebte nun wieder in ihrer alten, ruhig stillen Weise. Die beiden Freunde aber waren in großer Aufregung.

Eine soeben erschienene Zwanzigbogenschrift brachte die ganze Stadt in Aufruhr. Sie hieß: »Die Sonntagsteufel mit den weißen Bäffchen oder Ein Schuß ins Schwarze, von Adalbert Reihenmaier.« Die Vorrede lautete: »Leser, auf zwei Worte! Ich will die Religionsheuchelei ans Messer der Öffentlichkeit liefern. Ich will die Versteinerungen im Moralienkabinett ordnen. Komm mit.«

Der Kollaborator, der ehedem die Ansicht gehegt hatte, man müsse die ganze heutige Welt radikal in sich verfaulen lassen, hatte nun doch an das Bestehende angeknüpft, da er zur Einsicht gelangt war, daß jene Erhabentuerei bloß eine Maske der Trägheit und Selbstgefälligkeit ist.

Die Tiefe und Selbständigkeit der philosophischen und geschichtlichen Forschung war in der Schrift unverkennbar, manches aber nahm sich seltsam aus; denn es waren nackt hingestellte Ergebnisse langer Besprechungen oder weitläufiger innerlicher Denkprozesse, nur für denjenigen vollkommen klar, der den Kollaborator kannte. Daneben waren dann wieder Sätze wie Dolche aus zusammengeschweißtem und gehämmertem Stahldraht. Ein Kapitel »Adam Kadmon oder die Urmenschen an der Spitze der Geschichtsepochen«, in dem der Verfasser seine Ansichten von der Erlösung darlegte, wurde von Oberflächlichen als mystisch bezeichnet, weil darin die Wiedergeburt der Menschheit durch die reine Natur erklärt werden sollte. Wir kennen einige Grundlinien dieser besondern Anschauung aus der Art, wie der Kollaborator das Wesen Lorles gegenüber den Kulturbestrebungen ansah. So weitab in die Tiefen des Geistes und der Geschichte sich diese Erörterung verlief, kann sie doch wohl durch jene Betrachtung angeregt worden sein; denn wer weiß, aus welchen scheinbar fernliegenden Anregungen der schöpferische Geist seine Gebilde schafft und seine Erkenntnisse den Anfang nehmen.

Wo sich die Schrift dem unmittelbaren Leben zuwendete, gelangte sie zu einem Schwunge, der sich mit dem prophetischen vergleichen ließ; hier loderte der Eifer gegen die Verunstaltung und die Blindheit, die aus dem Beseligendsten und Befreiendsten eine Jammerschule und eine Sklavenkette macht. Eben dies erregte den heftigsten Zelotismus gegen den Verfasser. Von den Kanzeln herab wurde gegen den ruchlosen Gottesleugner gepredigt und zugleich alsbald eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet. Jetzt lebte jene alte Notiz in dem geheimen Buch und das Aktenfaszikel 14 263 wieder auf; die Schrift und jene Tatsache wurde zur Fangschnur gedreht: Der Kollaborator ward wegen Atheismus angeklagt.

Die rechtsgelehrten Freunde erboten sich, ihn juristisch zu vertreten, er lehnte es ab, und die Verteidigungsschrift, die er einreichte, ward zur neuen Anklage. Dennoch ging er so frei und froh umher wie noch nie. Was kümmerten ihn die scheelen Blicke und das Fingerdeuten auf den vordem Unbekannten, Unangefochtenen? Er glaubte erst jetzt sich selber achten zu dürfen. Nur der unbeschreibliche Jammer seiner Schwester Leopoldine tat ihm weh. Vor der Schwelle einer gesicherten Zukunft hatte der Bruder sich selber den Weg abgegraben, das konnte die treue Gefährtin nicht verschmerzen. Sie hatte Gönnerinnen genug und lief von Haus zu Haus mit Bitten und Klagen, bis sie erfuhr, daß es sich zugleich auch darum handle, den eben von der Universität zurückgekehrten Sohn des Konsistorial-Direktors in die zu erledigende Stelle einzuschieben. Von diesem Augenblicke an hörte man kein Klagewort mehr von ihr. Mit einer bewundernswerten Stärke und Seelenruhe ließ sie nun alles kommen und war freundlich gegen den Bruder, in dem sie ein Opfer der Familienränke sah.

Lorle suchte jetzt Leopoldine wieder auf und sah mit tiefer Reue, wie unrecht sie gegen diese gehandelt hatte, die jetzt in Schmerz und Not ihre Hochherzigkeit und ihren liebevollen Geist offenbarte. Auch Leopoldine erkannte nunmehr das gesunde Herz und die Zartheit Lorles. Diese sagte einmal: »Ich glaub's nicht, aber wenn's auch wahr ist, daß der Herr Reihenmaier was Sündliches geschrieben hat, da wird ihn unser Herrgott schon strafen und besser machen; was geht das das Konsistore an? Da kann kein König und kein Kaiser was machen, das muß Gott selber wieder in einem zurecht bringen. Aber der Bruder ist ja so gut, er beleidigt ja kein Kind.«

Die Oberbehörden hatten andere Grundsätze, der Kollaborator wurde durch ein beispiellos rasches Erkenntnis als Gotteslästerer zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und demzufolge seines Amtes entsetzt. Er rekurrierte an das Gesamtministerium.

 zurück

Inhalt

vor