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Auerbach Berthold

Die Frau Professorin - Fürnehmes Leben, fürstliches Brot

Lorle hatte ein vereinsamtes Leben, denn Reinhard war die meisten Abende außer dem Haus und trieb sich oft tagelang auf den Hofjagden umher. Jetzt richtete er sich noch seine Werkstatt in den obern Zimmern des Marstalls ein. Lorle war noch nie dort gewesen.

Der Prinz hatte Reinhard beauftragt, eine Erinnerung an die letzte Fuchsjagd zu malen; auf die Entgegnung Reinhards, daß er sich nicht auf Jagdstücke verstehe, erhielt er die Antwort: »Malen Sie nur ganz nach Ihrer Eingebung, ich lasse der Kunst gern die vollste Freiheit.«

In unglaublich kurzer Zeit vollführte nun Reinhard ein Werk, das er für sein Bestes hielt; es war eine tiefe Waldeinsamkeit, nur ein Fuchs saß ruhig auf seinem Baue unter den alten knorrigen Stämmen und schaute sich klug um; es war der Verstand des Waldes. Triumphierend ließ Reinhard das Bild auf das Schloß tragen: es mißfiel allgemein. »Das ist ja bloß eine Landschaft«, hieß es, man hatte mindestens die Abbildung der Hauptjäger und Ihrer Hunde erwartet.

Das war also die »vollste Freiheit« der Kunst, und doch sollte nach Reinhards Ansicht das monarchische Prinzip ihre einzige Stütze sein. Verstört und ingrimmig ging er umher.

Zu Hause war auch des Elendes genug, und gerade in seinem Berufe hatte er die Erlösung gesucht. Er hatte ein gut Teil jener Unabhängigkeit verloren, die in dem eigenen Bewußtsein sich erhebt; seine gesellschaftliche Stellung verlangte notwendig die Anerkennung als Künstler.

Die Bärbel kränkelte, und Lorle jammerte viel, daß sich die Diensteifrige keine Ruhe gönne. Reinhard bemerkte einmal, die Bärbel solle wieder heimkehren; da weinte Lorle so bitterlich, daß er sie nur mit vieler Mühe beruhigen konnte. Er ließ Lorle immer mehr für sich gewähren, und wenn er dann oft plötzlich an ihr schulte, setzte sie ihm eine störrige Unnachgiebigkeit entgegen. Sie war ihm demütig ergeben, so lang er sich ihr vollauf widmete, ihr ganzes Tagewerk war oft nur ein Warten auf ihn, manche Arbeit kam ihr nur wie einstweilige Unterhaltung bis zu seinem Wiederkommen vor; nun aber, weil er sonst wortkarg und mürrisch war und fast nur sprach, wenn er etwas zu tadeln und zu lehren hatte, hörte sie seine Auseinandersetzungen an, ohne ein Wort zu erwidern. Reinhard fühlte sich dadurch oft im Tiefsten unglücklich.

Die Bärbel erkannte mit schwerer Bekümmernis, wie so bald das einige Leben der Eheleute sich schied; sie suchte Lorle auf allerlei Weise zu beruhigen, und ihr Haupttrost war: »Es wird schon alles besser gehen, wenn du einmal ein Kind hast.«

Da warf sich Lorle weinend an ihre Brust und sagte:

»Ich fürcht, ich fürcht, das wird nie geschehen; ich hab mich versündigt, ich hab ein Kind, das den Heiland vorstellt, auf den Schoß nehmen müssen, wie er mich damals abgemalt hat. Ich hab's nicht tun wollen, er hat's aber gewollt; Gott wird doch barmherzig sein und mir mein Sünd vergeben.« –

Die Bärbel suchte ihr die schweren Gedanken auszureden, glaubte aber selbst mehr daran als die Unglückliche selber.

Als Reinhard einmal wieder auf einen ganzen Tag zur Jagd gegangen war, machte sich Lorle die heimliche Freude und half der Bärbel bei der Wäsche; beim Auswinden derselben drehte Lorle zuerst einen Ring und die Bärbel versäumte nicht, den alten Waschweiberglauben anzubringen, daß Lorle sich eine Wiege drehe; Lorle spritzte nun der Bärbel einige Tropfen ins Gesicht und ging in die Stube.

Eine allerhöchste Laune brachte Lorle unversehens in Berührung mit dem Gesellschaftskreise Reinhards. Ungewöhnlich früh kam dieser eines Abends nach Hause und verkündete, daß der Prinz Lorle zu sprechen wünsche und daß sie daher andern Tages mit ihm auf die Galerie gehen müsse; daß man begierig war, das Urbild der Madonna zu sehen, verschwieg er wohlweislich.

»Ich mag aber nicht, ich hab nichts beim Prinzen zu suchen«, entgegnete Lorle.

»Ja Kind, das geht nicht, einem fürstlichen Wunsche muß man gehorchen, sonst beleidigt man; da wird man nicht vorher gefragt, und ich hab's nun auch einmal versprochen.«

»Wenn er noch eine Frau hätt, aber so zu einem ledigen Bursch, weil er's grad will!«

»Wie einfältig! Es ist vollkommen schicklich, ich geh ja mit«, sagte Reinhard heftig; Lorle sah auf, und schwere Tränen hingen in ihren Wimpern. Reinhard faßte ihre Hand und sagte: »Sei nicht bös, sei gut, glaub mir, du verstehst das nicht, darum folge mir, du kannst's immer.«

»Ja, ja, ich will's ja tun, aber ich darf doch auch was sagen. Wenn das so fortgeht, weiß ich gar nicht mehr, ob ich nicht närrisch bin, ich... ich weiß gar nicht mehr, bin ich denn noch und was soll ich denn?«

Als ihr Reinhard Trost einsprach, entgegnete sie: »Gib jetzt du nur Fried, es ist alles gut, ja, ich bin zufrieden, sei du's nur auch; aber ich wollt, die ganz Welt ließ mich in Ruh, ich will ja auch nichts von ihr.«

»Du bist mir doch nicht mehr bös?«

»Nein und zehnmal nein, ich tu ja, was du willst, aber laß mich nur auch reden.«

Reinhard ging nun in das Haus des Kollaborators und bat Leopoldine, am andern Morgen zu ihm zu kommen und Lorle für die Audienz vorzubereiten; dann schloß er sich dem Kollaborator an und ging mit ihm nach seinem ständigen Bierhause, wo in einem kleinen Stübchen mehrere jüngere Advokaten, Ärzte, Kaufleute und Techniker wohlgemut beisammen saßen, rauchten, tranken und plauderten. Anfangs war ein stummes Erstaunen, den »Zivilkavalier« in der Kneipe zu sehen; dann aber nahm das Gespräch seinen ungehinderten Verlauf. Die tiefsten Fragen von Welt und Zeit wurden hier mit einer Schärfe und Eindringlichkeit, mit einem Feuer verhandelt, daß Reinhard im stillen bemerken mußte, wie hier die frischeste Lebendigkeit herrschte, weil jeder bot, was ihn bewegte, weil man überhaupt nicht auf Unterhaltung ausging; es kam ihm vor, daß im glänzendsten Salon in einem Monat nicht so viel ursprünglicher Geist laut werde als jetzt hier in dem kleinen, spärlich erleuchteten Stübchen. Das Laute und die Derbheit mancher Formen war ihm wieder neu und fremd, denn er kam aus den Kreisen, wo man flüstert und lächelt und nicht streitet und lacht. An einem monarchischen Mittelpunkte fehlte es indes auch hier nicht, und seltsam genug war dies der Kollaborator; seine machtvolle Stimme und sein ausgebreitetes Wissen sicherten ihm diese Würde ohne alle Etikette. Reinhard blieb länger, als er gewollt hatte, er war wie in einer fremden Stadt: dort war ein Menschenkreis voll wirklicher und eingebildeter Interessen, der nie aus sich heraustrat und sich gebärdete, als ob er allein die Welt sei und so dem Geringfügigsten, einem Anreden oder Übersehen, einem halben oder einem ganzen Lächeln eine Bedeutung beilegte. Und hier – hundert Schritte davon lebten Menschen aus einem andern Jahrhundert, die sich im Kampfe erhitzten, als ob sie vom Forum, aus der Volksversammlung kämen oder sich darauf vorbereiteten.

Wenn er an Lorle dachte, befiel ihn eine unerklärliche Angst; er meinte, es geschehe zu Hause ein großes Unglück, das Haus brenne ab, und jeden Augenblick müsse man die Sturmglocke hören; dennoch saß er wie festgebannt. Ahnte er vielleicht, in welchen schweren Gedanken Lorle in Schlaf gesunken war? Als er endlich nach Hause kam, atmete er leichter auf; da stand wie immer das Öllämpchen auf der Treppe; er ging leise in die Kammer. Lorle schlief ruhig, er betrachtete sie lange, sie sah so heilig aus in ihrem Schlafe, fast wie damals, als er sie zum ersten Mal auf der Laube wiedergesehen, nur lag jetzt ein Zug des Schmerzes auf ihrem Antlitz und ihre Lippen zuckten öfters.

Ein Außerordentliches geschah. Reinhard war am andern Morgen früher auf als Lorle, er hatte die Schlüssel gefunden und legte nun die Kleider zurecht, die sie anziehen sollte. Als er so über Kisten und Kasten kam, lobte er im stillen die Ordnungsmäßigkeit seiner Frau; er freute sich auf ihren Dank für seine Vorsorglichkeit und ging immer auf den Zehen umher; es war ihm so leicht, als würde er getragen.

Als Lorle erwachte und die Kleider sah, rief sie: »Was hast du gemacht? Ich bitt dich um der tausend Gotts willen, überlaß mir alles ganz allein. Denk nur nicht immer, daß ich gar nichts versteh. Du hast mir gewiß alles untereinander gekrustet. Ich bitt dich, laß mich alles allein in Richtigkeit bringen.« –

In Reinhard wogte und brauste es, er hielt aber an sich und ging in die Stube; dort stand er eine Weile, die Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, in tiefem, namenlosen Schmerz. Schnell nahm er dann Hut und Stock und ging davon. Es war ein frischer Morgen, im Schloßgarten blühten die Blumen so schön, und die Vögel sangen so lustig, unbekümmert, in wessen Garten sie sich so laut machten, und ob die Bäume, in deren Zweigen sie saßen, einen Titel angehängt hatten oder nicht. Reinhard sah und hörte nichts; es kam ihm vor, als ob jemand leibhaftig ihm das Wort aus Hebels »Karfunkel« ins Ohr geraunt hätte: »Los, du duursch mi... mittem Wibe hesch's nit troffe«; 1) er suchte das Wort wegzubannen, aber es kam immer wieder und sprach sich von selbst.

Als er heimgekehrt war, sagte er zu Lorle: »Wir wollen gut sein.«

»Ich bin ja nicht bös«, entgegnete sie.

»Nun, es ist jetzt eins, ich bin gewiß viel schuld, aber laß Friede sein.«

Dieser war nun auch, bis Leopoldine kam. Sie half Lorle ankleiden, lehrte sie einen Knicks machen und wie man den Kronprinzen anreden müsse. Lorle schien zu allem willig; als aber Leopoldine sich entfernt hatte, riß sie Haube und Chemisette herunter und sagte: »Ich geh nicht, ich geh nicht, ich bin kein Starmatz, und du läß'st auch einen Narren aus mir machen, und ich merk's wohl: wenn man mich dumm macht und da werd ich immer schlechter, und ich bin so jähzornig und so ungeduldig... Guter Gott! Was soll denn aus mir werden?«

Sie weinte laut auf. Reinhard sagte mit tränengepreßter Stimme: »Nichts, du sollst nichts anderes werden, bleib du das gute Kind.«

»Ich bin kein Kind, das hab ich dir schon hundertmal gesagt. Jetzt will ich mich aber ordelich anziehen, und du wirst sehen, ich mach keinen Unschick.«

Endlich gingen sie miteinander zur Galerie. Reinhard wagte es kaum mehr, Lorle eine Verhaltungsregel zu geben. Als sie nun hier zum ersten Mal die Werkstatt Reinhards sah, erschrak sie über die grausige Unordnung; sie wollte scheuern und kehren, mußte aber der dringenden Bitte nachgeben, sich doch ruhig zu verhalten, und ihre glänzenden weißen Handschuhe zu schonen. Vor Unruhe konnte sie keine Minute still sitzen, eine fieberische Aufregung durchwogte sie, sie wollte sich nicht verblüffen lassen, sondern dem Prinzen zeigen, daß sie auch nicht auf den Kopf gefallen sei, und zugleich Reinhard beweisen, wie sie mit jedem reden könne, sei er, wer er wolle. Mit Bangigkeit bemerkte Reinhard diese Erregung, er ahnte die gewaltsame Hast und Unruhe in Lorle und daß sie diesem Ereignisse gegenüber die Unbefangenheit und Harmlosigkeit ihres Wesens aufgegeben; aber er hatte die Zügel verloren, um dieses Naturell zu halten, er konnte nichts tun, als um Ruhe bitten. Endlich wurde der Prinz gemeldet, und man ging nach dem großen Salon. Man mußte hier noch eine Weile warten, und dieses Kommenlassen, Warten, Melden und Wieder-Warten machte Lorle doch etwas bang; sie meinte, es müsse jetzt etwas ganz Besonderes vorgehen.

Der Prinz trat in Militärkleidung rasch ein und auf die sich verbeugende Lorle zu. In leutseligem Ton sagte er: »Seien Sie willkommen, Frau Professorin.«

»Schön Dank, Herr Prinz, Königliche Hoheit.«

»Nun, wie gefällt es Ihnen bei uns in der Stadt?«

Lorle hatte, trotz der scharfen Blicke Reinhards, schnell ihre Handschuhe abgestreift; sie wußte, daß sie so besser reden konnte, und sie sagte: »Wo man verheiratet ist, da muß es einem gefallen; es ist auch recht schön und sauber hier, aber so himmelhohe Häuser.«

»Ich habe schon oft gedacht«, begann der Prinz wieder, »die Bauern sind doch die glücklichsten Menschen auf der Welt.«

»Da hat der Herr Prinz Hoheit Unrecht, das ist nicht wahr; man muß schaffen wie ein Taglöhner und Steuern zahlen mehr als ein Baron, sagt mein Vater.«

Reinhard stand wie auf Kohlen; das war unerhört, daß man einem Prinzen sagt: Das ist nicht wahr.

Der Prinz fixierte Lorle lächelnd, dann lenkte er ab und sagte, auf die Madonna anspielend: »Ich habe Sie schon früher gesehen, Frau Professorin.«

»Freilich, erinnert sich der Königliche Hoheit noch, wie wir klein gewesen sind? Er ist grad acht Wochen älter als ich, ich weiß seinen Geburtstag wohl, wir haben allemal an selbem Tag eine Bretzel in der Schul kriegt. Weiß er noch, wie er durch unser Dorf kommen ist? Er hat dazumal lange blonde Locken gehabt und einen gestickten Kragen in Hohlfalten gelegt; damals haben wir uns daheim gesehen. Ach Gott! wir haben drei Wochen vorher von nichts anderem gered't und träumt als: Der Prinz kommt durchs Dorf! Den Nachmittag vorher war kein Schul und an dem Tag erst recht nicht, und wie wir jetzt alle da gestanden sind mit Sträuß, und der Martin ist oben auf dem Turm, und wie der Prinz auf unser Gemarkung kommt, da haben alle Glocken geläut't, und da hat man mit Böllern geschossen, und wir Kinder sind alle auf dem Platz in die Höh gesprungen, und der Lehrer hat gerufen: ›Still! ruhig!‹ Und jetzt hat man bald gehört, wie die Kutsch kommt, und da hab ich aufpassen wollen, daß ich alles seh, da geht mir grad mein Schurzbändel auf; ich werd aber noch fertig, und da kommt er und hält grad neben uns, und des Luzians Bäbi hat ein Gedicht an ihn hingesagt, und da haben wir Kinder alle ›Vivat hoch!‹ gerufen, und rrr! fort ist der Prinz und hat noch sein Käpple mit der Troddel dran gelüpft, und da haben wir ihm unsere Sträuß nachgeworfen, und da sind die Hofwagen kommen und sind über unsere Sträuß weggefahren.«

Der Prinz sagte mit sichtbarer Rührung: »Hätte ich damals gewußt, daß Sie da sind, ich wäre ausgestiegen; ich wollte, Sie wären dort meine Jugendgespielin gewesen.«

»Ja, das wär schon angangen. Ich hab rechtschaffen Mitleid mit ihm gehabt, er hat doch auch ein arms Leben gehabt, gar kein Minut für sich, naus in Wald oder ins Dorf. Wie er da auf der Saline blieben ist, da haben sich immer lauter große alte Leut an ihn gehängt, und er ist kein Minut allein gewesen. Weiß der Hoheit denn auch, wie ein Baum im Wald aussieht, wo kein Kammerdiener dabei ist?«

Der Prinz drückte Lorle die Hand und sagte: »Sie sind ein vortreffliches Wesen. Ja, gute Frau, es ist eine schwere Jugend, die eines Fürsten.«

»Nun, so arg ist's grad nicht, es muß sich doch ertragen lassen, man sieht ihm just nichts an, daß es ihm so übel gangen ist; aber ich hab auch wegen dem Herr Prinz Hoheit Ohrfeigen kriegt, und es ist mir alles im Angedenken blieben.«

»Wieso das?«

»Wie der Hoheit auf der Saline blieben ist, da bin ich mit meiner Bärbel auch nunter, und wir sind draußen am Gitter gestanden, und er ist drinnen im Garten spazieren gangen, und da ist ihm sein Schnupftuch auf den Boden gefallen, und da ist ein steinalter Mann mit weißen Haaren, von denen bei ihm, hingesprungen und hat ihm's aufgehoben; und da hat die Bärbel gesagt: ›Der wird auch in Grundsboden nein verdorben‹, und da hab ich gesagt: ›Wenn ich ein Prinz war, ich tät den ganzen Tag alles wegschmeißen, daß mir's die alte Leut mit denen Stern auf der Brust aufheben müßten‹ – und da hat mir die Bärbel ein paar tüchtige Ohrfeigen geben. Nun, mir hat's nichts g'schad't, und dem Herr Prinz Königliche Hoheit sagt man auch viel Gutes nach.«

»Sie machen mich glücklich, da Sie mir sagen, daß meine Untertanen gut von mir denken.«

»Ich hätt's doch mein Lebtag nicht glaubt, daß ich so mit dem Prinz Hoheit reden könnt, und jetzt möcht ich doch auch noch was sagen.«

»Reden Sie nur frei und offen.«

»Ja guter himmlischer Gott! Wenn ich's jetzt nur auch so recht sagen könnt. Der Prinz Hoheit sollt's nur selber sehen, wie schrecklich viel Not und Armut im Land ist, und da mein ich, da könnt er helfen und da müßt er auch.«

»Wie meinen nun Sie, daß geholfen werden soll?«

»Ja wie? das weiß ich nicht so, dafür ist der Hoheit da und seine g'studierten Herren; die müssen's wissen und eingeschirren.«

»Sie sind eine kluge und brave Frau, es wäre zu wünschen, daß alle in Ihrer Heimat Ihnen gleichen.«

»Mein Vater sagt: Wenn man Hirnsteuer bezahlen müßt, da kämen wir auch nicht leer davon. Jetzt mach der Hoheit nur, daß er auch bald eine ordeliche Frau kriegt; ist's denn wahr, daß er bald heiratet?«

In der Pause, die nun eintrat, wechselte Verlegenheit und heiteres Lächeln schnell im Antlitz Reinhards. Daß Lorle den Prinzen mit »Er« anredete, erkannte er als beirrende Folge der ihr eingeübten Titulaturen; das letzte aber war nicht nur der ärgste Verstoß, daß man einen Fürsten irgend etwas fragt, da er vielleicht nicht antworten kann oder will, sondern Lorle sprach hier geradezu etwas aus, was man selbst in den höchsten Kreisen nur mit den vorsichtigsten diplomatischen Umschweifen zu berühren wagte, weil ein Korb in der Schwebe hing.

Der Prinz aber erwiderte: »Es kann wohl sein; wenn ich eine so nette, liebe Frau bekommen könnte, wie Sie sind.«

»Das ist nichts«, entgegnete Lorle, »das schickt sich nicht; mit einer verheirateten Frau darf man keine so Späß machen. Ich weiß aber wohl, die großen Herren machen gern Spaß und Flatusen.«

Schließlich beging nun Lorle den ärgsten Verstoß, denn sie verabschiedete sich, indem sie sagte: »Jetzt b'hüt Gott den Herr Prinz Hoheit, und er wird auch zu schaffen haben.«

Eben als sie die Hand zum Abschied reichte, kam der Adjutant mit der Meldung, daß die Revue beginne; der Prinz und Reinhard geleiteten Lorle bis an die Tür.

»Herr Professor!« rief ersterer noch. Reinhard kehrte um und stand wie elektrisiert, als müßte jeder Nerv zuhören; der Prinz fuhr fort: »Kennen Sie den köstlichsten Kunstschatz, den wir auf der Galerie haben?«

»Welchen meinen Königliche Hoheit?«

»Ihr Naturschatz ist der größte.«

Dieses hohe Witzwort verbreitete sich durch den Mund des Adjutanten in »den höchsten Kreisen«, Lorle ward hierdurch einige Tage Gegenstand allgemeiner Besprechung.

Die Audienz vollendete aber auf eigentümliche Weise den innern Bruch zwischen Reinhard und dem Hofe; es kränkte ihn, daß man nach der Hofweise diesen Besuch zu einer abgemessenen Zwischenstunde der Unterhaltung angesetzt, während er für ihn und seine Frau die innersten Lebensfragen aufgeregt hatte. Dies gestand er sich offen, keineswegs aber das, wie er nicht die Kraft gehabt, sein häusliches Heiligtum dem Hofe zu entziehen.

Bei Tische sagte Lorle: »Der Prinz ist doch lang nicht so stolz wie unser Amtmann.«

»Woher weißt du das? Du hast ihn ja gar nicht zu Wort kommen lassen.«

»Es ist wahr, ich bin so ins Schwätzen neinkommen, ich hab mich nachher auch darüber geärgert, aber es schad't doch nichts.«

»Du mußt dich überhaupt mehr mäßigen.«

»Ja, was soll ich denn machen?«

»Nicht überall gleich den Sack umkehren mit Kraut und Rüben.«

Anmerkung:
1) Hör, du dauerst mich, mit dem Heiraten hast du's nicht getroffen.

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