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Auerbach BertholdDie Frau Professorin - Hoch zum Himmel hinan!So wohl sich Reinhard jetzt fühlte, schaute er am andern Morgen doch oft nach der Tür, als müsse der Freund eintreten. Mit frischer Lust wurde nun die Ausführung der Farbenskizze fortgesetzt, es wurde noch ein Plätzchen für Wendelin erübrigt, der mit dem Hirtenstocke in der Hand stehen blieb; während die Kühe sich im Hintergrund verloren; hiedurch bekam das Abendliche, das über dem Ganzen liegen sollte, noch ein weiteres Motiv. Einigen Zuhörern im Hintergrunde gab Reinhard Lasten auf den Kopf, sie kehrten eben vom Felde heim und blieben stehen; der Kollaborator würde sagen, dachte Reinhard lächelnd: Das zeigt symbolisch oder typisch, daß das Volk durch das Lied die bedrückenden schweren Lasten vergißt!... Nun ward auch noch der Kollaborator in eine Ecke gestellt, es war offenbar, daß er das neue Lied aufschrieb. Reinhard aß fortan wieder am Familientisch; er war doch erst jetzt wieder in seinen alten Verhältnissen. Mit Lorle sprach er oft und viel von dem fernen Freunde und daß sie allein im ganzen Dorf einen Menschen lieb hatten, den die anderen vergaßen oder schmähten, das gab ihrem Verhältnis noch eine geheime Besonderheit. Es ergab sich nun, daß der Kollaborator allerdings in seinem tiefen Aufruhr sich zu heftigen Äußerungen eigentümlicher Art hatte hinreißen lassen; er hatte im Hause des alten Klaus ausgerufen: »Man möchte an Gott verzweifeln, daß er die Sonne scheinen und die Bäume wachsen läßt, daß er's duldet, daß man ihm eine Kirche erbaut, während die Menschen solches Elend ihrer Brüder ruhig mit ansehen.« Lorle entschuldigte ihn immer bis auf's Äußerste und beklagte, daß die Leute, denen er doch nur Gutes getan, ihn dafür jetzt beim Pfarrer verleumdet und angegeben hätten. Sie gönnte sich jetzt auch fast keine Ruhe und keinen Genuß mehr, sie wollte überall im ganzen Dorfe, wo es dessen bedurfte, beispringen und helfen. Reinhard war überaus fleißig und, wie das immer Ursache und Wirkung des schöpferischen Fleißes, auch überaus lustig; er war zu Scherz und Schelmerei aller Art aufgelegt, es schien, als ob das ganze Haus nur ihm gehörte. Man konnte nicht recht sagen, was er trieb; in den Stunden, in denen er nicht arbeitete, war's eben, als ob ein Kobold umherrenne und alles lachen und springen mache. Der Wadeleswirt sagte oft gar bedächtig: »Nur stet, lasset mir nur das Haus überm Kopf stehen«; zwei Minuten darauf mußte er aber selbst ganz ungewöhnliche Sprünge machen. Reinhard verstand nämlich zweierlei Künste besonders: Zuerst die Bauchrednerei; er brachte einst den Wadeleswirt so in Gang, wie sich dessen Beine seit Jahren nicht erinnern konnten, denn er ahmte die Stimme Lorles nach, die vom Speicher nach Hülfe rief. Über ein anderes Kunststück Reinhards rief Bärbel einmal alle Hausbewohner zusammen. Die jungen Schweinchen, die man erst vor kurzem eingetan, grunzten plötzlich auf dem obersten Speicher, und als man hinaufkam, hatte Reinhard bloß die Stimmen der bescheidenen Geschöpfe nachgeahmt. Man konnte dem übermütigen Gesellen nicht gram sein, und Lorle sagte einmal: »In unserm Haus dürfet Ihr die Späß machen, aber nur nicht vor andern Leuten, die haben sonst keinen Respekt vor Euch.« Reinhard war von diesem Augenblicke an ruhiger, und nur wenn die Gelegenheit gar zu lockend war, vollführte er noch einen Schabernack. Lorle war viel im Dorf, aber nicht zu Hause, sondern bei der Mutter Wendelins, die mit dem sechsten Kinde, einem Knaben, niedergekommen war. Reinhard hatte sein Bild rasch untermalt und wollte sich nun, solange die Farben trockneten, Ruhe, das heißt, freies Umherschweifen in Wald und Feld gönnen. Er putzte seine Büchse, um auf die Jagd zu gehen, aber er kam nicht dazu, denn schnell drängte sich ein anderes Bild auf die Staffelei, und mit frischem Eifer vollendete er die Farbenskizze zu demselben, es war das versprochene Altarbild. Reinhard hatte die Hochzeit zu Canä dazu gewählt und malte mit fast immer lächelndem Antlitz, denn er hatte die Figuren aus dem Dorf genommen, die er gar nicht mit langen Bärten und Talaren verkleiden wollte; es war eine einfache deutsche Bauernhochzeit, unter die der Heiland trat: Stephan war der Bräutigam, die Braut aber sah nicht Vroni ähnlich, der Wadeleswirt und der Hohlmüller nahmen sich als Schwiegerväter stattlich aus. Reinhard pfiff allerlei lustige Volkslieder, während er malte, und als er einmal das Ineinandertönen der Farben aus der Ferne betrachtete, dachte er vor sich hin: »Wie würde sich der Kollaborator freuen, wenn er sähe, wie ich unser Bauernleben dem altjüdischen als Kuckucksei ins Netz praktiziere. Was könnte er da für kulturgeschichtliche Bemerkungen machen! Wie würde er mir beweisen, daß auch Shakespeare dadurch Leben gewonnen, daß er die Römer zu Engländern gemacht.« Nach Vollendung der Farbenskizze kam dennoch ein Mißmut über Reinhard; ihm bangte wie so oft vor der Ausführung, er hatte die Freude des Schaffens vollauf bei dem Entwurfe genossen. Es liegt eine tiefe Erfrischung in dem drängenden Treiben, das die Künstlerseele tagtäglich zu neuen Gebilden erweckt; die wahre, nachhaltige Erquickung liegt aber nur in der Treue, in der unablässigen, sorgsamen Vollendung dessen, was man in der Stunde der Weihe empfangen und begonnen. In dieser Treue ersteht die Schaffensfreude, wiedergeboren durch den Willen, erhöht und verklärt. Reinhard gelobte sich Treue in seinem Berufe, und doch ging er stets mit bewegtem Herzen, als suche er etwas, als müsse er ein Ungeahntes finden, als stehe er auf der Schwelle einer Offenbarung, deren Pforten sich plötzlich auftun und Wunder schauen lassen. Er wandelte auf dem Boden der gewohnten Welt wie auf knospenden Geheimnissen, und doch war ihm wiederum so wohl in Wald und Flur; Baum und Strauch und Gras, alles stand ihm so nah wie noch nie, er lebte ihr Leben mit, er hatte nicht Auge genug für diese unendlich reiche Welt, die sich auftat, als ginge er mit ihr eben aus der Hand des Schöpfers hervor; alles war ihm wie neu, als sehe er's zum erstenmale. Er stand einst vor einer Schlehdornhecke und versank in ihrem Anschauen in tiefe Betrachtung: Wie das hier aus dem Boden steigt, Äste treibt, Frucht und Blatt ansetzt, wie schön gezackt und glänzend, und der Winter kommt, es stirbt und fällt und grünt wieder alles, das einfachste Naturleben war Reinhard ein neues Heiligtum geworden. »Was soll aus mir werden?« sagte er dann, indem er zu sich zurückkehrte. »Heilige Natur! Mache aus mir, was du willst, laß mich nur kein verpfuschtes Wesen sein, irr in sich Ich will dir gehorchen.« So schwellte namenloses Sehnen die Brust Reinhards, und selbst im Hause saß er oft stundenlang wie mit offenen Augen träumend. Die Leute schüttelten den Kopf über ihn, sie kannten ihn gar nicht mehr; aber jedes in der Welt hat zu viel für sich zu tun, um den Gedanken eines andern nachgehen zu können, zumal wenn diese eben der Art sind, daß sie sich nicht fassen lassen. Reinhard machte den Versuch, sich aus seinen Träumereien herauszureißen, er ging auf die Jagd; das erheischte ein zusammengehaltenes, geschlossenes Wesen und festen Blick nach außen. Eines Mittags kehrte Reinhard mit der Büchse auf der Schulter und zwei Birkhühnern in der Tasche nach Hause, da sah er Lorle unter der Linde sitzen mit den zwei jüngeren Geschwistern Wendelins. Das kaum einjährige Kind stand auf dem Schoße des Mädchens aufrecht, und Lorle schnalzte mit den Fingern und lachte und koste, um das Kind zu erheitern; der Knabe, der ihr zu Füßen stand, schaute aber trotzig drein. Lorle nickte dem herzutretenden Reinhard freundlich zu und fuhr dann fort, mit dem Kinde zu spielen, indem sie sang:
Reinhard setzte sich auf einen Baumstamm Lorle gegenüber und starrte drein, sie ließ ihn gewähren, sie war's gewohnt, daß er sie oft anstierte, sie fragte nur: »Wird denn der Herr Reihenmaier nicht schreiben?« »Nein«, sagte Reinhard. Das war doch nur ein einfaches Nein, aber in dem Tone der Stimme lag ein Ausdruck, den die liebevollsten Worte nicht ersetzen mochten. Plötzlich fing der Knabe zu Füßen Lorles an zu weinen und schrie: »Ich will heim.« »Bleib«, beschwichtigte Lorle, »dein Mutter schlaft, und du kannst nicht heim.« Auf ein Rotkehlchen deutend, das vor ihnen umherhüpfte, sagte sie: »Guck einmal, was der Vogel ein weißes Unterwämschen anhat, Paß auf, wenn er auffliegt; scht!« Der Vogel flog auf, und man sah die weißen Federn unter seinem Flügel. »Hast's gesehen?« fragte Lorle, der Knabe ließ sich aber dadurch nicht zerstreuen, und erst als er das Versprechen erhielt, daß ihm Lorle eine Geschichte erzähle, schluchzte er still. Lorle trocknete ihm das tränennasse Gesicht und erzählte nun eine jener eigentlich inhaltlosen Geschichten, bei denen aber Ton und Gebärde eine ganze Seele voll Liebe ausspricht und erweckt. Es wurde weiter nichts berichtet, als daß ein Knabe eine schöne Kirsche hatte, die ihm ein Vogel wegnehmen wollte, die Mutter aber den Vogel verscheuchte. Lorle und ihr Zuhörer lachten darüber laut auf, es waren eben Kinder, die sich über sich selbst und miteinander freuten. Der Knabe wollte aber immer wissen, wie es weiter ging, und fragte immer: »Und dann?«, bis Lorle sagte: »Und dann? dann lassen wir die Hödel und die Gizle heraus.« Und so geschah es auch. Die Geis und die Zieglein wurden aus dem Stall geholt, Lorle freute sich wohl ebenso sehr an den Sprüngen derselben als die Kinder, die sie hütete. Zu Hause lehnte Reinhard alle seine Bilder und Entwürfe mit dem Gesicht gegen die Wand; er wollte nichts sehen als ein Bild, das er im Geiste vor sich erschaute. Am Abend hatte er im Stüble eine lange Unterhandlung mit dem Wadeleswirt, und besonders durch die Erinnerung an das großmütig zurückgegebene Versprechen auf der Hohlmühle ward Reinhard willfahrt. Der Vater rief endlich seine Tochter herein und sagte: »Lorle, da der Herr Reinhard braucht dich zum Abmalen für das Kirchenbild; willst du?« »Für die Kirch?« fragte Lorle, sie schaute um und auf, als grüßte sie ein fremdes Wesen hinter ihr und über ihr. »Was guckst du so?« fragte der Vater. »Nichts, ich hab gemeint, es wär jemand hinter mir, ich weiß nicht.« Der Vater begann wieder: »Die Mutter bleibt von morgen an die ganz Woch zu Haus, wir bekommen Drescher, und da kann sie drauf acht geben und auch bei euch sein. Willst du?« »Ja«, sagte Lorle mit fester Stimme; auf ihrer Kammer aber weinte und betete sie die ganze Nacht; sie wußte nicht recht warum, es war ihr so wohl und so weh zu Herzen. Auch Reinhard war die ganze Nacht voll Unruhe, und als er mit dem ersten Sonnenstrahl erwachte, sagte er laut vor sich hin: »Marienhaft! er hat recht.« Still verließ er dann das Haus, er schwang den Hut, um das Haupt in der Morgenluft zu kühlen, und stand noch einen Augenblick so da, als grüßte er die heilige Frühe. Am Kirchberge begegnete er dem Küster, der eben hinanging, um zur Frühmette zu läuten; er begleitete ihn und stieg den Turm hinan, saß in der Glockenstube und schaute zur Lucke hinaus ins Weite. Drunten im Tale kämpften noch Sonne und Nebel, die Sonne aber ward bald Meister. In der Kirche begann die Orgel zu brausen und zu dröhnen, Reinhard saß hoch oben und dachte Unendliches. Als die Kirche zu Ende war, kam der Küster und bat Reinhard hinabzusteigen, da er schließen müsse. Still ging Reinhard dahin, da begegnete ihm Lorle, die aus der Kirche kam. »Ihr seid auch in der Kirch gewesen?« sagte sie halb fragend. »Ja, oben.« Die beiden konnten nicht reden, sie waren tief erschüttert, wie von einer überirdischen Macht erregt, und doch war es auch ihr eigener Wille. Lorle sah blaß aus, die Mutter fürchtete, sie sei krank, da sie auch nichts über die Lippen brachte; Lorle konnte aber kaum eine Antwort geben, es war ihr, als sollte sie gar nichts reden. Nun endlich saß sie bei der Staffelei, und Reinhard sagte: »Wir wollen lustig sein, warum denn traurig? Juhu!« Er sagte: »Wir wollen«, und konnte doch nicht, auch ihn ergriff es, wie wenn jemand seine tiefste Seele gepackt hätte und festhielte. »Meiner Ihr nicht auch, daß es eine Sünd ist?« fragte Lorle, verschämt die Augen niederschlagend. »Nein«, antwortete Reinhard wieder mit
jenem herzinnigen Tone, und Lorle sah heiter auf; diese einfache Beteuerung
genügte ihr vollkommen.
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