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Auerbach BertholdDie Frau Professorin - Das war ein SonntagslebenAm andern Morgen stand der Kollaborator ganz früh vor dem Bette Reinhards und sang mit wohlgebildeter, kräftiger Stimme, die man ihm nicht zugemutet hätte, das Lied aus »Preziosa«, »Die Sonn erwacht«, mit Webers taufrischer Melodie. Reinhard schlug murrend um sich. »Ein Mann wie du«, sang der Kollaborator recitando, »der das herrliche Bild Sonntagsfrühe abkonterfeit, darf einen Morgen nicht verschlafen wie der heut, bum, bum.« Reinhard war still, und der Kollaborator fuhr sprechend fort: »Was fangen wir heut an? Es ist Sonntagmorgen, es hat heut nacht geregnet, als ob wir's bestellt hätten; alles glitzert und flimmert draußen. Was treiben wir nun? Gibt's keine Kirchweihe in der Nähe? Kein Volksfest?« »Brat dir ein Volksfest«, entgegnete Reinhard, »trommle dir die Massen zusammen, die du brauchst, und sattle dein Gesicht mit einem Operngucker; wirf Geld unter die Kinder, daß sie sich raufen und übereinander purzeln, dann hast du ein Volksfest mit ipse fecit.« »Du warst gestern abend so lustig und bist heute so mürrisch.« »Ich war nicht lustig und bin nicht mürrisch; ich bin nur ein Kerl, der eigentlich allein sein sollte und verdammterweise doch keinen Tag allein sein kann. Paß auf, wie ich's meine. Es ist mir lieb, wenn du bei mir bist; ein Freund wie du, der's so treu meint, ist wie wenn man Geld im Schrank hat; braucht man's auch nicht, es unterstützt doch, weil man weiß, man kann's holen, wenn Not an Mann geht. Also bleib die noch übrigen Tage deiner Ferien da, aber laß mich auch ein bißchen mir.« »Ich begreife dich wohl. Hier empfängst du den Kuß der Muse, und da darf kein fremdes, betrachtendes Auge dabei sein. Ich will dich gewiß ganz dir überlassen, stets zurücktreten, wo sich dir irgendein Motiv zu einem Bilde bieten könnte; da darf man nicht mit Fingern hindeuten, nicht einmal profanen Auges hinschauen. Die Wurzel, die schaffende Triebkraft alles Lebens, ruht im Dunkel, wo kein Sonnenblick, wo kein Auge hindringt.« »Das auch«, sagte Reinhard, »und für dich selber merke dir: Will nicht von jedem Augenblicke etwas, ein Resultat, einen Gedanken und dergleichen; lebe und du hast alles. Wir stecken in der Gedankenhetzjagd, die uns gar nicht mehr in Ruhe das Leben genießen läßt, du vor allen, aber ich kann auch sagen wie jener Pfarrer in seiner Strafpredigt: Meine lieben Zuhörer, ich predige nicht nur für euch, ich predige auch für mich. Laß uns leben! leben! Der Holunder blüht, er blüht und nicht bloß, damit ihr euch einen Tee daraus abbrüht, wenn ihr euch erkältet habt.« »Entschuldige, wenn ich dir sage«, bemerkte der Kollaborator in zaghaft rücksichtsvollem Tone, »es steckt mehr Romantik in dir, als du glaubst, das war ja auch die blaue Blume der Romantiker: ohne alle Reflexion zu sein, im Vollgenuß des Nichtwissens.« »Bin nicht ganz einverstanden, aber meinetwegen heiß es Romantik, wenn das Kind einen Namen haben muß.« Reinhard stand halb angekleidet am Fenster und sog die Morgenluft in vollen Zügen ein; plötzlich prallte er zurück, der Kollaborator sprang schnell an das leere Fenster und sah hinaus. Das Wirtstöchterlein ging über den Hof, luftig gekleidet, ohne Jacke und barfuß. Eine Schar junger Enten umdrängte sie schnatternd. »Ihr Fresserle«, schalt sie und verzog damit trotzig den Mund, »könnet's nicht verwarten, bis eure Kröpfle vollgestopft sind? Euch sollt man alle Viertelstund anrichten, nicht wahr? Nur stet, ich hol's ja, nur Geduld, ihr müsset halt auch Geduld lernen; aus dem Weg! ich tret euch ja.« Die jungen Entchen hielten an, als ob sie die Worte verstanden, das Mädchen ging nach der Scheune und kam mit Gerste in der Schürze wieder. »Da«, sagte sie, eine Handvoll ausstreuend, »g'segn euch's Gott! Gunnet's euch doch, ihr Neidteufel und purzelt nicht übereinander weg, scht!« scheuchte sie und warf eine Handvoll Gerste weiter abseits, »ihr Hühner, bleibt da drüben.« Der Hahn stand auf der Leiter an der Scheune und krähte in die Welt hinein. »Kannst's noch, akkurat wie gestern«, sagte das Mädchen, sich verbeugend, »komm jetzt nur runter; bist halt grad wie die Mannsleut, die lassen immer auf sich warten, wenn das Essen auf dem Tisch steht.« Der Hahn kam auch herabgeflogen und ließ sich's wohl schmecken, plauderte aber viel dabei; wahrscheinlich hatte er eben etwas Geistreiches oder Possiges gesagt, denn eine gelbe Henne, die gerade ein Korn aufgepickt hatte, schüttelte den Kopf und verlor das Korn. Der Galante sprang behende herzu, holte das Verlorene und brachte es mit einem Kratzfuße, einige verbindliche Worte murmelnd. »Guten Morgen Jungferle«, rief jetzt der Kollaborator in den Hof hinab; das Mädchen antwortete nicht, sondern sprang wie ein Wiesel davon und ins Haus; die jungen Enten und die Hühner schauten bedeutsam nach dem Fenster hinauf, sie mochten wohl ahnen, daß von dorther die Störung gekommen war, die ihnen die fernere Nahrung entzog. »Das ist ein Mädchen! ach, das ist ein Mädchen!« rief der Kollaborator in die Stube gewendet und ballte beide Fäuste zum Himmel; er durchmaß hierauf zweimal, ohne zu reden die Stube, stellte sich dann vor Reinhard und begann wieder: »Da hast du's, ich kann weiter nichts sagen als: Das ist ein Mädchen. Kein Epitheton genügt mir, keines. Hier haben wir ein Gesetz der Volkspoesie, sie gibt den vollsten Ausdruck, macht die tiefste Wirkung oft bloß durch das einfache Substantiv, ohne Epitheton; meiner Sprache steht jetzt in solcher Entzückung nicht mehr zu Gebote als der eines Bauernburschen.« »Was hältst du davon, wenn wir uns mit dem Epitheton göttlich begnügten?« »Spotte jetzt nicht, das Mädchen mußt du malen, wie es da stand, eins mit der Natur, zu ihr redend und von ihr begriffen, die vollendete Harmonie.« »Es wäre allerdings etwas nie Dagewesenes: ein Mädchen im Hühnerhofe.« »Nun, wenn auch nicht so, das Mädchen mußt du malen, hier ist dir ein süßes Naturgeheimnis nahe gestellt, du « »Ins Teufels Namen, so schweig doch still, wenn es ein Geheimnis ist. Du schwatzest schon am frühen Morgen, daß man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht.« Die beiden Freunde saßen eine Weile lautlos beieinander; endlich sagte der Kollaborator aufstehend: »Du hast recht, der Morgen ist wie die stille Jugendzeit, da muß man den Menschen allein lassen, für sich, bis er nach und nach aus sich erwacht; man soll ihn nicht aufrütteln. Ich gehe in den Wald, du gehst doch nicht mit?« »Nein.« Der Kollaborator ging, und Reinhard saß lange still, das viele Reden und Rütteln des Kollaborators hinterließ ihm die Empfindung, als ob er von einer geräuschvollen Reise käme; die ruhige Spiegelglätte des Morgenlebens war ihm zu hastigen Wellen aufgehetzt. Reinhard war verstimmt und nervengereizt, er legte sich nochmals auf das Bett und verfiel in leisen Schlummer. Die Glocken des Kirchturms weckten ihn, es läutete zum ersten Mal zur Kirche. Reinhard ging hinab in die Küche; die Bärbel, seine alte Gönnerin, die sonst so freundlich mit ihm geplaudert hatte, war unwirsch, sie sagte, er solle nur in die Stube gehen, sie hielte ihm schon seit drei Stunden den Kaffee bereit, und man könne ja das Feuer nicht ausgehen lassen von seinetwegen. Reinhard war eben im Begriffe ihr eine barsche Antwort zu geben, er hatte es genug, sich über den gestrigen Scherz hart behandeln zu lassen, da hörte er die Stimme Lorles von der Laube: »Bärbel, komm ause, guck obs's so recht ist.« »Komm du rein, ist grad so weit; mach nur fort, es wird schon recht sein.« Ohne eine Antwort gegeben zu haben, verließ Reinhard die Küche, er ging aber nicht in die Stube, sondern fast unhörbar nach der Laube. Ungesehen von dem Mädchen konnte er dasselbe eine Weile beobachten; er stand betroffen beim ersten Anblick. Das war ein Antlitz voll seligen, ungetrübten Friedens, eine süße Ruhe war auf den runden Wangen ausgebreitet; diese Züge hatte noch nie eine Leidenschaft durchtobt oder ein wilder Schmerz, ein Reuegefühl verzerrt, dieser feine Mund konnte nichts Heftiges, nichts Niedriges aussprechen, eine fast gleichmäßige zarte Röte durchhauchte Wange, Stirn und Kinn, und wie das Mädchen jetzt mit niedergeschlagenen Augen das Bügeleisen still auf der Halskrause hielt, war's wie der Anblick eines schlafenden Kindes; als es jetzt die Krause emporhob, die großen blauen Augen aufschlug und den Mund spitzte, trat Reinhard unwillkürlich mit Geräusch einen Schritt vor. »Guten Morgen oder bald Mittag«, nickte ihm Lorle zu. »Schön Dank, seid Ihr wieder gut?« »Ich bin nicht bös gewesen, ich wüßt nicht warum. Habt Ihr gut geschlafen?« »Nicht so völlig.« »Warum? Habt Ihr was träumt? Ihr wisset ja, was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt, das trifft ein.« »Aber mein Traum nicht.« »Nun, was ist's denn gewesen? Dürfet Ihr's nicht sagen?« »Ganz wohl, und Euch besonders, ich hab von Euch träumt.« »Ach, von mir, das kann nicht sein. Gucket, machet mir keine Flatusen; es hat mich verdrossen, wenn Ihr mich früher Grundel geheißen habt, aber es wär mir noch lieber, wenn Ihr so saget, als wenn Ihr mir so was Gaukliches vormachet.« »Ich kann ja auch was träumt haben, das gar kein Flatuse ist. Machet aber nur kein Gesicht, es ist nichts Böses, es ist bloß dumm. Mir hat's träumt, ich sei mit Euch auf dem Bernerwägele gesessen, und Euer Rapp war angespannt und hat eine großmächtige Schelle um den Hals gehabt, die hat geläutet wie die Kirchenglock, und der Rapp ist nur so durch die Luft dahingeflogen, seine Mähne ist hoch aufgestanden, und man hat kein Rad gehört, und wir sind doch immer fort und fort. Ich hab den Rapp halten wollen, er hat mir aber schier die Arme aus dem Leib gerissen, und Ihr seid immer ganz ohne Angst neben mir gesessen und so immer fort; plötzlich legt sich der Wagen ganz sanft um, und wir sind auf dem Boden gelegen, da ist mein Kamerad kommen und hat mich geweckt.« »Das ist ein wunderlicher Traum, aber in den nächsten vier Wochen fahr ich nicht mit Euch. Was ich hab sagen wollen, Euer Kamerad ist ein wunderlicher Heiliger, mein Vater sagt, er sei stolz und hochmütig, ich mein eher, er sei zimpfer und ungeschickt.« »Ihr habt ihm doch seine Störung verziehen?« »Ja. Seid Ihr auch schon auf gewesen?« »Nicht ganz. Mit meinem Kameraden habt Ihr recht, er ist nicht stolz, im Gegenteil scheuch und furchtsam.« »Ja, das hab ich auch denkt, und grad weil er scheuch und furchtsam ist, da geht er so auf die Leut nein und tut, wie wenn er sie zu Boden schwätzen wollt. Wie ich vorlängst bei der Vroni auf der Hohlmühle gewesen bin, Ihr wisset ja, sie ist mit meinem Stephan versprochen, sie heiraten bis zum Herbst, und er übernimmt die Mühle; Ihr seid doch auch noch da zur Hochzeit?« »Kann sein, aber Ihr habt mir was erzählen wollen?« »Ja, das ist recht, daß Ihr einen beim Wort behaltet, ich schwätz sonst in den Tag nein. Nun wie ich drunten in der Hohlmühle bin, da wird's Nacht, und da haben sie mir das Geleit geben wollen, ich hab's aber nicht zugeben, und es wär mir doch recht gewesen. Ich bin halt jetzt allein fort, im Wald da ist mir's aber katzhimmelmäuslesangst worden, und weil ich mich so gefürcht't hab, da hab ich allfort pfiffen, wie wenn ich mir aus der ganzen Welt nichts machen tät. Ja, wie komm ich denn aber jetzt da drauf, daß ich Euch das erzähl?« schloß Lorle, die Lippen zusammenpressend und die Augen nachdenklich einziehend. »Wir haben von meinem Kameraden gesprochen und « »Ja, Ihr bringet mich wieder drauf; der pfeift auch so lustig, weil er Angst hat, nicht wahr?« »Vollkommen getroffen. Ihr müßt nun aber recht freundlich gegen ihn sein, er ist ein herzguter Mensch, der's verdient, und es wird ihn ganz glücklich machen.« »Was ich tun kann, das soll geschehen. Ist er noch ledig?« »Er ist noch zu haben, wenn er Euch gefällt.« »Wenn Ihr noch einmal so was saget«, unterbrach Lorle, das Bügeleisen aufhebend, »so brenn ich Euch da den Bart ab. Ja, daß ich's nicht vergeß, lasset Euch Euern Bart nicht abschwätzen, er steht Euch ganz gut.« »Wenn er Euch gefällt, wird er sich um die ganze Welt nichts scheren.« »Was gefällt? Was ist da von gefallen die Red?« ertönte eine kräftige Weiberstimme, es war die der Bärbel. »Das Lorle ist in meinen Kameraden verschossen«, sagte Reinhard. »Glaub ihm nichts, er ist ein Spottvogel«, rief das Mädchen, und Bärbel entgegnete: »Herr Reinhard, ganget nein und trinket Euern Kaffee; ich g'wärm ihn Euch nimmer.« »Geht Euer Goller da in die Kirch?« wendete sich Reinhard an Lorle und erhielt die Antwort: »Nein, das gehört der Bärbel, die geht, ich bleib daheim; Ihr geht doch auch?« »Ja«, schloß Reinhard und trat in die Stube. Er hatte eigentlich nicht die Absicht gehabt, in die Kirche zu gehen, aber er mußte und wollte jetzt; er mußte, weil er's versprochen, und wollte, weil Lorle allein zu Hause blieb. Und wie wir unseren Handlungen gern einen allgemeinen Charakter geben, so redete er sich auch ein, er gewinne durch die Teilnahme an dem Kirchengange aufs neue die Grundlage zur Gemeinsamkeit des Dorflebens und ein Recht darauf. Während Reinhard in der Stube dies überdachte, sagte Lorle draußen auf der Laube: »Denk nur, Bärbel, er hat heut nacht von mir träumt.« »Wer denn?« »Nu, der Herr Reinhard.« Lorle verfehlte nie, auch wenn sie von dem Abwesenden sprach, das Wort »Herr« zu seinem Namen zu setzen. »Laß dir von dem Fuchsbart nichts aufbinden«, entgegnete Bärbel. »Und der Bart ist gar nicht fuchsig«, sagte Lorle voll Zorn, »er ist ganz schön kästenbraun, und der Herr Reinhard ist noch grad so herzig, wie er gewesen ist, und du hast doch früher, wie er nicht dagewesen ist, immer so gut von ihm gered't, und du hast unrecht, daß du jetzund so über ihn losziehst. Wenn er auch den Spaß mit dem Ausschellen gemacht hat, er ist doch nicht stolz, er red't so gemein und so getreu.« »Ich kann nichts sagen als: Nimm dich vor ihm in acht, und du bist kein Kind mehr.« »Ja das mein ich auch, ich weiß doch auch wie einer ist, ich...« »Gib mir mein Goller, du zerdrückst's ja wieder«, sagte Bärbel und ging davon. Reinhard wandelte sonntäglich gekleidet mit Stephan und Martin nach der Kirche. Alles nickte ihm freundlich zu, manche lachten noch über die seltsame Bartzier, aber der Träger derselben war ihnen doch heimisch; sie fühlten es dunkel, daß er zu ihnen gehörte, da er nach demselben Heiligtume, zu derselben Geistesnahrung mit ihnen wallfahrtete. Auf dem Wege fragte Martin: »Nun was saget Ihr aber zu unserm Lorle? nicht wahr, das ist ein Mädle?« »Ja«, entgegnete Reinhard, »das Lorle ist gerad wie ein feingoldiger Kanarienvogel unter grauen Spatzen.« »Es ist ein verfluchter Kerle, aber recht hat er«, sagte Martin zu Stephan. Reinhard saß bei dem Schulmeister auf der Orgel, der brausende Orgelklang tat ihm wundersam wohl, er durchzitterte sein ganzes Wesen wie ein frischer Strom. Die Bärbel, die ihn jetzt von unten sah, dachte in sich hinein: Er ist doch brav! Wie seine Augen so fromm leuchten! Reinhard hörte nur den Anfang der Predigt. An den Text »Lasset euer Brot über das Meer fahren«, wurde eine donnernde Strafrede angeknüpft, weil das ganze Dorf sich verbunden hatte, nichts für das zu errichtende Kloster der barmherzigen Schwestern beizusteuern. Reinhard verlor sich bei dem eintönigen und nur oft urplötzlich angeschwellten Vortrage in allerlei fremde Träumereien. Drunten aber lag die Bärbel auf den Knien, preßte ihre starken Hände inbrünstig zusammen und betete für Lorle; sie konnte nun einmal den Gedanken nicht loswerden, daß dem Kinde Gefahr drohe, und sie betete immer heftiger und heftiger; endlich stand sie auf, fuhr sich mit der Hand bekreuzend über das Gesicht und wischte alle Schmerzenszüge daraus weg. Der Orgelklang erweckte Reinhard wieder, er verließ mit der Gemeinde die Kirche. Nicht weit von der Kirchentüre stand die Bärbel seiner harrend; indem sie ihr Gesangbuch hart an die Brust drückte, sagte sie zu Reinhard: »Grüß Gott!« Er dankte verwundert, er wußte nicht, daß sie ihn erst jetzt willkommen hieß. Als Reinhard nun noch einen Gang vor das Dorf unternahm, begegnete ihm der Kollaborator mit einem gespießten Schmetterling auf dem Mützenrande. »Was hast du da?« fragte Reinhard. »Das ist ein Prachtexemplar von einem Papilio Machaon, auch Schwalbenschwanz genannt; er hat mir viel Mühe gemacht, aber ich mußte ihn haben, mein Oberbibliothekar hat noch keinen in seiner Privatsammlung; es waren zwei, die immer in der Luft miteinander kosten, immer zueinander flatterten und wieder davon; sind glückselige Dinger, die Schmetterlinge! Ich hätte sie gern beide gehabt oder beieinander gelassen, habe aber nur einen bekommen, und schau, wie ich aussehe; in dem Moment, wie ich ihn haschte, bin ich in einen Sumpf gefallen.« »Und Stecknadeln hast du immer bei dir?« »Immer; sieh hier mein Arsenal«, er öffnete die innere Seite seines Rockes, dort war ein R aus Stecknadelköpfen gesetzt. »Aber daß ich's nicht vergesse«, fuhr er fort, »ich habe das Wort gefunden.« »Welches Wort?« »Das Epitheton für das Mädchen: wonnesam! Es ist ein Vorzug unserer Sprache, daß dieses Wort transitiv und intransitiv ist, sie ist voll Wonne und strahlt jedem Wonne in die Seele. Aber halt! Eben jetzt, indem ich rede, finde ich das Urwort, das ist's: marienhaft! Was die Menschheit je Anbetungswürdiges und Wonniges in der Erscheinung der Jungfrau erkannte, das drängte sie in dem Wort Maria zusammen. Das kann keine andere Sprache, solch ein Nomen proprium allgemein objektivisch bilden. Marienhaft! das ist's.« Reinhard ward still; nach einer Weile erst frug er: »Warst du die ganze Zeit im Walde?« »Gewiß, oh! es war himmlisch, ich habe einen tiefen Zug Waldeinsamkeit getrunken. Sonst, wenn ich den Wald betrat, war mir's immer, als ob er schnell sein Geheimnis vor mir zuschließe, als ob ich nicht würdig sei, durch diese heiligen Säulenreihen zu schreiten und den stillen Chor der ewigen Natur zu vernehmen; mir war's immer, als ob beim letzten Schritte, den ich aus dem Walde tue, jetzt erst hinter mir das süße geheimnisvolle Rauschen beginne und unerfaßbare Melodien erklingen. Heute aber habe ich den Wald bezwungen. Ich bin empor gedrungen durch Gestrüpp und über Felsen bis zum Quellsprung des Baches, wo er zwischen großen Basaltblöcken hervorquillt und ein breites, rundes Becken ihn sogleich aufnimmt, als dürfte er da zu Hause bleiben. Du warst gewiß noch nicht dort, sonst müßtest du's gemalt haben; das muß nun dein erstes Bild sein. Die Bäume hangen so sehnsüchtig nieder, als wollten sie das Heiligtum zudecken, daß kein sterbliches Auge es sehe, in jedem Blatt ruht der Friede; der rote und weiße Fingerhut läßt seine Blütenkette zwischen jeder Spalte aufsteigen, es ist eine Giftpflanze, aber sie ist entzückend schön! Die sanfte Erika versteckt sich lauschend hinter dem Felsen und wagt sich nicht hervor an das rauschende Treiben. Dort lag ich eine Stunde und habe Unendlichkeiten gelebt. Das ist ein Plätzchen, um sich ins All zu versenken. Morgenglocken tönten von da und dort, mir war's wie das Summen der Bienen, die sich heute bei der Sicherheit des schönen Wetters weit weg vom Hause wagten. Ich war emporgeklommen, hoch hinauf auf Bergeshöhen, die die Kirchtürme weit überragen, ich stand über Zion auf den Spitzen des unendlichen Geistes; da fühlte ich's wie noch nie, daß ich nicht sterben kann, daß ich ewig lebe; ich faßte die Erde, die mich einst decken wird, und mein Geist schwebte hoch über allen Welten. Mag ich freudlos über die Erde ziehen, klanglos in die Grube fahren, ich habe ewig gelebt und lebe ewig.«... Reinhard setzte sich auf den Wegrain unter einen Apfelbaum, er zog auch den Freund zu sich nieder. »Sprich weiter«, sagte er dann; der Angeredete blickte schmerzlich auf ihn, dann schaute er vor sich nieder und fuhr fort: »Ich lag lange so in selig traurigem Entzücken,
ich sah dem unaufhörlich sich ergießenden Quell zu. Wie ätherklar
springt er hervor aus mächtiger Verborgenheit; wie rein und hell
schlängelt er sich in die Schlucht hinab, bald aber, noch bevor er
den ruhigen Talweg erreicht, wird er eingefangen; was ficht's ihn an?
Er springt keck über das Mühlrad und eilt zu den Blumen am Ufer.
In der Stadt aber dämmen sie ihn ein, da muß er färben,
gerben und verderben; er kennt sich nicht mehr. Es kann auch einem reinen
klaren Naturkinde so ergehen. Was tut's? Du einzler Quell vom Felsensprung!
ströme zu bis hin in das unergründliche, unbezwungene Meer,
dort ist neue, dort ist ewige Klarheit und unendliches Leben, ein Ruhen
und ein Bewegen in sich... Bei dem ersten, was ich dachte, war mir's nicht
eingefallen, es festzuhalten, jetzt aber wollte ich alles in melodische
Worte fassen; ich quälte mich in allen Versarten, hin war meine Ruhe.
Da fielst du mir wieder ein: Wozu ein Resultat? Ich hab's gelebt, was
braucht es mehr?«... |