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Achim von ArnimUnterdessen sprach der alte Herr noch immer unermüdlich über die Schlacht bei Shrewsbury und konnte sich nicht beruhigen, daß Owen Glendower aus abergläubischer Furcht dem Percy beizustehen versäumt habe; einer seiner Voreltern habe dadurch auch Leben und Vermögen eingebüßt, und er nehme das dem Walliser noch immer sehr übel. - Der Jüngere meinte aber, jener habe in seinen Zauberkreisen wohl Ahnung gehabt, daß sein Sohn Tudor einst die englische Königin heiraten werde und dadurch Stifter eines mächtigen Königgeschlechts werde. - «Der Owen Tudor», unterbrach ihn hier die Walliserin, «war keineswegs ein Sohn Owen Glendowers; nicht einmal verwandt waren sie miteinander, das muß ich am besten wissen, denn ich stamme auch von den Tudors ab.» - Der Alte betrachtete sie verwundert, so viel es in der Dunkelheit möglich, und sprach: «Da seid Ihr ja mit dem hohen herrschenden Hause verwandt!» Dann stieg er mit großer Geschicklichkeit die genealogische Leiter bis zum hochglänzenden Gipfel des Baumes hinan, auf welchem eben Georg III. thronte. Er bezeichnete die Sprossen mit den Namen: Friedrich, Prinz von Wallis; Georg II.; Georg I.; Sophie von Hannover; Elisabeth, Gemahlin Friedrichs V. von der Pfalz; Jakob I.; Maria, der unglücklichen Königin von Schottland; Heinrich VII. von England; Edmund Tudor; Karl von Richmond bis Owen Tudor, dem Vater dieses Edmund. Dann ging er auch die Reihe englischer Herrscher aus dem Stamme Tudor bis zur großen Elisabeth mit sichern Schritten durch und behauptete, ihm sei dieser Owen Tudor so merkwürdig wie Adam, von dessen übrigen Taten man auch nicht viel wisse, ausgenommen, daß das ganze Menschengeschlecht von ihm abstamme.Die Walliserin versicherte, daß sie sehr viel von diesem ihrem Vorfahren wisse, der wenigstens schon dadurch vor Adam ausgezeichnet sei, daß er der Schönheit seinen Glanz verdankt habe, während Adam sehr häßlich hätte sein können, ohne daß es aufgefallen wäre, weil er der einzige seiner Art gewesen. «Eine Menge Volkserzählungen knüpfen sich an Owen Tudor», fuhr sie fort; «der Himmel weiß, ob sie alle wahr sind. Aber das ist gewiß, wenn es Tag wird, kommen wir nicht zweihundert Schritt bei seinem ehemaligen Sitze, Plas Penmynidd, vorüber, der jetzt dem Lord Bulkeley gehört.» - «Das ist wohl ein herrliches Gut?» fragte der Alte. - «Es hat nicht volle vierhundert Acker», antwortete das Mädchen, «meist nur Weideland - die Könige sind reichlicher darauf gewachsen als das Gras -, sie tragen etwa 150 Pfund.» - «Ein armer Ritter», sagte der Alte. «Aber wie erzählt denn das Volk, daß er sein Glück machte?» - «Durchs Tanzen», sagte die Walliserin. - «Bitte», rief der Alte, «erzählt uns das, ich hatte meine selige Frau auch beim Tanze kennen gelernt, und wir führten, Gott sei Dank, eine recht glückliche Ehe.» «Es ist eine lange Geschichte», sagte das Mädchen weiter, «aber die Nächte sind jetzt auch schon lang, und es ist gut, wir erhalten uns munter wegen der Straßenräuber, die hier an der Grenze von Wallis noch immer ihr Wesen treiben. Närrisch ist's, daß der Knabe schon als Kind der kleine König genannt worden ist.» - «Ich bin auch der kleine König», unterbrach sie der Knabe, der auf ihrem Schoße saß, und sie beschwichtigte ihn mit einer Birne. - Dann fuhr sie fort: «Er war der Liebling aller Leute, so stolz und zierlich ging er einher, und eine seltene Schönheit verband sich in ihm mit großer Gutmütigkeit. Aber von seiner Mutter, die eine arme Witwe, wurde er wenig gelobt, weil er nur in Stunden, wo er ganz sicher war, daß niemand vorbeikam, sich der Arbeit im Garten hingeben mochte. In dem Hause galt damals alles eine Verkäuferin, die wohl eigentlich etwas mehr zu sein schien, als wofür sie sich bei manchen Leuten ausgab, aber schlechtweg Sarah genannt wurde und das Land mit ihren Pferden oder auch zu Fuß durchzog und einkaufte. Diese beredete die Mutter, den Knaben geistlich werden zu lassen, weil er nicht arbeiten wolle, und auch zum ritterlichen Leben kein Geld habe; als Geistlicher werde er bei seinem Ansehen schon Glück machen. So wurde er zu einem Oheim Oswestry gebracht, der bei Clynag den heilenden Wasserteich des heiligen Benno als ein Klausner bewachte. Jetzt sieht da alles gar wüst aus; damals aber war es ein schöner kleiner Teich von behauenen Steinen, mit Sitzen eingefaßt; an einer Seite floß das Wasser aus, von der andern kam ihm Zufluß aus einem tiefen Felsenbette, an dessen Ufer in einiger Entfernung die Klause seines Oheims stand. Auch das Grab des Heiligen, das von Lord Newborough ausgegraben und zerstört worden ist, war damals noch wohlerhalten und sehr verehrt. Da beteten die Pilger und gingen dann zum Wasser, wuschen darin ihre kranken Glieder, und besonders kranke Augen. Wer das Antlitz des Heiligen im Wasser sah, der genas sicher, so meinten die Leute, und dann spendeten sie reichliche Gabe. Da aber seit längerer Zeit der Heilige sich immer seltener sehen ließ, der Kasten des Heiligen, der in der Kirche stand, also viel leerer blieb, auch der Klausner wenig erhielt, so hatte sich dieser entschlossen, selbst das gute Werk zu vollbringen und den Leuten Trost zu geben. Deswegen legte er sich aufs Tauchen, schwamm heimlich aus dem Bache in den Teich und nahete sich der Oberfläche; so faßte jeder Kranke im heiligen Schrecken gute Hoffnung. Aber allmählich wurde ihm dies Geschäft zu sauer; er war froh, den jungen Owen Tudor zu diesem Geschäfte abzurichten, und dieser, der ein Freund aller Leibesübungen, brachte es bald zur höchsten Geschicklichkeit in der Kunst zu tauchen. Waren die Kranken gegen den Winter fortgezogen, so unterrichtete ihn der alte Herr in allen ritterlichen Künsten; er focht mit ihm und tanzte, er lehrte ihn Französisch sprechen und schreiben und sagte ihm, daß er noch große Dinge mit ihm im Sinne habe. Sarah erschien abwechselnd, sprach viel Heimliches mit Oswestry und munterte den Knaben zum Lernen durch allerlei Geschenke auf. Tudor war fleißig und geschickt, er wuchs rasch, und endlich erklärte ihm der Oheim, er gehe jetzt voran nach Frankreich und werde ihn in kurzer Zeit abrufen lassen. Nach einiger Zeit erhielt Tudor durch Sarah einen Brief, daß er zu seiner Mutter gehen möchte, wo er Kleider finden und Abschied nehmen solle. Er war glücklich; es kümmerte ihn wenig, ob die Kranken künftig ihr eignes Gesicht oder das seine im Wasser sehen würden. Aber bei der Mutter war ihm nichts mehr recht; sie war ihm zu grob, zu schlecht gekleidet; er war froh, als ein Brief aus Caernarvon mit einem Paket ankam. Im Briefe meldete Oswestry aus Paris, daß er ihm die Stelle als Page bei der jungen Prinzessin Katharine verschafft habe; ein Schiffer warte auf ihn in Caernarvon; in dem Pakete sei eine anständige Pagenkleidung eingeschlossen. Die Mutter schnitt ihm ein großes Stück Speck von der dicksten Speckseite ab, gab ihm ein großes Brot und drei Küsse auf den Weg. Ein Bettelknabe mußte ihm für ein Riemchen Speck seine wenigen Sachen nachtragen; er stolzierte im neuen Kleide voran und bürstete sich, zum großen Staunen von jenem, alle fünf Minuten Kleider und Schuhe ab. So kam er reinlich zum Marktschiff und befahl in den Busch hinein, daß der Reitknecht seine Pferde sollte langsam nach Hause führen. Die fremden Menschen machten dem schönen Edelknaben mit Hochachtung Platz; er schnurrte ein französisches Lied auf dem Verdecke und schimpfte auf die unbequemen Sitze, als habe er nur aus Laune das gemeine Marktschiff bestiegen. Die jungen Frauenzimmer auf dem Verdecke schienen allmählich lebhafteren Anteil an ihm zu nehmen als an den plumpen Landtölpeln, die ihnen den Hof machten. Die eine soll ihm einen Apfel gereicht und er ihr gnädig geantwortet haben, daß er die Kerne zu ihrem Andenken in seinem Schloßgarten aussäen wolle. Das Aussteigen bei Caernarvon ist wegen des flachen Ufers etwas lästig; die Landenden müssen ziemlich weit über einen schmalen Brettsteig gehen, bei dessen Schwanken mancher in das Wasser daneben gleitet. Das Mädchen, welches ihm den Apfel gereicht, hoffte, er werde ihr den Arm geben; aber zu ihrer Verwunderung sprang er in seiner Gutmütigkeit einem alten Bettelweibe nach, das eben zum Gelächter aller ins Wasser hinüberzuschwanken schien, faßte sie beim Arme und führte sie glücklich ans Land. Als er sie dort verlassen wollte, redete ihn eine bekannte Stimme aus den Lumpen an. Er blickte unter die Kappe; es war Sarah, die ihn lobte, daß er diese erste Probe so gut bestanden habe. Unbemerkt führte sie ihn durch das Marktgewühl zwischen Schiffbauholz, wo niemand sie sehen konnte als der Bettelknabe, der ihm die Vorräte nachgetragen hatte. Dort sagte sie ihm: Dein Glück wird dir nie fehlen, wenn du auch am Hofe keinem alten Weibe ohne Freundlichkeit vorbeigehst; sie regieren die Welt, weil ihre Jugendfreunde allmählich durch Veralten zu den höchsten Stellen aufsteigen; eine Höflichkeit von einem jungen Mann macht ihnen mehr Freude als zehen von einem alten. Glaub mir, ich kenne den Hof. Doch dies sei deine zweite Lehre: tue nie, als ob du jemand kennst, der von dir in irgend einer Gestalt oder Maske nicht will gekannt sein; darum halte die Frage, die dir auf der Zunge schwebt, zurück, wer ich eigentlich sei. Genug sei es für dich zu wissen, daß wir Walliser nach Glendowers Tode alle unsre Hoffnungen auf Frankreichs Küste geankert haben. Vier Hofregeln will ich dir noch geben: dich nicht zu schämen, dich nicht zu grämen, dich nicht zu ekeln, dich nicht zu ärgern; dein ist die Welt, wenn sie dir gefällt! Noch eins: verachte nie eine kleine Gabe, du weißt nicht, was sie wert sein kann; aber bemühe dich nur um Großes, so heißen dich die Leute am Hofe großmütig. Darum nimm auch diese Knieschnallen als ein gutes Vorzeichen des hohen Ordens vom Hosenbande an; ich habe jetzt nichts andres dir zu schenken, und dir fehlen sie, weil ich vergaß, sie mit den Kleidern einzupacken. Bewahre sie; es ist ein geheimer Angelhaken in der verbognen Spitze des Herzens 1). Owen wollte sich eben schämen, daß er ihr kein Gegengeschenk zu bieten habe, da fiel ihm die Vorschrift ein, und indem er ihr die Hand küßte, dachte er daran, daß er sich nicht ekeln dürfe. Nun zeigte sie ihm das französische Schiff, welches zu seiner Aufnahme bereit sei, und er folgte ihrem Rate, sich nicht zu grämen und zu ärgern, sondern stieg getrost mit seinem Pakete an Bord. Das Schiff hieß La Belle-France und war eng und schmutzig; der Schiffer trug papierne Handkrausen und langen Busenstreif ohne Hemde; er rühmte, daß nirgend so gut gegessen werde als bei ihm, denn sein Koch habe in der königlichen Küche gelernt, und setzte den Ankommenden gebratene Froschkeulen vor, und darüber lief der Bettelknabe davon.» Der alte Reisende sagte hier auf lateinisch zu dem jüngeren: «Es ist kein Volk so arm, es dünkt sich doch noch reicher als seine Nachbarn.» - «Hat er über mich gesprochen?» fragte die Walliserin. - «Keineswegs», sagte der Junge; «der alte Herr wird nur immer hungrig, wenn er die Nachtigall singen hört.» - «Hier ist noch ein Stück Pudding», sagte sie, «womit ich den guten Herrn füttern kann, und ein Stück Rinderbraten.» - Das gab eine Diversion, denn der alte Herr machte wirklich Anstalten zum Essen; er hatte einen ungeheuern Magen, und der Knabe langte in Sorgen mit seinen Händchen dazwischen, ob ihm auch noch etwas bliebe. Zum Glück fuhren wir jetzt bei einem Wirtshause vorbei, wo der alte Herr die Unterstützung seines Magens mächtig erwidern konnte. Es war alles zum Empfang der Postkutsche bereitet, und im Glasschranke auf dem Flur glänzten noch die trefflichsten Not- und Hilfsstücke. Kaum beachtete ich, daß der Wirt erzählte, ein Konstabel sei vor ein paar Stunden bei ihm eingekehrt, der einer Dame nachsetze, die in den Prozeß einer ausgezeichneten Frau verwickelt sei; aber ich bemerkte doch eine gewisse Verlegenheit auf dem Gesichte der Walliserin, als ob sie in irgend einer Art um diese Angelegenheit wisse. Aber beim Glühwein wurde der Gedanke bald vergessen. Der alte Herr brachte die seltsamsten Toasts zur Welt; die Walliserin schien sein Herz mit dem Pudding erobert zu haben.
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