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Achim von ArnimOwen TudorEine Reisegeschichte (1821) Die Tanzwut (Dansomanie), das himmlische neue Ballett,
hielt nach der langweiligen Oper bis tief in die Nacht hinein alle Augen
und Geister gefesselt und ließ sie auch nachher nicht gleich wieder
los, nachdem der Vorhang längst gefallen war und die Tänzer
von den Zuschauern in der großen Stadt London vielleicht auf ein
paar Meilen Entfernung getrennt waren. Ich hatte bei der Anregung kaum
eine Stunde geschlafen, als ich in die Postkutsche stieg, die alle Dienstage
nach Holyhead in Wallis abgeht, wohin mich die uralten ungeheuern Bauwerke
lockten. Meine Fahrt war mehr ein Träumen von den lieblichen Göttergestalten
des Balletts und ihrer überirdischen Beweglichkeit als ein Schauen
der beweglichen Erde, die mit all ihrer bunten Gestaltung an den Fenstern
des Wagens ohne Eindruck vorübereilte. Erst beim dritten Umspannen
der Pferde fiel es mir auf, wie schnell wir fortrückten, und ich
mußte unwillkürlich die Worte meiner Sappho vor mir hersagen,
als sie den Phaon begrüßt nach dem Wettrennen, in welchem er
durch ihre Ermunterung siegte, als er eben von der Heftigkeit der Bewegung
taumelte. «Göttlich ist auf Erden die Geschwindigkeit, Es wurde lange nicht viel gesprochen, wie das oft in englischen Postkutschen der Fall ist; endlich brachten ein paar Worte, die ich über das Ballett fallen ließ, meinen einsilbigen Nachbar auf dem Rücksitze in den Redefluß. Er berichtete mir, daß er diesmal bloß des Tanzes wegen nach Wallis, das er sonst schon kenne, zu reisen beschlossen habe, um sich nämlich selbst von einer verderblichen Religionssekte zu unterrichten, die sich dort in den Bergen immer weiter verbreite und durch Tanz ihre Begeisterung in der Kirche ausdrücke. Von diesem Springen hießen sie bei den Leuten die Jumpers 1) , und er wolle das Parlament angehen, sie allesamt hängen zu lassen, daß der Wind ihnen den rechten Unterricht im Tanze gäbe. Die Sache war mir neu, ich konnte die Leute noch nicht mit Grunde verteidigen; ich fragte ihn bloß, ob nicht auch die Musik zu aller sündlichen Lust gebraucht werde, und doch, in der Orgel verherrlicht, die Andacht auf würdige Art umgebe und ausdrücke. - «Da sind wir nimmermehr einerlei Meinung», sprach er; «wir Presbyterianer halten die Orgel für des Teufels Dudelsack, womit er den Ernst der Betrachtung in Schlummer wiegt, so wie der Tanz die guten Vorsätze betäubt.» «Aber die Alten», warf ich ihm ein, «hätten doch so viele Jahrhunderte mit Andacht getanzt.» - «Wer ist dabei gewesen?» sagte er; «den Dichtern brauchen wir nicht zu glauben, sie mußten sich offiziell das Beste dabei denken; aus dem Petron und manchen andern möchte ich schließen, daß ihre Religionen nichts anders waren als unsere Jahrmärkte, Parlamentswahlen, Lordmayor-Schmäuse, öffentliche Mittagsmahle und Redoutenbälle; von eigentlicher Religion wußten vielleicht die alten heidnischen Abgötter gar nichts. Doch das alles ist nur Vermutung; genug, sie sind antik und wir modern, und jeder muß zu eignem Gedeihen im eignen Geiste fortleben.» So endete sich unser Gespräch; ich aber dachte weiter, wie doch der Mensch so gern trennen mag, was Gott zusammenfügte. Da hat er sich die Worte antik und modern erfunden, um durch die Weltgeschichte eine Brettwand zu ziehen, die ihm jede Aussicht über das Ganze raubt. Aber nach den alten Sagen ist nur das Ende der Welt mit Brettern verschlagen, von welcher Scheidewand am Ende auch wohl nicht viel mehr als von der Linie zu bemerken ist, von der mir heute ein spaßhafter Matrose versicherte, man müsse sich ein wenig bücken, wenn man sie passiere, damit sie einem nicht den Hut abstreife. Wenn wir uns also vor jenem Unterschiede des Antiken und Modernen nicht tiefer zu bücken haben, so werden uns die Jumpers nicht mehr erschrecken. Es sind keine künstliche Heiden, wie wir sie wohl unter den auf ihren Zimmern versessenen Gelehrten finden mögen, die, vom Geistigen übersättigt, nach alten Formen schmachten, die sie doch nicht beleben können; vielmehr sind es die rohesten, kräftigsten Söhne der Berge, die freilich in ihrer heitern Luft mehr Seligkeit in der Bewegung gespürt haben als wir im Tale. Und doch haben auch wir zuweilen in reiner Freude getanzt. Ich wurde in meiner Betrachtung unterstützt und gestärkt durch die Frage einer Walliserin, die, in einen roten Mantel nach Landesart gehüllt, mit einem schönen, etwa dreijährigen Knaben auf dem Schoße, allein im Vordersitze des Wagens saß, weil kurz vorher ihre beiden Nebenleute die Kutsche verlassen hatten. Sie fragte nämlich den Presbyterianer, ob David nicht auch mit aller Macht vor der Bundeslade getanzt habe, und ob das nicht dein Herrn angenehm gewesen? - Jener sah sie an, in der Meinung, daß sie auch eine solche Methodistin sein möchte, und behauptete: wir ständen in einem neuen Bunde, und Davids Beispiel gehe uns nichts an. - Sie antwortete ihm ganz scharfsinnig: «Ihr Herren verfahrt eigen mit der Schrift! Wie es euch einfällt, soll uns ein Teil über alles und der andre gar nichts angehen. Wer hat euch die Vollmacht zu diesem Verfahren verliehen?» Der Streit wäre lebhaft geworden, aber der Kutscher
hielt still. «Hier ist das Schlachtfeld von Shrewsbury», sagte
der Presbyterianer. «Seht, wie Heldengeister gehen da zwei Männer
mit großen Schritten auf die Kutsche los; gewiß wollen sie
einsteigen.» Die beiden Leute waren jetzt nahe; sie öffneten
die Tür. Der jüngere von beiden, ein feiner, gewandter Mann,
begabt mit lebhaften dunkeln Augen, half dem schwerfälligen Älteren
in den Wagen, der uns mit großen blauen, hervorragenden Augen, wie
sie Gall für das Wortgedächtnis fordert, aus buschigen blonden
Augenbraunen über einer unendlich langen gebognen Nase anstierte.
Sie setzten sich nach einem kurzen Gruße an beide Seiten der Walliserin,
wie an einen Kamin, indem sie ihre Unterhaltung über ein paar alte
Eisenstücke, die der Alte gefunden hatte, fortsetzten. Er glaubte,
es sei ein Stück von dem Speere Percys. Der Junge gab ihm recht;
nur die Walliserin lachte sie aus, indem sie versicherte, es sei ein Stück
von einem mit Eisen beschlagenen Treibstecken, wie er beim Pflügen
gebraucht werde. Der Alte zuckte verächtlich mit den Achseln; es
ging aus seiner Unterredung hervor, daß er den Jungen sich verbunden
hatte, ihm bei seinen antiquarischen Nachsuchungen behilflich zu sein,
wofür er ihn wie seinen Sohn bewirten und freihalten wolle. Der Presbyterianer
raunte mir in die Ohren, das gäbe eine recht kuriose Geschichte,
und erzählte mir leise: beide seien zwei bekannte Reisende von Profession,
die nur reisten, um Reisebeschreibungen herauszugeben, beide in Schriften
schrecklich gegeneinander verfeindet. Nun schiene es aber, sie hätten
beide falsche Namen angenommen, weil die Leute vor ihrer Art Öffentlichkeit
etwas scheu würden, und gefielen einander recht gut. - Ich erkundigte
mich näher, zu welcher Klasse von Reisebeschreibern sie gehörten.
- «Der alte Herr», fuhr er fort, «reist, um etwas zu
tun zu haben; seine Reisebeschreibungen sind wahrhaft, aber schrecklich
langweilig; er wendet sein Vermögen daran, alle Kleinigkeiten, die
er gefunden, Inschriften an Fensterscheiben und unbedeutende Steine in
Kupfer stechen zu lassen. Niemand mag es kaufen, und da schilt er immer
den Jungen einen Lügner, weil dieser mit einem gewissen Geist das
Historische der Gegenden mit ihrer Anschauung zu verbinden weiß,
die er in fließenden Versen schildert, wie es die Lesewelt verlangt,
und dabei in artigen Skizzen die Gegenden mit schweren Sturmwolken, Schatten
und zerzausten Bäumen ins Romantische zu übersetzen sucht. Aber
die Reisen des Jungen werden bei allem Tadel des Alten gelesen, und er
lebt vom Reisen, schimpft den Alten einen Pedanten, der bei seinen mühsam
erforschten Altertümern nur zwei Gedanken habe, nämlich auf
druidical superstition (druidischen Aberglauben) und popery (Pfaffentum)
zu schimpfen, worunter er alle Denkmale aus älterer Zeit verstehe,
und fragt, warum er also sammle, was er innerlich vernichte.»
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