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Achim von Arnim

Owen Tudor
Eine Reisegeschichte (1821)

Die Tanzwut (Dansomanie), das himmlische neue Ballett, hielt nach der langweiligen Oper bis tief in die Nacht hinein alle Augen und Geister gefesselt und ließ sie auch nachher nicht gleich wieder los, nachdem der Vorhang längst gefallen war und die Tänzer von den Zuschauern in der großen Stadt London vielleicht auf ein paar Meilen Entfernung getrennt waren. Ich hatte bei der Anregung kaum eine Stunde geschlafen, als ich in die Postkutsche stieg, die alle Dienstage nach Holyhead in Wallis abgeht, wohin mich die uralten ungeheuern Bauwerke lockten. Meine Fahrt war mehr ein Träumen von den lieblichen Göttergestalten des Balletts und ihrer überirdischen Beweglichkeit als ein Schauen der beweglichen Erde, die mit all ihrer bunten Gestaltung an den Fenstern des Wagens ohne Eindruck vorübereilte. Erst beim dritten Umspannen der Pferde fiel es mir auf, wie schnell wir fortrückten, und ich mußte unwillkürlich die Worte meiner Sappho vor mir hersagen, als sie den Phaon begrüßt nach dem Wettrennen, in welchem er durch ihre Ermunterung siegte, als er eben von der Heftigkeit der Bewegung taumelte.

«Göttlich ist auf Erden die Geschwindigkeit,
Sie besiegt den weiten Raum, die enge Zeit,
Gegenwärtig macht sie überall zugleich
Spiegelnd hoher Götter ewig Reich;
Mit dem Anfang eint das Ende ihre Hand
Sich zum Siegeskranze; wie der Feuerbrand,
Schnell geschwungen, wird zum Feuerkreise,
So erscheinen ihres Wagens Gleise;
Eh' das Auge aufblickt, ist ihr Bogen
Durch die weite Rennbahn hingezogen.
Ihr gehört die Schönheit, weil sie flüchtig,
Der Gestirne Wallen, ruhlos richtig,
Ihr vertraut der Gott die mächt'gen Worte
In den Blitzstrahl aus der Himmelspforte,
Die da aufschlägt, Schauende verblendet,
Eh' sie zuschlägt, schon ihr Leben endet.
Träger rollt nach ihrer Flammengeißel Schwung
Donner über alle zur Erinnerung,
Träger rollen sich die schwarzen Wolken auf
Nach des glühen Donnerwagens Lauf;
Ja, die Welt erschiene tot in Leere,
Hübe nicht Geschwindigkeit die Schwere.»

Es wurde lange nicht viel gesprochen, wie das oft in englischen Postkutschen der Fall ist; endlich brachten ein paar Worte, die ich über das Ballett fallen ließ, meinen einsilbigen Nachbar auf dem Rücksitze in den Redefluß. Er berichtete mir, daß er diesmal bloß des Tanzes wegen nach Wallis, das er sonst schon kenne, zu reisen beschlossen habe, um sich nämlich selbst von einer verderblichen Religionssekte zu unterrichten, die sich dort in den Bergen immer weiter verbreite und durch Tanz ihre Begeisterung in der Kirche ausdrücke. Von diesem Springen hießen sie bei den Leuten die Jumpers 1) , und er wolle das Parlament angehen, sie allesamt hängen zu lassen, daß der Wind ihnen den rechten Unterricht im Tanze gäbe. Die Sache war mir neu, ich konnte die Leute noch nicht mit Grunde verteidigen; ich fragte ihn bloß, ob nicht auch die Musik zu aller sündlichen Lust gebraucht werde, und doch, in der Orgel verherrlicht, die Andacht auf würdige Art umgebe und ausdrücke. - «Da sind wir nimmermehr einerlei Meinung», sprach er; «wir Presbyterianer halten die Orgel für des Teufels Dudelsack, womit er den Ernst der Betrachtung in Schlummer wiegt, so wie der Tanz die guten Vorsätze betäubt.»

«Aber die Alten», warf ich ihm ein, «hätten doch so viele Jahrhunderte mit Andacht getanzt.» - «Wer ist dabei gewesen?» sagte er; «den Dichtern brauchen wir nicht zu glauben, sie mußten sich offiziell das Beste dabei denken; aus dem Petron und manchen andern möchte ich schließen, daß ihre Religionen nichts anders waren als unsere Jahrmärkte, Parlamentswahlen, Lordmayor-Schmäuse, öffentliche Mittagsmahle und Redoutenbälle; von eigentlicher Religion wußten vielleicht die alten heidnischen Abgötter gar nichts. Doch das alles ist nur Vermutung; genug, sie sind antik und wir modern, und jeder muß zu eignem Gedeihen im eignen Geiste fortleben.»

So endete sich unser Gespräch; ich aber dachte weiter, wie doch der Mensch so gern trennen mag, was Gott zusammenfügte. Da hat er sich die Worte antik und modern erfunden, um durch die Weltgeschichte eine Brettwand zu ziehen, die ihm jede Aussicht über das Ganze raubt. Aber nach den alten Sagen ist nur das Ende der Welt mit Brettern verschlagen, von welcher Scheidewand am Ende auch wohl nicht viel mehr als von der Linie zu bemerken ist, von der mir heute ein spaßhafter Matrose versicherte, man müsse sich ein wenig bücken, wenn man sie passiere, damit sie einem nicht den Hut abstreife. Wenn wir uns also vor jenem Unterschiede des Antiken und Modernen nicht tiefer zu bücken haben, so werden uns die Jumpers nicht mehr erschrecken. Es sind keine künstliche Heiden, wie wir sie wohl unter den auf ihren Zimmern versessenen Gelehrten finden mögen, die, vom Geistigen übersättigt, nach alten Formen schmachten, die sie doch nicht beleben können; vielmehr sind es die rohesten, kräftigsten Söhne der Berge, die freilich in ihrer heitern Luft mehr Seligkeit in der Bewegung gespürt haben als wir im Tale. Und doch haben auch wir zuweilen in reiner Freude getanzt.

Ich wurde in meiner Betrachtung unterstützt und gestärkt durch die Frage einer Walliserin, die, in einen roten Mantel nach Landesart gehüllt, mit einem schönen, etwa dreijährigen Knaben auf dem Schoße, allein im Vordersitze des Wagens saß, weil kurz vorher ihre beiden Nebenleute die Kutsche verlassen hatten. Sie fragte nämlich den Presbyterianer, ob David nicht auch mit aller Macht vor der Bundeslade getanzt habe, und ob das nicht dein Herrn angenehm gewesen? - Jener sah sie an, in der Meinung, daß sie auch eine solche Methodistin sein möchte, und behauptete: wir ständen in einem neuen Bunde, und Davids Beispiel gehe uns nichts an. - Sie antwortete ihm ganz scharfsinnig: «Ihr Herren verfahrt eigen mit der Schrift! Wie es euch einfällt, soll uns ein Teil über alles und der andre gar nichts angehen. Wer hat euch die Vollmacht zu diesem Verfahren verliehen?»

Der Streit wäre lebhaft geworden, aber der Kutscher hielt still. «Hier ist das Schlachtfeld von Shrewsbury», sagte der Presbyterianer. «Seht, wie Heldengeister gehen da zwei Männer mit großen Schritten auf die Kutsche los; gewiß wollen sie einsteigen.» Die beiden Leute waren jetzt nahe; sie öffneten die Tür. Der jüngere von beiden, ein feiner, gewandter Mann, begabt mit lebhaften dunkeln Augen, half dem schwerfälligen Älteren in den Wagen, der uns mit großen blauen, hervorragenden Augen, wie sie Gall für das Wortgedächtnis fordert, aus buschigen blonden Augenbraunen über einer unendlich langen gebognen Nase anstierte. Sie setzten sich nach einem kurzen Gruße an beide Seiten der Walliserin, wie an einen Kamin, indem sie ihre Unterhaltung über ein paar alte Eisenstücke, die der Alte gefunden hatte, fortsetzten. Er glaubte, es sei ein Stück von dem Speere Percys. Der Junge gab ihm recht; nur die Walliserin lachte sie aus, indem sie versicherte, es sei ein Stück von einem mit Eisen beschlagenen Treibstecken, wie er beim Pflügen gebraucht werde. Der Alte zuckte verächtlich mit den Achseln; es ging aus seiner Unterredung hervor, daß er den Jungen sich verbunden hatte, ihm bei seinen antiquarischen Nachsuchungen behilflich zu sein, wofür er ihn wie seinen Sohn bewirten und freihalten wolle. Der Presbyterianer raunte mir in die Ohren, das gäbe eine recht kuriose Geschichte, und erzählte mir leise: beide seien zwei bekannte Reisende von Profession, die nur reisten, um Reisebeschreibungen herauszugeben, beide in Schriften schrecklich gegeneinander verfeindet. Nun schiene es aber, sie hätten beide falsche Namen angenommen, weil die Leute vor ihrer Art Öffentlichkeit etwas scheu würden, und gefielen einander recht gut. - Ich erkundigte mich näher, zu welcher Klasse von Reisebeschreibern sie gehörten. - «Der alte Herr», fuhr er fort, «reist, um etwas zu tun zu haben; seine Reisebeschreibungen sind wahrhaft, aber schrecklich langweilig; er wendet sein Vermögen daran, alle Kleinigkeiten, die er gefunden, Inschriften an Fensterscheiben und unbedeutende Steine in Kupfer stechen zu lassen. Niemand mag es kaufen, und da schilt er immer den Jungen einen Lügner, weil dieser mit einem gewissen Geist das Historische der Gegenden mit ihrer Anschauung zu verbinden weiß, die er in fließenden Versen schildert, wie es die Lesewelt verlangt, und dabei in artigen Skizzen die Gegenden mit schweren Sturmwolken, Schatten und zerzausten Bäumen ins Romantische zu übersetzen sucht. Aber die Reisen des Jungen werden bei allem Tadel des Alten gelesen, und er lebt vom Reisen, schimpft den Alten einen Pedanten, der bei seinen mühsam erforschten Altertümern nur zwei Gedanken habe, nämlich auf druidical superstition (druidischen Aberglauben) und popery (Pfaffentum) zu schimpfen, worunter er alle Denkmale aus älterer Zeit verstehe, und fragt, warum er also sammle, was er innerlich vernichte.»

Anmerkung:
1) Leser, die das Historische dieser Erzählung (ich meine das, was von Leuten mit dem Glauben aufgezeichnet worden, als sei es wirklich geschehen und gesehen) von dem zu scheiden sich bemühen, was als ernste Möglichkeit oder als Scherz der Erfindung hinein verwebt wird, werden vielleicht wünschen, über die in Deutschland wenig bekannte Sekte der Walliser Jumpers eine nähere Auskunft zu erhalten. Die vorurteilfreieste Schilderung derselben fand ich bei einem Greise, der sechzehn Reisen durch Wallis gemacht hat; sie sei hier im Auszuge beigefügt (Remarks upon North-Wales. By W. Hutton. Birmingham 1803, p. 94). «Im allgemeinen kann man sagen, daß die Welt so wenig einen neuen Religionskultus ertragen, als die Reinheit eines ältern Kultus lange erhalten kann. Es scheint, daß in Caernarvon die Leute längere Zeit von keiner Religionsübung sonderlich ergriffen waren; die höhere Klasse sah nach der Flasche, die niedere nach dem Zapfloch. Ich sah ein paarmal nur sechzehn Personen in der eigentlichen Kirche, während der Versammlungssaal der Dissenters und Methodisten gestopft voll war. Ich hatte viel Lächerliches von der Art Methodisten gehört, die Jumpers genannt werden. Einer glaubte, sie wären toll; der andre nannte sie Verräter, die Paines Schriften läsen, Absichten gegen die Regierung hegten und daher unterdrückt werden sollten. - Den 8. September 1799 ging ich zu ihrer Kapelle und fand alle Türen außerhalb mit Menschen besetzt. Nachdem ich durch diese hindurchgedrungen, befand ich mich in einem weiten Saale mit zwei Gallerieen, worin ungefähr fünfhundert Menschen versammelt waren. Der Prediger hatte ausgezeichnete Lungen, die Leute hörten mit Aufmerksamkeit. Nach einiger Zeit drückte er sich in kurzen Sprüchen der Schrift aus, meist aus den Psalmen. Nach dem Hersagen des einen erfolgte ein leises Hum! durch die Versammlung. Eine zweite Schriftstelle vermehrte dies, eine dritte noch mehr, kurz, in Zeit von einer Minute brach des Haufens wilde Gewalt in Stimme und Bewegung aus. Jeder hatte sich eine Sentenz gewählt, die er in einer Art Melodie, so laut wie möglich, aussprach. So viele verschiedene Melodien brachten eine Art Schauder hervor. Zugleich stellten sie sich einander gegenüber, und sprang der eine empor, so folgte der andre im Sprunge. Sie bildeten auf diese Art Ringe von zwei bis zu acht Personen, ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Jeder suchte so laut und so lange zu schreien, so hoch zu springen, als ihm irgend möglich. Wer vom Springen ermüdete, erhielt den Körper doch immerfort in Bewegung. Der Prediger verschwand, wenn er die Leute so weit in Enthusiasmus gebracht hatte. Die alten Leute machten nur elende Sprünge, aber sie sprangen doch. Wer die Veranlassung nicht wußte, hätte alles für ein trunkenes Wirtshaus gehalten, worin einige zanken, andre tanzen. So dauerte es eine Stunde. Einige schienen eine Feinheit darin zu setzen, daß sie sich ausruhten und, wenn die andern ermüdeten, mit neuem Eifer aufsprangen. Den Männern stand im ganzen dies Springen besser als den Frauen; denn die letzteren verloren und verschoben ihre Kleidungsstücke und waren nachher so erschöpft, daß sie sich von ihren Bekannten mußten unterstützen lassen. Die Leute hatten den Ruf ordentlicher Sitten; ihre Kirchenordnung ist strenge und stimmt mit der der Quäker. Von Paines Schriften scheinen sie so wenig zu wissen wie von der Algebra.»

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