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Achim von Arnim

Mistris Lee
Novelle (1809)

Ich überzeuge mich jeden Tag, den ich in den Gerichtshöfen zubringe, daß die Engländer einen Naturtrieb, eine reine Begeisterung zum Gesetzgeben haben; wir Deutsche, in denen die besten Tätigkeiten selten zu einer allgemein geltenden Form gelangen, sollten uns von ihnen die Gesetzgeber, wie die französischen Mamsellen aus Neufchâtel oder wie die Kastraten aus Neapel, erkaufen, haben wir doch dazu die fleißigen Bergleute, die mit ihrem Bergleder die Gänge der Unterwelt durchkriechen, um alles dazu nötige Erz an die ungeduldige Sonne zu bringen. Selbst das flüchtige Vergnügen, das sonst wie eine Feder in der Luft schon von dem Gewichte einer Fliege umschlagen kann, muß sich die strenge Form einer großen, bürgerlichen Ordnung gefallen lassen, wenn es in England geduldet werden will; die Langeweile, die sich sonst wohl verschweigen, aber nicht verbergen läßt, läßt sich auf diesem Wege sehr gut dahinter verstecken. Der Zeremonienmeister in den Bädern, die ängstliche Übereinstimmung im Erscheinen der jüngsten Leute fällt dem Fremden sehr auf, der sie, nach dieser strengen Erziehung zu Hause, im Auslande wie im Tummelplatze ihres Mutwillens gesehen. Sah ich doch in der katholischen Kirche zu Dresden junge Lords ihre schmutzigen, gestiefelten Beine auf das Pult für die Gesangbücher legen, bis endlich die riesenhaften, graugelben Kirchendiener sie mit ihren Stäben berührten. Damit vergleiche man das Gesetz bei der großen italienischen Oper in London, nur Männern in Schuh und Strümpfen und im Rock den Eingang in das Parterre zu gestatten. Welche Umständlichkeiten für einen Fremden, der sich den ganzen Tag zum Sehen befleißigt und abends noch auf sich selbst sehen muß. Zu dem Gesehenwerden der Zuschauer ist das Opernhaus auch viel besser eingerichtet als zum Sehen; die Dekorationen sind meist abgerieben, das Haus so wie im Innern so von außen ohne bedeutende Verzierung, aber zahlreiche Lichter besternen die Logen, und die schönen Frauen wie Sternbilder ruhen im Kreise umher, und die Engländer von Welt, als eine schiffahrende Nation, kennen alle diese Sternbilder, weil sie teils durch ihre Schönheit, teils durch ihre Männer öffentliche Charaktere sind; manche sind auch öffentlich selbst und finden sich wie gefallene Sternschnuppen im Parterre.

Heute trat fast mitten im Stück - es wurde «Die schöne Müllerin» gegeben - noch eine neue Schönheit hervor, wie einer von den Sternen, deren Licht noch nicht angekommen ist; das erregte die Aufmerksamkeit, als würden die Siegskanonen in Hydepark gelöst; sei die Stimme der Sängerin noch so eindringend, die Zudringlichkeit der Neugierde ist stärker, die Liebe, ach die Liebe hat sie so weit gebracht. Die lächelnd eintretende Frau war etwas stark, aber ohne Beschwerde, Fülle ohne Überfluß, ohne jugendlich zu sein doch noch jung, die Haut sehr klar und schön gefärbt, die Augen etwas tief und verwirrt, ihr Haar blond und künstlich gelockt, aber sehr dick; sie trug einen roten Schal. Das sah ich alles genau an, und um nicht immer wieder hinzusehen, drehte ich ihr den Rücken zu und ließ mich von dem anziehenden Sange aufzehren. Ich durstete am Ende des Stücks, als wär es ein heißer Tag gewesen; ich eilte fort, aber im sogenannten Kneifsaale, wo das Vorfahren der Wagen erwartet wird, stopfte es sich, und der Strudel riß mich endlich ganz dicht auf die vielbeschaute Schöne hin; was so viele sehnlich gesucht, das trat mir wie ein Hindernis entgegen. So unangenehm mir dies Drängen war, sie schien sehr behaglich dabei. Ich machte einen Engländer meiner Bekanntschaft, der ihr recht fest in die Augen sah, aufmerksam auf sie; ich erschrak, als er mir fast laut sagte: «Kennen Sie noch nicht die berühmte, schöne Mistris Lee?» Engländer lassen sich nur sehr selten zum ganz leisen Sprechen herab, wie sie sich auch nur selten zum Schreien erheben; was aber das Wort berühmt anlangt, so heißt es dort meist nichts mehr, als daß es mehrmals in den Zeitungen gestanden, wie bei gewissen deutschen Gelehrten, und dann meinen sie, daß es die ganze Welt wissen müßte. Ich fragte ihn deswegen im Scherz, ob es nicht die Schwester von Lukas Cranachs Eva sei? sie hätten Familienähnlichkeit miteinander. - «Unmöglich», meinte er, «kein Mensch in England hat das je vermutet, das muß in ausländischen Blättern gestanden haben.» - Ich lachte und ging mit ihm durch manche Hand der Versuchung, weil ich die Gewohnheit habe, die Musik, die in meinem Kopfe lustwandelt, vor mir hinzusingen, was in ganz London abends nur ein Betrunkener tut. Wir traten in Neubondstraße ins Kaffeehaus und setzten uns zusammen in eine Bucht und tranken einige Gläser Nigus; da kamen wir notwendig auf die schöne Frau, er wußte ihre Geschichte sehr umständlich von ihren Entführern, ich will sie im Auszuge ihm nacherzählen:

Ich möchte ihnen voraus meine Ansicht von dem Charakter der drei wunderlich Verschlungenen und Verfeindeten, der Mistris Lee und der beiden Brüder Laudon und Lockhart Gordon, geben. Über die beiden letztern bin ich ganz einig; Laudon ist durchaus gutmütig, vielleicht etwas zu unentschlossen, dabei von seinen Schicksalen früher gebeugt. Lockhart könnte böse sein für jeden andern; dem er gut wäre, dem könnte er auch schlechten Rat geben, weil er ihm seine eigne Überlegenheit zur Ausführung nicht mitteilen kann. Er hat das schlechte Leben der Hauptstadt mitgemacht, ohne gerade schlechter zu sein als die übrige Schar; von allen Leidenschaften war ihm eigentlich nur die Jagd geblieben, Weiber und Spiel dienten ihm nur zur Ausfüllung müßiger Stunden. Tätigkeit war ihm Bedürfnis; er war allen dienstfertig, ohne einem dienen zu wollen. Beide trugen ihren Charakter im Gesichte und in ihrer Haltung; Lockhart, kräftiger und streng gezeichnet, reizte doch viel weniger die Frauen als die sanfte Schwermut in dem verbrannten Gesichte des Bruders, dessen Anstand durch das Soldatenleben sich auch besser entwickelt hatte. Mistris Lee wurde als Miß Daschwood mehrere Jahre bei der Mutter der beiden Gordons auferzogen; ihren Charakter zu entwickeln, mag die Geschichte dienen; Sie werden bald finden, daß sie in die allgemeine Abteilung von gut und böse nicht passen will, denn beides hat doch einen festen Grund, aber das Wunderbare in ihr, diese Mischung von Talent und Beschränktheit, von scheinbarer Bosheit und mitleidiger Güte, so etwas ist nur in einer Frau unsrer Tage zu finden, wo der Enthusiasmus früherer Jahre an der kalten Gleichgültigkeit der Mehrzahl aufbrennt, und die Luft, die daraus sich entwickelt, ist nun einmal wie alle Luft gestaltlos und unatembar, weil sie verbrannt ist. Sie war sehr früh entwickelt und gehörte zu den Mädchen, die man immer schon erwachsen gesehen zu haben glaubt; Richardsons Bücher erhöhten ihre Lebendigkeit zum festen Ideale; sie suchte sich einen bildsamen Stoff, dem sie die zugehörige Rolle übertragen konnte, und keiner war so geschickt dazu als der nachgebende schöne Laudon, den sein Bruder deswegen oft neckte. So trieben sie in gegenseitiger Vertraulichkeit ihr unschuldiges Liebeswesen so lange, bis Laudon, der ohne Vermögen war, in die Militärschule zu Woolwich gebracht wurde und Miß Daschwood fast erwachsen zu ihrer Mutter zurückkehrte. Sie hatte schon zuweilen in ihrer kleinen Geschichte mit Laudon Anfälle von kleiner Teufelei mitten in höchster Empfindung gehabt, in der ihr alle Wichtigkeiten ihres Zusammenhaltens lächerlich vorkamen, aber gerade diese Unsicherheit, dieses Umschlagen entwickelte sich jetzt sehr auffallend: sie trat in einen größeren Kreis sehr gewöhnlicher Menschen, die solche Übergänge wie eine Überlegenheit des Verstandes anstaunten und ihre ärgsten Unarten sehr anmutig fanden. Die Tage wurden gleichgültig ausgefüllt, und es kostete ihr wenig, sich einem Herrn Lee zu vermählen, der, alt und abgelebt, ihr wohl durchaus unangemessen, aber durch ein bedeutendes Vermögen sie in die Welt einzuführen versprach. Sie kannte ihn sehr bald und alle seine Schwächen, und um ihren Kränkungen vor allen Leuten zu entgehen, trennte er sich durch Übereinkunft von ihr, ohne Scheidung, und setzte ihr zweitausend Pfund Sterling jährlich aus. Laudon war inzwischen im sechzehnten Jahre in die Artillerie eingetreten und nach Westindien geschafft, wo er bis zum vorigen Jahre blieb. Einer strengen Sorgfalt in seinen Angelegenheiten war seine Nachlässigkeit unfähig; früh durch die hohen Verbindungen seines Hauses in der Gesellschaft reicher Leute, hatte er den Sinn für eine ordentliche Haushaltung verloren; ohne zu verschwenden, machte er Schulden und mußte wegen einer solchen Schuld das Regiment verlassen. Er kam im Oktober vor zwei Jahren nach London, um diese Angelegenheit einzurichten; das Regiment gab ihm das Zeugnis eines braven Offiziers. Er wohnte bei seinem Bruder, der inzwischen eine geistliche Pfründe bekommen und sich bei guter Jagdbewegung und gutem Leben gar stattlich ausgewachsen und gefüllt hatte; doch hatte Laudons verbranntes, trocknes Gesicht viel Reiz für die meisten Frauen der Gesellschaft; eine seiner ersten Fragen war aber nach Miß Daschwood, an wen sie verheiratet, wovon er nur ein unbestimmtes Gerücht vernommen, doch wußte Lockhart ungefähr, daß sie verheiratet, getrennt und in Wolford lebte. Ein unbedeutendes Magenübel führte ihn zu Herrn Blankett, der lange seiner Mutter Apotheker gewesen war, er erkundigte sich bei ihm gleichfalls; der erzählte ihm mehrere Umstände ihres Lebens und daß sie jetzt nach Piccadilly gezogen wäre. Das war im Dezember, er suchte sie auf, sie nahm ihn mit Vergnügen an, die ersten Ausdrücke hatten die alte Vertraulichkeit; erst nachher, wie sie einander gegenübersaßen, sahen sie, wie sie sich beide entwickelt hatten; der sanfte Laudon hatte viel ertragen müssen und, erst dreiundzwanzig Jahre alt, doch eine gewisse Sicherheit, die ihr in den wunderlichen Launen ihres Witwenstandes verloren gegangen, in denen sie jeden einmal darauf angesehen, ob er sie wohl aus dem langweiligen Alleine befreien könnte, wenn er sie auch nicht liebte; sich hinzugeben einer Liebe, hatte sie wohl in der Ehe verlernt. So saßen sie einander gegenüber, ihm fiel nichts auf, als wie das kleine Mädchen so schön zugenommen und stark geworden; ihre Hand war so voll und weich, er wog sie in der seinen, es war noch derselbe Eindruck, aber stärker, den bei mehreren hundert Meilen mehrjähriger Entfernung die schreckliche, senkrechte Sonne nicht hatte ausbrennen können, fast vergaß er der zwischenliegenden Zeit. Mistris Lee schien auch an alle älteren Verhältnisse erinnert zu werden, fragte nach Gordons Mutter, nach Lockhart, den sie sehr zu sehen wünschte bei seinem nächsten Besuche. Dann sprach sie mit Tränen von Gordons in Westindien verstorbener Schwester, ließ von ihrem Kammermädchen, der Davidson, einen erhaltenen Brief bringen, den sie wenig Tage vor ihrem Tode geschrieben, zeigte auch ihr Bildnis dem Bruder; sie fühlten sich ordentlich gezwungen, einander alles nachzuholen, was ihnen einzeln begegnet, und als er nach zwei Stunden sehr zärtlichen Abschied nahm, machte sie es ihm zur Pflicht, recht bald wiederzukommen.

Als er das nächste Mal kam, schien sie ihm doch im ersten Begrüßen fremdartig; er hatte sich in der Zwischenzeit alles Störende andrer Gewohnheiten weggedacht, er meinte schon, sie wäre nur mit ihm beschäftigt. Nun fragte sie gleich nach Lockhart, warum der nicht mitgekommen; er sagte, sie wüßte wohl seine Jagdliebhaberei, die ihm zu Besuchen wenig Zeit und Lust übrig lasse. Sie kamen bald auf Bücher; hier war es ihm überraschend, wie er so manches in Westindien versäumt hatte, was ihr besonders lieb, sie führte fast allein das Gespräch, wünschte sein Urteil über Vaillants Reisen unter anderm und lieh sie ihm. Er wünschte auch etwas Gelehrtes zum Gespräche zu geben, und ihm fiel nichts Besseres als eine Übersetzung des Anakreon ein; sie versicherte, daß es der einzige Dichter wäre, den sie liebte, er sollte das Buch schicken. Sie versicherte ihm, sie hätte erst nach Bath in diesen Tagen reisen wollen, aber nun könnte sie ihn nicht so bald verlassen. Das nächste Mal kam er wieder ohne Lockhart, sie sagte: «Ich errate den Grund, warum er nicht kommt, ich bin für skeptisch bekannt, doch sagen Sie ihm, daß ich nicht von Religion sprechen will.» Er versicherte ihr, daß sein Bruder wahrscheinlich nichts davon wisse und daß er zu liberal über diese Dinge denke, um daran Anstoß zu nehmen, er hätte aber so viele Bekannte. Sie versicherte ihm darauf, daß sie seit zwei Monaten nicht aus dem Hause gewesen. Laudon fürchtete in ihr einen hypochondrischen Zustand, so erschienen ihm ihre Religionsuntersuchungen, riet ihr Bewegung und schlug vor, die Christmeßpantomime zu besuchen. «Recht gern», äußerte sie, «nur fürchte ich Beleidigungen im Theater.» Laudon versicherte ihr, daß er sie wohl schützen wollte; es kam ihm aber ganz sonderbar vor. Sie lachte und sagte, daß sie einen Traum gehabt hätte, was der wohl bedeute; kurz vor dem letzten Meteor, ob er wohl damit im Zusammenhange? Das kam ihm noch sonderbarer vor, davon hatte weder Clarissa noch Westindien etwas gewußt. Er bat sich das Blatt aus, worauf sie den Traum geschrieben; er versprach, es niemand als seinem Bruder zu zeigen. Als sie ihn hierauf an einen bestimmten Tag wiederbestellte, war es ihm gar wunderlich, er versicherte, daß er mit seinen Freunden nie so gestanden, sondern wie es der Zufall beschert; - aber sie war schön und immer schöner.

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