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Arnim Achim von

Holländische Liebhabereien
Erzählung (1826)

Leise trat der Professor Hemkengriper in seidnem japanischem Schlafrocke aus der Bibliothek in das Eßzimmer und schaute verdrießlich einem jungen Manne über die Achsel, der auf dem großen Eßtische die Scheiben des eingeworfenen breiten Straßenfensters zusammenlegte. «Wer bist du?» fragte ihn Hemkengriper mit einer kalten Verachtung. - «Jan Vos aus Amsterdam», antwortete der junge Glaser, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen. - «Warum kommt der Glasermeister Glateis nicht selbst?» fuhr der gelehrte Herr fort zu fragen: «Hat Bathseba nicht bestellt, daß es eine schwierige Arbeit sei, die zerbrochenen Scheiben zusammenzusuchen und in Blei zu setzen? Und warum hat man nicht gewartet, bis ich gekommen, um die griechischen Inschriften zusammenzulegen, die auf mehreren Scheiben mit dem Diamant eingeschnitten sind? Da wird man sich viele unnütze Arbeit gemacht haben!» - «Herr, sehet alles durch», antwortete Jan mit behaglichem Lächeln, «werdet alles beisammen finden. Frau Bathseba kannte mich schon und wußte von meiner Gelehrsamkeit, als sie mich zur Arbeit auswählte, und da hat sie Euch gewiß überraschen wollen.» - Hemkengriper sah jetzt verwundert die Inschriften vollkommen richtig wieder vereinigt und dann den Lehrburschen an, dessen kräftige gewandte Glieder, dessen volle Wangen und dunkle Hautfarbe eher einem Matrosen als einem überstudierten Jünglinge zukamen, während die hohe Stirn von dichten hellen Haaren umgrenzt, die zusammengewachsenen dunklen Augenbraunen über den blauen blitzenden Augen, der freie, zierlich geschnittene Mund eher ein seltsames Talent anzudeuten schienen, das selbsttätig seinen Weg sich gesprengt hatte. «Aber bei wem hast du Griechisch gelernt - bei mir oder bei - Zahnebreker?» fuhr er mit besorglicher Neugierde zu fragen fort. - «Bei dem flüchtigen Griechen aus Morea, bei Moschus, in den Feierstunden; es kostete nichts, der Mann freute sich an der Leichtigkeit, mit der ich lernte, und als Dank mußte ich ihm Abschriften machen von griechischen Dokumenten.» - «Wie kamst du aber darauf, diese gelehrte Sprache der Vorzeit zu lernen, von der dir doch kein Gewinn für dein Handwerk zu versprechen war? Obgleich die Griechen auch in der Glaserei allen heutigen Völkern überlegen waren, wie ich dies nächstens zu beweisen denke.» - «Das ist mir lieb von Euch zu hören, denn der Grieche sprach nur immer von geöltem Papier, womit sie ihre Fenster beklebt hätten. Kein Gewinn war der Grund meines Fleißes - ich kann Euch das jetzt noch nicht sagen, denn ich kenne Euch zu wenig, ich wollte es nun einmal wissen, dieses Griechische.» - «Hör, Bursche, du gefällst mir, ich könnte dich als Schreiber und Famulus brauchen und zugleich als Glaser, um mein ganzes Haus mit neuen Fenstern einzurichten, da diese alten trüben Scheiben mir eigentlich so wenig gefallen wie den Studenten, die leider nur eine kleine Zahl eingeworfen haben. Außer dem Hause dürftest du freilich mit niemand Umgang haben, denn das verdarb meinen Famulus, den ich gestern verabschiedete, so gänzlich, daß er andern meine Entdeckungen mitteilte, die dann der elende Schreier, der Zahnebreker, für die seinen ausgab.» - «Wenn ich nur jederzeit Bücher von Euch erhalte», rief Jan vergnügt, «so gehe ich gewiß zu keinem einzigen Marktschreier, die Zähne ausbrechen, als ob es niemand wehe tut. Oh, ich verstehe Euch, meine Zähne sind gut, und des Umgangs bin ich bei meinem Meister ganz entwöhnt, der allein lebt und dem ich wie Frau oder Magd sein ganzes Hauswesen führte.»

Diese Unterredung wurde von dem Bürgermeister der Stadt unterbrochen, der ebenfalls Sitz im akademischen Gerichte hatte und seine Studien durch elegante lateinische Reden kundzugeben pflegte. «Wer zu Leyden geboren», sprach er, «weiß von den Leiden dieser Stadt zu erzählen, aber auch von ihrer mutigen Ausdauer bei alten Rechten und neuen Glaubenslehren, und wie diese in langwieriger spanischer Belagerung (J. 1574) hart geprüft und treu bewährt wurden. Der Adel und die Städte der Provinz wünschten diese Aufopferung zu lohnen und ließen den Bürgern die Wahl zwischen Zollfreiheit und der Errichtung einer Universität, die dem Lande zum Bedürfnis wurde, weil der Krieg und die Glaubensverschiedenheit den Besuch vieler ausländischer Universitäten hinderte. Die Stadt blieb eingedenk des höheren Daseins, dem so viele Bürger geopfert worden, sie wählte die Errichtung einer Universität. So wurde diese jetzt mit großem Ruhme bestehende hohe Schule zu einer Zeit begründet, wo das Dasein Hollands und seines Staatenbundes so ungewiß bei jedem Wurfe der Kriegswürfel schwankte wie sein Boden bei dem Andrange hoher Flut und Flußströmung. Dem höheren gesellte sich bald der niedere Gewinn, so wenig er in voraus berechnet war, denn die Universität zog reiche Schüler des Inlands und Auslands herbei. Neben diesem Ruhme erscholl aber auch der Streit gelehrter Theologen, ergriff die Menge und verbreitete auch auf diesem Wege Einsicht in Geistestiefe, wo sonst die Gewöhnlichkeit den Blick gestumpft hatte, wogegen nicht zu leugnen ist, daß dieser Kampf zwischen Herrmann und Gomar viele ausgezeichnete Männer ins Verderben gestürzt hat. Wir stehen jetzt bei der Gegenwart, ehrenwerter Herr, bei diesem 1635 Jahre nach der Geburt des göttlichen Versöhners, wo Euer Kampf mit dem Kollegen Zahnebreker über griechische Lesarten nicht minder wie jene theologischen Wahrheiten sich aller Köpfe bemächtigt und unsre Universitäten gespalten hat. Dieses Übel zu mehren, hat der Krieg in Deutschland uns eine große Zahl hochdeutscher Studenten zugeführt, die sich nach dem Vorbilde der rauhen nordischen Krieger zu einer Art halber Kriegsknechte ausgebildet haben, welche die wilden Gewohnheiten ihres Landes in unsre wohlgeordnete Stadt übertragen. Diese waren es nun, wie die Untersuchung ergibt, welche Eure Fenster, ehrwürdiger Herr, mit aufgerissenen Pflastersteinen wie mit Belagerungsgeschütz angriffen und zerschmetterten, ja sie schämen sich dessen nicht, sondern rühmen sich, dadurch in geziemender Art die Störung bestraft zu haben, welche Eure Anhänger durch Pfeifen und Trommeln der Aufführung des 'Gysbert' zufügten, welche der große Dichter Vondel unter dem Schutze Zahnebrekers in der großen Dule veranstaltet hatte. Über diese Angabe Eure Aussage zu hören, ist der Gegenstand meines Besuches und meiner Rede, ja ich zweifle nicht, daß Ihr Euch wegen dieses Vorwurfs einer beabsichtigten Störung des öffentlichen Vergnügens am Schauspiele vollkommen rechtfertigen werdet.»

Mit Mühe hatte Hemkengriper dieses Wort abgewartet, jetzt strömte er aus in Vorwürfen, wie dieser Kölnische Ignorant und Anabaptist Vondel ein großer Dichter genannt werden könne, er habe nicht nur für Pflicht gehalten, den guten Geschmack aufrechtzuerhalten und seine Schüler auf die Fehler des Stücks aufmerksam gemacht, sondern er habe sie aufgemuntert, diese ihre Einsichten geltend zu machen. Wären sie diesmal auch die geringere Zahl gewesen und hätten unterlegen und wären zur Dule hinausgeworfen worden, so hoffe er doch, daß sie sich verstärken und in den nächsten Abenden glücklicher sein würden. Verlegen schwieg hier der Bürgermeister, stammelte in einzelnen Worten, daß er ihm bei diesem Bekenntnis für die zerschlagenen Fenster keinen Ersatz, sondern nur durch Bannung der fremden Studenten ihm eine öffentliche Genugtuung schaffen könne. Hemkengriper entgegnete einige scharfe Worte über den Schutz, welchen er dem ignoranten Vondel angedeihen lasse, bloß weil er ihm zu schmeicheln wisse. Der Bürgermeister erschrak und schwieg. Endlich erholte er sich und suchte Vondel damit zu verteidigen, daß doch kein besserer dramatischer Dichter in Holland zu finden sei. «Hier sitzt einer», rief Hemkengriper stolz und wies auf Jan, «wenn ich den ein halbes Jahr abrichte, macht er bessere Tragödien als Euer miserabler Anabaptist.» Jan war äußerst verwundert, aber nicht wenig geschmeichelt von diesem Ausrufe, und als sich der Bürgermeister beurlaubt hatte, bat er Hemkengriper, ihm ja die versprochene Abrichtung zum Schauspieldichter zu geben. Hemkengriper warf ihm einen Band des Euripides hin und ging zurück in sein Bibliothekzimmer, weil er schon allzuviel Zeit verloren zu haben meinte.

Die alte Frau Bathseba leistete unterdessen dem Glaser Gesellschaft, versicherte ihm mit gerührter Stimme, daß er Gott für die gefundene Aufnahme nicht genug danken könne, da der Herr, sonst gar mißtrauisch gegen Fremde, selbst seinen Famulus nicht ins Haus genommen habe. Sie gab ihm dann Regeln wie eine gute Mutter, und Jan äußerte, es sei ihm so zumute, als ob er sie schon in früheren Jahren bei seinen Pflegeeltern gesehen. Sie meinte, daß er sich darin irren möge, fragte nach seinen Eltern, hörte, daß er nichts von ihnen wisse und daß seine Pflegeeltern ihm bei einem Deichbruche entrissen worden, der auch ihn verschlungen hätte, wenn er sich nicht an einen zahmen Schwan angeklammert, der mit ihm bis zu einem höheren Landstriche geschwommen, wo viele Menschen sich seiner angenommen hätten. «Und wieder meine ich, Frau Bathseba», sagte er, «ich hätte Euch bei denen gesehen, die mich nach Amsterdam ins Waisenhaus brachten, von wo der hiesige Glasermeister mich ohne Vergütung abholte, um mich in seinem Handwerk zu unterrichten. Nun, seitdem weiß ich wohl, hab ich Euch oft gesehen, Frau Bathseba, und ich danke Euch manche milde Gabe, und ich werde Euch dafür mein Lebelang dankbar sein.» - «Gut, gut», sagte Bathseba, «aber sprecht davon mit niemand, denn der Herr ist gar mißtrauisch und würde denken, wir hätten gegen ihn einen geheimen Bund geschlossen.»

Das Fenster war längst hergestellt, Vondel längst fortgezogen, aber doch blieb der Eindruck jenes Tages für Hemkengriper ungünstig, weil er sein ganzes Ansehen benutzt hatte, jene fremden, ihm feindlichen Studenten zu verbannen. Sehr bald erfuhr er von seinen Anhängern, daß sie nur mit Lebensgefahr in der großen Dule erscheinen könnten, und somit fühlte er sich gezwungen, alle Geselligkeit dieses Belustigungsgartens in der Stadt aufzugeben, wo bald Armbrustschießen, bald Kolbenbahn, bald Tanz und Musik die Aufmerksamkeit fesselte und selbst der anstoßende Kanal zum Angeln benutzt wurde. Statt nun einen andern Ort der Unterhaltung sich zu wählen, da es doch noch mehrere der Art gab, verschloß sich sein Stolz in Einsamkeit, damit die kommenden Geschlechter mit Ingrimm lesen sollten, wie der größte Mann seiner Zeit, da er nicht volle Anerkennung in seinem Kreise gefunden, sich selbst genug gewesen und die Welt nicht vermißt habe. Doch mußte er diesen Entschluß mit dem Verluste seiner meisten Anhänger erkaufen, die eines sichtbaren Ortes der Vermittelung und der Mitteilung bedurften, und dieser Verlust mehrte seinen heimlichen Zorn bei dem Scheine äußerer Ruhe. Zahnebreker triumphierte inzwischen in vollem, unverschämtem Maße, wie er zu leben gewohnt war, und da er mehrmals versicherte, durch falsche Freunde verraten zu sein, ja daß sogar eine höchst bedeutende Konjektur an Hemkengriper übertragen worden, so übten die enthusiastischen Studenten eine noch strengere Polizei gegen alle Verdächtige, wobei sich niemand unglücklicher befand als die Neutralen, welche in ihrer Unschuld gar nicht begreifen konnten, daß über solche Kleinigkeiten soviel Geschrei gemacht werden könne. Unser Jan wußte von dem allen nichts, da er sich gänzlich alles andern Umgangs enthalten mußte, vermißte aber diesen nicht bei der steten Tätigkeit, bei der reichen Bibliothek, aus der ihm aber nur ein Bestimmtes, nämlich griechische Dramatiker, verabreicht wurde. Zugleich erfreute ihn ein reichlicher, ungewohnter Lebensunterhalt, den er mit Bathseba in der reinlichen Küche voll blanker Geschirre vom Abhub des Herrn bei den freundlichen weisen Unterhaltungen dieser Frau verzehrte, die, ohne von Hemkengriper anerkannt zu sein, eine reiche Bibliothek seltsamer Ereignisse, Märchen aller Völker, Weisheitslehren mit so eigner Erfindung und Beredsamkeit übersetzt, in ihren Abendunterhaltungen aufschloß, daß Jan gern alle Hausarbeit, soweit er es vermochte, als Honorar für sie übernahm. Mit der Absicht, seiner geistigen Schätze ganz sicher zu sein, hinderte Hemkengriper, daß Jan kein Latein lernte, indem er ihm durchaus kein Buch in dieser Sprache zukommen ließ. Aber mit seltenem Talente und großem Gedächtnisse ersetzte Jan diesen mangelnden Unterricht aus den Registern und Übersetzungen einiger griechischer Schriftsteller und gelangte zur Verwunderung Hemkengripers in so kurzer Zeit zum Verständnis des Lateinischen, daß diese Heimlichkeit freilich verschwand; wogegen er nun imstande war, durch richtige Ausforschung, durch Wiedererinnerung an Dinge, die früher diktiert worden, dem schwächeren Gedächtnisse des Meisters wesentlich zu Hilfe zu kommen; ja er hatte die Fertigkeit gewonnen, ihm, wenn er dessen bedurfte, fast fehlerlos herzusagen, was er früher ihm zum Abschreiben gegeben, und dadurch seinen Ohren zu schmeicheln, die nur das Eigene gern hörten, und dieses jetzt wie aus dem Widerhall der gelehrten Welt zu vernehmen meinten. Aber so liest nicht die gelehrte Welt, sie liest nur, um zu dem Vergessen ein wohlbegründetes Recht zu haben. In den freien Stunden brachte Jan mit großer Eile und Selbstvertrauen allerlei Tragödien zu Papier, die er Hemkengriper sogleich mit der Hoffnung des Beifalls vorlegte, obgleich er diesen niemals einerntete. Hemkengriper war über diese dramatischen Werke höchst verwundert, da er wohl in der Hitze sein Wort gegeben hatte, ihn während eines halben Jahres zum Tragiker auszubilden, doch ohne eigentlich an dessen Lösung zu denken. War nun so ein Schauspiel beendigt, so übergab es Jan mit eben der Demut dem Meister, wie ein andrer es einem Schauspieldirektor vorliest, nämlich, als ob davon das Dasein seines Stückes abhängig sei. Hemkengriper lobte dann zwar dies Bemühen, warf aber die Handschrift gleichgültig in einen Winkel, zog bald französische, bald italienische Bücher hervor und tat, als ob er ihm eben das daraus vorlese, was Jan soeben als sein Eigentum ihm mitgeteilt hatte, und suchte ihm auf diesem Wege zu erweisen, daß er noch nicht bis zur Reife der Neuheit fortgeschritten sei und daß er auf etwas Neues denken müsse. Der Glaube des Erfinders an etwas noch Unerschaffenes, das er zutage fördern, warum er sich in den Abgrund stürzen und mit ganzer Seele dem Chaos sich hingeben müsse, ist etwas sehr Heiliges und darum auch so leicht verletzlich, seine Wunden so schwer zu berühren, und darum so schwer zu heilen, daß besonders die Poeten nicht mit Unrecht ein zorniges Geschlecht genannt werden. Nichts beschreibt den Zorn des jungen Dichters, sich selbst als ein bewußtloses Gemengsel aus den Gedanken früherer Menschen hervorgegangen zu sehen, sich mit einem Brennspiegel vergleichen zu müssen, der fremde Strahlen auf einen Punkt in der Luft hinzuwerfen bemüht ist, ohne selbst zu glühen, seine Existenz als völlig überflüssig zu kennen und seine Arbeit denen der Unterwelt ähnlich zu finden, immer denselben Stein wieder emporwälzen zu müssen, den schon ein andrer sich oben als Denkmal errichtet hatte, immer nach dem Scheine von Früchten aufzulangen, die ein andrer längst verzehrt hatte. Hemkengriper suchte ihn zu beruhigen, nachdem er sich so ausgewütet hatte, indem er ihn daran erinnerte, wie jung er noch sei und die Welt wie groß, und daß er bei der neuen Arbeit die alte nur gänzlich vergessen müsse. Und das glückte bald wieder unserm Jan, denn überall sah er aus der freien Leere der lückenvollen fast unmöglichen Geschichte eine Fülle des Geistes blicken, den die übrige Welt für untergegangen hält, wenn keine Schriften davon Nachricht geben. Unterdessen schickte Hemkengriper diese dramatischen Arbeiten unter dem Namen des Jan Vos an die Theaterdirektion nach Amsterdam, während er selbst dem jungen Glaser den Namen Secundus beilegte und ihn unter demselben auf mancherlei Weise, unter andern in Zeitungsaufsätzen bekannt machte, die er selbst nicht vertreten mochte und die unserm Jan ebensowenig zu Gesichte kamen wie die ganze übrige Welt. Diesen Namen Secundus hatte sich gewissermaßen Jan selbst beigelegt, weil er überall von einem Primus geärgert wurde, der ihm vorausgegangen sein wollte, und wurde ihm aus Gram noch mehr gewogen, als Hemkengriper ihm versicherte, daß selbst ein ausgezeichneter Dichter des Namens ihm um ein Jahrhundert vorgeboren sei.

Mehrere Arbeiten waren dem eifrigen Jan in dieser Art verleidet, während sie Amsterdam entzückten, als er auf den Einfall kam, etwas aus einem eignen höchst seltenen Lebensereignisse zu entnehmen und mit alten Mythen zu verflechten, wobei er meinte, daß dieses doch kein andrer vor ihm erlebt haben könne, sowenig zwei Blätter eines Baumes einander vollkommen gleich wären. Triumphierend trat er in einer Frühstunde zu Hemkengriper ein, nachdem Bathseba ihren vollen Beifall am Abend geschenkt, und verkündete ein neues Trauerspiel: «Icarus». - Hemkengriper gestattete ihm höchst gefällig das Vorlesen, wir aber wollen einen Auszug genügen lassen: «Als Einleitung erzählt die stets dienstfertige Muse, wie Dädalus und dessen Sohn Icarus auf Kreta von dem Könige, der ihre Künstlichkeit fürchtet, in dem von ihnen erbauten Labyrinthe eingesperrt sind, dessen Ausgang sie selbst nicht mehr finden. Dädalus hat sich in sein Schicksal ergeben als älterer Mann, aber Icarus, der feurige Jüngling, hat beständig von einer Jungfrau geträumt, die er nie gesehen und die seine ganze Liebe gewonnen. Da er nirgends ein Mittel fand, sich kundzumachen oder sie aufzusuchen, schrieb er seiner Liebe Not auf Täfelchen, in die er das Bild der Jungfrau einriß, und fügte auch den Namen Protea hinzu, den ihm ein Traum genannt hatte. Diese Täfelchen band er seinen einzigen Gesellen, den Störchen, um den Hals und ließ sie im Herbste damit fortwandern. Und als sie im Frühling wiederkehrten, brachten sie ihm andere Täfelchen zur Antwort, auf welchen eine Jungfrau des Namens mit gleicher Sehnsucht zu ihm spricht, sich die Tochter des Proteus nennt, und die Lage der fernen Meerhöhle beschreibt, wo er sie aufsuchen solle. Nun hatte Icarus keine Ruhe, bis er den Vater zu der Erfindung getrieben, wie sie durch die Kraft wächserner Flügel aus dem Gefängnis entkommen und zu der Meerhöhle gelangen könnten. Glücklich war der Anfang ihrer Flucht, sie flogen ihren Freunden, den Störchen, nach, sie fanden die bezeichnete Richtung zwischen den Inseln, sie sahen schon aus der Ferne die Höhle der Protea, da hatte aber die Glut des Herzens sich so vermehrt im feurigen Icarus, daß seine Flügel schmolzen, daß er ins Meer stürzte. Hier trat die Muse zurück, und die Klagen des Dädalus um den Sohn eröffnen das Stück, als er nahe der Höhle ans Land getreten war. Doch diese Klagen hemmt der Anblick der Protea, die er sogleich nach seiner List erkannt und deren Schönheit ihn entzückt. Er nennt sich Icarus und sagt, daß er auf ihr Geheiß gekommen, sie möge ihn lieben und schützen. Sie gesteht ihm, daß ein andres, obschon ähnliches Bild ihr im Traume vorgeschwebt habe, doch fühle sie für ihn herzliche Teilnahme, sie wolle ihr Wort erfüllen, sie wolle mit ihm entfliehen, da ihr Vater Proteus jede Verbindung von ihr in trüber Ahndung hindere. Er muß sich hinter einem dienstbaren Meerungeheuer verstecken, während Proteus im Gespräche mit dem alten blinden Tiresias und mit dem jungen Narcissus auftritt. Beide wollen ihn um Rat fragen, beide verhöhnen einander über ihre Fragen, weil Tiresias seine Weissagung und Narcissus seine Schönheit über dies Verlangen eingebüßt hat. Narcissus glaubt in allen Quellen ein flüchtiges Bild dieser Geliebten zu schauen, Tiresias meint so etwas von ihr in seinem Schatten zu sehen, Proteus will nicht antworten, weil er eine Beziehung auf seine Tochter zu bemerken glaubt, aber er wird mit Gewalt zum Wahrsagen gezwungen und erklärt nun, Narcissus liebe sich selbst unter jeder Gestalt, wie er sei, Tiresias aber sich selbst, wie er gewesen, als er durch Schlangenzauber in eine Jungfrau verwandelt war. Beide erzürnen heftig über diesen Aufschluß und stoßen ihre Schwerter dem Alten ins Herz. Protea ruft den versteckten Dädalus zur Rache auf, der fliegend mit solcher Gewandtheit beide bekämpft, daß sie sich flüchten. Protea reicht ihm zum Danke die Hand und übergibt ihm des Vaters Schätze. Als sie mit ihm zum Tempel des Neptun, umgeben von Nymphen, zur Vermählung zieht, wirft das Meer die Leiche des Icarus in den Weg, der noch am Halse die Täflein trägt, auf welchen sie ihm ihre Liebe gesteht. Der Schmerzausruf des Vaters um seinen Sohn Icarus entwickelt ihr das Geheimnis, sie erkennt in ihm das Bild des Traumes, sie vermählt sich mit dem Toten, und Dädalus hat keinen andere Gedanken mehr, als den geliebten Sohn durch kunstreiche Mittel scheinlebend zu erhalten, durch Balsam die Macht der Verwesung abzuwenden.»

Mit halb erlöschender Stimme, Glut in den Wangen, Tränen im Auge, hatte Jan die Vorlesung geendet, als Hemkengriper ihm Beifall über seine fleißigen Verse schenkte und endlich äußerte, es sei kaum zu merken, daß es eine Übersetzung aus dem Deutschen der Roswitha, einer ehemaligen Nonne, sei. Zugleich sprang er empor bis zu der Spitze der Bücherleiter, zog ein Buch heraus und las munter die besten Stellen des Stückes daraus vor. «Halt», rief Jan mit der Stimme eines Rasenden und erfaßte so die hohe Leiter, daß er Hemkengriper darauf schwebend emporhob, «du bist Proteus, du kannst weissagen; wie das Vergangene, so liegt auch das Künftige vor dir offen, Raum und Zeit schließen den Kreis deines Blickes nicht.» - Erschrocken klammerte sich Hemkengriper an seine Leiter, wie ein Laubfrosch, der Wetter prophezeien soll und wegen der Bewegung sich kaum selbst darauf halten kann; fast mit den Worten des Proteus schwor er, daß er nichts wisse, ja daß es ein Scherz sei mit dem Stücke der Roswitha. Aber der junge Niederländer, der nun einmal in Feuer, ließ sich auch nicht so bald abkühlen, vielmehr blieb er bei seinem Glauben und bei seinem Prophetenzwang und ließ sich erst bereden, die Leiter wieder anzulehnen, als jener ihm Gewährung versprach. Nun zog Jan aus seinem Busen drei dünne Holztäflein, übergab sie dem Lehrer und sprach: «Jener liebende Icarus war ich selbst, die jungen Störche, die ich während des Sommers auf dem Dache des Hinterhauses meines Meisters nicht ohne Gefahr auffütterte, erregten meine Neugier, wohin sie zögen. Ich hing ihnen Briefe um, worin ich meinen Namen, Stand und meine Absicht anzeigte, Auskunft zu erhalten. Im nächsten Frühjahr kam der eine wieder und brachte dies erste Täflein an seinem Halse, ich konnte es aber nicht lesen, doch blieb es mein teuerstes Geheimnis. Ich schrieb einige Buchstaben nach, und ein Student versicherte mir, es wären griechische. Da kam der Grieche hieher, ich lernte bei ihm mit Eifer die Sprache, aber diese Tafeln blieben mir unerklärlich, obgleich ich in den beiden folgenden Jahren noch zwei Tafeln derart erhalten habe und die Sprache schon recht gut zu wissen glaubte. Mein Geheimnis ist losgerissen vom Herzen, - ich glaube darin von einer edlen Griechin zu lesen auf einer der schönen Inseln, die mir der Grieche beschrieb, ich soll sie retten aus der Hand der Türken -, ist es wahr, steht so etwas auf den Tafeln? War all mein Dichten nur Wiederholung von etwas Wirklichem, das schon ausgesprochen oder geschehen, o, so muß auch dieser Traum wahrhaft und wirklich sein! Ich sehe, Ihr wißt alles, Eure Lippen bewegen sich, Ihr leset die Schrift, Ihr tröstet mich für alles, indem Ihr mir den Weg zur Seele zeigt, die mich liebt, indem sie mich begeistert.» - «Dummbart», rief Hemkengriper, «dich jahrelang zu quälen und mich auf der Leiter zu foltern um solche Albernheit. Hast du denn deine eigene Muttersprache verlernt, weil sie mit griechischen Buchstaben geschrieben und die Worte nicht getrennt sind? Hast du denn nie von diesem Kunstgriffe eines Leydener Schulmeisters gehört, wie er während der Belagerung durch Tauben und Boten Briefe aussandte, welche die Spanier sich nicht erklären konnten, wenn sie dergleichen auffingen? Diese Schrift wurde damals unter jungen Leuten zu Liebesbriefen benutzt, um die Eltern von ihrem Geheimnis abzuhalten, auch aus Mode, Liebhaberei und Scherz, und findet sich noch jetzt durch Übertragung als Kinderspiel unter jungen Leuten, das auch dir vorgekommen wäre, wenn du hier erzogen worden oder Umgang gehabt hättest. Das Mädchen heißt Primula, sagt, daß sie mit ihrer Mutter die Aufwartung in der großen Dule besorge, daß sie die jungen Störche durch Frösche beim ersten Ausflug in den Garten gelockt und sie während des Winters wohl gefüttert habe. Sie bittet dich ja vorsichtig zu sein beim Klettern auf das Dach, sie habe dir oft mit Angst zugesehen, und da sie gehört, daß du ein Glaserbursche, so bittet sie dich, ihr Laternchen zu flicken, das ihr zerbrochen, worüber die Mutter sehr schelten möchte. Nun, weißt du genug?» - «Weiter, Herr!» - «Das folgende Blatt ist schon ernsthafter, sie ermahnt dich zu allem Guten und gibt dir alles Lob wegen deines Fleißes, da sie dich könne arbeiten sehen, ohne daß du es bemerkst. Im dritten Blatt endlich klagt sie ihre Not, daß ihre Mutter wegen eines gelähmten Fußes ihr die Aufwartung bei den wilden Studenten überlassen habe, und daß sie so gern mit dir tauschen und in das einsame Haus des Glasers ziehen möchte, jetzt sei ihre einzige Freude der kleine Garten mit schönen Tulpen unter dem Storchneste, und die Störche im Winter, und der Blick zu dir, wie du so groß geworden, so frisch, fröhlich und emsig arbeiten und singen könntest.» - «Ach, das gute liebe Kind», rief Jan beruhigt aus, «jetzt sieht sie mich nicht, und ich habe sie nie gesehen. Eine Griechin ist es nun freilich nicht, wie sie der Grieche beschrieb, wohnt in keiner Meerhöhle mit Ungeheuern.» - «Es sind da genug Ungeheuer», rief Hemkengriper, «sie werden dich schon fassen, aber geh nur hin, du kannst es doch nicht lassen. Da hast du Geld zu einem Kruge Bier, aber vorher bestelle mir deinen Griechen. Vielleicht kannst du Aufwärter dort werden, denn aus deinen Schauspielen wird doch nichts, dieser Icarus war schlechter als alle früheren, ich kann mein Versprechen, gegen Vondel dich aufzustellen, nicht lösen. Verlasse mich, daß ich mich von dem Schrecken erhole, den du mir heute bereitet hattest.» - «Herr, verzeihet mir», rief Jan demütig bittend, «Ihr habt mir heute die größte Wohltat erwiesen, Ihr habt entziffert, daß ich irrte! Wo die Vögel im Winter weilen und ob Primula das Bild meines Herzens ist, beides soll sich mir heute enthüllen. Sonst habe ich nichts als diese Hoffnung, alles Vertrauen zu mir habt Ihr abgetötet, bettelarm an Geist stehe ich an der Schwelle der Gottlosigkeit, tausend Flüche nahen sich mir, bewillkommend wie Tröstungen.» - «Ich fluche dir nicht», sagte Hemkengriper, «obgleich ich noch nie in solcher Gefahr schwebte, aber der Strafe wirst du nicht entgehen, vielleicht trifft sie dich eben da, wo du so kühn nach Lohn trachtest. - Da, nimm deine Mütze und deinen Mantel. Bathseba soll deine übrigen Sachen, wenn sie nach Hause kommt, zum Glasermeister tragen, wir sind geschiedene Leute.» -

Mit diesen Worten entließ ihn Hemkengriper, als er schon die Haustüre hinter ihm angedrängt hatte, daß Jan kein Wort entgegnen konnte, sondern wie vom unvermeidlichen Schicksale gedrängt, von Amor geführt, von den Furien gegeißelt, gleich der andern Zahl Bürger und Studenten, in die Dule zu Biere ging.

 

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