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Arndt
Ernst Moritz
Der Wolf und die Nachtigall oder
Wie zwei arme Königskinder verwandelt und zuletzt nach vieler Noth
doch wieder zu Menschen geschaffen wurden
In alten Zeiten, da es alles noch ganz anders war in der Welt als jetzt,
lebte ein König in Schottland, der hatte die schönste Königin
in allen Landen, von einer so seltenen Schönheit und Lieblichkeit,
daß sie weit und breit als die Allerschönste besungen und von
Dichtern und Erzählern der schottische Vogel Phönix zugenannt
ward. Diese schöne Königin gebahr dem Könige zwei Kindlein,
einen Sohn und eine Tochter, und starb dann in ihrer Jugend hin. Der König
trauerte viele Jahre um sie und konnte sie nie vergessen, sagte auch,
er wolle nimmer wieder heirathen. Aber der Menschen Sinn ist wankelmüthig
und kann sich auf sich selbst nicht verlassen; denn als viele Tage vergangen
und die Kinder schon groß waren, nahm er sich doch wieder eine Frau.
Diese Frau war sehr bös und eine schlimme Stiefmutter gegen die Kinder
des Königs. Es waren aber der Prinz und die Prinzessin rechte Spiegel
der Huld und Lieblichkeit, und der Haß der Stiefmutter gegen die
Kinder kam auch daher, daß die Leute, bei welchen die verstorbene
Königin in gutem Andenken stand, immer noch von dieser sprachen,
sie aber verschwiegen, und daß sie, wenn sie mit der jungen Prinzessin
erschien, gegen diese aufjauchzeten und riefen: sie ist gut und schön,
wie ihre Mutter war. Das verdroß sie, und sie ergrimmte in sich
und sann auf arge Tücke, barg aber ihr böses Herz unter Freundlichkeit.
Denn sie durfte sichs vor dem Könige nicht merken lassen, daß
sie den Kindern gram war, und das Volk würde sie gesteinigt und zerrissen
haben, wie sie ihnen ein Leides gethan hätte.
Die Prinzessin, des Königs Tochter, welche Aurora hieß, war
nun fünfzehn Jahre alt geworden und blühete wie eine Rose und
war die schönste Prinzessin weit und breit. Und es zogen viele Königssöhne
und Fürsten und Grafen her und buhlten um sie und begehrten sie zum
Gemal; sie aber sprach zu ihnen: mir gefällt die fröhliche und
ledige Jungfrauschaft besser, als alle Freier, und damit mußten
sie wieder hinreisen wo sie hergekommen waren. Endlich aber kam der Rechte:
es war ein Prinz aus Ostenland, ein gar schöner und stattlicher Herr.
Diesem verlobte sie sich mit Einwilligung des Königs und ihrer Stiefmutter.
Und schon war der Hochzeitkranz gewunden und die Spieler zum Tanze bestellt,
und alles Land war in Freude ob der Vermälung der schönen Prinzessin
Aurora. Aber die Stiefmutter dachte ganz anders in ihrem Sinn, als sie
sich gebehrdete, und sprach: Ich will Spielleute bestellen, die sollen
zu einem andern Tanze aufspielen, und die Füße sollen anderswohin
tanzen als ins Brautbett. Denn sie sprach bei sich: Diese verdunkelt mich
ganz und wird mich noch mehr verdunkeln, und vor dieser Aurora muß
meine Sonne untergehen, zumal wenn sie einen so stattlichen Mann zum Gemal
bekommt und dem Könige ihrem Vater Enkel bringt; denn ich bin unfruchtbar
und kinderlos. Auch hängt das Volk ihr an und schreit ihr nach, mich
aber kennen sie nicht und wollen sie nicht kennen; und doch bin ich die
Königin: ja ich bin die Königin! und bald sollen sie es alle
wissen, daß ich es bin und nicht Aurora. Und sie sann nun auf viele
arge Listen Tag und Nacht hin und her, wie sie die Prinzessin und ihren
Bruder verderben wollte; aber es wollte ihr keine einzige gelingen: denn
sie waren zu gut bewacht und behütet von den Dienern und Dienerinnen,
die sie hatten. Diese sahen auf sie wie auf ihren Augapfel und wichen
Tag und Nacht nicht von ihnen wegen der Liebe, die sie zu ihrer Mutter,
der seligen Königin, trugen. Als nun keine Zeit mehr übrig und
der Hochzeittag schon da war und sie sich nicht mehr zu helfen wußte,
gedachte sie der allerbösesten Kunst, die sie wußte, und kam
zu den Kindern mit der leidigsten Freundlichkeit und bat sie, einen Augenblick
mit ihr in ihren Rosengarten zu kommen, sie wolle ihnen eine wunderschöne
Blume zeigen, die eben aufgebrochen sey. Und sie gingen gern mit ihr,
denn der Garten war hart hinter dem Schlosse; auch konnte niemand an etwas
Arges denken, denn es war der helle Mittag, und der König und die
Prinzen und Prinzessinnen des Landes waren alle in dem großen Schloßsaale
versammelt, da gleich die Vermälung geschehen sollte. Und sie führte
die Kinder in die hinterste Ecke des Gartens, wo ihre Blumen standen,
unter einen dunkeln Taxusbaum, als wollte sie ihnen da etwas Besonderes
zeigen. Sie aber murmelte einige leise Worte für sich hin, brach
dann einen Zweig von dem Baum, und gab dem Prinzen und der Prinzessin
einige Streiche damit auf den Rücken. Und alsbald wurden sie in Thiere
verwandelt. der Prinz sprang als ein reißender Wolf über die
Mauer und lief in den Wald, und die Prinzessin flog als ein kleiner grauer
Vogel, der Nachtigall heißt, auf den Baum, und sang ein trauriges
Lied.
Die Königin spielte ihr Spiel so gut, daß auch kein Mensch
etwas merkte. Sie lief laut schreiend dem Schlosse zu und sank mit zerrissenen
Kleidern und zerzausten Haaren an den Stufen des Saales hin, als sey ihr
ein großes Leid geschehen, und der König hieß sie von
den Kammerfrauen wegtragen. Es verging wohl eine gute Viertelstunde, ehe
sie wieder zu sich kam. Da gebehrdete sie sich sehr traurig und weinte
und schrie: Ach! du arme Aurora, welchen Brauttag hast du erlebt! ach
du unglücklicher Prinz! So schrie sie einmal über das andere,
und erzählte dann, ein Schwarm Räuber sey plötzlich hinten
in den Garten gedrungen und habe die beiden Königskinder mit Gewalt
von ihrer Seite gerissen und entführt; sie aber haben sie zu Boden
geschlagen und halbtodt liegen lassen; und sie zeigte eine Beule an der
Stirn, die sie sich absichtlich an einem Baum gestoßen hatte. Und
alle glaubten ihren Worten, und der König hieß alle seine Herren
und Grafen und Ritter und Knappen aufsitzen und den Räubern nachjagen.
Diese durchritten nach allen Seiten den Wald und alle Schlüchte und
Klippen und Berge rings um das Schloß wohl zwei drei Meilen weit,
aber von den Räubern und von dem Prinzen und von der Prinzessin fanden
sie auch nicht die geringste Spur. Und der König ruhete nicht und
ließ weiter suchen und forschen viele Wochen und Monate, und sandte
Boten und Kundschafter aus in alle Länder; aber sie kamen immer vergebens
zurück, und mit dem Prinzen und der Prinzessin war es, als ob sie
nie gelebt hätten: so ganz waren sie verschollen. Der alte König
aber glaubte, die Räuber hätten sie wegen der kostbaren Juwelen
und Edelsteine entführt, die sie am Hochzeitstage trugen, und hätten
sie beraubt und dann todt geschlagen und irgendwo eingescharrt, damit
man ihnen nie auf die Spur kommen könnte; und er grämte sich
so sehr, daß er bald starb. Bei seinem Sterben übergab er,
weil er keine Kinder hatte, der Königin das Reich, und bat seine
Unterthanen, daß sie ihr treu und gehorsam seyn mögten, wie
sie ihm gewesen waren. Sie thaten es auch und erkannten sie als ihre Königin,
mehr aus Liebe zu ihm als aus Liebe zu ihr.
So waren vier Jahre verschienen und der König schon das andere Jahr
todt, und die Königin fing an mit großer Gewalt über die
Länder zu herrschen, und kaufte sich für die Schätze, die
der alte König ihr hinterlassen hatte, viele fremde Soldaten, die
sie über das Meer kommen ließ und die ihre Krone und ihr Schloß
bewachten. Denn sie wußte, daß sie von den Unterthanen nicht
geliebt war, und sprach: Nun mögen sie aus Furcht thun, was sie aus
Liebe nicht thun würden. So geschah es, daß sie von Tage zu
Tage bei jedermänniglich mehr verhaßt ward, aber keiner durfte
es sich merken lassen, denn auf das leiseste Geflüster gegen die
Königin war der Tod gesetzt. Aber die Leute lassen das Wispern und
Flüstern darum doch nicht, und weil das Sprichwort wahr ist: Es
ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen, so hatte
es von Anfang an gemunkelt 1) als
die Königskinder verschwunden waren: kein Mensch könne wissen,
was der Spaziergang der Königin bedeutet habe. Denn es waren Leute
genug, die ihr wegen ihrer scharfen Augen und ihrer unnatürlichen
Freundlichkeit böse Künste zutraueten. Diese Munkelung unter
dem Volke dauerte nun immer fort und nahm noch zu; sie aber kümmerte
sich darum nicht, und dachte: die werden schon Thiere bleiben, was sie
sind, und mir wird keiner die Königskrone nehmen. Aber es begab sich
alles ganz anders, als sie gedacht hatte.
Den armen Königskindern ging es indessen doch recht schlecht.
Der Prinz war als ein brauner Wolf in den Wald gelaufen, und er mußte
sich gebehrden wie ein Wolf und heulen wie ein Wolf und durch die öden
und wüsten Orte laufen bei Tage und bei Nacht, und wie ein Dieb einhergehen;
denn auch die wölfische Furcht war in ihn gefahren. Und er mußte
sich nähren wie die andern Wölfe von allerlei Raub von Wild
und Vögeln, auch mußte er in der traurigen Winterzeit zuweilen
wohl mit einem Mäuschen vorlieb nehmen und den Bauch einziehen und
zähneklappen und zwischen den harten und kalten Steinen sein Lager
nehmen. Und dies war gewiß keine prinzliche Lebensart, wie er sie
vorher geführt hatte, ehe er aus der königlichen Pracht und
Herrlichkeit in dieses wilde Elend verstoßen war. Das war aber das
Besondere an ihm, daß er allein Thiere angriff und zerriß
und nie nach Menschenblut gelüstete. Doch nach einer hätte ihn
wohl gelüstet, nach der bösen Frau, die ihn verwandelt hatte;
aber diese hütete sich wohl, dahin zu kommen, wo sie den Zähnen
dieses Wolfes begegnen konnte. Man soll aber nicht glauben, daß
der Prinz, der nun ein Wolf war, noch menschliche Vernunft hatte; nein
es war sehr finster in ihm geworden, und mit dem Bilde des Thieres, in
welchem er durch die Wälder laufen mußte, hatte er auch nicht
viel mehr als thierischen Verstand. Das ist wahr, ein dunkler Trieb trieb
ihn oft gegen das Schloß und den Schloßgarten hin, als hätte
er dort einen Fang zu holen; doch hatte er keine deutliche Erinnerung
der Vergangenheit: wie hätte er es dann auch in der Wolfshaut aushalten
sollen? In den Augenblicken, wo er diesen Trieb fühlte, war er mit
einem besondern Grimm behaftet; aber immer, wie er ihnen auf tausend Schritt
nahe kam, fuhr ein kalter Schauder in ihn und jagte ihn zurück. Und
die Königin hatte dies mit ihrer Hexerei verschuldet, daß sie
ihn bis so weit gebannt hatte; denn weiter hatte sie nicht gedurft. Sie
aber stellte dem Wolfsprinzen nach dem Leben und ließ viel jagen
in dem Forst, der sich um das Schloß herumzog, weil sie dachte,
daß er wohl darin seyn mogte. Deswegen ward fast alle Woche zweimal
eine große Schalljagd und Klapperjagd auf Wölfe und Füchse
angestellt; und damit sie einen fleißigeren Vorwand dazu hätte,
hatte die Königin viele niedliche Dammhirsche in diesen Forst ausgesetzt,
von welchen unser königlicher Wolf allerdings manchen verzehrte.
Aber er rettete sich immer aus aller Gefahr, wie oft die Hunde ihm mit
ihren Rachen auch das Haar auf dem Rücken schon zerbließen
und wie oft die Jäger auf ihn schossen. Er wich dann für den
Augenblick abseits, und wann der Schall sich gesänftet hatte und
die Jagdhörner verstummt waren, kam er in das Dickicht zurück,
welches dem Schlosse nahe war, und sonnte sich häufig auf Plätzen,
wo er als Knabe und Jüngling zuweilen gespielt hatte. Er wußte
aber nichts mehr von der Vergangenheit, sondern es war eine verborgene
Liebe, die ihn dahin lockte.
Die Prinzessin Aurora hatte als ein kleines Vögelein auf den Baum
fliegen müssen und war in eine Nachtigall verwandelt worden. Ihr
aber war in ihrem leichten und dünnen Federkleide die Seele nicht
so verdunkelt, als dem Prinzen in der Wolfshaut, sondern sie wußte
viel mehr von sich und von den Menschen und Dingen; nur sprechen konnte
sie nicht. Dafür aber sang sie desto schöner in ihrer Einsamkeit,
und oft so wunderschön, daß die Thiere vor Freuden hüpften
und sprangen und die Vögel sich alle um sie versammelten und die
Bäume dazu rauschten und die Blumen nickten. Ich glaube, auch die
Steine hätten vor Lust getanzt, wenn sie so viel Liebe in sich hätten;
aber deren Herz ist zu kalt. Auch die Menschen hätten wohl bald auf
den kleinen Vogel gemerkt als auf einen besonderen Vogel und wäre
wohl ein Gerede und Gemunkel davon unter den Leuten entstanden, wenn nicht
etwas sie abgehalten hätte von dem Walde, daß sie die Nachtigall
nie singen hörten. Es verhielt sich damit folgendergestalt:
Wie die Königin dem armen verwandelten Prinzen mit den vielen Schall-
und Klapperjagden gern das letzte wölfische Lebenslicht ausgeblasen
hätte und wie er dadurch über die ganze Wolfsfamilie großes
Unglück brachte, habe ich schon erzählt. Aber auch über
die kleinen Vögel ging es schlimm her, und in diesen Tagen der Tyrannei
war es ein Unglück, in der Gegend des Schlosses als Amsel Grasmücke
und Nachtigall gebohren zu seyn. Die Königin nemlich, nachdem der
alte Herr gestorben war und sie die Gewalt allein hatte, gebehrdete sich
plötzlich, als habe die Krankheit sie befallen, daß sie nicht
allein das Geschrei und Gekrächze und Geschnatter unleidlicher Vögel
nicht ertragen könne, sondern daß selbst das lieblichste Geklingel
und Gezwitscher der lustigen kleinen Singvögelein sie unangenehm
bewege. Und damit sie das allen Menschen glaublich machte, war sie bei
solchen Gesängen, deren sich sonst alle Welt zu freuen pflegt, ein
parmal in Ohnmacht gefallen. Das war aber nur ein Schein, sie wollte eine
böse That, sie wollte den Tod der kleinen Nachtigall, wenn sie etwa
in diesen Hainen und Gärten herumflatterte. Das wußte sie aber
wohl, daß das Vögelchen dem Schlosse auf tausend Schritt nicht
nahen durfte, denn sie hatte es unter denselben Hexenbann gelegt, als
seinen Bruder. Unter dem Titel dieser Unleidlichkeit und Empfindlichkeit
gegen zarte und feine Klänge und Schalle ward denn freilich nicht
bloß der kleinen liebenswürdigen Nachtigallprinzessin sondern
allen andern Vögeln nach der Kehle gegriffen; sie waren alle in die
Acht und Aberacht gethan, sie waren alle für vogelfrei erklärt,
und die Förster und Jäger der Königin erhielten den strengsten
und gemessensten Befehl, auf alles, was Federn trägt, Jagd zu machen,
und auch das Rotkehlchen ja nicht einmal den Zaunkönig zu verschonen,
auf welchen ein guter Jäger sonst nie einen Schuß verliert.
Dieser schreckliche Zorn der Königin ward ein Unglück für
das ganze befiederte Volk, nicht bloß für die, welche im Freien
flogen oder in Forsten und Hainen lebten, sondern auch für die, welche
auf Höfen und in Zimmern gehalten werden. In der Hauptstadt und in
der Umgegend des königlichen Schlosses blieb auch nichts Gefiedertes
leben; denn die Leute meinten sich bei der Königin sehr einzuschmeicheln
und ihre Gunst zu gewinnen, wenn sie es ihr nachmachten. Es war ein Schlachten
und Morden der Unschuldigen wie der bethlehemitische Kindermord des Königs
Herodes weiland. Wie vielen tausend Kanarienvögeln und Zeisigen und
Nachtigallen und Distelfinken, ja selbst wie manchen ostindischen und
westindischen Papageien und Kakadus wurden da die Hälse umgedreht!
Schreihälsen und Liederkehlen, Schwätzern und Verschwiegenen
drohete Ein Schicksal, und das sogar war ein Verbrechen, als Gans oder
Puter oder Hahn gebohren zu seyn, und die gemeinen Haushühner fingen
an so selten zu werden als chinesische Goldfasane. Und hätte die
Königin noch einige Jahrzehende so gewüthet gegen das Federvölkchen,
so wäre es allmälig ausgestorben in dem Königreiche. Das
war die Ursache, warum die Vögel nicht allein gemordet wurden sondern
auch fast kein Mensch mehr in den Wald spazieren ging, weil es so hätte
gedeutet werden können, als wollten sie da Vogelgesang hören.
So kam es denn, daß niemand die Wundertöne der kleinen Nachtigall
belauschen konnte, als etwa hie und da ein einsamer Jäger. Der ließ
sich aber nichts merken, damit er von der Königin nicht gestraft
würde, daß er den Vogel nicht geschossen. Denn das muß
man zur Ehre der Weidmänner sagen, daß sie doch meistens ihrer
wackern Natur folgten und selten einen der kleinen Vögel schossen;
aber platzen durch den Wald mußten sie, daß es knallte. Und
dadurch schon ward es still von Gesängen und auch viele Vöglein
zogen weg aus dem unaufhörlichen Getümmel und kamen nimmer wieder.
Die kleine Nachtigall aber, welche Gott behütete, daß sie sich
von allen diesen Nachstellungen rettete, konnte den grünen Wald hinter
dem Schlosse nicht lassen, wo sie in ihrer Kindheit so viel gespielt und
gesprungen hatte, sondern wenn sie auch wegflog, so bald die Jagdhörner
anbliesen und es mit Hurra und Wo Wo durch die Büsche tosete,
kam sie doch immer bald wieder. Und obgleich ihre Liedlein, als aus einem
traurigen Herzen klingend, meistens traurig und kläglich waren, däuchte
es ihr doch recht anmuthig, so unter den grünen Bäumen und bunten
Blumen zu leben und dem Mond und den Sternen etwas Süßes vorzuklingen;
und nur wenige Monate war sie unglücklich. Dies war die Zeit, wo
der Herbst kam und wo sie mit den andern Nachtigallen in fremde Länder
ziehen mußte, bis es wieder Frühling ward.
Anmerkung:
1) Munkeln sagt man von Pferden, die im Sommer
wegen der Bremsen mit dem Kopf schütteln; Munkeln heißt
also: die Köpfe gegen einander bewegen, leise flüstern.
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