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Anonym

Volksballade

Die Frau aus dem Grabe

Hört Christenleut jetzt ein neues Lied,
was kürzlich zu Cöln ist noch geschehn
von einer Frauen, Richmundis genannt,
von Adocht in vierzig Geschlechtern bekannt.

Sie starb, man legte sie in die Lad,
der Mann aus lauter Trauern sprach:
»Laßt meiner Hausfrau den Trauring an,
mit Treuen da war sie wohlgetan.«

Der Tag verging, es kam die Nacht,
der Glöckner zu seinem Knechte sprach:
»Wir wollen hinein in das Grab wohl gehn
und wolln der Frau den Ring absehn!«

Und als der Knecht das Grab auftät,
der Glöckner schnell die Lad aufhebt;
vor Schrecken liefen sie beide fort
und ließen der Frauen die Leuchte dort.

Sie nahm die Leuchte wohl in die Hand
und ging, bis sie den Neumarkt fand:
»Ach Mann, ach Mann, mach auf die Tür!
dein ehrlich Hausfrau steht dafür.«

Die Frau, die rief, die Magd, die lief
wohl zu dem Mann, der oben schlief:
»O Gott, wie kann das möglich sein,
so müßten meine zwei beste Roß bei mir sein.«

Sobald der Mann das Wort aussprach,
zwei Rosse liefen aus dem Stalle jach,
sie sprangen bereits die Treppe hinan
und gingen vor dem Herrn ins Fenster stehn.

Der Herr macht selbsten auf die Tür:
»Ach Gott im Himmel, sei gnädig mir!
Es ist wahrhaft meine Hausfrau gut,
ich hatte sie nächte begraben tot.«

»Ach, liebster Gemahl, sei nicht erschreckt,
ein Engel vom Himmel hat mich geweckt;
der Engel vom Himmel gar hübsch und fein,
wir sollen zusammen in Treuen sein!«

Er faßt sie wohl unter den Arm sogleich
und führt sie herauf gar freudenreich;
sie setzen sich beide zusammen also
und aßen und tranken und sprachen dazu.

Nach diesem Wunder, das ist wahr,
hat sie gelebt noch sieben Jahr,
geboren ihm sieben Söhnelein,
in Aposteln gewirkt ein Meßkleid fein.

Dazwischen hat sie keinmal gelacht,
hat immer gar ernst den Tod betracht';
das ist zu Cöln in der Stadt geschehn
und mag sich begeben so bald nicht mehr.