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Anonym

Volksballade

Die Waisen an der Mutter Grabe

Ach Johanna, sagt er, Johanna,
warum singst du nicht mehr?
»Ach! wie könnte ich denn singen:
in drei Tagen leb ich nicht mehr.«

Johanna war kaum in der Erde,
freit Johann ein ander Weib,
die gab den Kindern Schläge
und sagt: warum sucht ihr nichts?

Des Morgens um neun Uhren
sah man die Kinder gehn
nach ihrer lieben Mutter Grabe
und blieben dort stille stehn.

Sie lasen und sie beteten,
auf ihre Knie sie fall'n;
auf ihr Gebet, das sie lasen,
sprang auf das Grab gar bald.

Sie nahm das mittlere Söhnlein
und legt's auf ihren Schoß,
sie nahm das jüngste Söhnlein
und legt's an ihre Brust.

Sie gab ihm erst zu säugen,
wie eine Mutter tut:
»Ach Kinder,« sagt sie, »Kinder,
was tut eur Vater zu Haus?«

»Ach Mutter,« sagten sie, »Mutter,
unser Hunger ist sehr groß.
Steh auf und gehe du mit uns,
wir gehen zusammen nach Brot.«

»Ach Kinder,« sagt sie, »Kinder,
ich kann fürwahr nicht aufstehn:
mein Leichnam liegt unter der Erde,
mein Geist nur tut hier stehn.«