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Anonymus

Schnitterlied

1637

Es ist ein Schnitter, heißt der Tod,
Hat Gwalt vom großen Gott,
Heut wetzt er das Messer,
Es schneid't schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden,
Wir müssens nur leiden.
Hüt dich, schöns Blümelein!

Was heut noch grün und frisch dasteht,
Wird morgen weggemäht:
Die edel Narzissel,
Die englische Schlüssel,
Die schön Hyazinth,
Die türkische Bind.
Hüt dich, schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ungezählt
Da unter die Sichel hinfällt:
Rot Rosen, weiß Lilien,
Beid wird er austilgen;
Ihr Kaiserkronen,
Man wird euch nicht schonen.
Hüt dich, schöns Blümelein!

Das himmelfarben Ehrenpreis,
Die Tulpen gelb und weiß,
Die silbernen Glocken,
Die goldenen Flocken,
Senkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüt dich, schöns Blümelein!

Ihr hübsch Lavendel und Rosmarin,
Ihr fielfarbige Röslein,
Ihr stolze Schwertlilien,
Ihr krause Basilien,
Ihr zarte Violen,
Man wird euch bald holen.
Hüt dich, schöns Blümelein!

So viel Maßlieb und Rosmarin
Schwellt unter der Sichel hin,
Vergißmeinnit,
Du mußt auch mit
Und du Tausendschön,
Man läßt dich nit stehn.
Hüt dich, schöns Blümelein!

Er macht so gar kein Unterschied,
Geht alles in einem Schritt:
Der stolze Rittersporn
Und Blumen in dem Korn
Die liegens beisammen,
Man weiß kaum den Namen.
Hüt dich, schöns Blümelein!

Trutz, Tod! komm her, ich fürcht dich nit!
Trutz! komm und tu ein Schnitt!
Wenn er mich verletzet,
So werd ich versetzet,
Ich will es erwarten,
In himmlischen Garten.
Freu dich, schöns Blümelein!