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Angelus Silesius

Geistliche Hirtenlieder, Erstes Buch
Die Psyche seufzt nach ihrem Jesu wie ein einsames Turtel-Täublein nach seinem Gemahl

1.

Wie ein Turtel-Täubelein
In der Wüsten seufzt und girrt,
Wann es sich befind't allein,
Und von seinem Lieb verirrt:
Also ächzet für und für,
Jesu, meine Seel' nach dir.

2.
Keine Stunde geht vorbei,
Dass ich nicht gedenk' an dich,
Oder ja ganz innig schrei'
Jesu, Jesu, denk an mich:
Ach, wie lange soll ich doch
Dieses Elend bauen noch!

3.
Eine Seele, die dich liebt,
Will sonst nichts als deinen Kuß:
Und drum bin ich so betrübt,
Dass ich den entbehren muss;
Ach, wie lange muss ich sein
Ein so armes Täubelein!

4.
Meine Seel' ist ja die Braut,
Die du dir hast selbst erkor'n,
Die dein Vater dir vertraut,
Und dein Geist hat neu gebor'n;
Ach, wie muß sie so allein
Und ohn' ihren Bräut'gam sein!

5.
Ofte nennst du mich dein Kind,
Das dein Geist so zärtlich liebt,
Und sich gerne bei ihm find't,
Wenn's aus Liebe wird betrübt:
Und ich muß doch jetzo sein
Ein verlassnes Waiselein.

6.
O, erscheine doch, mein Licht,
Deinem armen Küchelein,
Weil ihm nichts als du gebricht
In dem finstern Leibeshain.
Ach, Herr, laß es doch geschehn,
Daß ich dich mag bei mir sehn!