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Angelus Silesius

Geistliche Hirtenlieder, Zweites Buch, XLIV.
Die Psyche betrachtet den gekreuzigten Jesum

1
Schau, Braut, wie hängt dein Bräutigam
An eines harten Kreuzes Stamm!
Ist auch wohl ein Schmerz zu nennen,
Den man nicht an ihm kann kennen?

2.
Schau doch, er hänget ganz entblösst,
Betrübt, geängstigt, ungetröst't!
Voller Beulen, voller Wunden,
Ungepflegt und unverbunden.

3.
Die Glieder alle sind gedehnt,
Der Mund steht offen, lechzt und gähnt;
Und die Lippen, wie Korallen,
Sind verblasst, beschmutzt mit Gallen.

4.
Sein huldenreiches Angesicht
Kann man vor Blut erkennen nicht;
Seine Stirn ist ganz zerstochen,
Und die Augen sind gebrochen.

5.
Das Haupt ist grausamlich verhöhnt,
Mit einem Dornenkranz gekrönt;
Und der Haare tapfre Locken,
Hängen voller Speichelflocken.

6.
Die Händ' und Füsse sind durchbohrt,
Verrenkt, gelähmet und verkohrt;
Auch das Herz, o gross Betrüben!
Ist nicht unverwundet blieben.

7.
Schau, Braut, so geht's dem grünen Reis;
So geht's dem fruchtbar'n Paradeis!
Schau, wie wird's mit dir dann werden,
Dürres Holz, Staub, Asch' und Erden?

8.
Jedoch verzage nicht, er hat
Bezahlet deine Missetat;
Schau, er neigt sich, dich zu küssen,
Will dich um und bei sich wissen.

9.
Geh, werde seinem Leiden gleich,
Erduld auch du mit ihm den Streich;
Denn es will sich nicht geziemen,
Dass die Braut sei ohne Striemen.

10.
Ach, steig hinauf und stirb mit ihm,
Wie ein verliebter Seraphim;
Wer sein Leben will erwerben,
Muss mit ihm am Kreuze sterben.