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Johannis Angeli Silesij

Fünfftes Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-Reime (201 - 250)

201. Die wohlgeordnete Liebe. Anmerkungen
  Liebstu GOtt über dich / den Nächsten wie dein Leben /
Was sonst ist / unter dir: so liebstu recht und eben.
 
     
202. Die Vereinigung mit GOtt machet alles Edeler.  
  Krist alles was du thust / muß dir zu Gulde werden:
Wo dus Vereinigest mit Christi thun auf Erden.
 
     
203. Der Welt-Mensch ist Verblendt.  
  Mensch thu die Augen auf / der Himmel steht ja offen:
Du hast dich mit der Welt / wo dus nicht siehst besoffen.
 
     
204. GOtt ist güttiger als wir vermeinen.  
  GOtt ist so gut auf unß / daß ichs nicht sagen kan:
Begehrn wir Jhn gleich nicht / er bieth sich selber an.
 
     
205. Auf GOttes seiten ist kein Mangel.  
  GOtt wirkt ohn unterlaß: Er gösse tausend Freuden
Jn dich auf einmal ein / wo du Jhn köntest leyden.
 
     
206. GOtt kan sich keinem Demütigen entziehn.  
  GOtt könte sich auch gar den Teufeln nicht entziehn /
Wo sie nur umgekehrt für Jhn hin wolten knien.
 
     
207. Das gröste Werk.  
  Das allergröste Werk das du für GOtt kanst thun /
Jst ohn ein eintzigs Werk GOtt leiden und Gott ruhn.
 
     
208. Die Neue Creatur.  
  Mensch allererst bistu die neue Creatur /
Wenn Christi frömigkeit ist deines Geists Natur.
 
     
209. Das allerhöchste Leben.  
  Freund wo du's wissen wilt / das allerhöchste Leben /
Jst abgeschieden seyn / und GOtt stehn übergeben.
 
     
210. Die Neue und alte Liebe.  
  Die Liebe wenn sie neu / praust wie ein junger Wein:
Je mehr sie alt und Klar / je stiller wird sie seyn.
 
     
211. Die Seraphische Liebe.  
  Die Liebe welche man Seraphisch pflegt zunennen /
Kan man kaum äuserlich weil sie so still ist kennen.
 
     
212. Der liebe Mittelpunct und Umbkreiß.  
  Der liebe Mittelpunct ist GOtt und auch jhr Kreiß.
Jn Jhm ruht sie / liebt alls in ihme gleicherweiß.
 
     
213. Der Thron GOttes ist im Friede.  
  Jn wem die Majestät sol ruhen wie inn Thronen /
Muß zu Jerusalem auf Sions Berge wohnen.
 
     
214. GOtt ist in allem alles.  
  Jn Christo ist GOtt GOtt / inn Engeln Englisch Bild /
Jnn Menschen Mensch / und alls in allen was du wilt.
 
     
215. GOtt thut alles in allem.  
  GOtt thut in allen alls. Er liebt inn Seraphinen /
Jnn Thronen herrschst Er / beschaut inn Cherubinen.
 
     
216. GOtt ist ein Brunn.  
  Gott gleicht sich einem Brunn / Er fleust gantz mildiglich
Herauß in sein Geschöpff / und bleibet doch in sich.
 
     
217. Jn GOtt schaut man alles auf einmahl.  
  Freund wann man Gott beschaut / schaut man auf einmahl an /
Was man sonst ewig nicht ohn jhn durchschauen kan.
 
     
218. Gott kan nichts böses wolln.  
  GOtt kan nichts böses wolln: wolt' Er deß Sünders Tod /
Und unser Ungelük / Er wäre gar nicht Gott.
 
     
219. Der Mensch sol nicht ein Mensch bleiben.  
  Mensch bleib doch nicht ein Mensch: man muß aufs höchste kommen.
Bey Gotte werden nur die Götter angenommen.
 
     
220. Wie Gott gefunden wird.  
  Wer Gott recht finden wil / muß sich zuvor verliehrn /
Und biß in Ewigkeit nicht wieder sehn noch spürn.
 
     
221. Der Todte höret nicht.  
  Ein abgestorbner Mensch / ob man jhm übel spricht /
Bleibt unbewegt. Warumb? die Todten hören nicht.
 
     
222. Vor den Freuden muß man leyden.  
  Mensch wo du dich mit Gott im Himmel dänkst zu freun /
Mustu vor auf der Welt seins Tods gefährte seyn.
 
     
223. Wann der Mensch so gerecht wie Christus.  
  Wann du vollkommen Eins mit GOTT dem HErren bist /
So bistu so gerecht als unser Jesus Christ.
 
     
224. Dem Todten ist alles Tod.  
  Wenn du gestorben bist / so scheinet dir von Noth
Mein Mensch die gantze Welt unnd alls Geschöpffe Todt.
 
     
225. Die ungekreutzigten Kreutze.  
  Viel sind der Welt ein Kreutz / die Welt ist aber jhnen
Nicht dieses widerumb: weil sie die noch bedienen.
 
     
226. Die Natur der Heyligkeit.  
  Der Heyligkeit Natur ist lautre Lieb O Christ:
Je lauterer du liebst / je heyliger du bist.
 
     
227. Die Gleichheit.  
  Der Heilge nimbt es gleich: läst jhn GOtt liegen Krank /
Er saget Jhm so gern als vor Gesundheit dank.
 
     
228. Der Mensch stekt in einem Thier.  
  Kreuch doch herauß mein Mensch / du stekst in einem Thier /
Wo du darinnen bleibst / kombstu bey Gott nicht für.
 
     
229. Anmassung ist der Fall.  
  Mensch ist was guts in dir / so masse dichs nicht an.
So bald du dirs schreibst zu / so ist der Fall gethan.
 
     
230. Das böse ist deine.  
  Das gutte kommt auß Gott / drumb ists auch sein' allein:
Das bös' entsteht auß dir: das laß du deine seyn.
 
     
231. Wahre Liebe ist beständig.  
  Laß doch nicht ab von Gott / ob du solst elend seyn:
Wer ihn von Hertzen liebt / der liebt Jhn auch in Pein.
 
     
232. Das Schönste Ding.  
  Kein Ding ist hier noch dort / das schöner ist als ich:
Weil Gott die Schönheit selbst sich hat verliebt in mich.
 
     
233. Wenn der Mensch Gott ist.  
  Eh' als ich ich noch war / da war ich Gott in Gott:
Drumb kan ichs wieder seyn wenn ich nur mir bin Todt.
 
     
234. Alles kehrt wieder in seinen Ursprung.  
  Der Leib von Erde her wird widerumb zur Erden:
Sag weil die Seel von Gott / ob sie nicht Gott wird werden?
 
     
235. Die Ewigkeit ist unß angebohrn.  
  Die Ewigkeit ist unß so jnnig und gemein:
Wir wolln gleich oder nicht / wir müssen Ewig seyn.
 
     
236. Eins hält das andere  
  Mein Geist der trägt den Leib / der Leib der trägt jhn wieder:
Läst eins vom andern ab / so falln sie beyde nieder.
 
     
237. Das Kreutze bringt Freud und Leid.  
  Das Kreutze bringet Pein / das Kreutze bringet Freud.
Pein einen Augenblik / und Freud in Ewigkeit.
 
     
238. Das mein und dein Verdammet.  
  Nichts anders stürtzet dich in Höllenschlund hinein /
Als das verhasste Wort (merks wol!) das mein unnd dein.
 
     
239. Gott hat kein Muster als sich selbst.  
  Fragstu warumb mich Gott nach seinem Bildnüß Machte?
Jch sag' es war niemands der jhm ein anders brachte.
 
     
240. Wann der Mensch gäntzlich wiederbracht ist.  
  Wenn ist der Mensch zu Gott vollkommlich wiederbracht?
Wenn er das Muster ist darnach jhn Gott gemacht.
 
     
241. Der Liebe ist alles Unterthan.  
  Die Lieb beherrschet alls; auch die Dreyeinigkeit /
Jst selbst jhr Unterthan gewest von Ewigkeit.
 
     
242. Die Lieb ists höchste Gutt.  
  Es ist vom höchsten Gutt viel redens und Geschrey:
Jch schwere daß diß Gutt allein die Liebe sey.
 
     
243. Die Natur Gottes.  
  Die Lieb' ist Gotts Natur / er kan nichts anders thun.
Drumb wo du Gott wilt seyn / Lieb auch in jedem nun.
 
     
244. Die Liebe macht auch Gott seelig.  
  Die Lieb beseeligt alls / auch Gott den Herrn darzu;
Hätt' er die Liebe nicht / er sässe nicht in Ruh.
 
     
245. GOtt hat keinen eignern Nahmen als Liebe.  
  Kein Nahm ist welcher Gott recht eigen wär' / allein
Die Liebe heist man Jhn: so werth ist sie und fein.
 
     
246. Gott wil was Er ist.  
  Gott ist die Liebe selbst / und thut auch nichts als lieben:
Drumb wil er auch daß wir die Liebe stäts solln üben.
 
     
247. Gott kan nichts hassen.  
  Mensch rede recht von Gott; Er hasst nicht seyn Geschöpffe:
(Unmöglich ist es jhm /) auch nicht die Teuffels Köpffe.
 
     
248. Dreyerley Schlaff.  
  Der Schlaff ist dreyerley; Der Sünder schläfft im Tod /
Der müd' in der Natur / und der verliebt' in Gott.
 
     
249. Die dreyerley Geburt.  
  Maria die gebiehrt den Sohn Gotts äusserlich /
Jch inner mir im Geist / Gott Vatter ewiglich.
 
     
250. Die geistliche und Ewge geburt sind eines.  
  Die geistliche Geburt / die sich in mir eräugt /
Jst eins mit der durch die den Sohn Gott Vatter zeugt.
 
     
   

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