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Johannis Angeli Silesij

Fünfftes Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-Reime (101 - 150)

101. GOtt wil ein gantzes Hertze. Anmerkungen
  Christ mit dem halben theil wirstu Gott nicht begaben:
Er wil das Hertze gantz und nicht die helffte haben.
 
     
102. Warumb niemand vonn Engeln besessen wird.  
  Wie daß kein heilges Hertz vorm Engeln wird besessen?
Sie thuns nicht weil es GOtt für sich hat abgemessen.
 
     
103. GOtt ist nicht's erstemahl am Creutz gestorben.  
  GOtt ist nicht's erste mahl am Creutz getödtet worden:
Denn schau er ließ sich ja in Abel schon ermorden.
 
     
104. Christus ist gewesen / eh' er war.  
  Daß Christus lang zuvor / eh daß er war gewesen /
Jst klar: Weil man jhn aß und tranck / daß man genesen.
 
     
105. Den Himmel kan man stehlen.  
  Wer heimblich guttes würckt / sein Geld außtheilt verholen /
Der hat das Himmelreich gar meisterlich gestohlen.
 
     
106. Das Leben muß dir selbst eingeschrieben seyn.  
  Mensch wird dein Hertze nicht das Buch deß Lebens seyn:
So wirstu nimmermehr zu Gott gelassen ein.
 
     
107. Christus gestern / heut / und Morgen.  
  Messias der ist heut / ist gestern / und ist Morgen /
Und biß in ewigkeit / entdekket und verborgen.
 
     
108. Der glaub' allein ist ein holes Faß.  
  Der glaub' / ohn lieb' / allein / (wie ich mich wol besinne)
Jst wie ein holes Faß: Eß klingt und hat nichts drinne.
 
     
109. Wer Gott hat / hat alles mit jhm.  
  Bey GOtt ist alls und jeds: Wer neben Jhm trägt ein /
Der muß ein rechter Narr / und tummer Geitzhalß seyn.
 
     
110. Dem Schöpffer lauffen alle Geschöpffe nach.  
  Wenn du den Schöpffer hast / so laufft dir alles nach /
Mensch / Engel / Sonn und Mond / Lufft / Feuer / Erd / und Bach.
 
     
111. Ausser GOtt leben ist Todt seyn.  
  Mensch glaube diß gewiß: Wo du nicht lebst in GOtt /
Lebstu gleich tausend Jahr / du bist so lange todt.
 
     
112. Nicht alles gutte ist gut.  
  Nicht alles gut' ist gut: Mensch überred dich nicht:
Waß nicht im Lieböl brent das ist ein falsches Licht.
 
     
113. Gewien ist verlust.  
  Der Reiche dieser Welt was hat er vor gewin?
Daß er muß mit verlust von seinem Reichthumb ziehn.
 
     
114. Nach Ehre streben ist thöricht.  
  Wie thöricht sind wir doch daß wir nach Ehre streben!
GOtt wil sie ja nur dem / der sie verschmähet / geben.
 
     
115. Erfahrung ist besser als wissenschafft.  
  Jß doch / waß redstu viel von krafft der Wurtzel Jesse:
Mir schmäkket nichts so gut als was ich selber esse.
 
     
116. Du must der erste im Himmel seyn.  
  Christ lauffe was du kanst / wiltu inn Himmel ein:
Es heist nicht stille stehn / du must der erste seyn.
 
     
117. Der Demütige wird nicht gericht.  
  Wer stäts in demut lebt / wird nie von GOtt Gericht:
Warumb? er richtet auch niemand und sündigt nicht.
 
     
118. GOtt ist nicht mehr barmhertzig als Gerecht.  
  Gott der wird nicht für Gott vom weisen Mann erkiest:
Wo er barmhertziger mehr als gerechter ist.
 
     
119. Die würckung deß heiligen Sacraments.  
  Das Brodt der Herr in uns wirkt wie der weisen stein:
Es machet uns zu Gold / wo wir geschmoltzen seyn.
 
     
120. Der mensch ist zwey Menschen.  
  Zwey Menschen sind in mir: Der eine wil was GOtt /
Der andre was die Welt der Teuffel und der Tod.
 
     
121. Nichts ist herrlicher als die Seele.  
  Solt' auch was herrlichers alß meine Seele seyn /
Weil GOtt die herrligkeit sich selbst verwandelt drein?
 
     
122. Es sind nicht Heiligen.  
  Es können / wie du sprichst / nicht viel der Heilgen seyn.
Warumb? denn JEsus ist der Heilge ja allein.
 
     
123. Gleichnuß der H. Dreyeinigkeit.  
  GOtt Vatter ist der Brunn / der Quall der ist der Sohn /
Der heilge Geist der ist der strom so fleust davon.
 
     
124. Von GOtt wird mehr gelogen als war geredt.  
  Was du von GOtt verjahst / dasselb ist mehr erlogen /
Als wahr: weil du Jhn nur nach dem geschöpff erwogen.
 
     
125. Zeit ist edler alß Ewigkeit.  
  Die Zeit ist edeler alß tausend Ewigkeiten:
Jch kan mich hier dem Herrn / dort aber nicht bereiten.
 
     
126. Der Jchheit Tod stärckt in dir Gott.  
  So viel mein Jch in mir verschmachtet und abnimbt /
So viel deß Herren Jch darfür zu kräfften kömmbt.
 
     
127. Die Seel ist aber Zeit.  
  Die Seel ein ewger Geist ist über alle Zeit:
Sie lebt auch in der Welt schon in der Ewigkeit.
 
     
128. Der Seelen wird es nie Nacht.  
  Mich wundert daß du darffst den tag so sehr verlangen!
Die Sonn ist meiner Seel noch niemals untergangen.
 
     
129. Das jnnere bedarf Nicht deß äuseren.  
  Wer seine Sinnen hat ins innere gebracht /
Der hört was man nicht redt / und siehet in der Nacht.
 
     
130. Der geistliche Magnet und Stahl.  
  GOtt der ist ein Magnet / mein Hertz das ist der Stahl:
Eß kehrt sich stäts nach jhm / wenn ers berührt einmahl.
 
     
131. Der Mensch ist etwas grosses.  
  Der Mensch muß doch was seyn! GOtt niembt sein wesen an:
Umb aller Engel willn hätt' er solchs nicht gethan.
 
     
132. Der gelassene leidet keinen schaden.  
  Wer nichts mit eigenthum besitzet in der Welt /
Der leidet nicht verlust wann jhm gleich's Hauß einfällt.
 
     
133. Der Weise grämt sich nie.  
  Der Weise wird sich nie in Pein und Unglük grämen:
Er bitt GOtt nicht einmahl / daß ers von jhm soll nehmen. 1)
1) Er bettet nur Herr dein Wille geschehe.
     
134. Ein König und ein knecht ist GOtt gerecht.  
  Mensch allererst bistu für GOtt geschikt und recht.
Wenn du zugleiche bist ein König und ein Knecht.
 
     
135. Vorbereitung macht weniger empfindligkeit.  
  Wie daß den Weisen nie betrübet Weh und Leid?
Er hat sich lang zuvor auf solchen Gast bereit.
 
     
136. Dem Weisen gilt alles gleiche.  
  Alls gilt dem Weisen gleich; er sitzt in ruh und stille:
Geht es nach seinem nicht / so gehts nach GOttes wille.
 
     
137. GOtt höret auch die Stummen.  
  Mensch wo du GOtt umb gnad nicht kanst mit worten ehren /
So steh nur stum für jhm / er wird dich schon erhören.
 
     
138. Wen GOtt nicht ewig verdammen kan.  
  Den Sünder / welcher sich nicht ewig wendt von GOtt /
Kan GOtt auch nicht verdammn zur ewgen Pein und Tod.
 
     
139. Das Alleradelichste.  
  Bin ich nicht adelich! die Engel dienen mir /
Der Schöpffer buhlt umb mich / und wart für meiner Thür.
 
     
140. Der Weise fehlt nie deß Ziehls.  
  Der Weise fehlet nie: er trifft allzeit das Ziehl;
Er hat ein augenmaß / das heisset wie GOtt wiel.
 
     
141. Der Welt thun ist ein Trauerspiel.  
  Freund gönn' es doch der Welt / jhr gehts zwar wie sie wil:
Doch ist jhr gantzes thun nichts als ein Trauerspiel!
 
     
142. Jm Himmel mag man thun was man wil.  
  Mensch zähme doch ein kleins auf erden deinen willen:
Jm Himmel wirstu jhn wie du wirst wolln erfüllen.
 
     
143. Der Unempfindliche ist mehr als Englisch.  
  Wer in dem Fleische lebt / und fühlt nicht dessen pein:
Der muß schon auf der Welt weit mehr als Englisch seyn.
 
     
144. Die Jchheit schadt mehr als tausend Teuffel.  
  Mensch hütte dich für dir. Wirstu mit dir beladen /
Du wirst dir selber mehr als tausend Teuffel schaden.
 
     
145. Christus verursacht nur haß und streit.  
  Meinstu daß Christus dir bringt Fried und Einigkeit?
Nein wahrlich: wo er ist entstehet haß und streit!
 
     
146. Die Welt ist von Ewigkeit.  
  Weil GOtt der ewige die Welt schuf ausser zeit:
So ists ja Sonnen-klar daß sie von ewigkeit.
 
     
147. Jn GOtt ist alles gleiche.  
  Jn GOtt ist alles eins. Der minst im Himmelreich
Jst Christo unsrem Herrn und seiner Mutter gleich.
 
     
148. Jn der Ewigkeit geschieht alles zugleiche.  
  Dort in der Ewigkeit geschihet alls zugleich:
Es ist kein vor noch nach / wie hier im Zeitenreich.
 
     
149. Alle Menschen müssen ein Mensch werden.  
  Der vielheit ist GOtt feind; Drumb zieht er uns so ein:
Daß alle Menschen solln in Christo einer seyn.
 
     
150. Jm Himmel ist alles gemein.  
  Jm Himmel lebt man wol; Niemand hat was allein.
Was einer hat / das ist den Seelgen alln gemein.
 
     
   

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