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Johannis Angeli Silesij

Vierdtes Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-Reime (151 - 200)

151. Die Wahre Weißheit. Anmerkungen
  Die Wahre Weißheit die dir zeigt die Himmelsthür /
Steht in Vereinigung und Feurger Liebsbegiehr.
 
     
152. Wie die Lieb die Sünden verzehrt.  
  Wie du den Flachs unds Werk im Feuer sichst verschwinden.
So brennen auch hinweg durch Liebe deine Sünden.
 
     
153. Das Meer in einem Tröpfflein.  
  Sag an wie geht es zu / wenn in ein Tröpffelein
Jn mich / das gantze Meer Gott gantz und gar fleust ein?
 
     
154. GOtt ist allenthalben gantz.  
  O Wesen dem nichts gleich! GOtt ist gantz ausser mir /
Und inner mir auch gantz / gantz dort / und gantz auch hier.
 
     
155. Wie Gott im Menschen.  
  Mehr als die Seel im Leib / Verstand in dem Gemütte /
Jst GOttes Wesenheit in dir und deiner Hütte.
 
     
156. Noch darvon.  
  GOtt ist noch mehr in mir / als wann das gantze Meer
Jn einem kleinen Schwamm gantz und beisammen wär.
 
     
157. GOtt ist in und umb mich.  
  Jch bin der Gottheit Faß in welchs sie sich ergeust /
Sie ist mein tieffes Meer das mich insich beschleust.
 
     
158. Das grosse ist im kleinen verborgen.  
  Der Umbkraiß ist im Punckt / im Saamen liegt die Frucht /
GOtt in der Welt: wie Klug ist der jhn drinne sucht!
 
     
159. Alles ist allem.  
  Wie sah S. Benedict die Welt in einem strahl?
Es ist (weistu's noch nicht?) in allem alls zumahl.
 
     
160. GOtt ist überall Herrlich.  
  Kein Stäublein ist so schlecht / kein Stöpffchin ist so klein:
Der Weise sihet GOtt gantz herrlich drinne seyn.
 
     
161. Alles in einem.  
  Jn einem Senffkörnlein / so du's verstehen wilt /
Jst aller oberern und untrern dinge Bild.
 
     
162. Eins ist im andren.  
  Das Ey ist in der Henn / die Henn ist in dem Ey:
Die zwey im Eins / und auch das Eines in der Zwey.
 
     
163. Alles komt auß dem verborgenen.  
  Wer hatte das vermeint! auß Finsternüß komts Licht /
Das Leben auß dem Tod / das etwas auß dem Nicht.
 
     
164. Das Conterfect GOttes.  
  Jch weiß GOtts Conterfect: Er hat sich Abgebildt /
Jn seinen Creaturn / wo du's erkennen wilt.
 
     
165. GOtt schafft die Welt noch.  
  GOtt schafft die Welt annoch: komt dir diß Fremde für?
So wiss' es ist bey jhm kein Vor noch nach / wie hier.
 
     
166. Die Ruh und Würkung GOttes.  
  GOtt hat sich nie bemüht / auch nie geruht / das merk:
Sein Wirken ist sein ruhn / und seine Ruh sein Werk.
 
     
167. Deß Kristen Joch ist leichte.  
  Krist es kan ja dein Joch dir nie beschwerlich seyn:
Denn GOtt und seine Lieb die spannt sich mit dir ein.
 
     
168. Das Unbeständigste  
  Nichts Unbeständigers im wol seyn und im Schmertz /
Jst / dänke hin und her / als / Mensch dein eigen Hertz.
 
     
169. Die Klugheit wird gelobt.  
  Verwirff nicht was du hast: Ein Kauffman der sein Geld
Wol anzulegen weiß / den lobet alle Welt.
 
     
170. Artzney der Kranken Liebe.  
  Ein Hertz das Krank für Lieb / wird eher nicht gesund /
Biß es GOtt gantz und gar durchstochen und verwundt.
 
     
171. Die Liebe ist zerschmeltzende.  
  Die Liebe schmeltzt das Hertz / und machts wie Wachs zerfliessen:
Erfahr es wo du wilt die süsse Würkung wissen.
 
     
172. Der Adel deß geruhigen Hertzen.  
  Mein Hertze wenns GOtt ruht / ists Braut Bett seines Sohns:
Wanns dann sein Geist bewegt / die sänffte Salomons.
 
     
173. Der höchste Friede.  
  Der höchste Friede den die Seele kan geniessen /
Jst sich aufs möglichst' eins mit GOttes willen wissen.
 
     
174. Der Uberfluß der seeligen.  
  GOtt schenkt den seeligen so überflüssig ein /
Daß sie mehr in dem Trank / als der in jhnen / seyn.
 
     
175. Die wunderbahrlichste Heyrath.  
  Schaut doch die Heyrath an! der Herr der Herrligkeit
Hat eines Sclaven Magd deß Menschen Seel gefreit!
 
     
176. Die Hochzeit deß Lammes.  
  Wenn ich zu GOtt eingeh / und küss' ihn mit begier /
Dann ist es daß das Lamb die Hochzeit hält in mir.
 
     
177. Verwunderung über der Gemeinschafft GOttes.  
  Es ist erstaunungs voll / daß ich Staub / Asch und Koth /
So freundlich und gemein mich machen darf mit GOtt!
 
     
178. Was die Creatur gegen GOtt.  
  Was ist ein Stäubelein in Anschauung der Welt?
Und was bin ich / wenn man Gott gegen dir mich hält?
 
     
179. Wie GOtt so hertzlich liebt.  
  GOtt liebt so hertzlich dich; Er würde sich betrüben /
Jm fall es möglich wär / daß du Jhn nicht wilt lieben.
 
     
180. Der Tag und Morgenröth der Seelen.  
  Der Seelen Morgenröth ist GOtt in dieser Zeit:
Jhr Mittag wird er seyn im Stand der Herrlichkeit.
 
     
181. Vom Seeligen.  
  Die seelge Seele weiß nichts mehr von Anderheit:
Sie ist ein Licht mit GOtt und eine Herrlichkeit.
 
     
182. Gleichnüß der Freud in GOtt.  
  Freund was der Hönig dir ist gegen Koth und wust:
Das ist die Freud in GOtt auch gegens Fleischeslust.
 
     
183. Was du willst ist alles in dir.  
  Mensch alles was du wilt / ist schon zu vor in dir:
Es lieget nur an dem daß du's nicht würkst herfür.
 
     
184. Das wunderlichste Geheimnüß.  
  Mensch kein Geheimnüß kan so wunderbahrlich seyn:
Als daß die heilige Seel mit GOtt ein Einges ein.
 
     
185. Wie die Creatur in GOtt.  
  Wie du das Feur im Kieß / den Baum im Kern sichst seyn:
So bild dir das Geschöpff in Gott dem Schöpffer ein.
 
     
186. Nichts ist jhm selber.  
  Der Regen fällt nicht ihm / die Sonne scheint nicht jhr:
Du auch bist anderen geschaffen / und nicht dir.
 
     
187. Man soll den Geber nehmen.  
  Mensch laß die Gaben GOtts / und eyl Jhm selbsten zu:
Wo du ann Gaben bleibst / so kömstu nicht zur Ruh.
 
     
188. Wer der Freudigste Mensch ist.  
  Kein Mensch ist freudiger als der zu aller Stund
Von Gott und seiner Lieb entzündt wird und verwundt.
 
     
189. Der Sünder ist nie gantz frölich.  
  Die Sünder ob sie gleich in lauter Freude leben /
So muß doch jhre Seel in grösten Furchten schweben.
 
     
190. Das Kreutz offenbahrt was verborgen.  
  Jn Trost und süssigkeit kennstu dich selbst nicht Krist:
Das Kreutze zeigt dir erst wer du im jnnern bist.
 
     
191. Wie man alles auf einmal läst.  
  Freund wenn du auf Einmal die gantze Welt wilt lassen /
So schau nur daß du kanst die eygne Liebe hassen.
 
     
192. Der weiseste Mensch.  
  Kein Mensch kan weiser seyn / als der das Ewge Gutt
Für allem andren liebt und sucht mit gantzem Mutt.
 
     
193. Das geruffe der Creaturen.  
  Mensch alles schreyt dich an / und predigt dir von GOtt /
Hörstu nicht daß es rufft lieb jhn / so bistu todt.
 
     
194. Was GOtt am liebsten thut.  
  Das liebste Werck das GOtt so jnniglich liegt an /
Jst daß er seinen Sohn in dir gebehren kan.
 
     
195. Der wesentliche Danck.  
  Der wesentlichste Danck den GOtt liebt wie sein Leben /
Jst wenn du dich bereitst daß Er sich selbst kan geben.
 
     
196. Der Heiligen gröste Arbeit.  
  Der Heilgen gröstes Werck und arbeit auf der erden
Jst GOtt gelassen seyn und jhm gemeiner werden.
 
     
197. Was GOtt vom Menschen fordert.  
  GOtt fordert nichts von dir alß daß du ihm solt ruhn:
Thustu diß / so wird Er das andere selber thun.
 
     
198. Was die geistliche Ruh ist.  
  Die Ruh die GOtt begehrt / die ist von sünden rein /
Begihr- und willenlos / gelassen innig seyn.
 
     
199. Wie das Hertze muß beschaffen seyn.  
  Christ wo der Ewge GOtt dein Hertz sol nehmen ein /
So muß kein bildnüß drinn / alß seines Sohnes seyn.
 
     
200. Wie man die Zeit verkürtzt.  
  Mensch wenn dir auf der Welt zu lang wird weil und zeit;
So kehr dich nur zu GOtt ins Nun der Ewigkeit.
 
     
   

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