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Johannis Angeli Silesij

Vierdtes Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-Reime (051 - 100)

51. Die Dornene Kron. Anmerkungen
  Die Dornen die das Haupt deß Herrn zerstechen gantz /
Sind meines Haubtes Kron und ewger Rosenkrantz:
Was auß den Wunden fleust ist meiner Wunden heil:
Wie wol wird mir sein Spott / und seine Pein zutheil!
 
     
52. Die Liebe hats erfunden.  
  Daß GOtt gecreutzigt wird! daß man jhn kan verwunden!
Daß Er die Schmach verträgt / die man jhm angethan!
Daß Er solch' Angst aussteht! und daß Er sterben kan!
Verwundere dich nicht / die Liebe hats erfunden.
 
     
53. Umb einen Kuß ists GOtt zuthun.  
  Was wil doch GOttes Sohn daß Er ins Elend kömbt /
Und ein solch schweres Kreutz auf seine Schultern nimbt?
Ja daß Er biß inn Tod sich ängstet für und für?
Er suchet anders nichts als einen Kuß von dir.
 
     
54. Die Welt ist im Frühling gemacht.  
  Jm Früling ward die Welt Verneut / und wiederbracht:
Drumb sagstu recht daß sie im Früling ist gemacht.
 
     
55. Die Geistliche Aufferstehung.  
  Die Aufferstehung ist im Geiste schon geschehn:
Wenn du dich läst entwürkt von deinen Sünden sehn.
 
     
56. Die geheimbe Himmelfahrt.  
  Wann du dich über dich erhebst und läst GOtt walten:
So wird in deinem Geist die Himmelfahrt gehalten.
 
     
57. Die geistliche Trunkenheit.  
  Der Geist praust ja wie Most: die Jünger allesambt
Sind gleich den Trunkenen entzündt und angeflambt
Von seiner Hitz und Krafft: so bleibt es doch dabey /
Daß diese gantze Schaar voll süsses Weines sey.
 
     
58. Der verlohrne Groschen.  
  Die Seele GOttesbild ist der verlohrne Groschen /
Die Kertze himmlisch Licht / das durch den fall verloschen:
Die Weißheit ist das Weib die es aufs neu entzündt:
Wie seelig ist der Mensch den sie nu wider findt!
 
     
59. Das verlohrne Schaff.  
  Jch bin das arme Schaaff das sich verjrret hat /
Und nunmehr von sich selbst nicht kennt den rechten Pfad.
Wer zeigt mir dann den Weg / daß ich nicht gantz erliege?
O daß doch JEsus käm' / und mich nach Hause trüge!
 
     
60. Der verlohrne Sohn.  
  Kehr umb verlohrner Sohn zu deinem Vatter GOtt:
Der Hunger bringt dich sonst (seyn' Ungunst) gar inn Tod:
Hättstu gleich tausendmahl ihm diesen Schimpff gethan /
So du nur wiederkömbst / ich weiß Er nimbt dich an.
 
     
61. Die verlohrne und wider gefundene Drey.  
  Der Groschen / Sohn / unds Schaaff / bin ich mit Geist / Leib / Seele.
Verlohrn in frembdem Land / in einer Wüst' und Höle.
Die heilge Dreyfalt kombt und sucht mich alle stunden:
Den Groschen findt der Geist / der Vatter nimbt den Sohn /
Der Hirte JEsu trägt das Schaaff mit sich davon.
Schau wie ich Dreyfach bin verlohren und gefunden!
 
     
62. Der Punct / die Linie und Fläche.  
  GOtt Vatter ist der Punct; auß Jhm fleust GOtt der Sohn
Die Linie: GOtt der Geist ist beider Fläch' und Kron.
 
     
63. Vom reichen Mann.  
  Man wil dem reichen Mann kein tröpfflein Wasser geben /
Weil er das Maß mit Wein schon voll gemacht im Leben.
 
     
64. Auch von jhm.  
  Wie daß der reiche Mann den Armen jetzo kennt?
Er sieht wol daß sich hat das Blättlein umbgewendt.
 
     
65. Der arme Lazarus.  
  Wie ungleich ist der Tod! die Engel tragen jhn
Den armen Lazarum zur ewgen ruhe hin.
Der reiche da er stirbt wird voller Angst und Pein:
So gutt ists auff der Welt nie reich gewesen seyn!
 
     
66. Von Maria Magdalene.  
  Was dänkt doch Magdalen daß sie so offentlich
Dem HErrn zu Fusse fällt / und schuldig giebet sich?
Ach frage doch nicht erst: schau wie die Augen funken:
Du sihst wol daß sie ist von grosser Liebe trunken.
 
     
67. Martha und Maria.  
  Die Martha laufft und rennt daß sie den HErren speise /
Maria sitzet still; und hat doch solcher weise
Das beste theil erwöhlt: sie speiset jhn allein /
Die aber findt auch sich von jhm gespeiset seyn.
 
     
68. Von Maria Magdalene.  
  Maria kombt zum HErrn voll Leids und voller Schmertzen /
Sie bittet umb Genad / und thut doch jhren Mund
Mit keinem Wörtlein auf: wie macht sie's ihm dann kundt?
Mit Jhrer Thränen fall und dem zerknirschten Hertzen.
 
     
69. Die Sünde.  
  Die Sünd' ist anders nichts / als daß ein Mensch von GOtt
Sein Angesicht abwendt / und kehret sich zum Tod.
 
     
70. Der Mensch.  
  Das gröste Wunder ding ist doch der Mensch allein:
Er kan / nach dem ers macht / GOtt oder Teufel seyn.
 
     
71. Der Himmel allenthalben.  
  Jn GOtt lebt / schwebt / und regt sich alle Creatur:
Jsts wahr? was fragstu dann erst nach der Himmelspuhr?
 
     
72. Den Bräutgam wünscht die Braut.  
  Verwundete dich nicht daß ich nach GOtt verlange:
Der Braut ist allezeit nach ihrem Bräutgam bange.
 
     
73. Hier muß man Bürger werden.  
  Streb nach der Bürgerschafft deß Himmels hier auf Erden:
So kan er dir darnach dort nicht versaget werden.
 
     
74. Hütt dich für Sicherheit.  
  Laß dir vom Himmelreich nicht gar so sicher träumen /
Du sihst wol daß es auch die Jungfern selbst versäumen.
 
     
75. Das tröstlichste Wort.  
  Das allertröstlichste das ich an JEsu find' /
Jst / wenn Er sprechen wird: kom benedeites Kind.
 
     
76. Trauben von Dornen.  
  Wer seinen neider liebt / und gutts vonn feinden spricht:
Sag ob derselbe nicht vonn Dornen Trauben bricht?
 
     
77. Das geistliche Sterben.  
  Stirb ehe du noch stirbst / damit du nicht darffst sterben /
Wann du nu sterben solst: sonst möchtestu verderben.
 
     
78. Die Hoffnung hält die Braut.  
  Die Hoffnung hält mich noch; sonst wär' ich längst dahin:
Warumb? dieweil ich nicht bey meinem Bräutgam bin.
 
     
79. Der beste Freund und Feind.  
  Mein bester Freund mein Leib / der ist mein ärgster Feind:
Er bindt und hält mich auff / wie gut ers immer meint.
Jch haß' und lieb jhn auch: und wann es kombt zum scheiden /
So reiß' ich mich von jhm mit Freuden und mit Leiden.
 
     
80. Mit Lieb erlangt man Gnad.  
  Wann dich der Sünder fragt wie er sol Gnad erlangen /
So sage daß er GOtt zulieben an sol fangen.
 
     
81. Der Tod.  
  Der Tod bewegt mich nicht: ich komme nur durch jhn
Wo ich schon nach dem Geist mit dem Gemütte bin.
 
     
82. Die heilige Schrifft.  
  Gleich wie die Spinne saugt auß einer Rose Gifft:
Also wird auch verkehrt vom bösen Gottesschrifft!
 
     
83. Trompeten.  
  Trompeten hör' ich gern: Mein Leib sol auß der Erden
Durch jhren Schall erweckt / und wieder meine werden.
 
     
84. Das Antlitz GOttes.  
  Das Antlitz GOttes sehn ist alle Seeligkeit;
Von dem verstossen seyn das höchste Hertzeleid.
 
     
85. Der Artzt hält sich zum Kranken.  
  Warumb pflegt doch der HErr mit Sündern umbzugehn?
Warumb ein trewer Artzt den Kranken beyzustehn?
 
     
86. S. Paulus.  
  Sanct Paulus wuste nichts als Christum und sein Leiden;
Da er doch war gewest im Paradiß der Freuden.
Wie kont jhm diß so gantz entfallen seyn? Er war
Jn den Gekreutzigten Verformet gantz und gar.
 
     
87. Die Liebe.  
  Die Liebe dieser Welt wil alls für sich allein.
Die Liebe GOttes macht dem Nächsten alls gemein:
Die wird ein jeder Mensch für Liebe wol erkennen /
Jen' aber sol man Neid / und keine Liebe nennen.
 
     
88. Auß dem Hohen Lied.  
  Der König führt die Braut inn Keller selbst hinein /
Daß sie jhr mag erwöhln den allerbesten Wein.
So machts GOtt auch mit dir / wann du bist seine Braut /
Er hat nichts in sich selbst / das er dir nicht vertraut.
 
     
89. Kinder und Jungfrauen.  
  Jch liebe nichts so sehr als Kinder und Jungfrauen:
Warumb? im Himmel wird kein andres seyn zuschauen.
 
     
90. Die Tugend.  
  Die Tugend / spricht der weis' / ist selbst jhr schönster Lohn.
Meint er nur zeitlichen / so halt' ich nichts davon.
 
     
91. Die GOttliebende Einsamkeit.  
  Du sprichst Theophilus sey meisten-theils allein:
Macht sich der Adler auch den Vöglichen gemein?
 
     
92. Die Tagezeiten.  
  Jm Himmel ist der Tag / im Abgrund ist die Nacht /
Hier ist die Demmerung: wol dem ders recht betracht.
 
     
93. Von Johannes dem Täuffer.  
  Johannes aß fast nichts / er trug ein rauhes Kleid /
Saß in der Wüsteney die gantze Lebenszeit.
Er war so from: was fiel er GOtt so hart zu Fusse?
Die grösten Heiligen die thun die gröste Busse.
 
     
94. Die Welt.  
  Zu GOtt kombt man durch GOtt: zum Teufel durch die Welt;
Ach daß sich doch ein Mensch zu dieser Hure hält!
 
     
95. Das Ende krönt das Werck.  
  Das Ende krönt das Werck / das Leben ziehrt der Tod:
Wie herrlich stirbt der Mensch / der treu ist seinem Gott!
 
     
96. Die Figur ist Vergänglich.  
  Mensch die Figur der Welt vergehet mit der Zeit:
Was trotzstu dann so viel auf jhre Herrlichkeit?
 
     
97. Auf beiden seyn ist gut.  
  Den Himmel wüntsch' ich mir / Lieb' aber auch die Erden:
Denn auf derselbigen kan ich GOtt näher werden.
 
     
98. Von den Lilgen.  
  So offt ich Lilgen seh / so offt empfind' ich Pein /
Und muß auch bald zugleich so offt voll Freuden seyn.
Die Pein entstehet mir / weil ich die Ziehr verlohrn /
Die ich im Paradiß von anbegin gehabt.
Die Frewde kombt daher / weil JEsus ist gebohrn
Der mich nu widerumb mit jhr aufs neu begabt.
 
     
99. Von S. Alexio.  
  Wie kan Alexius ein solches Hertz' jhm fassen /
Daß er kan seine Braut den ersten Tag verlassen?
Er ist jhr Bräutgam nicht: Er hat sich selbst als Braut
Dem Ewgen Bräutigam verlobet / und Vertraut.
 
     
100. Der Büsser löscht das Feuer.  
  Du sprichst das Höllsche Feur wird nie gelöscht gesehn:
Und sih der Büsser löschts mit einem Augenthrän!
 
     
   

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