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Johannis Angeli Silesij

Drittes Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-Reime (001 - 050)

1. Auf die Krippe JEsu. Anmerkungen
  Diß Holtz ist köstlicher als Salomonis Thron;
Weil drein geleget wird der wahre GOttes Sohn.
 
     
2. Uber den Stall.  
  Ach Pilger kehr hier ein / der Stall zu Betthlehem
Jst besser als die Burg und Stadt Jerusalem.
Du Herbergest hier wol: weil sich das Ewge Kind /
Mit seiner Jungfrau Braut und Mutter hier befindt.
 
     
3. An die Jungfrau MARIA.  
  Sag an / O werhte Frau / hat dich nicht außerkohrn
Die Demut / daß du GOtt empfangen und gebohrn?
Sag / obs was anders ist? Damit auch ich auf Erden
Kan eine Magd und Braut und Mutter Gottes werden.
 
     
4. Ein Seufftzer.  
  Man legte GOtt aufs Stroh / als Er ein Mensch ward / hin:
Ach daß ich nicht das Heu und Stroh gewesen bin!
 
     
5. An den Gelehrten.  
  Du grübelst in der Schrifft / und meinst mit Klügeley
Zu finden GOttes Sohn: Ach mache dich doch frey
Von diser Sucht / und komm inn Stall jhn selbst zu küssen.
So wirstu bald der Krafft deß wehrten Kinds geniessen.
 
     
6. Die GOttes gewürdigte Einfalt.  
  Denkt doch / was Demut ist! seht doch was Einfalt kan!
Die Hirten schauen GOtt am allerersten an.
Der siht GOtt nimmermehr / noch dort noch hier auf Erden /
Der nicht gantz jnniglich begehrt ein Hirt zu werden.
 
     
7. Das wohlbethaute Heu.  
  Kein Vieh hat besser Heu / weil Graß wächst / je genossen!
Als was mein Jesulein der ärmste hat begossen
Mit seiner Aüglein thau: Jch dächte mich / allein
Durch diese Kost gerecht und Ewig satt zu seyn.
 
     
8. Die seelige Nachtstille.  
  Merk / in der stillen Nacht wird GOtt ein Kind gebohrn /
Und widerumb ersetzt was Adam hat verlohrn:
Jst deine Seele still und dem Geschöpffe Nacht /
So wird GOtt in dir Mensch / und alles wiederbracht.
 
     
9. An die Hirten.  
  Gieb Antwort liebes Volk / was hastu doch gesungen
Als du inn Stall eingingst mit den erbebten Zungen /
Und GOtt ein Kind gesehn? Daß auch mein Jesulein
Mit einem Hirten Lied von mir gepreist kan seyn.
 
     
10. Das Unerhörte Wunder.  
  Schaut doch jhr lieben schaut / die Jungfrau säugt ein Kind /
Von welchem ich und sie / und jhr / gesäuget sind.
 
     
11. Der eingemenschte GOtt.  
  GOtt trinkt der Menschheit Milch / läst seiner GOttheit Wein:
Wie solt' er dann numehr nicht gar durchmenschet seyn?
 
     
12. Es trägt und wird getragen.  
  Das Wort das alles trägt / auch selbsten Gott den Alten /
Muß hier ein Jungfräulein mit ihren ärmlein halten.
 
     
13. Jch die Ursach.  
  Sag allerliebstes Kind / bin ichs umb den du weinst?
Ach ja du sihst mich an: ich bins wol den du meinst.
 
     
14. Küssungs Begierde.  
  Ach laß mich doch mein Kind mein Gott an deinen Füssen /
Nur einen Augenblik das minste Brünklein küssen.
Jch weiß werd' ich von Dir nur bloß berühret seyn /
Daß straks verschwinden wird / mein' / und auch deine Pein.
 
     
15. Der beste Lobgesang.  
  Singt singt jhr Engel singt: mit hundert tausend Zungen
Wird dieses wehrte Kind nicht würdiglich besungen.
Ach möcht' ich ohne Zung / und ohne Stimme seyn!
Jch weiß ich säng' ihm straks das liebste Liedelein.
 
     
16. Er mir / ich Jhm.  
  Wißt / GOtt wird mir ein Kind / ligt in der Jungfrau Schoß /
Daß ich jhm werde GOtt / und wachs jhm gleich und groß.
 
     
17. Am Nächsten am besten.  
  Mensch werde GOtt verwandt auß Wasser / Blutt und Geist /
Auf daß du GOtt in GOtt auß GOtt durch GOtte seyst.
Wer jhn Umbhalsen wil / muß jhm nicht nur allein
Befreundet / sondern gar sein Kind und Mutter seyn.
 
     
18. Die beweglichste Musica.  
  O seht / das liebe Kind wie es so süsse weint!
Daß alle Stösserlein Hertz-grund-beweglich seind.
Laß doch mein Ach und O in deins vermengt erschallen!
Daß es für allem thon GOtt könne Wolgefallen.
 
     
19. Die seelige Uber-formung.  
  Jch rathe dir Verformt ins JEsulein zu werden /
Weil du begehrst zu seyn erlöset vonn Beschwerden.
Wem JEsus helffen sol / vom Teufel / Tod und Pein:
Der muß Warhafftig auch gantz eingeJeset seyn.
 
     
20. GOTT-Mensch.  
  Je denkt doch GOtt wird ich / und kombt ins Elend her /
Auf daß ich komm ins Reich / und möge werden Er!
 
     
21. GOtt ist ein Kind / warumb.  
  Der Ewge GOttesSohn wird heut erst Kind genennt /
Da Er doch tausend Jahr den Vatter schon gekennt;
Warumb? Er war nie Kind. Die Mutter machts allein
Daß Er warhafftiglich kan Kind gegrüsset seyn.
 
     
22. Das gröste Wunder.  
  O Wunder GOttes Sohn ist ewiglich gewesen /
Und seine Mutter ist doch heut erst sein genesen!
 
     
23. Die Geistliche Mutter GOttes.  
  Marien Demut wird von GOtt so werth geschätzt /
Daß Er auch selbst jhr Kind zu seyn sich hoch ergötzt:
Bistu demüttiglich wie eine Jungfrau rein;
So wird GOtt bald dein Kind / du seine Mutter seyn.
 
     
24. An das Kindlein JEsu.  
  Wie sol ich Dich mein Kind die kleine Liebe Nennen /
Dieweil wir deine Macht unendlich groß erkennen?
Und gleichwol bistu klein! ich sprech dann groß und klein /
Kind / Vatter / GOtt und Mensch / O Lieb' erbarm dich mein.
 
     
25. Ein Kind seyn ist am besten.  
  Weil man nunmehr GOtt selbst den grösten kleine findt /
So ist mein gröster Wuntsch zu werden wie ein Kind.
 
     
26. Der Mensch das würdigste.  
  GOtt weil Er wird ein Mensch / zeugt mir daß ich allein
Jhm mehr und wehrter bin als alle Geister seyn.
 
     
27. Der Nahme JEsus.  
  Der süsse JEsus Nahm' ist Hönig auf der Zung;
Im Ohr ein Brautgesang / im Hertz ein Freudensprung.
 
     
28. Der Kreiß im Puncte.  
  Als GOtt verborgen lag in eines Mägdleins Schoß /
Da war es / da der Punct den Kreiß in sich beschloß.
 
     
29. Das Grosse im Kleinen.  
  Du sprichst / das Grosse kan nicht in dem Kleinen seyn /
Den Himmel schleust man nicht ins Erdenstüpffchen ein.
Komb schau der Jungfraun Kind; so sihstu in der Wiegen /
Den Himmel und die Erd' / und hundert Welte liegen.
 
     
30. Auf die Krippe JEsu.  
  Hier liegt das wehrte Kind / der Jungfrau erste Blum /
Der Engel Freud und Lust / der Menschen Preiß und Ruhm.
Sol Er dein Heyland seyn / und dich zu GOtt erheben /
So mustu nicht sehr weit von seiner Krippe leben.
 
     
31. Dein Hertz wanns leer / ist besser.  
  Ach elend! Unser GOtt muß in dem Stalle seyn!
Räum auß mein Kind dein Hertz / und giebs Jhm eylends ein.
 
     
32. Der Himmel wird zur Erden.  
  Der Himmel senket sich / er kombt und wird zur Erden:
Wann steigt die Erd' empor / und wird zum Himmel werden?
 
     
33. Wann GOtt empfangen wird.  
  Als dann empfähstu GOtt / wann seines Geistes gütte /
Beschattet seine Magd die Jungfrau dein Gemütte.
 
     
34. Auf das Creutz unsers Erlösers.  
  Gewiß ist dieser Baum vom Lebens Baum gehägt /
Weil er solch' edle Frucht das Leben selber trägt.
 
     
35. Das allersüsseste.  
  Süß ist der Hönigseym / süß ist der Rebenmost /
Süß ist das Himmelbrod der Jsrelitten kost:
Süß ist was Seraphin von anbegin empfunden /
Noch süsser ist HErr Christ das süsse deiner Wunden.
 
     
36. Die übertreffliche Liebe.  
  Gantz unbegreiflich ist die Lieb' auß der sich GOtt
Jn eines Mägdlein Schoß zum Bräutgam mir entboth.
Doch gleichet diesem nichts daß er auch Leib und Leben /
Am Creutze wie ein Schelm für mich hat hin gegeben.
 
     
37. Der verliebte GOtt.  
  GOtt liebet mich allein / nach mir ist Jhm so bange /
Daß Er auch stirbt für Angst / weil ich Jhm nicht anhange.
 
     
38. Die heylsame Wunde.  
  Die Wunde die mein GOtt für mich ins Hertz empfängt /
Verursacht / daß Er mir sein Blut und Wasser schenkt:
Trink ich mich dessen Voll / so haben meine Wunden /
Jhr wahres Balsamöl / und besten Heiltrank funden.
 
     
39. Der beste Stand unter dem Creutze.  
  Das Blutt das unserm HERRN auß seiner Wunden fleust /
Jst seiner liebe Thau damit Er unß begeust:
Wiltu befeuchtet seyn / und Unverwelklich blühen /
So mustu nicht einmal von seinem Creutze fliehen.
 
     
40. Ans Creutze Christi.  
  Schau deine Sünden sinds die Christum unsern Gott
So unbarmhertziglich verdammen biß inn Tod.
Jedoch verzweiffle nicht; bistu nur Magdalen /
So kanstu seeliglich bey seinem Creutze stehn.
 
     
41. An den Creutzfliehenden.  
  Ach Kind ists dir denn auch zur Zeit noch nicht bewust
Daß man nicht jmmer liegt an unsers HErren Brust?
Wen Er am liebsten hat / der muß in Creutz und Pein /
Jn Marter / Angst und Tod der Nächste bey ihm seyn.
 
     
42. An den Sünder.  
  Wach auf du todter Christ / Schau unser Pelican /
Sprengt dich mit seinem Blutt und Hertzenwasser an.
Empfängstu dieses recht mit aufgethanem Mund /
So bistu Augenbliks Lebendig und Gesund.
 
     
43. Das Oster Lamb.  
  Der Juden Oster Lamb war Fleisch und Blutt vonn Thieren:
Und dennoch konte sie der Würger nicht berühren:
Ess' ich mein Oster Lamb / und zeichne mich mit Blut /
Das sein verwundter Leib für mich vergissen thut:
So ess' ich meinen HErrn / GOtt / Bruder / Bräutgam / Bürgen:
Wer ist dann nu der mich kan schlagen und erwürgen?
 
     
44. Auf das Grab JEsu.  
  Hier ligt der welcher ist / und war / eh Er geworden:
Ein Held / der seinen Feind mit Leyden kan ermorden.
Wiltu ihm werden gleich / und Uberwinder seyn /
So leyd / meid / fleuch und stirb / in Wolust und in Pein.
Weistu nicht wer Er ist? so merke diese Drey /
Daß er ein Mensch und GOtt / und dein Erlöser sey.
 
     
45. Grabschrifft der H. Mechtildis.  
  Hier ligt die Jungfrau Gotts / die blühende Mechtild,
Mit der er offt sein Hertz gekühlt hat und gestillt.
 
     
46. Eine andere.  
  Hier liget GOttes Braut Mechtild das liebe Kind /
Jn welches Vater / Sohn / und Geist verlibet sind.
 
     
47. Auf den Grabstein S. Francisci.  
  Hier ligt ein Seraphin / mich wundert wie der Stein /
Bey solchem Flammen-Feur noch gantz kan blieben seyn!
 
     
48. Der einige Tag.  
  Drey Tage weiß ich nur; als gestern / heut / und morgen:
Wenn aber gestern wird ins heut und Nun verborgen /
Und morgen außgelöscht: so leb ich jenen Tag /
Den ich / noch eh ich ward / in GOtt zu leben pflag.
 
     
49. Grabschrifft deß Gerechten.  
  Hier ist ein Mann gelegt der stäts im Durste lebte /
Und nach Gerechtigkeit bey Tag und Nachte strebte /
Und nie gesättigt ward. Nun ist ihm Allbereit /
Sein Durst gestillt mit GOtt der süssen Ewigkeit.
 
     
50. Das Grosse im Kleinen.  
  Mein Gott wie mag das seyn? mein Geist die nichtigkeit /
Sehnt zuverschlingen dich den Raum der Ewigkeit!
 
     
   

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