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Johannis Angeli Silesij

Andertes Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-reime (101 - 150)

101. Die geheime Uberschattung. Anmerkungen
  Jch muß GOtts Schwanger seyn: sein Geist muß ob mir schweben /
Und GOtt in meiner Seel wahrhafftig machen leben.
 
     
102. Das äußre tröst mich nicht.  
  Was hilfft michs Gabriel / daß du Mariam grüst /
Wenn du nicht auch bey mir derselbe Botte bist!
 
     
103. Die geistliche Geburt.  
  Berührt dich GOttes Geist mit seiner Wesenheit
So wird in dir gebohrn das Kind der Ewigkeit.
 
     
104. Die geistliche Schwängerung.  
  Jst deine Seele Magd / und wie Maria rein /
So muß sie Augenbliks von GOtte schwanger seyn.
 
     
105. Ein Ris' und auch ein Kind.  
  Wenn GOtt sich wesentlich in mir gebohren findt /
So bin ich (Wunder ding!) ein Ris' und auch ein Kind.
 
     
106. Erweitert mustu seyn.  
  Erweitere dein Hertz / so gehet GOtt darein:
Du solt sein Himmelreich / Er wil dein König seyn.
 
     
107. Die Neugeburt.  
  Hat deine Neugeburt mit wesen nichts gemein /
Wie kan sie ein Geschöpff in Christo JEsu seyn?
 
     
108. Die Braut GOttes.  
  Kind werde GOttes Braut / entbeuth dich Jhm allein;
Du wirst seins Hertzens Schatz / und er dein liebster seyn.
 
     
109. Die Welt vergehet nicht.  
  Schau / dise Welt vergeht. Was? sie vergeht auch nicht /
Es ist nur Finsternuß was GOtt an Jhr zerbricht.
 
     
110. Die Verklärung.  
  Mein Leib der wird für GOtt wie ein Carfunkel stehn /
Wenn seine grobheit wird im Feuer untergehn.
 
     
111. Maria.  
  Du preist MARIAM hoch: ich sage noch darbey /
Daß sie die Königin der Königinnen sey.
 
     
112. Auß und ein / Gebähren und Gebohren seyn.  
  Wenn du in Wahrheit kanst auß GOtt gebohren seyn /
Und wider GOtt gebährn: so gehstu auß und ein.
 
     
113. Man sol vernünfftig handeln.  
  Freund so du trinken wilt / so setz doch deinen Mund /
Wie ein Vernünfftiger recht an deß Fasses spund.
 
     
114. Die Creaturn sind gut.  
  Du klagst / die Creaturn die bringen dich in Pein:
Wie? müssen sie doch mir ein Weg zu GOtte seyn.
 
     
115. Die geistliche Jagt.  
  Wie wol wirstu gejagt vonn Hunden lieber Christ:
So du nur williglich die Hindin GOttes bist.
 
     
116. Die beste Gesellschafft.  
  Gesellschafft acht' ich nicht: Es sey dann daß das Kind /
Die Jungfrau / und die Daub' / und's Lamm beisammen sind.
 
     
117. Die Einsamkeit.  
  Die Einsamkeit ist noth / doch sey nur nicht gemein:
So kanstu überall in einer Wüsten seyn.
 
     
118. Göttlich Leben.  
  Jm fall dich niemand recht und gnug berichten kan
Was Göttlich Leben sey: so sprich den Henoch an. 1)
1) Henoch heist ein Gott ergebener.
     
119. Göttliche gleichheit.  
  Ein Gott ergebner Mensch ist Gotte gleich an Ruh /
Und wandelt über Zeit und Ort in jedem Nu.
 
     
120. Man ißt und Trinket GOtt.  
  Wenn du Vergöttet bist / so jßt- und trinkst-du GOtt /
(Und diß ist ewig wahr) in jedem bissen Brodt.
 
     
121. Das Glied hat des Leibes wesen.  
  Hastu nicht Leib und Seel und Geist mit Gott gemein:
Wie kanstu dann ein Glied im Leibe JEsu seyn?
 
     
122. Die geistliche Weinrebe.  
  Jch bin die Reb' im Sohn / der Vatter pflantzt und speist /
Die Frucht die auß mir wächst ist GOtt der heilge Geist.
 
     
123. Geduld hat jhr warumb.  
  Ein Christ trägt mit Geduld sein Leyden / Creutz und Pein /
Damit er ewig mag bey seinem JEsu seyn.
 
     
124. GOtt ist voller Sonnen.  
  Weil der gerechte Mensch gläntzt wie der Sonnenschein /
So wird nach dieser Zeit GOtt voller Sonnen seyn.
 
     
125. Du must das wesen haben.  
  GOtt selbst ists Himmelreich: wiltu in Himmel kommen /
Muß GOttes wesenheit in dir seyn angeglommen.
 
     
126. Die Gnade wird Natur.  
  Fragstu warumb ein Christ sey From / Gerecht und Frey?
So fragestu warumb ein Lamm kein Tiger sey.
 
     
127. Das Liebst' auf dieser Erden.  
  Fragstu was meine Seel am Liebsten hat auf Erden?
So wisse daß es heist: mit nichts beflekket werden.
 
     
128. Der Himmel steht stätts offen.  
  Verzweifle nicht mein Christ / du kanst inn Himmel draben /
So du nur magst darzu ein Mannlich Hertze haben.
 
     
129. Eins jeden Eigenschafft.  
  Das Thier wird durch die Art / der Mensch durch den Verstand /
Der Engel durch das schaun / durchs wesen Gott bekandt.
 
     
130. Es muß Vergoldet seyn.  
  Christ alles was du thust / das überzeuch mit Gold: 2)
Sonst ist GOtt weder dir / noch deinen Werken hold.
2) Gold der Liebe.
     
131. Nihm also daß du hast.  
  Mensch nihmstu GOtt als Trost / als süssigkeit / und Licht:
Waß hastu dann wenn Trost / Licht / süssigkeit gebricht?
 
     
132. GOttes Eigenschafft.  
  Was ist GOtts Eigenschafft? sich ins Geschöpff ergiessen /
Allzeit derselbe seyn / nichts haben / wollen / wissen. 3)
3) Verstehe accidencialiter oder zufälliger weise; dann was Gott wil und weiß / das wil und weiß er wesentlich. Also hat er auch nichts (mit Eigenschafft).
     
133. Die Gelassenheit.  
  Freund glaub es / heist mich GOtt nicht in den Himmel gehn /
So wil ich lieber hier / auch in der Höllen stehn.
 
     
134. Die Gleichheit.  
  Wer nirgends ist gebohrn / und niemand wird bekandt /
Der hat auch in der Höll sein liebes Vaterland.
 
     
135. Die Gelassenheit.  
  Jch mag nicht Krafft / Gewalt / Kunst / Weißheit / Reichthum / Schein:
Jch wil nur als ein Kind in meinem Vater seyn.
 
     
136. Eben von derselben.  
  Geh auß / so geht Gott ein: Stirb dir / so lebstu GOtt:
Sey nicht / so ist es Er: thu nichts / so gschicht's Geboth.
 
     
137. Schrifft ohne Geist ist nichts.  
  Die Schrifft ist Schrifft sonst nichts. Mein Trost ist Wesenheit /
Und daß GOtt in mir spricht das Wort der Ewigkeit.
 
     
138. Der Schönst' im Himmelreich.  
  Die Seele / welche hier noch kleiner ist als klein /
Wird in dem Himmelreich die schönste Göttin seyn.
 
     
139. Wie kan man Englisch seyn?  
  Kind wiltu Englisch seyn / so kanstu es bereit:
Wie dann? sie leben stäts in unannehmlichkeit.
 
     
140. Die Selbst-vernichtigung.  
  Nichts bringt dich über dich als die Vernichtigkeit:
Wer mehr Vernichtigt ist / der hat mehr Göttlichkeit.
 
     
141. Der Grundgelassene.  
  Ein Grundgelassner Mensch ist Ewig frey und Ein:
Kan auch ein Unterscheid an jhm und GOtte seyn?
 
     
142. Du must es selber seyn.  
  Frag nicht was Göttlich sey: Denn so du es nicht bist /
So weistu es doch nicht / ob du's gleich hörst mein Christ.
 
     
143. Jn GOtt ist alles GOtt.  
  Jn GOtt ist alles GOtt: Ein eintzigs Würmelein /
Das ist in GOtt so viel als tausend GOtte seyn.
 
     
144. Was ist Gelassenheit?  
  Was ist Gelassenheit? Jch sag' ohn Heucheley:
Daß es in deiner Seel der wille JEsu sey.
 
     
145. Das wesen GOttes.  
  Was ist das wesen GOtts? Fragstu mein ängigkeit?
Doch wisse / daß es ist ein' überwesenheit.
 
     
146. GOtt ist Fünsternuß und Licht.  
  GOtt ist ein lautrer Blitz / und auch ein Tunkles nicht /
Das keine Creatur beschaut mit jhrem Licht.
 
     
147. Die Ewge Gnadenwahl.  
  Ach zweifele doch nicht: sey nur auß GOtt gebohrn /
So bistu ewiglich zum Leben außerkohrn.
 
     
148. Der arme im Geist.  
  Ein wahrer armer Mensch steht gantz auf nichts gericht:
Gibt GOtt jhm gleich sich selbst / ich weiß er nihmt jhn nicht.
 
     
149. Du selbst bist alle Dinge.  
  Wie magstu was begehrn? du selber kanst allein /
Der Himmel und die Erd' / und tausend Engel seyn.
 
     
150. Die Demut ist dir Noth.  
  Sieh nur fein unter dich: du fleuchst den Blitz der Zeit /
Was meinstu dann zu schaun inn Blitz der Ewigkeit?
 
     
   

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