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Johannis Angeli Silesij

Andertes Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-reime (001 - 050)

1. Die Lieb ist aber Furcht. Anmerkungen
  GOtt fürchten ist sehr gutt: doch ist es besser lieben:
Noch besser über lieb' in Jhn seyn aufgetrieben.
 
     
2. Die Lieb' ist ein Magnet.  
  Die Lieb ist ein Magnet / sie ziehet mich in GOtt:
Unnd was noch grösser ist / sie reisset GOtt inn Tod
 
     
3. Mensch in GOtt / GOtt im Menschen.  
  Wenn ich bin Gottes Sohn / wer es dann sehen kan /
Der schauet Mensch in GOtt und Gott im Menschen an.
 
     
4. Das Ewge Ja und Nein.  
  GOtt spricht nur jmmer Ja; 1) der Teufel saget nein:
Drumb kan er auch mit GOtt nicht Ja und eines seyn.
1) allusio ad Nomen Dei Ebraicum I
A H.
     
5. Das Licht ist nicht GOtt selbst.  
  Licht ist deß HErren Kleid: gebricht dir gleich das Licht /
So wisse daß dir doch GOtt noch nicht selbst gebricht.
 
     
6. Nichts ist der beste Trost.  
  Nichts ist der beste Trost: Entzeucht GOtt seinen Schein /
So muß das blosse Nichts dein Trost im Untrost seyn.
 
     
7. Das wahre Licht.  
  GOtt ist das wahre Licht / du hast sonst nichts als glast /
Jm falle du nicht Jhn das Licht der Lichter hast.
 
     
8. Mit Schweigen lernet man.  
  Schweig allerliebster schweig: kanstu nur gäntzlich schweigen:
So wird dir Gott mehr guts / als du begehrst / erzeigen.
 
     
9. Das Weib auf dem Monden in Apoc.  
  Was sinnestu so tieff? das Weib im Sonneschein
Das auf dem Monden steht / muß deine Seele seyn.
 
     
10. Die Braut ist doch das liebste.  
  Sag was du wilt / die Braut ist doch das liebste kind /
Das man in GOttes schoß und seinen armen findt.
 
     
11. Die beste Sicherheit.  
  Schlaf meine Seele schlaf: Dann in deß Liebsten Wunden
Hastu die sicherheit und volle Ruh gefunden.
 
     
12. Die Jungfrauschafft.  
  Was ist die Jungfrauschafft? frag was die Gottheit sey:
Doch kenstu Lauterkeit / so kennstu alle zwey.
 
     
13. Die GOttheit und Jungfrauschafft.  
  Die GOttheit ist so nah der Jungfrauschafft verwandt /
Daß sie auch ohne die nicht GOttheit wird erkandt.
 
     
14. Wer eins nur liebt ist Braut.  
  Die Seele / die nichts weiß / nichts wil / nichts liebt / danns Ein /
Muß heute noch die Braut deß Ewgen Bräutgams seyn.
 
     
15. Die geheime Armutt.  
  Wer ist ein armer Mensch? der ohne Hülff und Rath
Noch Creatur / noch GOtt / noch Leib / noch Seele hat.
 
     
16. Wie weit GOttes Sitz seyn muß.  
  Mensch bistu nicht so weit als GOttes GOttheit ist /
So wirstu nimmermehr zu seinem Sitz erkiest.
 
     
17. GOtt wäigert sich niemand.  
  Nimm / Trink / soviel du wilt und kanst / es steht dir frey:
Die gantze GOttheit selbst ist deine Gasterey.
 
     
18. Die Weißheit Salomons.  
  Wie? schätzstu Salomon den weisesten Allein?
Du auch kanst Salomon und seine Weißheit seyn.
 
     
19. Das höchste ist Stille seyn.  
  Geschäfftig seyn ist gutt; Viel besser aber Bethen:
Noch besser Stumm und still für Gott den Herren trethen.
 
     
20. Das Lebens Buch.  
  GOtt ist deß Lebens Buch / ich steh in ihm geschrieben
Mit seines Lammes Blutt: wie solt er mich nicht lieben?
 
     
21. Du solt das Höchste seyn.  
  Die Welt ist Eitel nichts / die Engel sind gemein:
Drumb soll ich Gott und Mensch in Christo Jesu seyn.
 
     
22. Erheb dich über dich.  
  Der Mensch der seinen Geist nicht über sich erhebt /
Der ist nicht wehrt daß er im Menschenstande lebt.
 
     
23. Jn Christo komt man hoch.  
  Weil mein Erlöser hat die Engel überstiegen:
So kan (wo ich nur wil) auch ich sie überfliegen.
 
     
24. Jm Mittelpunct sicht man alles.  
  Wer jhm den Mittelpunct zum wohnhauß hat erkiest /
Der siht mit einem Blik was in dem Umbschweif ist.
 
     
25. Dein' Unruh machstu selbst.  
  Noch Creatur noch GOtt kan dich in Unruh bringen /
Du selbst Verunruhst dich (O Thorheit!) mit den Dingen.
 
     
26. Die Freyheit.  
  Du edle Freyheit du / wer sich nicht dir ergiebt /
Der weiß nicht / was ein Mensch / der Freyheit liebet / liebt.
 
     
27. Auch von jhr.  
  Wer Freyheit liebt / liebt Gott: wer sich in Gott versenkt /
Und alles von sich stöst / der ists / dem GOtt sie schenkt.
 
     
28. Die Gleichheit.  
  Die Gleichheit ist ein Schatz: hastu sie in der Zeit /
So hastu Himmelreich und Volle Seeligkeit.
 
     
29. Tod und GOtt.  
  Tod ist der Sünden Sold; Gott ist der Tugend Lohn:
Erwürbstu diesen nicht / so trägstu den darvon.
 
     
30. Zufall und Wesen.  
  Mensch werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht /
So fällt der Zufall weg / das wesen das besteht.
 
     
31. Göttliche genissung.  
  Wer GOtts geniessen wil / und Jhm sich einverleiben /
Sol wie ein Morgenstern bey seiner Sonne bleiben.
 
     
32. Schweigen übertrifft der Engel gethöne.  
  Die Engel singen schön: Jch weiß daß dein Gesinge /
So du nur gäntzlich Schwiegst / dem höchsten besser klinge.
 
     
33. Wer älter ist als GOtt.  
  Wer in der Ewigkeit mehr lebt als einen Tag /
Derselbe wird so Alt / als GOtt nicht werden mag.
 
     
34. Rechter gebrauch bringt nicht Schaden.  
  Mensch sprichstu daß dich jchts von Gottes Lieb' abhält.
So brauchstu noch nicht recht wie sichs gebürt der Welt.
 
     
35. GOtt wil was köstlich ist.  
  Sey lauter / Licht' und steif / gleich wie ein Demantstein /
Daß du inn Augen Gotts magst wehrt geschätzet seyn.
 
     
36. Das Buch deß Gewissens.  
  Daß ich GOtt fürchten sol / und über alles lieben /
Jst mir von Anbegin in mein Gemütt geschrieben.
 
     
37. An einem Wort liegt alles.  
  Ein eintzigs Wort hilfft mir: schreibts GOtt mir einmal Ein /
So werd' ich stätts ein Lamb mit Gott gezeichnet seyn.
 
     
38. Der Bräutigam ist noch süsser.  
  Du magst GOtt wie du wilt für deinen Herrn erkenen:
Jch wil jhn anderst nicht als meinen Bräutgam nennen.
 
     
39. Der anbether im Geist und in der Warheit.  
  Wer in sich übersich in GOtt verreisen kan /
Der bethet GOtt im Geist und in der Wahrheit an.
 
     
40. GOtt ist das kleinst' und gröste.  
  Mein GOtt wie groß ist GOtt! Mein GOtt wie klein ist GOtt!
Klein als das kleinste ding / und groß wie alls / von noth.
 
     
41. Der gute Tausch.  
  Mensch gibstu GOtt dein Hertz / Er gibt dir seines wider:
Ach welch ein wehrter Tausch! du steigest auf / Er nieder.
 
     
42. Das untere schadet nicht.  
  Wer über Berg und Thal / und dem Gewölke sitzt /
Der achtets nicht ein Haar / wenns donnert / kracht und blitzt.
 
     
43. Die mittelwand muß wegg.  
  Wegg mit dem mittel weg / sol ich mein Licht anschauen /
So muß man keine Wand für mein Gesichte bauen.
 
     
44. Was Menschheit ist.  
  Fragstu was Menschheit sey? Jch sage dir bereit.
Es ist / mit einem Wort / die über Engelheit.
 
     
45. GOtt liebet sich allein.  
  Es ist gewißlich wahr / GOtt liebet sich allein /
Und wer sein ander-Er in seinem Sohn kan seyn.
 
     
46. Wer GOtt ist / siehet GOtt.  
  Weil ich das wahre Licht / so wie es ist / sol sehn;
So muß ichs selber seyn: sonst kan es nicht geschehn.
 
     
47. Die Liebe sucht nicht Lohn.  
  Mensch liebstu GOtt den HErrn / und suchest Lohn dabey /
So schmäkestu noch nicht was Lieb' und lieben sey.
 
     
48. GOtt kennt man am Geschöpffe.  
  GOtt der verborgne GOtt wird kundbahr und gemein /
Durch seine Creaturn / die sein' entwerffung seyn.
 
     
49. GOtt liebet die Jungfrauschafft.  
  GOtt trinkt der Jungfraun milch / zeugt durch diß hell und frey /
Daß wahre Jungfrauschafft sein Trank und Labsal sey.
 
     
50. GOtt wird ein kleines Kind.  
  GOtt schleust sich unerhört in Kindes Kleinheit ein:
Ach möcht ich doch ein Kind in diesem Kinde seyn!
 
     
   

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