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Johannis Angeli Silesij

Erstes Buch, Geistreiche Sinn- und Schluß-Reime (051 - 100)

51. Die Gleichheit GOttes. Anmerkungen
  Wer unbeweglich bleibt in Freud / in Leid / in Pein;
Der kan nunmehr nit weit von GOttes Gleichheit seyn.
 
     
52. Das Geistliche Senffkorn.  
  Ein Senffkorn ist mein Geist / durch scheint jhn seine Sonne /
So wächst er GOtte gleich mit freudenreicher Wonne.
 
     
53. Die Tugend sitzt in Ruh.  
  Mensch wo du Tugend wilst mit Arbeit und mit Müh /
So hastu sie noch nicht / du kriegest noch umb sie.
 
     
54. Die wesentliche Tugend.  
  Jch selbst muß Tugend seyn / und keinen Zufall wissen:
Wo Tugenden auß mir in Warheit sollen fliessen.
 
     
55. Der Brunquell ist in uns.  
  Du darffst zu GOtt nicht schreyn / der Brunnquell ist in dir:
Stopffstu den Außgang nicht / er flüsse für und für.
 
     
56. Das mißtraun schmähet GOtt.  
  So du auß Mißvertraun zu deinem GOtte flehest /
Und jhn nicht sorgen läst: schau daß du Jhn nicht schmähest.
 
     
57. Jn Schwachheit wird Gott funden.  
  Wer an den Füssen lahm / und am Gesicht ist blind /
Der thue sich dann umb / ob er GOtt jrgends find.
 
     
58. Der Eigen gesuch.  
  Mensch suchstu Gott umb Ruh / so ist dir noch nicht recht /
Du suchest dich / nicht Jhn? bist noch nicht Kind / nur Knecht.
 
     
59. Wie Gott wil sol man wollen.  
  Wär' ich ein Seraphin / so wolt ich lieber seyn /
Dem Höchsten zugefalln / das schnödste Würmelein.
 
     
60. Leib / Seele / und Gottheit.  
  Die Seel ist ein Kristall / die GOttheit ist ihr schein:
Der Leib / in dem du Lebst / ist ihrer beider schreyn.
 
     
61. Jn dir muß GOtt gebohren werden.  
  Wird Christus tausendmahl zu Bethlehem gebohrn /
Und nicht in dir; du bleibst noch Ewiglich verlohrn.
 
     
62. Das äussre hilfft dich nicht.  
  Das Kreutz zu Golgatha kan dich nicht von dem bösen /
Wo es nicht auch in dir wird auffgericht / erlösen.
 
     
63. Steh selbst von Todten auff.  
  Jch sag / es hilfft dich nicht / daß Christus aufferstanden /
Wo du noch ligen bleibst in Sünd und todesbanden.
 
     
64. Die geistliche Säung.  
  GOtt ist ein Ackersmann / das Korn sein ewges Wort /
Die Pflugschar ist sein Geist / mein Hertz der säungsort.
 
     
65. Armut ist Göttlich.  
  GOtt ist das ärmste ding / Er steht gantz bloß und frey:
Drumb sag ich recht und wol / daß armut Göttlich sey.
 
     
66. Das Hertz ist GOttes Herd.  
  Wo GOtt ein Fewer ist / so ist mein Hertz der Herd /
Auf welchem Er das Holtz der Eittelkeit verzehrt.
 
     
67. Das Kind schreyt nach der Mutter.  
  Wie ein entmilchtes Kind nach seiner Mutter weint:
So schreyt die Seel nach GOtt / die Jhn alleine meint
 
     
68. Ein Abgrund rufft dem andern.  
  Der Abgrund meines Geists rufft immer mit Geschrey
Den Abgrund GOttes an: Sag welcher tieffer sey?
 
     
69. Milch mit Wein stärcket fein.  
  Die Menschheit ist die Milch / die GOttheit ist der Wein:
Trink Milch mit Wein vermischt / wiltu gestärket seyn.
 
     
70. Die Liebe.  
  Die Lieb' ist unser GOtt / es lebet alls durch Liebe:
Wie seelig wär' ein Mensch der stäts in jhr verbliebe!
 
     
71. Man muß das Wesen seyn.  
  Lieb' üben hat viel Müh: wir sollen nicht allein
Nur Lieben; sondern selbst / wie GOtt die Liebe seyn.
 
     
72. Wie sieht man GOtt?  
  GOtt wohnt in einem Licht / zu dem die bahn gebricht:
Wer es nicht selber wird / der siht jhn Ewig nicht.
 
     
73. Der Mensch war GOttes Leben.  
 

Eh ich noch etwas ward / da war ich GOttes Leben: 11)
Drumb hat er auch für mich sich gantz und gar gegeben.

11) Joh. I. Quod factum est in ipso vita erat.
     
74. Man sol zum anfang kommen.  
  Der Geist den GOtt mir hat im Schöpffen eingehaucht /
Sol wider 12) Wesentlich in Jhm stehn eingetaucht.
12) Warhafftig / gäntzlich / jnniglich / also Wesentliche einkehrung beym Blosio instit. c. 3. num. 8.
     
75. Dein Abgott / dein begehren.  
  Begehrstu was mit GOtt / ich sage klar und frey /
(Wie Heylig du auch bist) daß es dein Abgott sey
 
     
76. Nichts wollen macht GOtte gleich.  
  GOtt ist die Ewge Ruh / weil Er nichts sucht noch wil:
Wiltu ingleichem nichts / so bistu eben vil.
 
     
77. Die dinge sind geringe.  
  Wie klein ist doch der Mensch / der etwas groß thut schätzen/
Und sich nicht über sich in GOttes Thron einsetzen!
 
     
78. Das Geschöpff ist nur ein stüpffchin.  
  Schau alles was GOtt schuf / ist meinem Geist so klein /
Daß es jhm scheint in jhm ein eintzig Stüpfchen seyn.
 
     
79. GOtt trägt volkommne Früchte  
  Wer mir Vollkommenheit wie Gott hat ab-wil-sprechen /
Der müste mich zuvor von seinem Weinstok brechen.
 
     
80. Ein jedes in dem seinigen.  
  Der Vogel in der Lufft / der Stein ruht auff dem Land /
Jm Wasser lebt der Fisch / mein Geist in GOttes Hand.
 
     
81. Gott blüht auß seinen Zweigen  
  Bistu auß GOtt gebohrn / so blühet GOtt in dir:
Und seine GOttheit ist dein Safft und deine Zier.
 
     
82. Der Himmel ist in dir.  
  Halt an wo lauffstu hin / der Himmel ist in dir:
Suchstu GOtt anders wo / du fehlst Jhn für und für.
 
     
83. Wie kan man GOttes genissen.  
  GOtt ist ein Einges Ein / wer seiner wil geniessen /
Muß sich nicht weniger als Er / in Jhn einschlissen.
 
     
84. Wie wird man GOtte gleich?  
  Wer GOtt wil gleiche seyn / muß allem ungleich werden.
Muß ledig seiner selbst / und loß seyn von beschwerden.
 
     
85. Wie hört man GOttes Wort?  
  So du das Ewge Wort in dir wilt hören sprechen:
So mustu dich zuvor vom hören gantz entbrechen.
 
     
86. Jch bin so breit als GOtt.  
  Jch bin so breit alß GOtt / nichts ist in aller Welt /
Das mich (O Wunder ding!) in sich umbschlossen hält.
 
     
87. Jm Ekstein liegt der Schatz.  
  Was marterstu das ärtzt: der Ekstein ists allein /
Jn dem Gesundheit / Gold / und / alle Künste seyn.
 
     
88. Es ligt alls im Menschen.  
  Wie mag dich doch O Mensch nach etwas thun Verlangen /
Weil du in dir hälst GOtt und alle Ding' umbfangen?
 
     
89. Die Seel ist GOtte gleich.  
  Weil meine Seel in GOtt steht ausser Zeit und Ort /
So muß sie gleiche seyn dem Ort und Ewgen Wort.
 
     
90. Die Gottheit ist das grüne.  
  Die GOttheit ist mein Safft: was auß mir grünt und blüht /
Das ist sein Heilger Geist / durch den der trib geschiht.
 
     
91. Man sol für alles danken.  
  Mensch so du GOtt noch pflegst umb diß und das zudanken /
Bistu noch nicht versetzt auß deiner schwachheit schranken.
 
     
92. Wer gantz Vergöttet ist.  
  Wer ist als wär' er nicht / und wär' er nie geworden:
Der ist (O seeligkeit!) zu lauter GOtte worden.
 
     
93. Jn sich hört man daß Wort.  
  Wer in sich selber sitzt / der höret GOttes Wort /
(Vernein es wie du wilt) auch ohne Zeit und Ort.
 
     
94. Die Demut.  
  Die Demut ist der Grund / der Dekkel / und der schreyn /
Jn dem die Tugenden stehn und beschlossen seyn.
 
     
95. Die Lauterkeit.  
  Wann ich die Lauterkeit durch GOtt geworden bin /
So wend' ich mich umb GOtt zufinden nirgends hin.
 
     
96. GOtt mag nichts ohne mich.  
  GOtt mag nicht ohne mich ein eintzigs Würmlein machen:
Erhalt' ichs nicht mit Jhm / so muß es straks zukrachen.
 
     
97. Mit GOtt vereinigt seyn / ist gut für Ewge Pein.  
  Wer GOtt vereinigt ist / den kan Er nicht verdammen:
Er stürtze sich dann selbst mit jhm in Tod und Flammen.
 
     
98. Der todte Wille herscht.  
  Dafern mein Will' ist todt / so muß GOtt waß ich wil:
Jch schreib Jhm selber für das Muster und das Zil.
 
     
99. Der Gelassenheit gilts gleiche.  
  Jch lasse mich GOtt gantz / wil Er mir Leyden machen /
So wil ich Jhm so wol / als ob den Freuden lachen.
 
     
100. Eins halt das ander.  
  GOtt ist so vil an mir / als mir an Jhm gelegen /
Sein wesen helff ich Jhm / wie Er das meine hegen.
 
     
   

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