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Sturm und Drang (1767 -1785)
(Geniezeit, Genieperiode)

Das literarische Umfeld: Die Geniebewegung

Wichtige Anregungen
gewann der Sturm und Drang durch J.-J. Rousseaus Kulturkritik, die von der Behauptung ausging, dass die Kultur das Glück der Menschen zerstöre und Unordnung und Verwirrung schaffe. In seinem "Zurück zur Natur!" forderte Rousseau die Rückkehr zu einem vom persönlichen Fühlen und Wollen bestimmten Leben, in dem Standesgrenzen, Vorurteile, Konventionen usw. keine Rolle spielen.
Anregungen zur Reflexion über das Genie kamen aus England (z.B. E. Youngs "Conjectures on original composition", Essay, 1759, deutsch "Gedanken über die Originalwerke", 1781), als bedeutsam aber erwies sich auch die Tradition des Pietismus und der Empfindsamkeit in Deutschland.
Der epischen Dichtung des Sturm und Drang eignete ein Hang zur autobiographischen Darstellung, der im gesteigerten Interesse am Individuum seine Erklärung findet. Der biographische Ansatz findet sich auch in Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers", der seine nahezu weltweite sensationelle Wirkung der Verbindung einer äußerst subjektiven Erzählweise mit der Darstellung einer engen Naturverbundenheit und deutlicher Gesellschaftskritik verdankte.
 Die Betonung des Rechts auf Leidenschaft und der Sinnlichkeit ist bezeichnend für die Periode des Sturm und Drang.

In der Lyrik des Sturm und Drang wurde erstmals der gesellschaftliche Bezug ignoriert: gestaltet wurde, wie etwa in Goethes Sesenheimer Liedern, in einer scheinbar einfachen, dem Volkslied nahestehenden Sprache persönliches Erleben; dabei verband sich das Erlebnis der Natur mit dem Erlebnis der Liebe. Unter dem Einfluss von Th. Percys "Reliques of ancient English poetry" (1756), einer Sammlung alter Balladen, wurde auch die Ballade gepflegt, da sie die Möglichkeit der Darstellung des Wirkens irrationaler Kräfte bot.
Die Hochschätzung der Dichtung F.G. Klopstocks mag als Erklärung dafür herangezogen werden, dass sich die Formen der Hymne und Ode bei den Lyrikern des Sturm und Drang einer großen Beliebtheit erfreuten, besonders bei den Autoren des 1772 gegründeten Göttinger Hains, dessen Umkreis G.A. Bürger, Ch.F.D. Schubart und M. Claudius zuzurechnen sind.
Neben Deutschtum, Freiheit und einem etwas abstrakten Tyrannenhass klangen hier auch gesellschaftskritische und revolutionäre Themen der Lyrik an.

(Nach: Schülerduden. Die Literatur, Bibliographisches Institut, Mannheim 1980)

Die Flucht vor der Gesellschaft und der Kampf gegen tyrannische Lebensverhältnisse sind keine Schillerschen Eigentümlichkeiten. Diese Verhaltensweisen waren unter der intellektuellen Jugend seiner Zeit "in". Schiller konnte bei der Gestaltung seiner Heldenfigur Karl Moor auf die literarische Strömung des "Sturm und Drang" zurückgreifen. Im Rahmen dieser Bewegung hatten "Genies" wie der junge Goethe, Klinger, Leisewitz, Wagner und Maler Müller ähnliche literarische Typen geschaffen - und auch selbst in der einen oder anderen Form ihren Protest gegen die verwaltete Welt und gegen die Herrschaft von kleinlichen Verhältnissen und Korruption ausgelebt.

Die Zielrichtung der Genies ging aber nicht einfach gegen die Beachtung von Regeln schlechthin. Die Herrschaft der Vernunft und des Wohlgeordneten, wie sie die Verwaltung des absolutistischen Staates und die rationalen Gedankengebäude der Aufklärung hervorbrachten, schufen zwar für alles und jedes Vorschriften und Erklärungen, unterdrückten aber das Gefühl und spontane Regungen. Dagegen erhoben sich junge Dichter, Studenten meist, die aus Pastorenhäusern oder dem Kleinbürgertum stammten.

"Auch die deutsche Geniebewegung war von dem Willen beseelt, das ganze Leben zu erneuern. Sie stürmte gegen das verlogene Zeremoniell der Rokokokultur wie gegen die unwürdigen sozialen und politischen Zustände an. Man verachtete die Mode, verstieß absichtlich gegen die Etikette und gefiel sich in einer gern zur Schau getragenen, übertriebenen Formlosigkeit. Mochte es lächerlich wirken, mit wallendem Haar und nackter Brust zu erscheinen, mochte es gegen die Sitten verstoßen, in die zum Baden einladenden frischen Wasser zu springen, mochte es als Schrulle gelten, in Sturm und Wetter die Natur zu durchwandern oder sich mit Schlittschuhen auf die schimmernde Eisfläche zu wagen: die jungen Genies fühlten sich unendlich wohl dabei. Der Mensch sollte wieder als Mensch zur Geltung kommen, nicht nach der Schablone gesellschaftlicher Unterscheidungen gewertet werden. Deshalb hatten die Standesgegensätze zu fallen."
(Karl Hoppe, Einleitung zu: ders. (Hrsg.), Sturm und Drang, Leipzig o. J., S. VII-XXIII, Zitat S. XII.)

In der Protesthaltung entfaltete sich ein unerhörtes Selbstbewusstsein. Man wollte keine Grenzen mehr akzeptieren, betrachtete die Welt mit einem "Feuerblick" und gab sich einem überschwenglichen Kraftgefühl hin. Unschwer lassen sich in den Äußerungen und Taten Karl Moors das überschwengliche Kraftgefühl nachweisen, das die Lehrautoritäten verachtet und keine Grenzen mehr akzeptiert:

"Da krabbeln sie nun wie die Ratten auf der Keule des Herkules und studieren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden geführt hat? ... Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik Hannibals ..." (Schiller: Die Räuber, II, 2).

"Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen - belecken den Schuhputzer, dass er sie vertrete bei ihro Gnaden ..." ( Schiller: Die Räuber, I,2).

Die Helden des Sturm und Drang übertrugen die für den Bereich der Ästhetik entwickelte Bestimmung des "Genies" auf das normale Leben. Kant hat kurz nach der Epoche des Sturm und Drang das ästhetische Genie wie folgt definiert:

"... Genie (ist): die musterhafte Originalität der Naturangabe eines Subjektes im freien Gebrauch seiner Erkenntnisvermögen. Auf solche Weise ist das Produkt eines Genies ... ein Beispiel ..., Zwangsfreiheit von Regeln so in der Kunst auszuüben, dass diese dadurch selbst eine neue Regel bekommt ... eine gewisse Kühnheit im Ausdrucke und überhaupt manche Abweichung von der gemeinen Regel steht demselben wohl an ..."
(Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft (1970), Paragraph 49, in: Kants Werke, hrsg. v. H. Renner, 8 Bücher in 2 Bdn., Berlin o.J., Bd. 2, 6. u. 7. Buch, S. 139 f.)

In das Genieleben der jungen Studenten und Literaten übertragen, bedeutete die ästhetische Geniebestimmung, dass "der wertvolle Mensch das Gesetz seines Handelns in sich (trug) und [...] keine höhere Pflicht hatte, als sein eigenes Wesen in unbeschnittener Ganzheit zur Geltung zu bringen. Keine der überkommenen Autoritäten besaß hinfort bindende Macht mehr." (K. Hoppe, a.a.O., S. XIII.)

Die Inanspruchnahme des Genieartigen für das eigene Handeln führte zum Glauben an einen Sonderrechtsstatus. Jakob Burckhardt hat im Rückblick auf die "Genies" der Weltgeschichte treffend jene sonderrechtliche Aura umschrieben, von der ein Genie umgeben ist:

"Hierbei meldet sich dann die merkwürdige Dispensation vom gewöhnlichen Sittengesetz ... So tritt dann der "Mann nach dem Herzen Gottes" auf, ein David, Konstantin, Chlodwig, welchem alle Ruchlosigkeit nachgesehen wird ... Wer also einer Gesamtheit Größe, Macht, Glanz verschafft, dem wird das Verbrechen nachgesehen ... Eine sekundäre Rechtfertigung der Verbrechen der großen Individuen scheint dann darin zu liegen, dass durch dieselben den Verbrechen zahlloser anderer ein Ende gemacht wird."
(Jakob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen (1905), hist.-krit. Ausgabe von R. Stadelmann, Pfullingen o.J., S. 292 f.)

Nur vor dem Hintergrund dieses Geniegedankens wird der in historische Dimensionen zielende und gesetzesverachtende Tatendrang Karl Moors verständlich. Sein Tatendrang und seine Inkaufnahme des Räuberstatus passt in das Muster, nach dem "Genies" bemessen werden. Denn dem Genie sieht man das offene Gewährenlassen seiner Leidenschaften nach, weil man ahnt, dass in ihm der ganze Lebensprozess viel heftiger und gewaltiger vor sich gehe als bei den gewöhnlichen Naturen.

Ohne begriffliche Überleitungen kann man mit den Bestimmungen Jakob Burckhardts den literarischen Charakter des Karl Moor erläutern.

Schillers Figur des Karl Moor erscheint schon bei einem flüchtigen Blick auf die literarische Hauptströmung jener Zeit nicht mehr so spontan formuliert zu sein, wie es dem unbefangenen Leser vorkommen mag. Zumindest kann man sagen, dass Schillers Figur des Karl Moor der Grundhaltung und dem Ton nach im Stil der Zeit abgefasst worden ist.

Die Zeitströmung erstreckte sich nicht nur auf Haltungen und Redensarten, sondern sie hatte auch ihre modischen Themen und Motive.
Ein Standardthema der Zeit war das Motiv des Bruderkampfes. Literarisch aufbereitete Bruderkämpfe fanden sowohl in der Umgebung großer Herrscherhäuser als auch in der Enge der deutschen Kleinstaaten statt.

(Nach Martin H. Ludwig, Friedrich Schiller, Die Räuber, in: Analysen und Reflexionen 51, Joachim Beyer Verlag, Hollfeld/Ofr. 1984, S. 37 ff.)