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Aufklärung

Wie eine riesige Welle erfaßte eine philosophisch-gesellschaftliche Bewegung das Europa des 17. und 18. Jahrhunderts; sie veränderte das Bewußtsein des einzelnenen ebenso wie die politischen Strukturen, löste ein altes, von religiösen Vorstellungen bestimmtes durch ein neues, naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild ab. Die Aufklärung ist der entscheidende Entwicklungsschritt in der Geschichte der Neuzeit: sie ist das wesentliche Moment für die Überwindung von Feudalismus und Absolutismus sowie die Erhebung der Ratio zum obersten Prinzip jeglichen Handelns. Die Aufklärung bildet den Abschluß einer Tradition abendländischen Denkens und kann als Geburtsstunde unserer modernen Welt angesehen werden ­ mit all ihren Vorzügen und Schattenseiten. Mit ihr und durch sie vollzieht sich die in Humanismus und Renaissance begonnene Emanzipation des Individuums, gewinnt aber auch eine mechanistisch-empiristische Realitäts- und Weltauffassung die Oberhand.

Als literarische Epoche erscheint die Aufklärung in Deutschland im Gegensatz zu ihrer allgemeinen Bedeutung eher arm an hervorragenden Werken und Autoren. Das hat verschiedene Gründe: zum einen kamen die Hauptimpulse aus England und Frankreich, wo Schriftsteller und Denker wie Bacon, Hobbes, Newton, Locke, Hume, Descartes, Montesquieu, Voltaire, Diderot etc. ein System begründet hatten, das auf dem Primat von Vernunft und Erfahrung basierte und zugleich das Selbstbewußtsein des Bürgertums ausdrückte, das sich von politischen und ideologischen Bevormundungen löste. In Deutschland war diese Entwicklung längst nicht so weit vorangeschritten; so gab es hier zwischen Leibniz und Kant auch kaum bedeutende Philosophen, die eigenständige Ansätze entwickelt hätten; der Beitrag der einflußreichen Professoren Christian Wolff und Christian Thomasius bestand in der Hauptsache in der Popularisierung des Leibniz'schen Gedankengutes, das z. T. einseitig oder verzerrt wiedergegeben wurde.

Zum anderen liegt die literarische Dürftigkeit auch in der Natur der Sache selbst: je mehr die Dichtung lediglich als Vehikel zur Vermittlung der Ideale des gesunden Menschenverstands und des Tugendstrebens dienen mußte und ihr jeglicher Selbstzweck strikt untersagt war, desto weniger konnte sie sich als spontaner Ausdruck seelischer Regungen oder unmittelbaren Erlebens entfalten. Folgerichtig ist ein wesentliches Merkmal der Literatur der Aufklärungszeit das Programmatische, das sich als befruchtendes, die Reflexion über Literatur förderndes Element in den zahlreichen theoretischen Schriften erwies, sich aber oft auch als Konstruiertheit und Trockenheit in Drama und Prosa bemerkbar machte
Entsprechend gestaltete sich die literarische Landschaft, wo die moralischen Wochenschriften einen triumphalen Einzug einhielten. Nach den englischen Vorbildern von Addison und Steele (The Tatler, The Spectator, The Guardian) begann 1713 mit Der Vernünftler von Mattheson eine explosionsartige Entwicklung, die bis zum Ende des Jahrhunderts über 500 allerdings meist sehr kurzlebige Titel erscheinen ließ. Diese Periodika bestanden aus Essays und fingierten Briefen, die auf populärem Niveau ein breites Spektrum von Themen erörterten, sowohl Fragen des Alltags als auch solche der Politik und Philosophie. Hier konnte man Gedanken zum Kaffeegenuß oder zur Kleidermode ebenso finden wie Auseinandersetzungen mit Problemen der Pädagogik und der Ästhetik, alles mit dem Ziel, das Publikum zu einem vernünftig-tugendhaften und dadurch letztlich glücklichen Leben zu erziehen.

Mit demselben Anspruch behandelten die damals ebenfalls aufkommenden Gelehrten- und wissenschaftlichen Zeitschriften immer häufiger auch Fragen des literarischen Geschmacks. Als zentrale Figur legte Johann Christoph Gottsched u. a. mit seinem Versuch einer critischen Dichtkunst (1729) die Poetik der Epoche fest. Klarheit und Deutlichkeit wurden nun an erster Stelle von der Literatur gefordert, die nach dem Motto prodesse et delectare ('nützen und erfreuen') das Vernünftige der Tugendhaftigkeit und die Lächerlichkeit des Lasters vor Augen führen sollte.

Gottsched, der sich auch um die Vereinheitlichung und Pflege der deutschen Sprache bemühte (Deutsche Sprachkunst von 1748) und auf diesem Gebiet neben seinem Lehrer Christian Wolff, vor allem was die wissenschaftliche und philosophische Terminologie angeht, bleibende Wirkung hatte, verfocht das Ideal einer reinen Verstandesdichtung. Diese sollte durch schnörkellosen Stil und übersichtlichen Aufbau, mit festen Gattungsnormen nach antikem und französisch-klassizistischem Muster sowie unter Auslassung alles Unwahrscheinlichen und Phantastischen dem Leser moralisch-sittliche Einsichten vermitteln; in seinem Drama Der Sterbende Cato (1731), das ­ heute schwer nachvollziehbar ­ über Jahrzehnte ein Erfolgsstück war, hat Gottsched seine theoretische Position in die Praxis umgesetzt.

Doch selbst in den Reihen der Aufklärer regte sich bald Widerstand gegen die Starrheit dieser Postulate. Gottscheds Frau, Luise Adelgunde Viktorie Kulmus, »die Gottschedin«, wich in ihren erfolgreichen Komödien z. T. vom Regelwerk ihres Mannes ab, indem sie komische Figuren ohne unmittelbaren didaktischen Zweck einführte. So ist z. B. ihre Pietisterey im Fischbein-Rocke (1736) ­ eine Abrechnung mit der Leichtgläubigkeit und dem Frömmlertum in den damals weit verbreiteten pietistischen Kreisen ­ eine durchaus heute noch witzige Satire geblieben.

Ein berühmter Literaturstreit entwickelte sich zwischen Gottsched und den Schweizern Johann Jacob Bodmer und Johann Jakob Breitinger (Herausgeber der Zeitschrift Die Discourse der Mahlern), die ­ obwohl in ihrer Grundhaltung überzeugte Aufklärer ­ die Auffassung vertraten, daß das Wunderbare in der Dichtung sehr wohl zulässig sei und sich diese nicht ausschließlich nach empirischen Wahrscheinlichkeiten richten müsse.

Ebenfalls aus der Schweiz, die sich erst mit der Aufklärung als literarische Landschaft etablierte, stammte Albrecht von Haller. Dieser innerlich von religiösen Zweifeln geplagte, nach Leibniz vielleicht letzte Universalgelehrte schuf mit dem Poem Die Alpen (1733) eine Hymne auf das Leben im Einklang mit der Natur. Wenn auch im Gedankengut der Aufklärung verankert, trägt dieses Werk bereits deutlich zivilisationskritische Züge, die es als poetische Vorwegnahme der Position von J. J. Rousseau erscheinen lassen. Ein betulicheres Bild des Bürgertums gab der Züricher Salomon Geßner in seinen Idyllen (1756), die Themen seiner Zeit aus naturverbundener Perspektive in mythologischem Gewand zum Gegenstand hatten.

Überhaupt nimmt die Natur eine neue Rolle im Denken und Dichten ein, die im deutlichen Gegensatz zur jenseitsgewandten Weltbetrachtung des Barock steht. Natur gilt nun als vernünftiger Gottesbeweis, wie etwa in Barthold Heinrich Brockes' Irdisches Vergnügen in Gott (1721­1748), der zwar noch einen biblischen Gott voraussetzt, aber bereits die Entwicklung zum Deismus vorzeichnet: schließlich wird Gott nur noch als logischer Ursprung der Schöpfung, jedoch nicht mehr als darin waltendes Wesen angenommen.

Die Zuwendung zur Natur, die Bejahung des Diesseits erhielt vor allem in der sogenannten anakreontischen Dichtung Ausdruck, der hauptsächlich Friedrich von Hagedorn, Johann Peter Uz und Johann Wilhelm Ludwig Gleim zugerechnet werden. Ihre Lyrik besingt das Leben und seine Freuden, preist Wein und Geselligkeit und enthält zahlreiche erotische Anspielungen. Heiterkeit, Leichtigkeit und Eleganz zeichnen diese meist in einer idealisierten Schäferlandschaft spielenden Texte aus, die poetische Zeugnisse des Rokoko sind.

In diesen literarischen Zusammenhang wird ­ oft einseitig reduzierend ­ auch Christoph Martin Wieland gestellt, einer der bedeutendsten deutschen Autoren des 18. Jahrhunderts. Von den Stürmern und Drängern wegen seiner weltmännischen, Frivolitäten nicht scheuenden Art zum Erzfeind erklärt, war Wieland ein vielseitiger, im Geiste der Aufklärung gereifter, jedoch eigenständiger und origineller Schriftsteller. Der von ihm herausgegebene Teutsche Merkur als die literarische Zeitschrift seiner Epoche, seine Shakespeare- und Lukian-Übersetzungen haben das literarische Leben der zweiten Jahrhunderthälfte entscheidend mitbestimmt. Vor allem aber seine Romane machen ihn zum wichtigsten deutschen Prosaisten des 18. Jahrhunderts. Mit der Geschichte des Agathon (zuerst 1766), die mit ironischer Distanz und scharfer Beobachtungsgabe die Entwicklung eines jungen Menschen schildert und leider noch von vielen als vermeintlich lästige Pflichtlektüre ungelesen ins Regal gestellt wird, schrieb er nicht nur den wichtigsten narrativen Text seit Grimmelshausens Simplicissimus, sondern begründete damit auch eine für das folgende Jahrhundert zentrale Textsorte: den Bildungsroman.

Ironie und Tiefsinn kennzeichnen auch einen anderen Vertreter der Aufklärung, der seiner literarischen Produktion allerdings eine diametral entgegengesetzte Form gab: der Physiker und Publizist Georg Christoph Lichtenberg hinterließ mit seinen Aphorismen (erst posthum, 1902­1908 [!] erschienen) Dokumente eines freien, kritischen Geistes, dessen unkonventionelle Einstellung und präziser Sprachwitz heute noch aktuell sind und selbst von Satirikern unserer Tage, wie z. B. Eckhard Henscheid, als Vorbild angesehen werden.

Daß Kürze und Prägnanz für die Aufklärer besonders willkommen und erstrebenswert sein mußten, erklärt sich aus ihrem moralisch-didaktischen Anspruch (der allerdings oft auch zu Langatmigkeit und pedantischer Erklärungswut führte), und so lieferte die Fabel als traditionelle Kurzform mit lehrhaftem Inhalt ein ideales Genre, dessen sich fast alle Schriftsteller der Zeit annahmen. Den größten Erfolg hatten die Fabeln und Erzählungen Christian Fürchtegott Gellerts (1746 und 1748), die, nach dem Vorbild von La Fontaine konzipiert, durch ihren ungekünstelten Volkston in breiten Bevölkerungsschichten beliebt und über die Grenzen Deutschlands bekannt wurden.

Drei Bücher Fabeln veröffentlichte 1759 auch Gotthold Ephraim Lessing, sowie im selben Jahr eine Abhandlung vom Wesen der Fabel, in der er für Knappheit und Pointiertheit in dieser Gattung eintrat. Diese Eigenschaften kennzeichnen auf noch konzentriertere Weise das Epigramm, eine Kurzform, die seit der Antike als Mittel zur satirischen Gedankenäußerung gebraucht wurde und dem aufklärerischen Geist besonders entgegen kam. Vor allem Christian Wernicke (1660­1725), ein Vorläufer der Aufklärung und scharfer Bekämpfer des barocken Schwulstes, hinterließ ein umfangreiches epigrammatisches Werk. Lessing griff dieses Genre auf und brachte es zu einem Höhepunkt, indem er neben einer Sammlung eigener Sinngedichte 1771 auch Zerstreute Anmerkungen über das Epigramm veröffentlichte.

Lessing, der ähnlich wie Kant als großer Geist am Ende der Aufklärung deren rigiden Rationalismus teilweise überwand, war der einzige Schriftsteller, der in gleichem Maße auf literaturtheoretischem und -kritischem Gebiet sowie in der dichterischen Praxis hervorragende Bedeutung erlangte. In den Briefe[n], die neueste Literatur betreffend (1759­1765), die er stilistisch und formal prägte, setzte er sich kompromißlos mit der zeitgenössischen Literatur auseinander, wobei er vor allem die damalige Neigung zur Schwärmerei unerbittlich angriff; die Hamburgische Dramaturgie (1767­69) wurde zur grundlegenden Poetik des bürgerlichen Dramas, sie bezog nicht nur die Prinzipien der französischen Klassik ein, sondern erschloß auch den Deutschen das englische, spanische und italienische Theater.

Mindestens ebenso einflußreich waren seine Bühnenwerke: Miss Sara Sampson (1755), Minna von Barnhelm (1767), eines der wenigen deutschen Lustspiele, das bis heute Gültigkeit behalten hat, das politisch brisante und an der antiken Tragödie orientierte Trauerspiel Emilia Galotti (1772), das die Stürmer und Dränger begeisterte, und das dramatisierte 5 philosophische Lehrgedicht Nathan der Weise (1779), ein Manifest der Toleranz, das bis in unsere Tage an Aktualität nichts eingebüßt hat.

Toleranz und der unbedingte Wille, vorurteilslos nach der Wahrheit zu suchen, waren Lessings Ideale, die er mit seinen Freunden Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai teilte. Mendelssohn, dem im Nathan ein literarisches Denkmal gesetzt wurde, sah im Judentum die Vernunftreligion der Aufklärung und hat entscheidend zur Integration der deutschen Juden beigetragen, einer Integration, welcher jene von ihm bekämpften Kräfte später ein brutales Ende bereiteten. Der Berliner Verleger Nicolai machte sich durch die Herausgabe von Zeitschriften wie die schon erwähnten Briefe, die Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste (1757­60) und die Allgemeine Deutschen Bibliothek um die Aufklärung verdient. In seinen späteren Jahren polemisierte er immer schärfer gegen alle irrationalistischen Tendenzen und wurde dadurch (und durch den Umstand, daß ihm ein langes Leben und Wirken ­ er starb 1811 ­ beschert waren) zur heftig angegriffenen und sogar noch von Eichendorff verspotteten Symbolfigur eines verknöcherten Rationalismus. Der ernsthafte Vorkämpfer für Fortschritt und Toleranz wurde paradoxerweise zu einem wegen seiner Intoleranz belächelten Anachronismus.

Diese Dialektik wohnt der Aufklärung von Anfang an inne und ist bis zum heutigen Tag nicht aufgelöst worden. Als »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Kant) hat sie, längerfristig gesehen, die abendländische Welt aus den Banden von Feudalismus und Absolutismus, von Aberglaube und kirchlicher Dogmatik befreit. Die Aufklärung der Aufklärung aber, die Rückführung der Ratio auf eine Bedeutung, die dem ganzen Menschen in seiner Einheit von Körper, Geist und Seele gemäß wäre, steht noch aus; ihr Ausbleiben hat die abendländische Welt in der Polarisierung der Gesellschaft, wie sie besonders unser Jahrhundert geprägt hat, bitter zu spüren bekommen.

»Die Deutschen Klassiker«, CD-ROM. X·Libris, München 1995. Zur Epoche Aufklärung