| geschichte | pinselpark |
|
Aufklärung Als literarische Epoche erscheint die Aufklärung in Deutschland im Gegensatz zu ihrer allgemeinen Bedeutung eher arm an hervorragenden Werken und Autoren. Das hat verschiedene Gründe: zum einen kamen die Hauptimpulse aus England und Frankreich, wo Schriftsteller und Denker wie Bacon, Hobbes, Newton, Locke, Hume, Descartes, Montesquieu, Voltaire, Diderot etc. ein System begründet hatten, das auf dem Primat von Vernunft und Erfahrung basierte und zugleich das Selbstbewußtsein des Bürgertums ausdrückte, das sich von politischen und ideologischen Bevormundungen löste. In Deutschland war diese Entwicklung längst nicht so weit vorangeschritten; so gab es hier zwischen Leibniz und Kant auch kaum bedeutende Philosophen, die eigenständige Ansätze entwickelt hätten; der Beitrag der einflußreichen Professoren Christian Wolff und Christian Thomasius bestand in der Hauptsache in der Popularisierung des Leibniz'schen Gedankengutes, das z. T. einseitig oder verzerrt wiedergegeben wurde. Zum anderen liegt die literarische Dürftigkeit auch in der
Natur der Sache selbst: je mehr die Dichtung lediglich als Vehikel zur
Vermittlung der Ideale des gesunden Menschenverstands und des Tugendstrebens
dienen mußte und ihr jeglicher Selbstzweck strikt untersagt war, desto
weniger konnte sie sich als spontaner Ausdruck seelischer Regungen oder
unmittelbaren Erlebens entfalten. Folgerichtig ist ein wesentliches Merkmal
der Literatur der Aufklärungszeit das Programmatische, das sich als befruchtendes,
die Reflexion über Literatur förderndes Element in den zahlreichen theoretischen
Schriften erwies, sich aber oft auch als Konstruiertheit und Trockenheit
in Drama und Prosa bemerkbar machte Mit demselben Anspruch behandelten die damals ebenfalls aufkommenden Gelehrten- und wissenschaftlichen Zeitschriften immer häufiger auch Fragen des literarischen Geschmacks. Als zentrale Figur legte Johann Christoph Gottsched u. a. mit seinem Versuch einer critischen Dichtkunst (1729) die Poetik der Epoche fest. Klarheit und Deutlichkeit wurden nun an erster Stelle von der Literatur gefordert, die nach dem Motto prodesse et delectare ('nützen und erfreuen') das Vernünftige der Tugendhaftigkeit und die Lächerlichkeit des Lasters vor Augen führen sollte. Gottsched, der sich auch um die Vereinheitlichung und Pflege
der deutschen Sprache bemühte (Deutsche Sprachkunst von 1748) und auf
diesem Gebiet neben seinem Lehrer Christian Wolff, vor allem was die wissenschaftliche
und philosophische Terminologie angeht, bleibende Wirkung hatte, verfocht
das Ideal einer reinen Verstandesdichtung. Diese sollte durch schnörkellosen
Stil und übersichtlichen Aufbau, mit festen Gattungsnormen nach antikem
und französisch-klassizistischem Muster sowie unter Auslassung alles Unwahrscheinlichen
und Phantastischen dem Leser moralisch-sittliche Einsichten vermitteln;
in seinem Drama Der Sterbende Cato (1731), das heute schwer nachvollziehbar
über Jahrzehnte ein Erfolgsstück war, hat Gottsched seine theoretische
Position in die Praxis umgesetzt. Ein berühmter Literaturstreit entwickelte sich zwischen Gottsched und den Schweizern Johann Jacob Bodmer und Johann Jakob Breitinger (Herausgeber der Zeitschrift Die Discourse der Mahlern), die obwohl in ihrer Grundhaltung überzeugte Aufklärer die Auffassung vertraten, daß das Wunderbare in der Dichtung sehr wohl zulässig sei und sich diese nicht ausschließlich nach empirischen Wahrscheinlichkeiten richten müsse. Ebenfalls aus der Schweiz, die sich erst mit der Aufklärung als literarische Landschaft etablierte, stammte Albrecht von Haller. Dieser innerlich von religiösen Zweifeln geplagte, nach Leibniz vielleicht letzte Universalgelehrte schuf mit dem Poem Die Alpen (1733) eine Hymne auf das Leben im Einklang mit der Natur. Wenn auch im Gedankengut der Aufklärung verankert, trägt dieses Werk bereits deutlich zivilisationskritische Züge, die es als poetische Vorwegnahme der Position von J. J. Rousseau erscheinen lassen. Ein betulicheres Bild des Bürgertums gab der Züricher Salomon Geßner in seinen Idyllen (1756), die Themen seiner Zeit aus naturverbundener Perspektive in mythologischem Gewand zum Gegenstand hatten. Überhaupt nimmt die Natur eine neue Rolle im Denken und Dichten ein, die im deutlichen Gegensatz zur jenseitsgewandten Weltbetrachtung des Barock steht. Natur gilt nun als vernünftiger Gottesbeweis, wie etwa in Barthold Heinrich Brockes' Irdisches Vergnügen in Gott (17211748), der zwar noch einen biblischen Gott voraussetzt, aber bereits die Entwicklung zum Deismus vorzeichnet: schließlich wird Gott nur noch als logischer Ursprung der Schöpfung, jedoch nicht mehr als darin waltendes Wesen angenommen. Die Zuwendung zur Natur, die Bejahung des Diesseits erhielt
vor allem in der sogenannten anakreontischen Dichtung Ausdruck, der hauptsächlich
Friedrich von Hagedorn, Johann Peter Uz und Johann Wilhelm Ludwig Gleim
zugerechnet werden. Ihre Lyrik besingt das Leben und seine Freuden, preist
Wein und Geselligkeit und enthält zahlreiche erotische Anspielungen. Heiterkeit,
Leichtigkeit und Eleganz zeichnen diese meist in einer idealisierten Schäferlandschaft
spielenden Texte aus, die poetische Zeugnisse des Rokoko sind. Ironie und Tiefsinn kennzeichnen auch einen anderen Vertreter der Aufklärung, der seiner literarischen Produktion allerdings eine diametral entgegengesetzte Form gab: der Physiker und Publizist Georg Christoph Lichtenberg hinterließ mit seinen Aphorismen (erst posthum, 19021908 [!] erschienen) Dokumente eines freien, kritischen Geistes, dessen unkonventionelle Einstellung und präziser Sprachwitz heute noch aktuell sind und selbst von Satirikern unserer Tage, wie z. B. Eckhard Henscheid, als Vorbild angesehen werden. Daß Kürze und Prägnanz für die Aufklärer besonders willkommen
und erstrebenswert sein mußten, erklärt sich aus ihrem moralisch-didaktischen
Anspruch (der allerdings oft auch zu Langatmigkeit und pedantischer Erklärungswut
führte), und so lieferte die Fabel als traditionelle Kurzform mit lehrhaftem
Inhalt ein ideales Genre, dessen sich fast alle Schriftsteller der Zeit
annahmen. Den größten Erfolg hatten die Fabeln und Erzählungen Christian
Fürchtegott Gellerts (1746 und 1748), die, nach dem Vorbild von La Fontaine
konzipiert, durch ihren ungekünstelten Volkston in breiten Bevölkerungsschichten
beliebt und über die Grenzen Deutschlands bekannt wurden. Lessing, der ähnlich wie Kant als großer Geist am Ende der Aufklärung deren rigiden Rationalismus teilweise überwand, war der einzige Schriftsteller, der in gleichem Maße auf literaturtheoretischem und -kritischem Gebiet sowie in der dichterischen Praxis hervorragende Bedeutung erlangte. In den Briefe[n], die neueste Literatur betreffend (17591765), die er stilistisch und formal prägte, setzte er sich kompromißlos mit der zeitgenössischen Literatur auseinander, wobei er vor allem die damalige Neigung zur Schwärmerei unerbittlich angriff; die Hamburgische Dramaturgie (176769) wurde zur grundlegenden Poetik des bürgerlichen Dramas, sie bezog nicht nur die Prinzipien der französischen Klassik ein, sondern erschloß auch den Deutschen das englische, spanische und italienische Theater. Mindestens ebenso einflußreich waren seine Bühnenwerke: Miss
Sara Sampson (1755), Minna von Barnhelm (1767), eines der wenigen deutschen
Lustspiele, das bis heute Gültigkeit behalten hat, das politisch brisante
und an der antiken Tragödie orientierte Trauerspiel Emilia Galotti (1772),
das die Stürmer und Dränger begeisterte, und das dramatisierte 5 philosophische
Lehrgedicht Nathan der Weise (1779), ein Manifest der Toleranz, das bis
in unsere Tage an Aktualität nichts eingebüßt hat. Diese Dialektik wohnt der Aufklärung von Anfang an inne und
ist bis zum heutigen Tag nicht aufgelöst worden. Als »Ausgang des Menschen
aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Kant) hat sie, längerfristig
gesehen, die abendländische Welt aus den Banden von Feudalismus und Absolutismus,
von Aberglaube und kirchlicher Dogmatik befreit. Die Aufklärung der Aufklärung
aber, die Rückführung der Ratio auf eine Bedeutung, die dem ganzen Menschen
in seiner Einheit von Körper, Geist und Seele gemäß wäre, steht noch aus;
ihr Ausbleiben hat die abendländische Welt in der Polarisierung der Gesellschaft,
wie sie besonders unser Jahrhundert geprägt hat, bitter zu spüren bekommen.
|
|||||||||