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1500 - 2000 Voraussetzungen zum Buch:
Papier, Druck, Vertrieb, Alphabetisierung, Literarische Öffentlichkeit

Möglicherweise stehen wir an der Schwelle zum 3. Jahrtausend zugleich an einer Schwelle am Ende des Zeitraums von 500 Jahren, in den Weitergabe von Information und die Verbreitung von Wortkunst begonnen hatte, in entscheidendem Ausmaß zu einer vermittelten Weitergabe zu werden. Dieser Prozeß der Mediatisierung wurde immer stärker und war weit bis in unser Jahrhundert hinein von gedruckten Produkten, von Druckschriften und Büchern, geprägt war.

Nun war es zuerst als Folge von technologischen Entwicklungen die heute sehr weit fortgeschrittene Visualisierung, mit der dem gedruckten Produkt in Form von Foto, (Ton-)Film und Fernsehen ein mehr als mächtiger Konkurrent entstanden war; aktuell  droht eine ökonomische Maßnahme, nämlich die Freigabe des Buchpreises nunmehr auch im deutschsprachigen Raum, einen Konzentrationsprozeß zugunsten der Massenliteratur auszulösen und damit gerade die anspruchsvollen Druckwerke in den Bereichen Wissenschaft und Literatur zu treffen.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts  hatte das Papier auch in Deutschland seinen Siegeszug angetreten. Die erste sicher überlieferte Papiermühle ist die um 1390 in Nürnberg in Betrieb gegangene Gleismühle.

Nun benützte man mehr und mehr anstatt Pergament das neu auf den Markt gekommene, wesentlich leichter herzustellende und billigere Material. Der Preis von Büchern ging weiter unter die Hälfte zurück, aber noch immer schrieb man in langen Arbeitsgängen Unikate, auch wenn man schon wenige Jahre später in der Lage war, durch die seitenverkehrte Gravur von Bildern auf Kupferplatten - als mit sogenannten Kupferstichen - Illustrationen mechanisch zu vervielfältigen.

Johann Gutenberg erfand die bewegliche, d.h. die zusammensetzbare Letter, und druckte damit zwischen 1454 - 56 in Mainz seine berühmte Gutenberg-Bibel . Die Eroberung der Stadt 1462 vertrieb seine Gesellen in alle Himmelsrichtungen, und das Tempo der Entstehung neuer Druckorte ist mit dem Tempo der Entdeckung neuer Länder 30 Jahre später vergleichbar:

Straßburg und Bamberg 1460, Köln 1465, Augsburg und Basel 1468, Nürnberg 1470, Ulm und Lübeck 1473. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts hatten sich in 53 deutschen Städten Druckereien aufgetan.

Ebenso schnell ging die Verbreitung des Buchdrucks im Ausland vor sich: Rom 1465, Venedig 1459, Paris 1470, Utrecht 1473, Valencia 1473, Krakau 1474, London 1476, Stockholm 1483, Lissabon 1495.. Bis zum Ende des Jahrhunderts fanden sich in 87 italienischen, 39 französischen, 24 spanischen, 14 (heute) holländischen, 10 österreichisch-ungarischen, 7 (heute) belgischen, 4 englischen, 4  portugiesischen, 3 schwedischen, 2 dänischen, in einer montenegrinischen, zusammen in rund 250 europäischen Städten außerhalb des deutschen Sprachraums dauernd oder vorübergehend Druckereien.

Der Preis  der derart hergestellten Bücher betrug anfangs etwa 20 % von Papierhandschriften und sank weiter. Damit war innerhalb eines Zeitraums von etwas mehr als 50 Jahren der Buchpreis in zwei Sprüngen (Pergamenthandschrift - Papierhandschrift - Papierbuch) auf weniger als 10 % seines Ausgangswertes gefallen.

Das erleichterte nicht nur die Verbreitung des Buches, sondern auch die Herstellung von Flugblättern und  Flugschriften. Dennoch sollte man sich dreier Tatsachen bewußt sein:

1.Nach wie vor konnte der weitaus größte Teil sich auch diese radikal billiger gewordenen Bücher leisten,
2. noch konnte er sie lesen (geringer Alphabetisierungsgrad),
3. und zudem war ein großer - im 16. Jahrhundert der größere Teil dieser Bücher in lateinischer Sprache gedruckt. Erst 1581 gab es erstmals mehr deutsche Titel als lateinische.

Über die Zahl der im 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland gedruckten Bücher existieren keine genauen Angaben. Grundlage der bisherigen Untersuchungen sind die zu den zweimal jährlich in Frankfurt und Leipzig stattfindenden Buchmessen erschienenen Verzeichnisse der angebotenen Bücher (in Frankfurt seit 1564, in Leipzig seit 1594), die sogenannten Meßkataloge.

Dadurch konnte eine Gesamtsumme von 101.395 Titeln für die Zeit von 1601 bis 1700 (für das 17. Jahrhundert) ermittelt werden, also ein Jahresdurchschnitt von 1.014 Titeln. Man könnte ja auch noch durch 365 dividieren (Schaltjahre noch unberücksichtigt) und die scheinbare Präzision der Statistik noch weiter vorne in die Auslage stellen.

Die Fakten sind sicherlich anders zu bewerten, denn die Literatur unterlag einem “doppelten Filter”: Die Auflagen und deren Höhe sind in der Mehrzahl der Fälle nicht einmal angegeben, und wenn, dann natürlich in den seltensten Fällen irgendwie gesichert. Nur ein ganz kleiner Promillesatz der Bevölkerung war alphabetisiert und hatte Zugang zum Buch.

Mit der Erfindung des Buchdrucks hatten sich auch eine Reihe neuer Gewerbe herausgebildet (“ Arbeitsplätze”): Dies meint nicht nur die Drucker (meister und Gesellen), sondern auch die Verleger und die Buchhändler (anfangs auch “Buchführer”, weil sie mit ihrem Angebot in Sack und Pack herumzogen.

Im Verlauf des 16. Jahrhunderts bilden sich auch die literarischen Genres heraus, die die Literatur der Neuzeit in verändernder Gestalt dominieren sollten: Der Roman begann sich als selbständige Form zu etablieren, Dramen zeigten mehr als zeitsynchrone Repräsentation und differenzierten sich in Tragödie und Komödie und in Realisierungen auf weiterentwickelten, besser ausgestatteten Bühnen.

Grundsätzlich ist, wie schon in manchem angedeutet, eine schichtenspezifische Verteilung der Rezeption literarischer Texte anzunehmen: Das adelige Publikum war zum Teil lateinkundig und dürfte - und das stärker als in anderen Teilen Europas - ein Faible für die Prosaauflösungen mittelalterlicher Epen gehabt haben.

In Deutschland war, so Alfred Clemens Baumgärtner  (Lesen, S. 121), “die Beliebtheit der höfischen Epen bis in die Frühzeit des Drucks hinein, in der sie weiter verbreitet werden, so ungebrochen, daß der neue heroisch-historische Roman sich an diese Tradition unmittelbar anschließt. Diese Literaturgattung, im Umfang nicht eben bedeutend, ist aber die einzige, die sich mit der neuen höfischen Kultur des aufsteigenden Absolutismus verbindet.”

Eine entwickelte Lesekultur wird man dennoch auch für die kleineren und größeren deutschen Fürstenhöfe nicht annehmen dürfen. Im 17. Jahrhundert drang gedruckte Literatur aus Frankreich in größerer Menge m die deutschen Schlosser ein. Wenn die höheren Stände Bücher lasen, so waren es ganz überwiegend französische, im Südosten des Sprachgebietes auch italienische, Medien der allein gültigen Bildung und standesgemäßen Unterhaltung.

Die sogenannten Sprachgesellschaften - wie die  Fruchtbringende Gesellschaft (1617 bis 1680) - hat mit ihren Anstrengungen, die deutsche Sprache salonfähig zu machen, vorderhand wenig Erfolg.

Bauern waren, schon mangels Kenntnis in Lesen und Latein, Randfiguren des literarischen Geschehens und auf das Vorlesen von Texten oder die kursorische Wahrnehmung aktionsreicher lateinsprachiger Theaterproduktionen zurückgeworfen, die prestigeträchtige und die gesellschaftliche Hierarchie ebenso abbildenden wie sie wiederum stabilisierenden Aufführungen der Jesuiten und Benediktiner.

“Wir wissen nicht,” so abermals Alfred Clemens Baumgärtner  (LESEN, S. 122),  “wie weit die Fähigkeit des Lesens überhaupt in der Bevölkerung des 16. und 17. Jahrhunderts verbreitet war.

Für das elisabethanische England lauten Schätzungen auf ein Drittel bis eine Hälfte Lesekundiger, in Deutschland war ihr Anteil aber sicher kleiner, da das Schulsystem weniger ausgebaut war.” Ich persönlich neige vor allem vor dem Hintergrund der anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen dazu, für das Deutschland unserer Epoche den durchschnittlichen Alphabetisierungsgrad nicht höher als 10 bis 20 Prozent anzunehmen.

In der Leserschaft des sich formierenden Bürgertums verbreiteten sich: die von Generation zu Generation vererbten Familienbibeln, dazu Andachts-, Gebet- und Gesangbücher und Katechismen. Alles wurde vorgelesen, und wieder und wieder gelesene Wiederholungslektüre war selbstverständlich bei der Bibel die Weise der Lektüre schlechthin, die von den meisten täglich in Abschnitten und so im Laufe des Lebens viele Male ganz gelesen wurde.

Die (lateinische) Literatur der Humanisten befaßte hauptsächlich eine aus dem Bürgertum hervorgehende dünne Schicht von wissenschaftlich Gebildeten, der Professoren und gelehrten Hofbeamten: “Aus dem Bürgertum hervorgegangen, schlossen sie sich wie ein Orden durch die eifersüchtige Bewahrung ihres Bildungsprivilegs ab, dessen Ausdruck die lateinische Sprache war. Wie gut es ihnen gelang, auf ihrem Feld die Emanzipation der Volkssprache aufzuhalten, zeigt der Umstand, daß erst von 1681 an die deutschsprachige Buchproduktion die lateinische allmählich überholte.”

Wie unsicher die überlieferten Daten sind und wie schwierig sie zu interpretieren sind, zeigt sich in der Tatsache, daß Alfred C. Baumgärtner den Zeitpunkt, mit dem die deutschsprachigen Bücher die lateinischen überholt haben, rund 100 später ansetzt als Monika Ammermann-Estermann. Die folgenden Zahlen, einschließlich der kritischen Notate, fußen auf Forschungen dieser Kollegin:

Von den angeblichen rund 100.000 Titeln  erschienen 58.773 in Latein, also 58 Prozent, 38.147 in Deutsch und 4475 in anderen Sprachen. Dies bedeutet, daß selbst für den alphabetisierten, aber nicht fremdsprachenkundigen (Latein, Französisch, Italienisch, Englisch) Teil der Bevölkerung nur etwa ein Drittel der angeblich angebotenen Titel prinzipiell zum Lesen offenstand.

Aber auch unter mehreren anderen Aspekten sind diese Zahlen, auf der Basis von Schwetschkes Codex nundinarius errechnet, trügerisch. Zum einen besitzt man kaum Daten, die die Anzahl von Lesern pro Exemplar (authentisch als Leser und sekundär als Zuhörer beim Vorlesen) auch nur schätzen lassen; sie ist aber mit Sicherheit höher anzunehmen als heute.

Niemand wußte besser als die (römisch-katholische)  Kirche um diese Voraussetzungen: Sie propagierte ihren Standpunkt und ihre Interessen nicht nur mit den Mitteln gesprochener Nationalsprache durch Multiplikatoren, die predigenden Geistlichen innerhalb und außerhalb der Kirchen. Sie zeigte sich auch innovativ und geschickt in der Installierung komplexer Zeichen, von Bild-Wort-Kombinationen.

Bei der Behandlung des Ordensdramas werde ich in dieser Vorlesung auf die implizite Anlage einer “zweifachen Rezeption” eingehen: auf das elaborierte Aufführungsverstehen einer lateinkundigen Elite einerseits, und auf den in peripherer Kenntnis des sprachlichen Inhalts unsicher durch die Aufführungen taumelnden, auf die drastischen Aktionen der Inszenierungen hingewiesenen lateinunkundigen Teil der Bevölkerung andererseits.

Auch über das engere Feld der  Literatur hinaus kann man für die katholische Kirche klar eine Konzentration auf Bild- bzw. bildassistierte Information diagnostizieren: Da wurden sogenannte “Armenbibeln” - darunter auch schon  die “Salzburger Armenbibel” aus dem späten 14. Jahrhundert - gedruckt, in denen bildgeschichtenhaft in quantitativer Hinsicht der Bildtext den (lateinischen) Worttext übertraf; da spricht man - mit Blick auf die barocken Kirchen und deren Gestaltung - für den süddeutsch-katholischen Raum des 17. Jahrhunderts geradezu vom “Bildbarock” im Gegensatz zu einem (nördlichen) “Wortbarock”.

Zum anderen ist zu bedenken, daß die Meßkataloge Buchhandelsverzeichnisse waren, die der Information und Werbung dienten, die aber auch zur Kontrolle durch die staatlichen und kirchlichen Aufsichtsbehörden (Bücherkommissionen) angelegt waren.

Jüngere Untersuchungen haben die Schwächen dieser Meßkataloge sichtbar gemacht: Wegen ihrer Werbefunktion wurden dort Titel als Neuerscheinungen angekündigt, die bereits längst auf dem Markt gewesen sind, oder auch Titel, die nur geplant waren.

In diesen Katalogen sind bestimmte Literaturgruppen vertreten, fast ausschließlich solche, die in den hierarchischen Aufbau der akademischen Disziplinen passen.  Kasualschriften, gelehrte Schriften wie Disputationen, volkssprachige Literatur im weitesten Sinne bis hin zu den Kalendern wurden nicht angezeigt. Damit relativieren sich die Zahlen erheblich.

Alberto Martino hat festgestellt, daß von den in den Meßkatalogen im Jahresdurchschnitt angekündigten 1014 Titeln tatsächlich nur etwa 500  - also weniger als die Hälfte ! - erschienen sind.

Es sollte wenig verwundern, wenn auch schon der frühe Kapitalismus (Verkaufs-)  Daten manipuliert hätte; und nichts davon wäre im strikten Sinn mittelalterlich: Erst vor weniger als einem Monat hat in Österreich eine fernöstliche Automobilmarke die heimische Erstzulassungsstatistik damit verfälscht, daß sie ihre Vertragshändler angewiesen hat, Dutzende von Autos an- und am gleichen Tag wieder abzumelden

Heute verdrängen die herkömmlichen Bücher elektronische Texte, wobei einstweilen die Bücher noch immer Vorteile haben.

Das Buch, zumal das Taschenbuch, findet in der Manteltasche und der Handtasche Platz, man kann es in der Bibliothek, im Zug und auf dem Bauch liegend auf der Wiese lesen, man kann vor- und zurückblättern (richtig Blättern meine, mit Papierseiten zwischen den Fingern, und nicht mit page-up und page-down die Bildschirmoberfläche verändern!), und man kann auch Pause machen und ein Lesezeichen einlegen, ein richtiges, ein richtig schönes aus Seide oder einen Busfahrschein. Und Bücher können zwar aus dem Leim gehen, und sie sind nicht kaffeeabweisend, aber irgendwie bleiben sie fast immer lesbar und stürzen so gut wie nie ab.

Trotzdem sollte die Liebeserklärung an das Buch nicht unbedingt in die Monogamie münden.

Auch im universitären Lernen und Lehren hat sich in den letzten Jahren cieles verändert:

- Ein beträchtlicher Teil der Studierenden studiert neben einem Beruf und/oder pendelt mehrmals wöchentlich zwischen Wohn- und Studienort,

- Diese Studenten kommen nicht “automatisch” auf dem Weg von der Vorlesung in die Cafeteria bei einer Buchhandlung während der Öffnungszeiten vorbei, wo sie in Ruhe stöbern, bestellen und die bestellten Bücher drei Tage später wieder abholen können. Dann wenn sie noch am ehesten Zeit haben, am Abend, schließen die langsam die Bibliotheken und gehen die letzten Züge und Busse nach Kleinkleckersdorf und Hintertupfing.