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1500 –1600 Weltbildveränderung durch Religon und Wissenschaft

Die politische, religiöse und kulturelle Entwicklung Deutschlands ist nur in einigen Aspekten eine recht spezifisch deutsche, und selbst diese Spezifika sind zumeist aus einem gesamteuropäischen Zusammenhang besser zu verstehen. In vielen anderen Aspekten ist die deutsche Entwicklung einfach Teil einer europäischen Entwicklung.

Hier wird die Veränderung der europäischen Situation bzw. die Veränderungen der universalen Situation aus “eurozentrischer” Sicht in knappen Strichen dargestellt. Eine sehr kritische Position zum Vorgehen der katholischen Kirche erscheint in diesem Zusammenhang wissenschaftlich unvermeidbar.

Für das Hochmittelalter kann man die Weltsicht unserer europäischen Vorfahren mit ein paar Schlagworten vielleicht wie folgt beschreiben:

1. In einem geozentrischen System sah man die Erde als Scheibe (“Diskus”) und zugleich als den Mittelpunkt des Universums, um den herum sich andere Himmelskörper bewegen.
2. Papst Bonifaz VIII versuchte Anfang des 14. Jahrhunderts in einer Bulle die absolute Interessensidentität von Kirche und Staat festzulegen.
Wie das gesamte Leben wurde auch das wissenschaftliche System christlich-religiös fundiert und regiert. Dieser Absolutheitsanspruch traf freilich kaum auf Kritik.
3. Den beiden Spielarten des Christentums, der römisch-katholischen Kirche unter dem Papst in Rom und der byzantinischen unter dem Patriarchen von Konstantinopel, entsprechen zwei Kaiserreiche: das Heilige römische Reich deutscher Nation und das Byzantinische Kaiserreich.
4. Wo die Welt wirklich “aufhören” würde (Scheibenrand), war eher unklar und umstritten. Einerseits gab es Kunde von einem “Indien” und fernen Ländern mit einem ungeheuren Reichtum an Gewürzen, andererseits wurde auch Marco Polos Ende des 13. Jahrhunderts erschienener Fernost-Reisebericht vielfach als Produkt von Erfindungen und Übertreibungen abgetan.
5. Unter dem tatsächlichen oder vorgeschobenen Grund, Palästina als sogenannten “Heiliges Land” aus den Händen der Heiden “befreien” zu müssen, agierten in den Kreuzzügen vor allem die römisch-katholisch dominierten Staaten offensiv als imperialistische Aggressoren.

Um den Beginn der Neuzeit veränderte sich nicht nur die Landkarte Europas drastisch, sondern damit in einem die der ganzen Welt (Entdeckung Amerikas). In Europa zeigten sich große Risse in der römisch-katholischen Kirche, in Wissenschaft und Kultur - auch in der Literatur -  bildete sich zum Teil der beginnende Emanzipationsprozeß der Gesellschaft mit seinen Auseinandersetzungen und Widersprüchlichkeiten ab, um 1550 zeigte sich ungefähr folgendes Bild:

Das Heilige römische Reich deutscher Nation war zwar in seinem territorialen Bereich nur wenig verändert, aber im Inneren durch den zunehmenden Machtanspruch der Fürsten nicht unerheblich geschwächt: So wurde Luther sowohl vom Papst exkommuniziert als auch von Kaiser Karl V unter Reichsbann getan, konnte aber seine Tätigkeit ohne allzu große Schwierigkeiten fortsetzen. Die sich rasch ausbreitende Reformation trug zumindest mittelbar zu Bauernaufständen bei, mit denen Luther weniger, Thomas Münzer sehr stark sympathisierte.
Zwischen 1524 und 1526 kam es in weiten Teilen des süddeutschen Raumes, aber auch im Rheinland, in Sachsen und in Ostpreußen zu massiven Aufständen von allerdings schlecht bewaffneten und ebenso organisierten Bauernhaufen, die von den Fürsten mit Brachialgewalt niedergeschlagen wurden.
Ein regelrechter kriegerischer Konflikt zwischen katholischen und protestantischen Parteien konnte im Frieden von Augsburg 1555 beigelegt werden, freilich nur vorläufig: Die Religion des jeweiligen Landesherrn (“cuius regio eius religio”) sollte jeweils auch für die Untertanen bestimmend sein.
Im 14. Jahrhundert waren auch nördlich der Alpen die ersten Universitäten gegründet worden: Prag 1348, Krakau 1364, Wien 1365, Fünfkirchen 1367. Natürlich standen diese Universitäten unter kirchlicher Kontrolle, ja waren kirchliche, zum Großteil jesuitische Ordensuniversitäten. Denken und Wissen wurden aber auch unter diesen eingeschränkten Bedingungen gefördert, und es scheint kein Zufall, daß ein früher religiöser Querdenker wenige Jahre später gerade aus  dem Raum kommt, der von diesen frühen Gründungen als geographischen Eckpunkten umrissen werden kann.

Bereits Anfang des 15. Jahrhunderts hatte der tschechische religiöse Reformer Jan Hus (1372 - 1415), der später auf dem Konzil von Konstanz 1515 in einem mehr als unfairen Prozeß zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, mit seinen Akzentuierungen beträchtliche Unruhe in die christliche Welt gebracht.
Die Vollstreckung des Urteils von Konstanz hatte der Hussitenbewegung (“Utraquismus”) in Böhmen und Mähren kräftigen Auftrieb verschafft. Das Utraquismus-Verbot von König Wenzel IV. 1419 führte zu einer Revolte und schließlich zu den sogenannten Hussitenkriegen:
Aber mehrere Invasionsarmeen, schließlich selbst eine päpstliche Kreuzzugsarmee von 90.000 Mann Infanterie und 40.000 Mann Kavallerie konnte die tschechisch-hussitische Armee nicht besiegen. Erst 1627 wurden alle Nicht-Katholiken geächtet.
In der Schweiz  verbreitete sich die Reformation in vom Lutherismus etwas abweichenden Versionen, getragen von Ulrich Zwingli und Johann Calvin, vor allem in den großen Städten, während die ländlichen Regionen jedenfalls vorerst katholisch blieben.
In Münster kam es unter Johann von Leyden kurzfristig zu einem religiös-politischen Radikalexperiment eines Wiedertäuferkönigreichs mit anarchokummunistischen Akzenten (Aufhebung des Privateigentums, Polygamie), das aber bald brutal militärisch zerschlagen wurde.
2 Mitten im deutschen Kaiserreich, in Wittenberg, hatte Martin Luther am 31. Oktober 1517 (bis heute der “Reformationstag” bei den lutherischen Protestanten) seine 95 Thesen angeschlagen. Damit hatte das Ende des Zeitalters der römisch-katholischen Einheitsreligion in weiten Teilen der Westhälfte Europas begonnen.
In England hatte die katholische Kirche unter Einfluß von Thomas More und Erasmus von Rotterdam bereits einen leisen Reformprozeß begonnen, und als der Papst König Heinrich VIII die Scheidung von seiner Frau Katharina nicht gestattete, erklärte sich der Monarch kurz und bündig zum Oberhaupt einer unabhängigen Kirche von England.
Der König sicherte seine Maßnahmen durch ein Gesetz ab und säkularisierte die Klöster, zu einem guten Teil in seine eigene Tasche. Aufflackernder Widerstand wurde unterdrückt, in manchen Fällen auch durch Exekutionen.
Auch das religiöse Grundkonzept wurde vom Katholizismus abgesetzt und entwickelte sich unter Heinrichs Nachfolger Eduard IV mehr und mehr in Richtung der kontinentaleuropäischen Reformation. Königin Elizabeth I. gelang es durch vorsichtiges Agieren, einen Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten zu vermeiden, und konnte mit der englischen Flotte unter Admiral Francis Drake auch den Versuch einer spanischen, gegenreformatorisch motivierten Invasion durch die große Armada erfolgreich abwehren.
Johann Calvin hatte in Genf - das nicht wenige Exilanten aus Frankreich beherbergte - 1555 ein autoritäre religiöses Stadtkönigreich errichtet. das auch die Inquisition benutzte: Michel Servet wurde 1553 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. An der neue errichteten protestantischen Akademie ließ Calvin politisch-religiöse Missionare in größerer Zahl trainieren, die schließlich vor allem in  Frankreich tätig wurden und die Hugenotten-Bewegung erzeugten (ab etwa 1559 - Synode von Paris; der Name “Hugenotten” ist wahrscheinlich entstanden aus einer französischen Verballhornung des deutschen Worts “Eidgenossen”, aus Genf importiert).
Rasch kam es zwischen den Hugenotten und den Katholiken zu in den 60er- und 70er-Jahren anhaltenden, dann bis 1598 immer wieder aufflackernden kriegerischen Auseinandersetzungen, die in diesem Jahr mit dem Edikt von Nantes von Heinrich IV beigelegt wurden.
Im 17. Jahrhundert wurden ihre Rechte wiederum schrittweise reduziert, 1685 wurde das Toleranzedikt von Nantes zur Gänze aufgehoben, und ca. 400.000 in die Illegalität gedrängte Protestanten wanderten aus, vor allem nach Preußen, die Niederlande, die Schweiz und nach Nordamerika.
1563 kam es zur Gründung der Vereinigten Niederländischen Reformierten Kirche unter Guido de Bray, die danach unter dem spanischen Gouverneur Herzog Alba härtester Verfolgung ausgesetzt war. Diese Oppression führte zum Aufstand gegen Spanien, 1568 ausgehend von den Provinzen Holland und Zeeland, der schließlich nach Jahrzehnten die Niederlande in die Unabhängigkeit führten.
Die Inquisition bestand in der katholischen Kirche im Grunde seit dem frühen 12. Jahrhundert und erfaßte mit Ausnahme Skandinaviens und Englands alle katholischen Länder. In Spanien war es das Königspaar Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien das vom Papst die Aktivierung der Inquisition erbat und 1478 auch von Sixtus IV das Recht erhielt, Inquisitoren zu ernennen und zu entlassen:
Der Hintergrund war wohl im finanziellen und sozialen Aufstieg lange in Spanien ansässiger (sephardischer) Juden zu suchen, der Vordergrund natürlich in der Reinhaltung des katholischen Glaubens. Viele dieser Juden waren längst zum Christentum konvertiert (conversos, Marranos), standen aber  - zum Teil nicht zu Unrecht - in Verdacht, im Privatbereich das Judentum nach wie vor zu praktizieren.
Ausgerechnet im Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492 - sephardisches Geld hatte bei der Finanzierung der Expedition durchaus eine Rolle gespielt - dekretierte das Königspaar das Verbot der Juden, was einerseits eine Auswanderungswelle, andererseits eine neue Welle der Konvertierung zur Folge hatte. Der türkische Sultan zeigte sich weitaus toleranter als seine christlichen Monarchenkollegen und gestattete vielen dieser Flüchtlinge die Niederlassung auf osmanischem Staatsgebiet.

Der Dominikaner Tomas de Torquemada war in Spanien schon 1483 mit päpstlicher Bestätigung zum Generalinquisitor bestellt worden; während seiner Amtstätigkeit wurden ungefähr 100.000 Prozesse durchgeführt und etwa 2000 Todesurteile vollzogen.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts begann in Spanien auch eine Kampagne gegen maurischen Moslems, denen wie den Juden ursprünglich Religionsfreiheit zugesichert worden war: Vor die Alternative “Vertreibung” oder “Taufe” gestellt, entschied sich die Mehrzahl für den Übertritt zum Christentum, wurde aber ein brauchbares Opfer für die Inquisition. Die verbleibenden Reste dieser Bevölkerungsgruppe erwiesen sich als “nicht assimilierbar” und wurden ein Jahrhundert später aus Spanien vertrieben.
3  Im Spätmittelalter hatte sich das Osmanische Reich rasch und beträchtlich vergrößert, und das Byzantinische Reich ebenso beträchtlich dezimiert. Konstantinopel, bis dahin auch eine der Kulturhauptstädte Europas, war zuerst nur mehr als Enklave ohne Hinterland übriggeblieben und schließlich doch 1453 erobert worden.
Aus der Hagia Sophia, der griechisch-orthodoxen Kathedrale, wurde eine Moschee, in unmittelbarer Nachbarschaft bald eine prächtige zweite neue, die Sultan Ahmed (blaue Moschee). Eine neue, nicht minder interessante Kultur hatte sich am Bosporus etabliert, die Elemente der lokal vorgefundenen und im Laufe der Zeit auch entfernterer christlich-europäischer  Kulturen wurden absorbiert und zu einer neuen faszinierenden Symbiose gestaltet.
Um 1520 reichte das Osmanische Reich bereits im Süden bis Lybien und im Nordwesten bis an den Plattensee, 1529 standen die Türken erstmals vor Wien, die Invasoren der Kreuzzüge waren zu Angegriffenen durch den Halbmond geworden.
Die Türkei war die Großmacht schlechthin im Mittelmeerraum und im südöstlichen Europa. Damit lebten dort Hunderttausende von Christen unter der Herrschaft des Sultans, eines moslemischen Monarchen, und in einem Staat mit dem Islam als Staatsreligion.

In ein und der gleichen historischen Phase erschütterte eine ganze Reihe von zum Teil direkt, zum Teil indirekt zusammenhängenden Entwicklungen die christlich-katholisch/griechisch-orthodox fundierte abendländische Welt:
- Die Reformation hatte sich in einer ganzen Reihe von Ländern durchgesetzt (Großbritannien, Niederlande, Schweiz, Skandinavien), in anderen große Bevölkerungsgruppen gewonnen (Deutsches Reich) und eine fragile Übergangssituation geschaffen. Damit war das Risiko der Herstellung eines stabileren Zustandes freilich nur ins nächste Jahrhundert, in den 30jährigen Krieg verschoben worden.
- Der religiös-politische Machtkampf wurde vor allem vonseiten der katholischen Kirche und der katholischen Fürsten (aber nicht nur von ihr, von ihnen - vgl. z.B. Johannes Calvin!) unter Einsatz autoritärer und autoritärster Mittel betrieben (Zwangstaufe, Vertreibung, Folter, Exekution).
- In manchen Staaten wurden politisches und religiöses System derart tatsächlich gefestigt (z.B. Spanien), in anderen wurde das Gegenteil einer Konsolidierung von religiöser und politischer Herrschaft erreicht (z.B. den Niederlanden).
- Im Südosten Europas war mit Byzanz ein christliches Kaiserreich zur Gänze von der Landkarte verschwunden und eine islamische Monarchie an seine Stelle getreten, die sich mehr und mehr gegen Mitteleuropa vorschob. Hätte sich der türkische Sultan das cuius-regio-eius-religio-Prinzip zu eigen gemacht, wäre in den betroffenen Gebieten Europas mit der Ausrottung des Christentums bzw. mit Massenvertreibungen zu rechnen gewesen.
- Migrationsbewegungen entstanden sowohl durch direkten Zwang (z.B. die Vertreibung der Hugenotten), als auch indirekt durch das cuius-regio-eius-religio-Prinzip des Augsburger Friedens von 1555: Es blieb in vielen Fällen nur die Wahl zwischen dem Wechsel der Religion oder der Auswanderung in ein Land, dessen Herrscher sich zur Religion der Migranten bekannte.
In ihren Versuchen, durch repressive Methoden die freie Entfaltung der Wissenschaften aufzuhalten, erreichte sie im Wissenschaftsbereich vielleicht einige Verzögerungen, produzierte mit Sicherheit einige Opfer und einen wesentlichen Beitrag, sich unter den politisch offeneren Bedingungen der beginnenden Neuzeit auf Jahrhunderte hinaus ins Abseits zu manövrieren.