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1500 - 1600 Hexenverfolgung und Strafrecht

Die grundlegende Intention wie die Wirklichkeit des absolutistischen Strafsystems finden ihren markantesten sozialhistorischen Ausdruck in der Hexenverfolgung. Ihre christlich-theoretische Grundlage erhält sie mit der päpstlichen Hexenbulle von 1484 und dem Malleus Maleficarum von 1487. Diese Dokumente leiteten den Höhepunkt des Hexenwahns ein, der bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts anhielt und sich durchaus nicht auf den Katholizismus beschränkte.

In dieser Zeit wird die Hexenverfolgung gegenüber dem Mittelalter auf eine scheinrationale Grundlage gestellt, indem genaue Richtlinien für die Erkennung und Behandlung der Hexen bis zu ihrer Hinrichtung gegeben werden.

Daß der aus dem Mittelalter überkommene Massenwahn sich bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein trotz der zunehmenden Rationalisierung des Denkens und der staatlichen Organisation nicht nur hat erhalten können, sondern mit seiner Systematisierung sich auch noch gesteigert hat, ist ein Indiz für das Bemühen des absolutistischen Staates, seine natürlichen und gesellschaftlichen Grundlagen durch rationale Beherrschung in den Griff zu bekommen, und es ist gleichermaßen Ausdruck seiner realen Unfähigkeit, dieses Ziel zu erreichen. Die religiösen Ursprünge des Hexenwahns werden zusehends durch seine soziale Funktion überformt.

Gewiß hatte er auch handfeste ökonomische Motive; von seiner Rolle im Rahmen des gesellschaftlichen Stabilisierungsprozesses her läßt er sich jedoch verstehen als Kampf gegen eine aufbegehrende Natur, die sich nicht restlos unterdrücken läßt . Die Hexen werden verantwortlich gemacht für Seuchen und Mißernten, für wirtschaftliche Krisen und für alle Unfälle des täglichen Lebens, die aus der Vorstellung einer geordneten Welt herausfallen.

Natürliche (naturwissenschaftliche) Erklärungsmodelle wurden zum Teil nicht in Anspruch genommen, standen aber zum Teil auch noch gar nicht zur Verfügung.  Ein übernatürlicher  Erklärungsmechanismus könnte aber auch gerne zur kirchlichen und staatlichen Herrschaftssicherung mobilisiert worden sein.

Den Hexen wurde aber auch die Funktion von Repräsentanten einer unbeherrschten Sexualität zugewiesen, die den als bedrohend empfundenen Aufstand der Natur im menschlichen Körper indizierte und die durch die gesellschaftlichen Zwänge zur Selbstdisziplinierung zunehmend domestiziert werden mußte. Die unbegriffenen natürlichen wie gesellschaftlichen Widerstände, die sich dem Bemühen um eine absolute Ordnung und Beherrschung der Wirklichkeit entgegenstellen, werden in der Figur der Hexe personifiziert und damit dem ordnungsstiftenden Zugriff ausgesetzt.

Daß der Hexenwahn nicht nur eine Entartungserscheinung des absolutistischen Systems war, sondern eine seiner konsequentesten Ausdrucksformen, zeigt sich an der Schwierigkeit, gegen ihn anzudenken: Selbst ein so engagierter Vorkämpfer gegen die Hexenverfolgung wie der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld (1591 bis 1635)  argumentierte in der Cautio criminalis (1631) nicht gegen das Prinzip, sondern kritisierte das Verfahren, dessen Ermessenspielräume für die Richtern beim sog. “Beweisverfahren” auch nach Auffassung Friedrich von Spees noch immer zu groß waren.

Vielleicht legt von Spee sich diese Beschränkung in der Argumentation ans Zensur- und Wirkungsgründen auf; am Ende aber wohl doch, weil er dem Denken seiner Zeit nicht um ein gutes halbes Jahrhundert vorauseilen kann. Das Instrument, das dem absolutistischen Staat - und nicht nur diesem - den unmittelbarsten Zugriff auf das Individuum erlaubt, ist das Strafrecht und das System der Strafen.

Das strafrechtliche Denken im Deutschland des 17. Jahrhunderts wird eindrucksvoll repräsentiert durch den sächsischen Richter und Rechtslehrer Benedikt Carpzov (1595 bis 1666) . Carpzov formulierte in seiner Practica nova Imperialis  Saxonica rerum criminalium (1638) in Weiterführung der Criminalis Carolina (1532) die Grundgedanken eines Strafrechtssystems; das auf der noch christlich unterbauten deutschen Souveränitatslehre basierte: Das Verbrechen erschien ihm als Verletzung der herrscherlichen und in einem damit der staatlichen Souveränitat; es ist so direkte Auflehnung gegen den Willen Gottes.

Hauptzweck der Strafe war entsprechend die Wiederherstellung der verletzten Würde Gottes und des Staates. Die Strafe bestand zumeist in der Verstümmelung des Täters - die auch zugleich seiner Brandmarkung und damit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft diente - oder in der Hinrichtung; die Folter als Mittel zur Erzwingung eines Geständnisses, das meist allein als vollgültiger Beweis anerkannt wurde, blieb ein zentrales Institut des Strafprozesses.

Die Schwere der körperlichen Strafen war nicht nur Ausdruck einer allgemeinen Körperverachtung des Barock, die sich in den Kriegshandlungen ebenso manifestierte wie in der Vergänglichkeits- und Verfallsmetaphorik der Literatur; sie dokumentierte zugleich den Absolutheitsanspruch des absolutistischen Staates, der die Durchsetzung seiner Rechte gewaltsam erzwingen würde