|
|
|
Geschichte
Häresie
Allgemein
Sie beginnt im 10. Jh. in Bulgarien mit der Lehre der Bogomilen, die
als neumanichäisch bezeichnet wird.
Die Anhänger dieser Lehre lehnten den Reichtum und die irdischen
Güter ab und betrachteten die Armut als höchste Tugend; einige
von ihnen negierten auch das Privateigentum. Sie verwarfen ebenso den
kirchlichen Kult, die Sakramente, die Reliquien, die Ikonen und das
Kreuz; Kirchen und Klöster hielten sie für Fronhöfe des
Teufels. Nach der Eroberung Bulgariens durch Byzanz nahmen die Bogomilen
aktiv an den Aufständen gegen die Machthaber teil. Deshalb und
wegen ihrer Lehre wurde das Anathema (der Kirchenbann) gegen sie ausgesprochen,
sie wurden ins Gefängnis geworfen, deportiert, ihre Führer
auf dem Scheiterhaufen verbrannt und ihr Eigentum konfisziert. Ihre
größte Verbreitung erreichten sie im 12./13. Jh. in Bulgarien
und Bosnien und hielten sich bis zum Ende des 14. Jh. auf dem Balkan
und in Kleinasien.
Im 11. Jh. erhob sich eine neue Welle häretischer Bewegungen in
Italien und Frankreich, die in erster Linie gegen das Papsttum und die
kirchliche Hierarchie gerichtet war und die Rückkehr zu den Traditionen
des Urchristentums predigte. Die Häretiker forderten die strenge
Einhaltung des biblischen Gebots: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht
essen." Ihre Anhänger waren Bauern und Handwerker.
So trat um 1000 in einem Dorf der Champagne ein Bauer Namens Leuthard
auf, der in der Kirche das Kruzifix zerschlug, die Zehntzahlung für
überflüssig erklärte und Zweifel an der Richtigkeit der
Aussagen in Büchern des Alten Testaments äußerte. Als
der zuständige Bischof gegen ihn vorging, brachte er sich selbst
um. 1022 entdeckte man Häretiker, unter denen sich diesmal auch
gebildete Geistliche befanden, in Orléans (und Toulouse; die
Anhänger dieser Bewegung "bekannten sich offensichtlich zur Lehre
der Manichäer", die verbrannt wurden. Drei Jahre später mußte
sich eine Synode in Arras mit Ketzern auseinandersetzen, denen ein Italiener
die Lehren übermittelt hatte. Sie lehnten ebenfalls die kirchlichen
Sakramente ab, kritisierten die Habsucht des Klerus und wollten entsprechend
den apostolischen Normen der Welt entsagen sowie von ihrer Hände
Arbeit leben. (Eine Häresie ähnlichen Charakters verbreitete
sich ebenso in Deutschland, und zwar im Raum von Köln und Bonn.
In den vierziger Jahren des 11. Jh. faßte man erneut ketzerische
Bauern in der Champagne. Außerdem wurden 1028 in Oberitalien in
der Burgsiedlung Monteforte bei Turin Ketzer entdeckt, die überwiegend
adliger Herkunft waren.
Die Empörung über das Verhalten der kirchlichen Hierarchen,
deren Käuflichkeit und Lasterhaftigkeit zeigte sich auch in der
Bewegung der Patarener in Mailand. Diese von der breiten Masse der Stadtbevölkerung
getragene Bewegung war 1057 durch das Wirken zweier Geistlicher, des
Ariald und des hochadligen Capitane Landolf, ausgelöst worden.
Die Pataria verurteilten die Simonie sowie die Anhäufung von Reichtümern
durch die Kirche, und sie forderten die Ehelosigkeit des Klerus. Sie
vertrieben den Erzbischof und schlossen die Kirchen. Am Anfang unterstützte
der Papst Alexander II. sie im Rahmen der kirchlichen Reformbestrebungen,
später wandte er sich ab. Der Diakon Ariald wurde vom Klerus ergriffen
und umgebracht. Die Patarener wurden verfolgt und aus Mailand vertrieben
(1075)
Bei der Unterdrückung dieser Bewegungen fanden erstmalig Massenhinrichtungen
von Häretikern durch Verbrennung statt. 1022 in Orléans
waren es zehn Ketzer, in Köln und Bonn in unbekannter Zahl und
1034 in Mailand der Gerardo de Monteforte und viele seiner Anhänger.
Im 11. Jh. wurde die Hinrichtung von Ketzern in den Ländern Europas
zu einer gewohnten Erscheinung.
Wenn die dualistische Ketzerei während der zweiten Hälfte
des 11. Jh. im Einflußbereich der römischen Kirche offenbar
an Bedeutung verlor, so hängt das wahrscheinlich mit der Popularität
der Forderungen nach einer Kirchenreform in jenen Jahrzehnten zusammen.
Die Reformbestrebungen wurden dabei von einzelnen Klöstern und
Äbten unterstützt wie z.B. durch die Kluniazenser (so benannt
nach dem Kloster Cluny, gegründet um 910, in Frankreich), die sich
gegen die weltliche Investitur kirchlicher Hierarchen wandten, die diese
zu Vasallen weltlicher Herren machte; sie verurteilten die Simonie,
die nach einem Ausdruck des Papstes Gregor VII. die Kirche zu einer
Prostituierten im Dienste des Teufels machte. Sie prangerten die Verwilderung
der Sitten und die Gier nach weltlichen Reichtümern bei den Klerikern
und Mönchen an und forderten eine Reform der Klöster auf der
Grundlage einer strengen Regel, deren Unabhängigkeit von der weltlichen
Feudalität und der lokalen Weltgeistlichkeit, die strenge Einhaltung
der Ehelosigkeit der Mönche, Demut, Gehorsam und den Verzicht auf
persönliches Eigentum. Die kluniazensische Reform wurde vom hohen
Adel unterstützt, der seinerseits die ihr zugehörigen Klöster
seinem Einfluß unterzuordnen suchte. So gerieten viele reformierte
Klöster in Abhängigkeit von örtlichen Herren, die sie
mit Boden- und Waldschenkungen bedachten.
Gegen Ende des Jahrhunderts entstanden neue Mönchsorden wie die
Prämonstratenser, die Zisterzienser oder die Karthäuser, wobei
letztere sich durch strenge Regeln auszeichneten, insbesondere der Karthäuserorden.
Anfang des 12. Jahrhunderts predigten in Südfrankreich Peter von
Bruis und Heinrich der Mönch, die die kirchlichen Sakramente, die
Kindertaufe, die Verehrung des Kreuzes und das Alte Testament ablehnten.
Zu dieser Zeit lehrte der Theologe Peter Abälard in Paris, der
in seiner Schrift "Sic et non" ("Ja und Nein", 1122) der Vernunft
den Vorrang vor dem Glauben gab und das Recht der Gläubigen verkündete,
auch kirchliche Autoritäten anzuzweifeln. Das rief Bernhard von
Clairvaux auf den Plan, der in einem Bericht nach Rom über ihn
schrieb, daß "dieser sich gottlos in Bezug auf den Glauben ausgedrückt
hat; er untergräbt die Unerschütterlichkeit des Glaubens und
die Reinheit der Kirche; er überschreitet die Grenzen, die unsere
Väter gesetzt haben, wenn er vom Glauben, den Sakramenten und der
heiligen Dreifaltigkeit schreibt und über sie urteilt. In seinen
Büchern zeigt er sich als Vater der Lüge und als Schöpfer
verdrehter Lehren; er erweist sich als Häretiker nicht so sehr
in seinen Verirrungen als vielmehr in der Hartnäckigkeit bei der
Verteidigung seiner Fehler. Er ist ein Mensch, der seinen Glauben verletzt
und die Kraft des christlichen Kreuzes und die Weisheit des Wortes vernichtet".
Zwei französische Synoden, abgehalten in Soissons
(1121) und Sens (1140), verurteilten Abälard. Papst Innozenz II.
verpflichtete ihn als Häretiker zu "ewigem Schweigen" und zur Einschließung
in ein Kloster; er ordnete an, daß seine Bücher, "wo immer
sie auch gefunden würden", dem Feuer übergeben werden sollten.
Ein Schüler und Anhänger Abälards, der Italiener Arnaldo
da Brescia (~1100-55) trat in seiner Heimat mit einer scharfen Kritik
an der kirchlichen Hierarchie hervor, wofür ihn das 2. Lateranische
Konzil 1139 verurteilte und zur Flucht zwang. 1147 wirkte er wieder
in Rom, wo vier Jahre zuvor eine Erhebung gegen die päpstliche
Stadtherrschaft ausgebrochen und ein Senat eingesetzt worden war, als
Prediger und Agitator gegen die Ausübung weltlicher Besitz- und
Herrschaftsrechte durch die Kirche und forderte, daß dem Papst
die weltliche Macht genommen und die Kirchengüter zugunsten der
Kommune konfisziert werden sollten. Außerdem sollte das Episkopat
(das Amt des Bischofs bzw. das Bischofstum als solches bzw. eine Gruppe
von ihnen) abgeschafft und die Geistlichkeit enteignet werden. Daraufhin
verhängte Papst Hadrian IV. das Interdikt über Rom. Von Kaiser
Friedrich I. Barbarossa gefangengenommen, wurde er an Hadrian ausgeliefert
und gehängt. Seine Leiche wurde verbrannt und die Asche im Tiber
verstreut.
Zeitgleich berichtete der Probst Everwin von Steinfeld über Häretiker
in Lüttich und Köln, die die kirchlichen Sakramente und teilweise
auch die Ehe ablehnen. In einem 1143/44 verfaßten Brief berichtete
er außerdem, daß es bei ihnen eine Einteilung in als Prediger
wirkende "Erwählte" (electi), die häufig auch als "Vollendete"
(perfecti) bezeichnet werden, in "Gläubige" (credentes)
und "Hörer" (auditores) gab.
Für das Jahr 1163 ist in Köln erstmals der Name Catari bezeugt,
der vom griechischen katharoi (die Reinen) abzuleiten ist und
mit dem sich diese dualistisch orientierten Menschen selbst bezeichneten.
Daraus entstand dann die Bezeichnung "Ketzer" als Sammelbegriff für
alle Glaubensrichtungen, die sich von der Weltkirche abwandten. Ich
verwende ihn hier nur als Begriff, nicht als Wertung. Diese verbreiteten
sich seit der Mitte des 12. Jh. vor allem in Südfrankreich und
in den oberitalienischen Städten. Daneben bildete sich im burgundischen
Raum eine neue ketzerische Strömung heraus, die Waldenser, welche
die kirchlichen Lehren vom Fegefeuer und vom Nutzen der Fürbitten
für Tote ablehnten. Sie verwarfen auch jede Eidesleistung und das
Töten und damit auch die gerichtlich verhängte Todestrafe.
Außerdem wiesen sie die dualistischen Lehren der Katharer zurück,
denen sie gleichzeitig ein Abweichen vom apostolischen Armutsideal und
deren kommerzielle Aktivitäten vorwarfen. Auf Grund der starken
Stellung der Katharer und der Ausbreitung der Waldenser erreichten die
gegen die Kirche gerichteten ketzerischen Strömungen um 1200 einen
Höhepunkt ihres Einflusses.
In der Auseinandersetzung mit den häretischen Volksbewegungen beschritt
der Papst Innozenz III. neue Wege. Dabei verband er die Entschlossenheit
zu harter Gewaltanwendung gegen die Ketzer mit Flexibilität und
Bemühungen, gewisse Grundpositionen der Ketzer, so vor allem das
Armutsideal, in entschärfter Form zu akzeptieren und für die
Stärkung des Ansehens der Kirche zu nutzen. Den Weg direkten kriegerischen
Vorgehens beschritt er, als er im Jahre 1208 zum Kreuzzug gegen die
Albigenser in der Grafschaft Toulouse aufrief. Der mit äußerster
Grausamkeit geführte Kreuzzug vermochte das Katharertum im Languedoc
zwar nicht auszuschalten, doch verlor es in der folgenden Zeit an Anziehungskraft
und Anhang.
In dem Krieg, der bis 1229 dauerte, töteten die Kreuzfahrer im
Languedoc über eine Million friedlicher Einwohner; sie verwandelten
dessen blühende Städte und Dörfer in Ruinen. Die Katharer
wurden im wahrsten Sinne des Wortes von der Erde ausradiert.
Innozenz III. war sich jedoch auch bewußt, daß Mittel und
Wege gefunden werden mußten, die am Ideal der vita apostolica
orientierte Laienbewegung wenigstens teilweise in die Kirche zu integrieren.
So drängte er schon vor Beginn des Albigenserkreuzzuges darauf,
daß die in Südfrankreich mit der Ketzerbekämpfung beauftragten
Legaten selbst die Form apostolischer Wanderpredigt übernehmen,
d.h. in ärmlicher Kleidung ohne die Machtsymbole der kirchlichen
Hierarchie, auftreten sollten. Mit dieser Methode erzielten der spanische
Bischof Diego von Osma und sein Begleiter Dominikus Erfolge. Letzterer
wirkte weiter im Languedoc und begann um 1215 in Toulouse eine Gemeinschaft
von Predigern zu organisieren. Innozenz III. bestätigte noch kurz
vor seinem Tode 1216 den damit Gestalt gewinnenden neuen Mönchs-
und Klerikerorden unter der Bedingung, daß dieser die traditionelle
Augustinerregel akzeptiere. So entstand der Orden der Dominikaner, dessen
offizielle Bezeichnung Ordo praedicatorum (Orden der Prediger)
deutlich auf seine Hauptaufgabe hinweist.
Eine besondere Rolle übernahmen Dominikaner- und auch Franziskanermönche,
als Papst Gregor IX. in den Jahren von 1231 bis 1233 die Ketzerverfolgung
zentralisierte, indem er selbst Inquisitoren ernannte, die über
die Grenzen von Diözesen hinweg Häretiker aufspüren und
überführen sollten. Die Mönche der Bettelorden eigneten
sich besonders, da sie sich auf Grund ihrer direkten Unterstellung unter
die Kurie als ein hervorragendes Instrument einer straff zentralisierten
Verfolgung erwiesen. Für diese neue Form der Inquisition waren
das Prozeßgeheimnis, das Verschweigen der Namen von Zeugen gegenüber
den Angeklagten und das Fehlen jeder Berufungsmöglichkeit charakteristisch.
Hinzu kam, daß Papst Innozenz IV. 1252 bei Ketzerprozessen ausdrücklich
die Anwendung der Folter erlaubte. Gesteigert wurde die Wirksamkeit
der Inquisition noch dadurch, daß inzwischen weltliche Herrscher
für in kirchlichen Prozessen überführte Ketzer gesetzlich
die Todesstrafe durch Verbrennen angeordnet hatten, so König Peter
II. von Aragón 1197 und Kaiser Friedrich II. 1224 in einer für
die Lombardei gültigen Anordnung.
Trotz dieser Verfolgungen konnten die Ketzerbewegungen nicht völlig
ausgeschaltet werden. Vor allem die Waldenser fanden nach wie vor großen
Anhang. Zusätzlich traten Gruppierungen auf - wie z.B. die Apostelbrüder
- die sich auf die ursprünglichen Ideale des Franz von Assisi beriefen.
So blieben ketzerische Bewegungen während des ganzen 13. Jh. eine
Herausforderung für die Kirche und mittelbar für die feudale
Herrschaftsordnung, ohne diese jedoch in ihrem Bestand gefährden
zu können. Durch die brutale Bekämpfung der Ketzer gelang
es der Kirche jedoch während des Hochmittelalters, im wesentlichen
ihre ideologische Führungsrolle zu behaupten.
Abschließend bleibt zu sagen: Die Inquisition wurde formell erst
nach der Zerschlagung der Katharer errichtet, als diese in Wirklichkeit
keine Gefahr mehr für die Kirche darstellten. Im 13. Jh. gab es
keinen Winkel im katholischen Europa mehr, wo nicht die Scheiterhaufen
rauchten, auf denen man vermeintliche oder wirkliche Ketzer verbrannte.
Gegen Ende des Jahrhunderts war der Einflußbereich der römisch-katholischen
Kirche mit einem Netz von Inquisitionstribunalen überzogen. Ihre
Tätigkeit geschah ohne Unterbrechung wie die Wirkung der Naturgesetze,
was den Häretikern die Hoffnung nahm, Zeit zu gewinnen und sich
zu verbergen, indem sie von einem Lande in ein anderes übersiedelten.
Die Inquisition stellte eine überregionale Polizei dar in einer
Epoche, "wo die internationalen Verbindungen noch ganz mangelhaft waren.
Die Inquisition hatte einen langen Arm und ein unfehlbares Gedächtnis,
so daß wir das geheime Grauen wohl verstehen können, daß
sie sowohl durch die Geheimhaltung ihrer Tätigkeit als auch durch
ihre fast übernatürliche Wachsamkeit der Menschheit einflößte.
Ein einziger glücklicher Fang, ein einziges durch die Folter erpreßtes
Geständnis konnte die Spürhunde auf die Spur von Hunderten
von Menschen bringen, die sich bis dahin in voller Sicherheit wähnten,
und jedes neue Opfer erweiterte den Kreis der Denunzianten. So lebte
der Ketzer beständig auf einem Vulkane, der ihn in jedem Augenblicke
verschlingen konnte. Für die menschliche Furcht war die päpstliche
Inquisition fast allgegenwärtig, allwissend und allmächtig."
(Henry Charles Lea).
Häretische Gruppen
Albigenser
Nach der Stadt Albi (Südfrankreich) benannte Gruppe der Katharer.
Sie vertraten radikale dualistische Anschauungen des Neumanichäismus
(so nahmen sie beispielsweise einen guten und einen bösen Gott
an) und strenge asketische Forderungen, die vor allem für ihre
"Apostel", die hierarchisch gegliederten Perfecti ("Vollkommene")
galten. Die A. spielten seit dem Ende des 12. Jh. im Languedoc eine
bedeutende Rolle; in den Albigenserkriegen (1209-1229), zu denen Innozenz
III. aufgerufen hatte, wurden sie grausam ausgerottet.
Nach dem Ende des Mordens wurden auf einer Regionalsynode in Toulouse
1229 folgende Verfügungen erlassen:
- Den Bischöfen wurde die Verpflichtung auferlegt,
in jedem Pfarrsprengel einen oder mehrere Geistliche mit inquisitorischen
Funktionen zu betrauen: sie sollten die Häretiker ausfindig machen
und festnehmen, wobei das Gericht über sie dem Bischof vorbehalten
blieb.
- Die freiwillig Reue bekundenden Ketzer wurden in andere Gebiete ausgesiedelt;
sie mußten ein Erkennungszeichen an ihrer Kleidung tragen (auf
der Brust oder auf dem Rücken): ein Kreuz aus farbigem Stoff.
- Diejenigen, die aus Furcht vor der Todesstrafe Reue gezeigt hatten,
wurden ins Gefängnis geworfen "bis zur Sühne ihrer Sünde".
- Den Pfarrern wurde befohlen, an einem öffentlichen Platz die
Listen mit den Namen aller ihrer diesbezüglichen Pfarrkinder auszuhängen.
- Die Männer vom 14. und die Frauen vom 12. Lebensjahr an mußten
öffentlich die Häresie verdammen, schwören, die Häretiker
zu verfolgen, und einen Treueid auf den katholischen Glauben leisten.
Dieser Eid wurde alle zwei Jahre erneuert; diejenigen, die ihn verweigerten,
zogen sich damit den Verdacht der Häresie zu.
- Den Gläubigen wurde weiterhin befohlen, dreimal im Jahr zu beichten:
zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten.
- Für die Anzeige eines Häretikers versprach die Kirche dem
Denunzianten vier Silbermark, von denen zwei im laufenden und zwei im
folgenden Jahr gezahlt werden sollten.
- Für jede den Ketzern geleistete Hilfe wurde der Schuldige seines
Besitzes beraubt und seinem Senior übergeben, der mit ihm machen
konnte, »was er wünschte«.
- Das Haus des Ketzers wurde angezündet, sein Eigentum konfisziert.
- Der mit der Kirche wiederversöhnte Ketzer verlor zumindest seine
Bürgerrechte.
- Den Ketzerärzten war es verboten, ihre Praxis weiter auszuüben.
- Den Gläubigen war es fortan verboten, eine Bibel zu besitzen
und selbst den Text in lateinischer Sprache zu lesen. (Das wurde ein
Privileg der Geistlichkeit. Dieses Verbot dehnte die Kirche später
auch auf die Gläubigen anderer Länder aus).
- Die örtlichen Behörden waren bei Strafe der Exkommunikation
und Expropriation verpflichtet, die Durchführung dieser Bestimmungen
zu gewährleisten.
Dies geschah im Jahre des Herrn 1229 unter der Obhut und mit dem Wissen
und Segen von Papst Gregor IX.
Apostelbrüder
An die ursprünglichen Ideale des Franz von Assisi knüpfte
auch diese sich seit 1260 in Oberitalien entwickelnde Gruppierung an.
Begründer war der aus einem Dorf bei Parma stammende Gerhard Segarelli,
der seinen kärglichen Besitz unter die Armen verteilte und zugleich
als Bußprediger auftrat. Er und seine Anhänger spitzten das
Armutsideal weiter zu und nahmen nur zum direkten Verzehr bestimmte
Lebensmittel als Spende an. Zuerst toleriert, wurde die vorwiegend in
den städtischen Unterschichten verwurzelte Gemeinschaft 1285 von
Papst Honorius IV. verboten. Seit den neunziger Jahren ging die Inquisition
gegen sie vor. Segarelli wurde eingekerkert und 1300 verbrannt. Darauf
übernahm Dolcino die Führung. In zwei 1300 und 1303 verfaßten
Sendschreiben kündigte er eine unmittelbar bevorstehende Vernichtung
der verderbten, zur "babylonischen Hure" gewordene Kirche an: "alle
Prälaten der Kirche sowie die übrigen Kleriker vom höchsten
bis zum niedersten, ebenso alle Mönche und Nonnen ..., alle Brüder
und Schwestern des Dominikaner- und Franziskanerordens ... und auch
Papst Bonifaz VIII." würden getötet werden. Als die Inquisition
die Verfolgung intensivierte, verschanzte sich Dolcino mit seinen Anhängern
Anfang 1305 auf einem steilen Bergipfel, der erst im März 1307
von einem Kreuzfahreraufgebot gestürmt werden konnte, wobei mehrere
hundert Apostelbrüder getötet wurden. Dolcino, der mit rund
140 seiner Anhänger in Gefangenschaft geriet, wurde grausam zu
Tode gemartert.
Beginen und Begarden
traten seit etwa 1170 auf. Der Name leitet sich wohl aus dem mittelhochdeutschen
Wort "beggan" (bitten, betteln, beten) ab. Ursprünglich sammelten
sich Frauen, die sich besonders dem Armutsideal verpflichtet fühlten,
in Gemeinschaften zusammenlebten und sich bevorzugt der Krankenpflege
widmeten. Das Leben in den Konventen vereinbarte das christliche monastische
Leben mit der Möglichkeit, jederzeit die Gemeinschaft verlassen
zu können. U.a. bedingt durch die Kreuzzüge nahm die Anzahl
in ganz Europa soweit zu, daß die Kirche reagieren mußte,
vor allem, als ihre Frömmigkeit der Kirche fremde, mystische Formen
annahm, die mit dem Begriff "Streben nach der unio mystica" unscharf
umrissen werden können. Neben den seßhaften Gemeinschaften
entstanden besonders in der zweiten Hälfte des 13. Jh. immer mehr
Gruppen von umherwandernden B., die nicht nur der Kirche, sondern auch
den Städten ein Dorn im Auge waren. Hinzu kam, das sie oft Glaubensvorstellungen
anhingen, die mit denen der römisch-katholischen Kirche nichts
oder nur wenig zu tun hatten. Sie waren denn auch ein Hauptthema des
Konzils von Vienne, auf dem zunächst die umherschweifenden Gruppen
verboten wurden. Dies führte einerseits zu einer stärkeren
Verfolgung der B. (und nicht wenige wurden ermordet), sowie andererseits
zu einer Flucht der Konvente unter den Schutz der Bettelorden und dabei
besonders unter den der Dominikaner, wobei sie häufig in Dominikanerinnenklöster
umgewandelt wurden. Der Anschluß an den Orden war auch schon in
der Vergangenheit geschehen: in Deutschland zwischen 1245 und 1251 waren
es 32 Konvente gewesen. Ende des 14. Jh. gab es allein in Straßburg
85 Gemeinschaften, die unter der geistlichen Leitung der Prediger standen
(in Köln gab es derer 169).
Wie verbreitet die B. waren, zeigt sich schon daran, das sie allein
für Köln und Umgebung im Jahre 1240 auf zweitausend geschätzt
wurden. Ihre Gesamtzahl am Ende des 13. Jh. dürfte in ganz Europa
in die Hunderttausende (andere schätzen über eine Million)
gegangen sein.
Brüder und Schwestern des freien Geistes
Libertinistische christliche Gemeinschaften, die seit der Mitte des
13. Jh. zunächst in Süddeutschland, dann auch in Frankreich
und in den Niederlanden auftraten und das ganze 14. Jh. über bestanden.
Sie verwarfen die christliche Lehre von Schöpfung und Erlösung
und propagierten die "Freiheit des Geistes", die von der Auffassung
abgeleitet wurde, die menschliche Seele stehe jenseits von Gut und Böse.
Nach Lea haben ihre Lehren den Ursprung in den Spekulationen von Amalrich
von Bena und Ortlieb von Straßburg vom Beginn des 13. Jh. "Alles,
was ist, ist Gott. In der Laus ist ebensoviel Gottheit wie in dem Menschen
oder in irgendeinem anderen Geschöpf. Alles geht von ihm aus und
kehrt zu ihm zurück. Da also die Seelen beim Tode zu Gott zurückkehren,
so gibt es weder ein Fegefeuer noch eine Hölle, und aller äussere
Kultus ist nutzlos. So wurde mit einem Schlage die Wirksamkeit aller
priesterlichen Handlungen und aller Sakramente vernichtet. Daß
das dem Papst äußerst übel aufstieß, zeigt seine
Reaktion auf die Sätze 16 ff. in seiner Bulle In agro dominico
von 1329. Um ihre Verachtung für die Sakramente zu bezeigen, war
ihnen kein Ausdruck zu stark, und sie äusserten wohl, die Eucharistie
schmecke ihnen wie Mist. Da der Mensch von Natur Gott ist, so hat er
alles, was göttlich ist, in sich, und jeder kann mit Recht behaupten,
daß er selbst das Universum geschaffen habe. Ja, noch mehr, der
Mensch vermag sich so mit Gott zu vereinigen, daß er alles tun
kann, was Gott tut. Er braucht also keinen Gott. Er kann nicht sündigen.
Alles, was er tut, ist sündlos. In diesem Zustande der Vollkommenheit
klagt er über nichts, freut sich über nichts, ist frei von
jeder Tugend und allen tugendhaften Handlungen. Niemand ist gezwungen,
für sein Brot zu arbeiten. Da alles Gemeingut ist, so kann jeder
nehmen, was er braucht oder wünscht." Übrigens nannten sie
sich selbst Illuminaten, die "Erleuchteten".
Katharer
[zu griech. katharós "rein"], größte Sekte des MA,
oft ungenau Albigenser genannt. Vom Balkan verbreitete sich um 1140
die Bewegung der K. über M-, W- und S-Europa. Durch apostolische
Wanderpredigt und strenge Askese wirkte die Armutsbewegung der K. besonders
auf Laien. In Anlehnung an die Bogomilen entwickelte sich die manichäisch-dualistisch
strukturierte Lehre ("Neumanichäer"): Der Teufel, der böse
Gott des A. T., liege in ständigem Kampf mit dem guten Gott des
N. T. und seinem reinen Engel Christus. Die Trennung in "Vollkommene"
(perfecti) und "Gläubige" (credentes) zeigt hierarchische
Tendenzen. Nur die Reinen haben Heilsgewißheit. - Die katholische
Kirche kämpfte mit Kreuzzügen gegen ihren Einfluß. Erst
die Armutsbewegung der Dominikaner und Franziskaner konnte den K. wirksam
entgegentreten, die seit etwa 1230 begannen, ihre Lehre scholastisch
abzuschwächen, und deshalb bald an Bedeutung verloren. Kleine Gruppen
hielten sich noch in S-Frankreich (bis 1330) sowie in Sizilien und S-Italien
(bis 1412).
Waldenser
Anhänger der von Petrus Waldes († zwischen 1184 und 1218 - Reicher
Lyoner Kaufmann; ließ die Bibel in die Volkssprache übersetzen)
zwischen 1170 und 1176 innerhalb der katholischen Kirche Südfrankreichs
gegründeten und nach dem Vorbild Jesu in Armut lebenden Laienbruderschaft.
Wegen ihrer Praxis der Laienpredigt wurden die W. schon 1184 von Papst
Lucius III. exkommuniziert, der sogar Kaiser Friedrich I. Barbarossa
für einen Kreuzzug gegen die W. und andere radikale religiöse
Gruppen gewann.
Autor: Eckhart Triebel
|